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Schweizer Hochdeutsch

Das Schweizer Hochdeutsch (auch Schweizerhochdeutsch geschrieben) ist das Standarddeutsch in der Schweiz. Es ist eine nationale Varietät der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Schriftliche Besonderheiten
  3. 3. Mündlicher Gebrauch und Diglossie
  4. 4. Warum Schweizer Hochdeutsch anders klingt
  5. 5. Einstellung und aktuelle Entwicklung
  6. 6. Typische Helvetismen

Gegenstand und Bedeutung

Schweizer Hochdeutsch, auch Schweizerhochdeutsch, ist die Standardvarietät des Deutschen in der Schweiz. Als nationale Varietät einer plurizentrischen Sprache unterscheidet es sich von anderen nationalen Varietäten des Deutschen in der Schreibung, Wortbildung, im Wortschatz und in der Sprachverwendung. Die schweizerischen Varianten werden Helvetismen genannt. Sie sind korrekte standardsprachliche Ausdrücke und keine dialektalen Stilfehler.

In der Schweiz wird das Standarddeutsche volkstümlich auch Schriftdeutsch oder Schriftsprache genannt, weil es vor allem schriftlich verwendet wird. Schweizerdeutsch bezeichnet dagegen die meist mündlich gebrauchten alemannischen Dialekte der Deutschschweiz. Die Pflege des Schweizer Hochdeutschen unterstützt der Schweizerische Verein für die deutsche Sprache; sein schweizerischer Dudenausschuss ist Ansprechpartner der Dudenredaktion für Fragen zum Deutsch der Schweiz.

Schriftliche Besonderheiten

Das geschriebene Deutsch der Schweiz unterscheidet sich vom Deutsch im übrigen deutschsprachigen Raum vor allem im Wortschatz und in der Wortbildung, deutlich weniger in Rechtschreibung und Grammatik. Eine zentrale Rechtschreibbesonderheit ist der vollständige Verzicht auf das Eszett (ß). Es geriet vor allem zwischen den 1940er und 1970er Jahren ausser Gebrauch; stattdessen wird immer ss geschrieben. In Schweizer Schulen wird der Gebrauch des ß nicht unterrichtet, und es kommt auf der Schweizer Tastatur nicht vor.

Bei Gemeinde-, Orts-, Stations- und grundsätzlich auch Strassennamen werden anlautende Umlaute als Ae, Oe und Ue geschrieben, etwa Aetzikofen, Oerlikon, Uebeschi oder Oetlingerstrasse. Diese Empfehlungen gelten allgemein seit 1948 und waren bereits vor der Einführung der Schreibmaschine um etwa 1880 zu finden. Bei Flurnamen bleiben anlautende Umlaute dagegen im Regelfall erhalten, etwa Äbenegg, Ölegg und Überthal. Bei Gattungswörtern gilt die Schreibweise mit Ae, Oe oder Ue inzwischen als unkorrekt, also etwa Oel statt Öl.

Schweizer Hochdeutsch wird für alle deutschen Texte in der Schweiz verwendet: in Tageszeitungen und Magazinen, amtlichen Texten, geschäftlichem und privatem Briefverkehr sowie in Publikationen Schweizer Firmen. Sobald ein Text oder sein Verfasser aus einem anderen deutschsprachigen Gebiet stammt, begegnen Leser in der Schweiz jedoch auch anderen Formen des Hochdeutschen.

Mündlicher Gebrauch und Diglossie

Gesprochen wird Schweizer Hochdeutsch überwiegend in formellen oder öffentlich ausgerichteten Situationen: im Schulunterricht, bei Veranstaltungen mit Personen, die Schweizerdeutsch nicht verstehen, an Hochschulen in Lehrveranstaltungen, in Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Sender, in den Parlamenten einiger Deutschschweizer Kantone und im eidgenössischen Parlament, sofern dort nicht eine andere Landessprache verwendet wird. Auch Lautsprecherdurchsagen an Bahnhöfen sind hochdeutsch. Ein Rechtsanwalt kann einen Vortrag vor Gericht in Schweizer Hochdeutsch schriftlich verfassen und vorlesen; Richter, Staatsanwalt und andere Beteiligte führen ihre Reden ansonsten meist im Schweizer Dialektdeutsch weiter.

