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Tamil
Das Tamil setzt Suffixe (Nachsilben) ein, um die Beziehungen von Wörtern untereinander auszudrücken. Dabei sind im Gegensatz zu flektierenden Sprachen wie …
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Überblick, Verbreitung und Stellung
Tamil oder Tamilisch (தமிழ் tamiḻ [ˈt̪amɨɻ]) ist eine dravidische Sprache. Mindestens 76 Millionen Menschen sprechen sie als Muttersprache, vor allem Tamilen in Tamil Nadu in Südindien, in Sri Lanka, Singapur und Malaysia. Tamil ist Amtssprache in Tamil Nadu, Puducherry, Sri Lanka und Singapur; in Indien zählt es zu den 22 Verfassungssprachen. Die ISO-Codes sind ta, tam und tam.
Innerhalb Indiens wurden 2011 rund 69 Millionen Tamil-Sprecher gezählt, darunter 64 Millionen in Tamil Nadu. In Sri Lanka lebten 2012 insgesamt 5 Millionen Angehörige tamilischsprachiger Ethnien; sie bilden zusammen ein Viertel der Bevölkerung. Wichtige Diasporagruppen leben unter anderem in Malaysia (geschätzt 1,6 Millionen), Singapur (110.000), den Vereinigten Staaten (190.000), Kanada (130.000) und dem Vereinigten Königreich (100.000 allein in England und Wales).
Tamil gehört zum süddravidischen Zweig der etwa 240 Millionen Sprecher umfassenden dravidischen Sprachfamilie. Sein nächster Verwandter ist Malayalam, das sich zwischen 800 und 1000 n. Chr. als eigene Sprache herausbildete. Tamil ist nicht mit den indoarischen Sprachen Nordindiens verwandt. Es besitzt eine eigenständige Literaturtradition von über 2000 Jahren, die längste durchgängige unter den modernen indischen Sprachen, und wurde 2004 in Indien als klassische Sprache anerkannt.
Sprachgeschichte und Sprachformen
Die Sprachgeschichte wird in Alt-Tamil (300 v. Chr. – 700 n. Chr.), Mittel-Tamil (700–1600) und modernes Tamil (seit 1600) eingeteilt. Die ältesten bekannten Sprachzeugnisse sind Steininschriften von 254 v. Chr. Das Grammatikwerk Tolkappiyam wird meist auf etwa 100 oder 200 v. Chr. datiert. Sanskrit-Einflüsse nahmen ab dem 7. Jahrhundert zu und erreichten um 1000 ihren Höhepunkt. Dennoch wurde Tamil weniger stark vom Sanskrit geprägt als andere dravidische Literatursprachen: Stimmhafte und aspirierte Sanskrit-Laute wurden nicht in das tamilische Lautsystem übernommen, Lehnwörter meist angepasst.
Im 20. Jahrhundert setzte die sprachpuristische Tanittamil-Iyakkam („Reines-Tamil-Bewegung“) viele Sanskrit-Lehnwörter durch tamilische Wörter ersetzt. Gegen den Versuch der indischen Zentralregierung, 1965 Hindi als alleinige Nationalsprache einzuführen, kam es in Tamil Nadu zu teils gewaltsamen Protesten.
Das moderne Tamil ist diglossisch: Schrift- und Umgangssprache werden je nach Situation nebeneinander verwendet. Die prestigeträchtigere Schriftsprache செந்தமிழ் centamiḻ wird in Texten, Rundfunk und formellen Reden gebraucht. Die Umgangssprache கொடுந்தமிழ் koṭuntamiḻ dient vor allem der Alltagskommunikation, ist phonetisch stärker verkürzt, verwendet teils andere Suffixe und mehr englische Lehnwörter. Sie besitzt zahlreiche geografische Dialekte sowie Kasten- bzw. Soziolekte. Besonders die Dialekte Sri Lankas sind konservativ und bewahren Merkmale des Alt-Tamil.
Laute, Schrift und Umschrift
Tamil hat 16 beziehungsweise 18 konsonantische Phoneme und zwölf vokalische Phoneme. Charakteristisch ist die Unterscheidung zwischen dentalen Konsonanten, die mit der Zunge an den Zähnen gesprochen werden, und retroflexen Konsonanten, bei denen die Zunge zurückgebogen wird: பத்து pattu bedeutet „zehn“, பட்டு paṭṭu „Seide“. Der Laut ழ் ḻ wird als retroflexer Approximant /ɻ/ oder retroflexer Frikativ /ʐ/ beschrieben. Konsonanten können meist verdoppelt werden; die Länge unterscheidet dann Bedeutungen, etwa puḷi „Tamarinde“ und puḷḷi „Punkt“.
