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Bürgerwehr
Die Bürgerwehr oder Bürgergarde (französisch garde bourgeoise) ist eine im 19. Jahrhundert aus der Waffenpflicht der Bürger zur Verteidigung ihrer Stadt …
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Begriff und grundlegende Entwicklung
Eine Bürgerwehr oder Bürgergarde (französisch: garde bourgeoise) ist eine militärähnliche Einrichtung, die im 19. Jahrhundert aus der Waffenpflicht der Bürger zur Verteidigung ihrer Stadt hervorging. Bürgerwehren sollten Sicherheit schaffen und die Stadt beziehungsweise ihre Bevölkerung schützen. Ihre tatsächliche militärische Bedeutung war jedoch meist begrenzt.
In der Märzrevolution von 1848/49 waren Bürgerwehren von entscheidender Bedeutung. Mit der Entwicklung stehender Heere verloren sie ihre ursprüngliche Funktion. Seit dem Ersten Weltkrieg bestehen sie überwiegend als folkloristische Vereinigungen, die bei Umzügen, Festen und zeremoniellen Anlässen auftreten. Ein bedeutender historischer Einsatz war die Verteidigung Kolbergs 1806–1807 unter dem Kommando von Joachim Nettelbeck.
Die Bürgerwehr war außerdem ein Vorläufer der Volkswehr. Auch die Schützenbruderschaften haben ihren Ursprung in der Bürgerwehr. Ende der 1840er Jahre übernahmen manche Bürgerwehren zusätzlich Aufgaben im Lösch- und Rettungsdienst. Zusammen mit Turnerfeuerwehren und freiwilligen Rettungsgesellschaften gelten sie deshalb als Vorläufer der Freiwilligen Feuerwehren.
Bürgerwehren in Revolution und Krisenzeit
In Baden, Württemberg und Hohenzollern bestanden teilweise jahrhundertealte Traditionen städtischer Verteidigung. Andere Bürgerwehren entstanden im Gefolge der Märzrevolution 1848/49. Ihre Ausrüstung war meist unzureichend, sodass sie militärisch kaum leistungsfähig waren und häufig höchstens dazu dienten, Störenfriede einzuschüchtern. Psychologisch hatten sie dennoch große Bedeutung: Sie vermittelten der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit und den Eindruck, von der Obrigkeit ernst genommen zu werden.
Auslöser der deutschen Märzrevolution war die Februarrevolution 1848 in Frankreich. Dort waren der König abgesetzt und die Zweite französische Republik ausgerufen worden. Die deutschen Fürsten befürchteten einen französischen Feldzug zur Rückgewinnung der 1815 verlorenen Gebiete. Deshalb hoben sie die Karlsbader Beschlüsse und damit die Zensur auf und stimmten der Einberufung einer Nationalversammlung in Frankfurt am Main zu. Dadurch sollte die revolutionäre Lage entspannt werden.
Die Bürgerwehren konnten jedoch auch gegen die Bevölkerung eingesetzt werden. In Berlin kam es am 16. Oktober 1848 zu einem blutigen Konflikt zwischen einer Bürgerwehr und Arbeitern des Luisenstädtischen Kanals. Nachdem eine Gruppe von Arbeitern am demonstrativen Zug in die Stadt gehindert worden war, eskalierte die Situation durch Beschimpfungen, Drohungen und Steinwürfe. Die Bürgerwehr schoss auf die Arbeiter. Drei Arbeiter wurden sofort getötet, zwei weitere starben an ihren Verletzungen. Bei der Überführung der Toten kam es erneut zu Schießereien, bei denen zwei weitere Arbeiter starben. Daraufhin errichteten Arbeiter Barrikaden in der Köpenicker, Dresdener, Roß- und Alten Jakobstraße. Die Bürgerwehr stürmte sie; dabei kamen nochmals drei Arbeiter ums Leben. Auch ein Bürgerwehrmann starb durch Gewehrfeuer der eigenen Leute, als er eine Fahne von der Barrikade herunterreißen wollte. Am 20. Oktober 1848 wurden die gefallenen Arbeiter unter großer Beteiligung, auch der meisten Bürgerwehrbataillone, auf dem Friedhof vor dem Halleschen Tor bestattet.