Im Alltag wird Schweizer Hochdeutsch meist nur mit Menschen gesprochen, die den Dialekt nicht verstehen. Zwischen den verschiedenen Schweizer Dialekten besteht weitgehende gegenseitige Verständlichkeit. Die jeweilige Mundart ist deshalb unabhängig von Bildung und gesellschaftlichem Status die fast ausnahmslose Umgangssprache zwischen Deutschschweizern. Dialekte haben in der Schweiz ein höheres Ansehen als im übrigen deutschen Sprachraum und gelten nicht als ungebildet, ländlich oder bäuerlich. Auch Universitätsprofessoren sprechen ausserhalb von Vorlesungen mit Studierenden und im wissenschaftlichen Austausch meist ihren Dialekt.

Mundart und Standarddeutsch bilden ein Diglossie-Verhältnis: Beide Sprachformen haben deutlich getrennte Funktionen und Geltungsbereiche. Zwischen ihnen gibt es keine graduellen Abstufungen oder Übergänge.

Bei gehörlosen Kindern wird im familiären Umfeld und an Gehörlosenschulen Schweizer Hochdeutsch mit Helvetismen verwendet, beispielsweise Trottoir; mundartliche Wörter wie Büsi werden vermieden, stattdessen wird Katze gesagt. Schweizer Hochdeutsch ist dort neben der Deutschschweizer Gebärdensprache die Muttersprache. Gehörlose Menschen beherrschen deshalb Schweizerdeutsch oft schlecht oder gar nicht. Für hörende Schweizer Codas, also Kinder gehörloser Eltern, kann Schweizer Hochdeutsch je nach sozialem Umfeld neben der Gebärdensprache ebenfalls Muttersprache sein; Schweizerdeutsch wird spätestens im Schulumfeld gelernt.

Warum Schweizer Hochdeutsch anders klingt

Deutschschweizer sprechen im Allgemeinen ein erkennbar anderes Hochdeutsch als Sprecher aus anderen deutschsprachigen Regionen. Dafür werden drei Erklärungsansätze genannt.

Interferenz bezeichnet die Beeinflussung der Standardaussprache durch die heimischen Dialekte. Weil Deutschschweizer ihre Dialekte deutlich häufiger sprechen als Standarddeutsch, hört man bei der Aussprache des Hochdeutschen den Dialektsprecher heraus. Der ich-Laut, ein palataler Frikativ wie in ich, kommt in den Schweizer Dialekten nicht vor. Alle ch-Laute werden dort als uvulare Frikative, also als ach-Laute, gesprochen; das Schweizer ch kratzt meist stärker. Viele Deutschschweizer verwenden deshalb auch im Hochdeutschen den ach-Laut. Die Aussprache unterscheidet sich zudem innerhalb der Schweiz: Berner und St. Galler sprechen unterschiedlich gefärbtes Hochdeutsch, weil ihre Dialekte unterschiedliche Interferenzen verursachen. Weitere mögliche Merkmale sind ein geschlossenes und dunkles langes a mit Tendenz zu o, ein sehr offenes ä, andere Wortbetonungen, stärkere Tonhöhenvariation und ein meist fehlender Knacklaut. So werden guten Abend, vereisen und erinnern häufig wie gute-nAbend, ve-reisen und e-rinnern ausgesprochen.

Der Ansatz der Sprachkonvention versteht Schweizer Hochdeutsch als Varietät mit eigenen Regeln darüber, welche Varianten angemessen sind. Eine Untersuchung an Deutschschweizer Volksschulen zeigte, dass Erstklässler zunächst ein dem Bundesdeutschen näheres Standarddeutsch sprechen als Zweit- und Drittklässler. Sie hatten es ausserhalb der Schule, unter anderem durch das Fernsehen, gelernt. In den ersten Schuljahren passen sie ihre Aussprache an die schweizerische Konvention an. Schweizer Hochdeutsch ist demnach auch Ergebnis eines Lernprozesses, der durch Konformität und die Anerkennung durch die Sprachgemeinschaft gefördert wird.

Der Ansatz der Schriftlichkeit betont den Einfluss der Schule. Da Standarddeutsch ausserhalb des Unterrichts selten gesprochen wird, richtet sich auch die mündliche Sprache stark nach schriftsprachlichen Normen: Gefordert werden ganze Sätze, längere und komplexere Konstruktionen, grössere Wortvielfalt und mehr Adjektive. Als korrekt gilt häufig, was auch geschrieben werden kann. Mit zunehmender Schulung nimmt in Erzählungen der Grad an Mündlichkeit ab. Ein Sechstklässler bildet zwar elaboriertere Sätze als ein Erstklässler, spricht aber zugleich «papieren» und steif.

