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Bairisch
Mit einer Fläche von etwa 125.000 km² stellt das Sprachgebiet der bairischen Dialekte das größte deutsche Dialektgebiet dar; gesprochen werden die bairischen …
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Definition und Verbreitung
Bairisch, auch Bairisch-Österreichisch, bezeichnet in der germanistischen Linguistik die südöstliche Dialektgruppe des deutschen Sprachraums. Zusammen mit Alemannisch und Ostfränkisch gehört sie zu den oberdeutschen und damit hochdeutschen Dialekten. Bairisch ist kein Dialekt der standardhochdeutschen Schriftsprache, sondern ein historisch gewachsener, eigenständiger Dialektverbund, der nie standardisiert wurde. Die ISO 639-3 klassifiziert es als eigene Einzelsprache mit dem Code bar; die UNESCO führt es seit 2009 im Atlas der gefährdeten Sprachen.
Das Sprachgebiet umfasst vor allem Altbayern, den größten Teil Österreichs außer Vorarlberg, Südtirol sowie zahlreiche kleinere Sprachinseln und historische Siedlungsgebiete. Dazu gehören unter anderem Samnaun in der Schweiz, das südliche Vogtland, deutschsprachige Gebiete in Süd- und Westböhmen, Südmähren und Westungarn sowie bairische Sprachinseln in Oberitalien, Slowenien, der Slowakei, Siebenbürgen, der Ukraine, Sibirien, Kanada, den USA, Brasilien und Peru. Der Lech bildet ungefähr die westliche Grenze zum Schwäbischen; im Nürnberger Raum gibt es einen fränkisch-bairischen Übergangsdialekt.
Die Angaben zur Größe und Sprecherzahl sind im Artikel nicht einheitlich: Einerseits werden etwa 125.000 km² und geschätzte zwölf Millionen Sprecher genannt, andererseits an die 150.000 km² und mehr als 13 Millionen Sprecher. Das Bairische bildet damit das größte zusammenhängende deutsche Dialektgebiet. Die Schreibweise Bairisch bezeichnet den Sprachraum, während Bayerisch oder Bayrisch auf das politische Gebiet des Freistaats Bayern verweist, in dem auch fränkische und alemannische Dialekte gesprochen werden.
Innere Gliederung und Lautmerkmale
Das Bairische wird in Nordbairisch, Mittelbairisch und Südbairisch eingeteilt. Dazwischen liegen die Übergangsräume Nordmittelbairisch und Südmittelbairisch. Die Grenzen sind nicht scharf, weil das Bairische ein Dialektkontinuum bildet und regionale Wanderungen, politische Veränderungen sowie Kontakte mit slawischen, rätoromanischen und fränkischen Sprachformen Spuren hinterlassen haben.
Nordbairisch wird vor allem in der Oberpfalz, im südöstlichen Oberfranken und Mittelfranken, im nördlichsten Oberbayern und im südlichen Sachsen gesprochen. Es bewahrt viele ältere Sprachmerkmale. Charakteristisch sind „gestürzte Diphthonge“ und die erneute Diphthongierung mittelhochdeutscher Langvokale: Standarddeutsch Bruder, Brief, müde entsprechen Brouda, Brejf, mejd; im Mittelbairischen stehen dagegen Bruada, Briaf, miad. Das l nach Vokal bleibt häufiger erhalten als im Mittelbairischen, und g kann in bestimmter Umgebung zu ch werden, etwa Weech für „Weg“. Regional gibt es Formen wie Has, as, Grad für Haus, aus, Kraut sowie Läd, Mäs, Häsa für Leute, Mäuse, Häuser.
Mittelbairisch wird unter anderem in Nieder- und Oberbayern, im Süden der Oberpfalz, in Salzburg sowie in Ober- und Niederösterreich und Wien gesprochen. Es hat wegen der großen Städte im Donauraum besonderes Prestige und beeinflusst Nachbardialekte. Ein wichtiges Merkmal ist die Abschwächung von p, t, k zu b, d, g, etwa Bèch, Dåg, Gnechd für Pech, Tag, Knecht. Auslautendes n kann den vorhergehenden Vokal nasalieren und ausfallen, etwa kôô für „kann“ oder Môô für „Mann“. West- und Ostmittelbairisch unterscheiden sich unter anderem durch Lautvarianten wie ui gegenüber üü, å gegenüber oa und oa gegenüber â.