Stimmlose und stimmhafte Plosive sind in einheimischen Tamil-Wörtern nicht bedeutungsunterscheidend, sondern Allophone, also positionsabhängige Varianten eines Lauts. Plosive sind am Wortanfang und bei Verdopplung meist stimmlos, nach Nasalen und zwischen Vokalen stimmhaft. Der Buchstabe ப் p kann daher in பெண் peṇ als [p], in தம்பி tampi aber als [b] gesprochen werden. Die Vokallänge ist bedeutungsunterscheidend: eri bedeutet „brennen“, ēri „See“. Es gibt kurze und lange Varianten von a, i, u, e und o sowie die Diphthonge ai und au. Der schwache Wortakzent liegt stets auf der ersten Silbe.
Beim Sandhi, also beim Zusammentreffen von Wortbestandteilen oder Wörtern, verändern sich Laute. Beispielsweise wird aus கதவு katavu + -ஐ -ai die Akkusativform கதவை katavai. Im modernen Tamil wird bei bestimmten Wortgrenzen besonders häufig der Anfangsplosiv des folgenden Wortes verdoppelt, etwa இந்தப் புத்தகம் intap puttakam „dieses Buch“.
Die tamilische Schrift ist ein Abugida, eine Zwischenform aus Alphabet und Silbenschrift. Ein Konsonantenzeichen enthält grundsätzlich den Vokal a; andere Vokale werden mit unselbständigen Zusatzzeichen geschrieben. Ein Konsonant ohne folgenden Vokal erhält einen Punkt als Vokalausfallzeichen, zum Beispiel க் k. Die Schrift hat zwölf selbständige Vokalzeichen, 18 Konsonantenzeichen und insgesamt 247 Buchstaben ohne die meist nicht mitgezählten Grantha-Zeichen für Lehnwörter. Für wissenschaftliche Umschrift gilt ISO 15919 als Standard. Für Namen in lateinischer Schrift gibt es außerhalb der Wissenschaft keine einheitliche Konvention.
Wortbildung, Nomina und Pronomina
Tamil ist stark agglutinierend: Grammatische Funktionen werden durch klar abtrennbare Suffixe ausgedrückt. In வாத்தியர்களுக்கு vāttiyarkaḷukku „den Lehrern“ steht -kaḷ für Plural und -ukku für Dativ. Mehrere Suffixe können aneinandergereiht werden. Die Form செய்யாதவர்களிடமிருந்தும் ceyyātavarkaḷiṭamiruntum bedeutet „auch von denen, die nicht machen“ und enthält nacheinander Stamm, Negation, Partizip, Nominalisierung, Plural, Lokativ, Ablativ und Inklusiv-Marker.
Hauptwortarten sind Nomina, Verben und Indeklinable, also nicht flektierbare Wörter. Artikel gibt es nicht. Das Zahlwort ஒரு oru kann „ein“ ausdrücken; Demonstrativpronomina wie இந்த inta „dieser“ oder அந்த anta „jener“ können bestimmte Artikel ersetzen. Das grammatische Geschlecht richtet sich grundsätzlich nach natürlichem Geschlecht: Die Hochklasse umfasst Menschen und Götter und unterscheidet Maskulinum, Femininum und höfliches Epicönum; die Niederklasse beziehungsweise das Neutrum umfasst nicht vernunftbegabte Wesen, Kinder, Tiere und Dinge.
Das Tamil hat Singular und Plural. Der Plural wird meist mit -kaḷ oder -kkaḷ gebildet. Es kennt acht Kasus: endungslosen Nominativ, Akkusativ -ai für bestimmte direkte Objekte, Dativ meist -(u)kku, Soziativ -ōṭu oder -uṭan für Begleitung, Genitiv -uṭaiya oder -atu für Besitz, Instrumental -āl für Mittel oder Grund, Lokativ und Ablativ. Der Ablativ besteht aus Lokativ + -iruntu und bezeichnet die Herkunft. Die Formen werden meist an einen Obliquus angefügt, eine besondere Stammform. Ein Vokativ wie மகனே makaṉē „o Sohn!“ wird nicht immer als Kasus gezählt. Die starre Einteilung in Kasus ist in der Beschreibung des Tamil teilweise umstritten, weil sich Kasussuffixe und Postpositionen nicht immer klar trennen lassen.
Bei den Personalpronomina unterscheidet die 1. Person Plural ein inklusives und ein exklusives „wir“: nām schließt die angesprochene Person ein, nāṅkaḷ schließt sie aus. In der 3. Person zeigen i-Formen Nähe und a-Formen Ferne an. nīṅkaḷ „ihr“ dient auch als höfliches „Sie“. Zahlwörter besitzen eigene Namen für 1 bis 8, die Zehner und Hunderter; 9, 90 und 900 werden von der nächsthöheren Einheit abgeleitet. Eigene Wörter sind ஒரு லட்சம் oru laṭcam für 100.000 und ஒரு கோடி oru kōṭi für 10.000.000.