Vergleiche mit süddeutschen Schülern zeigen, dass Schweizer Sprecher seltener Verschleifungen wie ham für haben oder ’n Haus für ein Haus verwenden. Die Endung -en wird häufig vollständig gesprochen, etwa wir gehen statt wir gehn. Dadurch halten sie häufiger standardsprachliche Vollformen ein. Das kann spontane Eloquenz vermindern, macht Schweizer Hochdeutsch aber besonders für Personen verständlich, die Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache überwiegend schriftlich gelernt haben.

Einstellung und aktuelle Entwicklung

Obwohl Hochdeutsch und nicht der Dialekt eine der vier offiziellen Landessprachen der Schweiz ist, empfinden viele Deutschschweizer es als Fremdsprache oder als Sprache Deutschlands. In einer Umfrage des Deutschen Seminars der Universität Zürich hielten 80 % von 150 Befragten Hochdeutsch für Deutschschweizer allgemein für eine Fremdsprache; nur 30 % sahen es auch für sich selbst als Fremdsprache an.

Die geringe Bereitschaft, mündlich Standarddeutsch zu verwenden, kann die Verständigung mit Menschen aus den anderen Schweizer Sprachregionen erschweren. Diese lernen in der Schule Hochdeutsch, verstehen aber den Deutschschweizer Dialekt oft nicht. Über Sprachgrenzen hinweg wird deshalb in der Wirtschaft zunehmend auch Englisch verwendet; Romands lernen häufig zusätzlich Schweizerdeutsch.

Die mittelmässigen sprachlichen Ergebnisse Deutschschweizer Schüler in der PISA-Studie führten, Stand 2003, zu Forderungen nach stärkerer Förderung der Standardsprache. In einigen Kantonen wurde erwogen, bereits im Kindergarten Hochdeutsch als Unterrichtssprache einzusetzen. Diese Bestrebungen waren stark umstritten und lösten Gegenbewegungen aus. Im Jahr 2018 gaben 84 % der Erwerbstätigen in der Deutschschweiz an, bei der Arbeit Dialekt zu sprechen; 43 % nannten zusätzlich Hochdeutsch, wobei Mehrfachnennungen möglich waren.

Typische Helvetismen

Helvetismen kommen in vielen Wortarten und Bedeutungen vor. Beispiele für unterschiedliche Bezeichnungen sind Anstösser für Anlieger oder Anrainer, Estrich für Dachboden, Unterlagsboden für Estrich, Rock für Kleid, Führerausweis beziehungsweise umgangssprachlich Fahrausweis für Führerschein, Peperoni für Paprika, Tram für Straßenbahn, Umschwung für das Grundstück rund um ein Gebäude und Parkieren für parken. Weitere typische Wörter sind Ausbildner, Entscheid, Beschrieb, Renovation, Unterbruch, Äufnung, ausmarchen, allfällig, bis anhin, handkehrum und ein Auto einlösen.

Auch grammatische und syntaktische Verwendungen unterscheiden sich. Die Schweiz anerkennt den Kosovo entspricht dem bundesdeutschen Die Schweiz erkennt den Kosovo an. Das Parlament tritt auf eine Vorlage ein bedeutet, dass es beschliesst, eine Vorlage zu behandeln. Bei einzelnen Formen unterscheiden sich auch Genus oder Plural, etwa das E-Mail, die Are und die Hektare im Singular sowie die Aren und die Hektaren im Plural; im Bundesdeutschen stehen die E-Mail, das oder der Ar und Hektar für Singular und Plural. Schweizerisch sind ausserdem Spargel und Spargeln, Pärke, gespiesen und gewoben. Halbbatzig bedeutet «mundartnah» beziehungsweise ungenügend, unzulänglich oder halbherzig.

Ins Schweizer Hochdeutsch sind zudem zahlreiche französische Wörter eingegangen. Die französische Schreibweise blieb meist erhalten, während die Wörter teilweise schweizerdeutsch ausgesprochen werden, etwa mit Betonung der ersten Silbe bei Fondue oder mit gesprochenem t in Billett. Beispiele sind Billett für Fahrkarte, Fahrschein oder Eintrittskarte, Cheminée für offener Kamin, Coiffeur für Friseur, Gilet für Weste, Glace oder Glacé für Speiseeis, Jupe für Rock, Kondukteur oder Billetteur für Schaffner, Perron für Bahnsteig, Pneu für Reifen, Poulet für gebratenes Masthuhn, Thon für Thunfisch, Trottoir für Gehsteig und Velo für Fahrrad.

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