Südbairisch wird vor allem in Tirol, Südtirol, Kärnten, Teilen der Steiermark, im Werdenfelser Land, in Samnaun und in bairischen Sprachinseln Italiens gesprochen. Das Tirolerische zeigt starke Affrikatisierung und spricht st im Wortinneren häufig als scht aus. Infinitive und Plurale enden meist auf -n. Kärntnerisch weist ein slawisches Substrat, starke Lautverdunklung und die sogenannte Kärntner Dehnung auf, durch die viele Vokale entgegen der hochdeutschen Norm lang gesprochen werden. Typisch für Tirolerisch und Kärntnerisch sind außerdem Formen wie sein und seint anstelle von „sind“.
Vokale, Konsonanten und Schreibung
Das Bairische unterscheidet lange und kurze Vokale. Die Länge wird in der üblichen Schreibung nicht unmittelbar markiert, sondern wie im Standarddeutschen meist durch die Zahl der folgenden Konsonanten angedeutet: Nach keinem oder nur einem Konsonanten ist der Vokal gewöhnlich lang, nach zwei oder mehr Konsonanten kurz. Das Bairische unterscheidet mindestens acht Vokale in jeweils zwei Quantitätsstufen. Der Artikel weist darauf hin, dass die Angaben zu den Vokalen teilweise nicht ausreichend belegt sind.
Besonders wichtig sind bis zu drei a-Qualitäten: dunkles å, mittleres a und helles à. Beispiele sind wåhr „wahr“, i wa(r) „ich war“ und i wààr „ich wäre“. Die drei Qualitäten können Bedeutungen unterscheiden, etwa Måß „Maß“, Mass „Maß Bier“ und Màssl „Glück“. Unbetonte a werden immer hell ausgesprochen. Das Bairische unterscheidet außerdem häufig geschlossenes und offenes e: Bettn „Betten“ steht bètn „beten“ gegenüber. Ein unbetonter Laut zwischen i und e entsteht häufig aus der Nebensilbe -el, etwa in gràbbin „krabbeln“ oder Deifi „Teufel“.
Viele mittelhochdeutsche Diphthonge sind erhalten: ia, ua und weitere regionale Formen. Insgesamt werden in den meisten Dialekten zehn Diphthonge genannt: ea, ei, oa, åi beziehungsweise oi, ia, äi beziehungsweise öi, ua, ui, au und ou. Ein zentrales Lautgesetz ist die Entwicklung des älteren mittelhochdeutschen ei zu oa, etwa gloa „klein“, Goaß „Geiß“, Stoa „Stein“ und hoazn „heizen“. Das jüngere ei aus mittelhochdeutschem î blieb dagegen ei, etwa in weiß oder reitn. Das jüngste ei aus eu beziehungsweise äu erscheint ebenfalls als ei, etwa nei „neu“ oder deia „teuer“. Im Nordbairischen kann oa regional als oa, oi oder åå erscheinen.
Das Konsonantensystem umfasst ungefähr 20 Phoneme, deren Status teilweise umstritten ist. p, t, k und b, d, g sind in vielen Mundarten im Anlaut und zwischen Vokalen zusammengefallen. k bleibt vor Vokal als besonderer Laut erhalten. Das r wird regional gerollt oder als uvulares r gesprochen. h steht nur im Anlaut; im In- und Auslaut erscheinen entsprechende ch-Laute. Einige südbairische Mundarten kennen die Affrikate kχ. In der Schreibung werden unter anderem ä wie e und ö wie e beziehungsweise ü wie i ausgesprochen; gh steht für k, etwa in ghåitn. Die Schreibweise ist nicht vollständig standardisiert und wird vor allem von Mundartautoren und Musikern verwendet.
Nominalformen, Pronomen und Adjektive
Die Nominalphrase richtet sich nach dem Genus des Substantivs. Es gibt Maskulinum, Femininum und Neutrum sowie die Kasus Nominativ, Dativ und Akkusativ. Der Genitiv ist nur in erstarrten Redewendungen erhalten. Da viele Substantive ihre Kasusendungen verloren haben, trägt vor allem der flektierte Artikel die Kasusinformation: da Hund, im Hund, in Hund; d’Ruam, da Ruam, d’Ruam; as Kind, im Kind, as Kind. Der unbestimmte Artikel lautet im Singular für alle Genera a; bemerkenswert ist ein unbestimmter Plural, etwa oa Måna, oa Frau(a)n, oa Kinda.