Württemberg und Hohenzollern
Württemberg war 1806 zum Königreich erhoben worden und erhielt von Napoleon unter anderem Oberschwaben und ehemalige kirchliche Gebiete. Nach den napoleonischen Kriegen folgten Restauration und die Unterdrückung freiheitlicher Bestrebungen. Besonders schwer traf Württemberg Napoleons Russlandfeldzug: Von 15.800 württembergischen Soldaten kehrten 1813 nur dreihundert lebend zurück.
Im März 1848 kam es in Württemberg und Hohenzollern an vielen Orten zu gewalttätigen Ausschreitungen, insbesondere von Bauern gegen die Feudalherrschaft. Ende März verbreitete sich das Gerücht, 40.000 Franzosen seien in Baden eingedrungen, hätten Wolfach geplündert und marschierten nach Osten. Daraufhin beschloss der württembergische Landtag innerhalb weniger Tage die Ablösung der Lehnsherrschaft. Zur Abwehr der vermeintlichen Invasion wurde landesweit die Bildung von Bürgerwehren angeordnet. Obwohl sich das Gerücht als falsch erwies, begann nach schweizerischem Vorbild der Aufbau regulärer Bürgerwehren. Jeder selbstständige Bürger war dienstpflichtig.
Wegen fehlender Waffen, mangelnder Koordination und unzureichender Ausbildung blieben die Einheiten meist uneinheitlich. Ein großer Teil löste sich bereits 1849 wieder auf. Einige Bürgerwehren bestanden jedoch weiter und entwickelten sich allmählich zu Folklorevereinen. Heute gibt es jährlich ein großes Landestreffen. Die Kompanien marschieren und paradieren dort häufig mit Spielmannszügen. Außerdem treten sie bei Fronleichnamsprozessionen, Kirchweihen und Stadtfesten auf.
1949 schlossen sich historische Bürgerwehren in Württemberg und Hohenzollern im Landesverband Historischer Bürgerwehren und Stadtgarden Württemberg und Hohenzollern e. V. zusammen. Der Verband hat seinen Sitz in 89584 Ehingen an der Donau; als Landeskommandant wird Oberst Jürgen Rosenäcker von der Bürgerwache Crailsheim genannt. Mitglied können nur Bürgerwehren werden, die eine lange Tradition oder die Wiederbegründung einer solchen Tradition nachweisen. Ihre Uniformen erinnern häufig an die Kaiserzeit. Der Verband veröffentlichte im Eigenverlag das Buch „Bürger im Bunten Rock“, das über die angeschlossenen Bürgerwehren und Garden informiert; ebenso heißt sein verbandsinterner Newsletter.
Baden
Baden hatte wegen seiner unmittelbaren Nähe zu Frankreich und früherer französischer Invasionen bereits Milizen und Bürgerwehren eingerichtet oder geduldet. Die Herrschaft beobachtete diese Verbände allerdings aufmerksam.
Nach seiner Rückkehr vom Frankfurter Vorparlament löste der Radikaldemokrat Friedrich Hecker gemeinsam mit Gustav von Struve die badische Revolution aus. Hecker verlor die Schlacht bei Kandern, floh in die nahe Schweiz und wanderte später in die USA aus. Mit der Einnahme der Festung Rastatt durch preußische Truppen wurde der Aufstand im Juli 1849 endgültig niedergeschlagen.
Mehrere badische Bürgerwehren hatten auf Seiten der Aufständischen teilgenommen. Deshalb wurden bereits 1848 fast alle Bürgerwehren des Landes verboten. Ausgenommen blieben die Bürgerwehren von Karlsruhe und Sipplingen, die sich als herrschaftstreu erwiesen hatten und bis heute als historische Bürgerwehren fortbestehen. Andere Verbände gingen in Nachfolgeorganisationen auf, beispielsweise in Feuerwehren. Die historischen Bürgerwehren in Baden sind im Landesverband der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen e. V. organisiert.
Bayern und Österreich
In Bayern wurden die alten Bürgerwehren 1807 in das Bürgermilitär umgewandelt. Dieses wurde zunächst in allen Städten und Marktgemeinden eingeführt. Weitere Umorganisationen erfolgten 1809 und 1813; anschließend wurde das System auch auf das „platte Lande“ ausgedehnt. Seit 1814 wurde die Bezeichnung Landwehr verwendet.