Verben und Satzbau
Das finite Verb hat drei Tempora: Präsens, Präteritum und Futur. Das Futur kann außerdem gewohnheitsmäßige Handlungen der Vergangenheit oder Gegenwart ausdrücken. Konjugierte Formen bestehen aus Verbstamm, Tempussuffix und Personalendung. Die sieben Verbklassen unterscheiden sich vor allem darin, wie sie ihre Tempora bilden. Person und Numerus werden markiert; in der 3. Person werden im Singular vier und im Plural zwei Genusformen unterschieden. Eine eigene Entsprechung zu deutschem „nicht“ gibt es nicht: Negation wird durch besondere Verbformen oder Hilfsverben ausgedrückt.
Hilfsverben bilden mit dem Hauptverb Verbalkomposita und können Aspekte ausdrücken. iru „sein“ bildet das Perfekt: நான் நேற்று வந்திருக்கிறேன் nāṉ nēṟṟu vantirukkiṟēṉ „ich bin gestern gekommen“. koḷ „halten“ und iru bilden eine Verlaufsform: அவள் படித்துக் கொண்டிருக்கிறாள் avaḷ paṭittuk koṇṭirukkiṟāḷ „sie lernt gerade“. Neben finiten Verben gibt es viele infinite Formen, darunter Infinitiv, Verbalpartizip, Konditional, adjektivisches Partizip, Partizipialnomen und Verbalnomen.
Die normale Wortstellung ist Subjekt–Objekt–Verb (SOV): குமார் ஒரு புத்தகம் படிக்கிறான் kumār oru puttakam paṭikkiṟāṉ bedeutet „Kumar liest ein Buch.“ Attribute und Nebensätze stehen vor ihrem Bezugswort beziehungsweise Hauptsatz; Tamil verwendet Postpositionen statt Präpositionen. Nominalsätze benötigen keine Kopula „sein“: அவன் என் நண்பன் avaṉ eṉ naṇpaṉ heißt „Er ist mein Freund.“ In der Verneinung steht die negative Kopula இல்லை illai. Entscheidungsfragen erhalten den Marker -ā.
Pro Satz steht grundsätzlich nur ein finites Verb. Beziehungen zwischen Sätzen werden meist mit infiniten Formen ausgedrückt: Das Verbalpartizip verbindet aufeinanderfolgende Handlungen, der Infinitiv kann einen Zweck ausdrücken, der Konditional einen Bedingungssatz. Das adjektivische Partizip bildet vorangestellte Relativkonstruktionen; das Verbalnomen kann einen ganzen Nebensatz als Subjekt oder Objekt nominalisieren. Mit என்று eṉṟu, einer Form von „sagen“, lassen sich direkte und indirekte Rede oder Objektsätze markieren.
Wortschatz und Beispiel
Ein großer Teil des Wortschatzes besteht aus Erbwörtern mit proto-dravidischem Ursprung. Wichtige Quellen für Lehnwörter sind Sanskrit und in neuerer Zeit Englisch. Um 1900 sollen rund 50 Prozent der Wörter im geschriebenen Tamil aus dem Sanskrit gestammt haben, um 1950 nur noch 20 Prozent; zahlreiche Sanskrit-Wörter wurden sprachpuristisch ersetzt. Gleichbedeutende Dubletten sind beispielsweise பூமி pūmi aus Sanskrit und மண் maṇ „Erde“ sowie சந்திரன் cantiraṉ aus Sanskrit und நிலா nilā „Mond“.
Englische Wörter sind besonders bei modernen Begriffen verbreitet, etwa பஸ் pas „Bus“, லீவு līvu „Urlaub“ und ரெயில் reyil „Eisenbahn“. Weitere Lehnwörter stammen unter anderem aus Arabisch, Persisch, Portugiesisch und Niederländisch. Zu den wenigen tamilischen Lehnwörtern im Deutschen gehören „Katamaran“, „Curry“ und „Paria“.
Ein Sprachbeispiel zeigt die typische Stellung des Verbs am Ende: ஆசிரியர் வகுப்புக்குள் நுழைந்தார் āciriyar vakuppukkuḷ nuḻaintār bedeutet „Der Lehrer trat in die Klasse ein.“ Der Satz அவர் உள்ளே நுழைந்தவுடன் மாணவர்கள் எழுந்தனர் avar uḷḷē nuḻaintavuṭan māṇavarkaḷ eḻuntaṉar heißt „Sobald er eintrat, standen die Schüler auf.“