Bei der Pluralbildung gibt es schwache und starke Klassen. Schwache Substantive bilden den Plural meist mit -n oder -an, etwa Hås–Håsn und Schlång–Schlångan. Starke Substantive bilden den Plural häufig durch Umlaut, durch -a oder durch beides: Dåg–Deg, Lånd–Lenda, Haus–Haisa, Bruada–Briada, Kind–Kinda. Daneben gibt es Nullplurale wie Fisch und Schaf sowie unregelmäßige Formen wie Beng–Benk „Bank“ oder Gscheng–Gschenka „Geschenk“. Einige schwache Maskulina bewahren Kasusrelikte, etwa Fåda–Fådan und Bua–Buam. Das Genus kann vom Standarddeutschen abweichen, zum Beispiel da Budda „die Butter“, da Radio „das Radio“ oder as Della „der Teller“.
Personalpronomen besitzen teilweise betonte und unbetonte Formen. Für die höfliche Anrede gibt es ein eigenes Pronomen Si beziehungsweise die Formen se und Eana. Possessivpronomen flektieren nach Genus, Kasus und Numerus, etwa mẽi, meim, meina und mein. Indefinit- und Fragepronomen unterscheiden bei Personen und Sachen: ebba/ebbs „jemand/etwas“ sowie wea/wås „wer/was“.
Viele Adjektive haben eine Kurzform in prädikativer Stellung und eine Langform als Attribut: as Gwand is rosa, aber des rosane Gwand. Attributive Adjektive werden nach bestimmtem oder unbestimmtem Artikel flektiert; prädikative Adjektive bleiben gewöhnlich unflektiert. Der Komparativ wird mit -a gebildet, etwa gscheid–gscheida oder lång–lenga. Der Superlativ endet regional auf -st oder wird durch den Komparativ ersetzt. Suppletive Formen sind guad–bessa–am bessan. Zahlwörter sind meist unveränderlich; wichtige Formen sind oans, zwoa, drei, fiar(e), fimf(e), seggs(e), siem(e), åcht(e), neine und zeene. Substantivierte Zahlen sind im Bairischen Maskulina: da Nulla, da Oasa und da Zwoara.
Verbalsystem und Vergangenheit
Das Bairische besitzt nur ein synthetisches Tempus, das Präsens. Futur und Perfekt werden analytisch gebildet. Das Präteritum ist nur bei sei mit wår und woin mit woit überliefert; auch diese Formen gelten teilweise als nicht ursprünglich bairisch. Für die Vergangenheit verwendet man vor allem das Perfekt mit håm oder sei und dem Partizip II.
Schwache Verben folgen im Indikativ grundsätzlich dem Stamm plus Personenendung, zeigen aber regionale Pluralformen. Bei måcha „machen“ lauten zentrale Formen i måch, du måchst, er måcht, mia måchan beziehungsweise måchma, eß måchts und se måchan(t). Der synthetische Konjunktiv entspricht meist dem standarddeutschen Konjunktiv II und wird häufig mit -ad gebildet: i måchad, du måchast, mia måchadn. Starke Verben bilden den Konjunktiv teilweise mit Ablaut, etwa kema „kommen“–kâm; Ablaut und -ad können kombiniert werden.
Bei Verben auf -g und -b tritt ein Auslautwechsel auf: sång–sågad beziehungsweise lem–lewad. Verben mit Themasuffix -a- oder -i- zeigen Formen wie zidad „zittern“ und kàmpid „kämmen“. Das Partizip I endet meist auf -ad, in Österreich eher auf -ert, etwa drenzad „weinend“ und brennad „brennend“. Schwache Partizipien II enden auf -t oder -d: gmåcht „gemacht“, gsågt „gesagt“, glebt „gelebt“. Starke Verben verwenden Ablaut und häufig die Endungen -n oder -a. Das Präfix g- kann vor bestimmten Konsonanten ausfallen; im Südbairischen bleibt ge- teilweise erhalten.