Das bayerische Bürgermilitär war seiner Funktion nach eher der Polizei als der Bayerischen Armee zuzuordnen. Es durfte grundsätzlich nur in der Stadt oder im Bezirk seines Landgerichts eingesetzt werden. Erst die Landwehr-Ordnung von 1826 sah einen wirklichen Kriegseinsatz vor; zu einem solchen Einsatz kam es jedoch nur 1866. Das Bürgermilitär wurde 1869 aufgelöst. Die Bürgerwehr von Königsberg in Bayern bezeichnet sich als einzige bayerische Bürgerwehr, die bereits 1848 entstand. Dabei ist zu beachten, dass Königsberg erst 1920 bayerisch wurde. Die übrigen Vereine des dortigen Landesverbands sind Traditionsvereine, deren Ursprünge meist auf reguläre königlich-bayerische oder fürstliche Verbände zurückgehen; dazu zählen auch die Gebirgsschützen.
In Österreich und Südtirol werden vergleichbare Traditionen unter anderem von den Tiroler Schützen gepflegt. Je nach Ort heißen die Vereinigungen Bürgergarde, Stadtgarde, Schützengarde, Bürgerkorps oder Schützenkorps. Beispiele sind die Bürgergarde der Stadt Salzburg, Garden in Hallein und Villach, die Stadtgarde in Innsbruck sowie 19 Bürger- oder Schützenkorps in Oberösterreich. Im Lungau bestehen solche Vereinigungen in Mauterndorf, Sankt Michael im Lungau und Tamsweg, in der Obersteiermark in Krakaudorf und Murau. Besonders die letztgenannten Bürgergarden treten bei Samsonumzügen auf.
Die Vorläufer der heutigen österreichischen Bürgergarden reichen meist in die Zeit der k. k. Monarchie zurück. In manchen Orten gehen sie bis in das frühe 17. Jahrhundert, die Zeit der Türkenkriege, oder noch weiter zurück. In Wien gab es bis 1815 eine Bürgerwehr, die auch Bürgerwache oder Bürgermiliz genannt wurde; 1866 wurde dort erneut kurz versucht, eine Bürgerwehr einzurichten.
Heutige Traditionsvereine und regionale Beispiele
Die Landesverbände nehmen nur Vereine auf, die eine lange Tradition nachweisen oder die Tradition eines untergegangenen Verbandes wiederbeleben. Außerhalb dieser Verbände sind Bürgerwehren unter dieser Bezeichnung selten und meist karnevalistisch. In Bayern, Österreich und Südtirol werden vergleichbare Vereine häufig Stadtgarde, Bürgergarde, Schützengarde oder Schützenkompanie genannt.
Im NS-Staat wurden einzelne Bürgerwehren der SA angegliedert. 1945 wurden ihre meist aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Karabiner beschlagnahmt. In Württemberg gelang bereits 1948, unter Duldung der französischen Besatzungsmacht, die Reorganisation. Die Schweiz lieferte ausgemusterte, aber noch brauchbare Gewehre; sie werden seitdem in fast allen angeschlossenen württembergischen Bürgerwehren ausschließlich für Paraden und Salutschießen verwendet. 1951 genehmigte die US-Militärregierung die Neukonstituierung bayerischer Verbände.
Die vom Artikel anerkannten historischen Vereine verteilen sich vor allem auf Württemberg und Hohenzollern, Baden und Bayern. Die Liste enthält sowohl sehr alte Ursprünge als auch spätere Neugründungen oder Wiederbegründungen. Genannt werden beispielsweise die Bürgerwehr Dietenheim mit dem Jahr 1313, die Bürgerwache Mengen mit 1276, die Bürgergarde Ellwangen mit 1439, die Bürgerwehr Insel Reichenau mit 1108, die Historische Freiburger Bürgerwehr mit 1293, die Bürgerwehr Karlsruhe mit 1721, die Bürgerwehr 1848 Königsberg, die Bürgerwache Crailsheim von 1830 und die Bürgerwehr Waldburg von 1848. Weitere Beispiele sind die Bürgergarde zu Pferd „Gelbe Husaren“ Altshausen, die Stadtgarde zu Pferd Stuttgart, die Hohenzollern-Kürassiere Sigmaringen, die Bürgermiliz Sipplingen und die Historische Bürgerwehr Kronach. Bei mehreren Einträgen sind die Jahresangaben unsicher und mit Fragezeichen versehen; teilweise werden ein ursprüngliches Gründungsjahr und eine spätere Wiederbegründung getrennt angegeben.