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Barbershop (Musik)
Barbershop-Gesang ist überwiegend homophone A-cappella-Musik mit einem vierstimmigen Akkord auf jeder Melodienote. Die Melodie wird von der Führungsstimme …
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Grundprinzip und Stimmen
Barbershop-Gesang ist überwiegend homophone A-cappella-Musik: Zu jeder Melodienote erklingt normalerweise ein vierstimmiger Akkord. Die Lead-Stimme singt die Melodie und liegt unter dem Tenor. Der Bass übernimmt die tiefsten Begleittöne, der Bariton vervollständigt die Akkorde. Für eine gute Stimmführung, bei Ausschmückungen oder in der Coda, dem „Tag“, kann die Melodie für wenige Noten auf andere Stimmen übergehen. Kurze Passagen dürfen mit weniger als vier Stimmen gesungen werden.
Die vier Stimmen haben feste Aufgaben: Tenor ist die meist leise gesungene Verzierungsstimme; Lead ist die Führungs- und im Quartett dominant laute Stimme; Bariton ist vor allem für die Akkordik zuständig und meist eher leise; Bass bildet das klangliche Fundament und ist im Quartett laut. Diese Bezeichnungen gelten auch für Frauenensembles. Frauen verwenden meist dieselben Arrangements wie Männer, singen aber ungefähr eine Quinte höher.
Klang und musikalische Mittel
Traditionell wird Barbershop in Quartetten und Chören gesungen, meist nach Geschlechtern getrennt, weil die enge Stimmführung („close harmony“) dies musikalisch begünstigt. In Europa werden Ensembles zunehmend auch gemischt besetzt.
Typisch sind Melodien, deren Harmonien sich nach dem Quintenzirkel auflösen. Besonders prägend ist der Dominantseptakkord. Bevorzugte Stimmverteilungen haben Quinte oder Grundton im Bass sowie Terz und Septime in Bariton und Tenor. Durch Tritonussubstitution können absteigend chromatisch verschobene Dominantseptakkorde entstehen.
Die Begleitstimmen schmücken gehaltene Melodietöne mit „embellishments“ aus. Eine besonders ausgearbeitete Ausschmückung eines gehaltenen Schlusstons heißt „Tag“. Tags werden teils als eigenständige kurze Stücke mündlich weitergegeben oder notiert; bei manchen ist ihr ursprüngliches Lied nicht mehr bekannt.
Der angestrebte erweiterte Klang („expanded sound“) entsteht durch reine, also untemperierte Intonation („pitch“), eine abgestimmte Lautstärke der vier Akkordtöne („balance“) und angeglichene Vokale („blend“). Obertonverstärkung und passende Kombinationstöne verstärken besonders die Bässe. Gut aufeinander abgestimmte Quartette können nach diesen Regeln improvisierend Sätze bilden; dies heißt „Woodshedden“.
Gemeinschaft und Repertoire
Ein festgelegtes Standardrepertoire heißt „Polecat Songs“. Es soll ermöglichen, dass sich Barbershopper ohne vorheriges Kennenlernen zusammenfinden und sofort gemeinsam singen können. Auch Tags eignen sich dafür, den gemeinsamen Klang eines spontan zusammengesetzten Quartetts ohne aufwändiges Lernen auszuprobieren.
Als wiederkehrende Kleidung US-amerikanischer Ensembles werden gestreifte Westen oder Blazer und Florentiner Strohhüte genannt.
Herkunft und Entwicklung
Barbershop gilt als originär amerikanischer Musikstil. Seine Entstehungsgeschichte ist umstritten. Die traditionelle Darstellung verortet die Entstehung vor der Radiozeit im Süden der USA: Populäre Lieder aus Vaudeville-Aufführungen seien von wartenden Besuchern beim Barbier vierstimmig weitergesungen worden. Nach dieser Lesart entstand die Musik in weißen Unterschichten der Südstaaten; typische Themen seien Beziehungen, Liebe, Leid und Herzensschmerz, gelegentlich Patriotismus. Mit der Verbreitung des Radios drohte der Stil in Vergessenheit zu geraten. Ende der 1930er Jahre entstanden Vereine zu seiner Pflege, darunter 1938 die Barbershop Harmony Society, ursprünglich Society for the Preservation and Encouragement of Barber Shop Quartet Singing in America (S.P.E.B.S.Q.S.A.).
Ein Teil der Forschung datiert die Entstehung ebenfalls um 1900 und sieht Einflüsse von Kirchen-, Minstrel- und Vaudeville-Musik, betrachtet Barbershop aber vor allem als afro-amerikanische Schöpfung. Ein anderer Teil hält die Vorstellung einer um 1900 fertig entstandenen, später wiederbelebten Stilform für nicht haltbar. Danach wurden zwar ältere musikalische Elemente übernommen, die heutigen Satz- und Repertoireregeln seien aber erst in den 1940er Jahren im Zusammenhang mit dem Wettbewerbssystem der Barbershop Harmony Society geformt worden. Entscheidend für die heutige Stilbestimmung ist aus musikalischer Sicht der „expanded sound“ zusammen mit den weiteren Satzregeln. Frauen und Emigranten spielten in der US-amerikanischen Vokalquartettkultur um die Jahrhundertwende ebenfalls eine wichtige, lange wenig beachtete Rolle.
Deutschland, Leitung und Wettbewerbe
Das erste deutsche Barbershop-Quartett Sour Krauts wurde 1963 gegründet; Lead war Kurt Gerhardt. 1966 folgte ein Fernsehauftritt in der ZDF-Sendung Und Ihr Steckenpferd? mit Peter Frankenfeld. 1984 gründete Liz Döhring mit Barbershop Blend den ersten deutschen Frauenchor, 1987 gründete Kurt Gerhardt den Ersten Kölner Barbershop Chor. 1991 entstand BinG! – Barbershop in Germany e. V. Der erste deutsche Wettbewerb fand 1993 an der Hochschule für Musik in Köln statt.
Der „Musical Director“ (MD) ist der Chorleiter eines Barbershop-Chores. Eine fachlich fundierte MD-Ausbildung im Barbershop ist laut Artikel nur in Großbritannien oder den USA möglich; aktive deutsche MDs sind Autodidakten oder anderweitig musikalisch vorgebildet.
Wettbewerbe gibt es für Chöre und Quartette, oft gemeinsam veranstaltet. Bewertet werden Musik – Umsetzung und Interpretation des Arrangements sowie Barbershop-Tauglichkeit –, Gesang – Intonation, Balance und Blend – und Präsentation, etwa Bühnenpräsenz und Gesichtsausdrücke. In Deutschland veranstaltet BinG! alle zwei Jahre eine Convention; der jährliche Coesfeld-Cup für Quartette dient als Qualifikation. Anders als bei den Vorgaben der Barbershop Harmony Society können in Deutschland Männer-, Frauen- und gemischte Ensembles nacheinander auftreten und gemeinsam bewertet werden. Die erste WorldMixed-Meisterschaft für gemischte Quartette fand 2012 in Dortmund statt; Tarzan & Jane aus Schweden gewann vor Mixed Feelings aus den USA und Klangküsse aus Deutschland. 2018 gewann der Munich Show Chorus den ersten Wettbewerb für gemischte Barbershop-Chöre in München.