Der Imperativ besitzt eine Form für die zweite Person Singular: måch!, kimm!, gib!. Für die zweite Person Plural wird die Indikativform verwendet, etwa måchts!. Der Hortativ der ersten Person Plural lautet meist auf -ma: måchma!, kemma!, gema!. Die höfliche Aufforderung verwendet die dritte Person Plural mit klitisiertem Pronomen: måchan’S!, gem’S!. Modalverben wie deaffa „dürfen“, kina „können“, meng „mögen“, miaßn „müssen“, woin „wollen“ und soin/suin „sollen“ zeigen teilweise Vokalwechsel und besondere Konjunktivformen. Unregelmäßig flektieren unter anderem wissn „wissen“, gê „gehen“ und stê „stehen“.
Der Aspekt ist nicht ausdrücklich grammatisch ausgeprägt. Beginnende Handlungen können mit wern und dem Partizip I ausgedrückt werden: as Haus is brennad worn „das Haus begann zu brennen“. Auch kema zum plus Infinitiv bezeichnet ein bevorstehendes Wetterereignis, etwa as kimt zum Schneim.
Satzbau, Wortschatz und Gebrauch
Präpositionen verschmelzen im Bairischen besonders häufig mit Artikeln: im, da, indi, an und viele weitere Formen zeigen den Kasus direkt an. Traditionell sagt man a oder af Daha „nach Dachau“ und anschließend z’Minga „in München“. In südbairischen Dialekten können Orts- und Richtungsangaben präpositionslos sein: ma gêd Kiacha „man geht in die Kirche“. Richtungsadverbien unterscheiden die Bewegung vom Sprecher weg und zum Sprecher hin, meist durch -i und -a: auffi „hinauf“ und auffa „herauf“. Im Wienerischen kann diese Unterscheidung zusammenfallen.
Ein kennzeichnendes morphosyntaktisches Merkmal ist die Klitisierung: Unbetonte Personalpronomen lehnen sich an Verben oder Konjunktionen an, etwa I måg-s „Ich mag sie“, Dånn gibt-a-ma-s „Dann gibt er es mir“ und Wai-s-n måg „Weil sie ihn mag“. Dadurch entstehen auch Formen wie deama „tun wir?“. Die Wortstellung weicht regional unter anderem bei Verb-Erst-Sätzen, betonten Ausrufen und der Reihenfolge mehrerer Verben ab. Einige Verben verlangen einen Dativ oder Akkusativ ohne Nominativsubjekt, etwa mi diascht „mich dürstet“. Prädikative Adjektive können die Endung -a oder -e erhalten: Des schmeggt koida bessa. Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen werden häufig durch Nebensätze ersetzt. Die doppelte Verneinung ist möglich, ohne die Bedeutung grundsätzlich umzukehren. Das formale es fällt in unpersönlichen Sätzen oft aus, etwa Regnet.
Zum bairischen Wortschatz gehören regionale Berufs-, Kleidungs-, Tier-, Tätigkeits- und Gefühlswörter. Beispiele sind Gwand „Kleidung“, Bua „Junge“, Goaß „Ziege“, Giggal „Hahn“, griang „bekommen“ und schaun „schauen“. Das Präfix da- ist produktiver als standarddeutsches er- und bezeichnet häufig das gerade noch mögliche oder vollständige Bewältigen einer Handlung, etwa dabågga „aushalten“. zsåmm- entspricht zusammen- und wird ebenfalls sehr produktiv verwendet. Kollektivsubstantive können mit -àch gebildet werden, etwa Kindràch „Kinderschar“. Diminutive entstehen vor allem mit -l, -e und -al; regional kommt -ei vor. Dabei sind viele Formen lexikalisiert, etwa Pfeadl „Pferd“ und Pfeaddal „kleines Pferd“.
Höflichkeit wird durch eigene Pronomen, Modalpartikeln und Grußformeln abgestuft. Verbreitet sind Servus, Griaß di, Griaß Eana, Pfiaddi, Gua(d) Moang und Guade Nåcht. Bei Uhrzeiten stehen Formen wie Viertl noch zwöife, hoibe/a oans und Dreiviertl oans; außerdem wird in Bayern das 12-Stunden-Format verwendet, etwa hoibe drei. Ältere bairische Bezeichnungen für Geldmünzen sind Pfenning, Fimfal, Zwiggl und Dåla. Regionale Wochentage wie Iadda oder Ergedåg für Dienstag und Pfinzda für Donnerstag gehen zurück und sind besonders auf dem Land noch bekannt. In Namen wird der Nachname oft vor den Vornamen gestellt, etwa der Huber Franz.