Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Bürgeradel

Charakteristisch für den Bürgeradel war, dass er sich auf seine Herkunft stützte und die gängige Geringschätzung des Bürgers durch den Adel überwand, die darin …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und gesellschaftliche Bedeutung
  2. 2. Abgrenzung zu Stadtadel und Geldadel
  3. 3. Niedergang und politische Veränderungen
  4. 4. Die Hanseaten als Beispiel

Begriff und gesellschaftliche Bedeutung

Bürgeradel bezeichnet die bürgerliche Oberklasse in Gesellschaften, die nicht vom Adel beherrscht werden, etwa in Republiken. Der Begriff meint eine seit dem 17. Jahrhundert entstehende bürgerliche Oberschicht. Ihre herausgehobene Stellung beruhte vor allem auf Herkunft, Familientradition und sozialer Abgrenzung. Dadurch überwand sie die traditionelle Geringschätzung des Bürgertums durch den Adel. Ein wichtiges Kennzeichen war, dass diese Familien geschlossene Heiratskreise bildeten.

Der Bürgeradel war keine einfache Nachahmung des Adels. Er entwickelte eigene bürgerliche Maßstäbe, insbesondere ein berufliches Leistungsideal, das häufig kaufmännisch geprägt war. Reichtum wurde meist zurückhaltender gezeigt als im Adel, für den öffentliche Repräsentation durch Prunk und Pracht stilbildend blieb.

Abgrenzung zu Stadtadel und Geldadel

Vom Bürgeradel ist der ältere Stadtadel zu unterscheiden, etwa das Nürnberger Patriziat. Dieser Stadtadel hatte schon früh seine Ebenbürtigkeit und seine Zugehörigkeit zum Adel geltend gemacht. Seit dem Spätmittelalter entstanden in vielen europäischen Stadtstaaten, besonders in Handelsrepubliken, bürgerliche Patriziate mit kaufmännischer Prägung. Beispiele waren die Reichsstädte, die Hansestädte, die Republik Venedig, Florenz, die Republik der Vereinigten Niederlande und das Patriziat der Alten Eidgenossenschaft in der Schweiz. Diese Führungsschichten wurden jedoch früh aristokratisiert und standen als Städtearistokratien an der Spitze sogenannter „Aristokratischer Republiken“.

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese älteren lokalen Führungsschichten im Zuge von Revolutionen und Industrialisierung häufig durch neue Wirtschaftseliten abgelöst.

Der Bürgeradel ist außerdem vom „Geldadel“ abzugrenzen. Zum Geldadel gehörten Großindustrielle, die sich einen quasi-adligen Lebensstil leisten konnten. Manche von ihnen wurden für ihre Verdienste nobilitiert; auch weniger begüterte Bürgerliche aus dem Professoren-, Offiziers- oder Beamtenstand konnten in den Adel erhoben werden. Andere kauften sich in bestimmten Monarchien Adelstitel, wofür besonders das Herzogtum Sachsen-Coburg, das Königreich Portugal, die Republik San Marino und der Kirchenstaat bekannt waren. Diese Neuadligen wurden zur sogenannten „Zweiten Gesellschaft“ gezählt.

Niedergang und politische Veränderungen

Der Bürgeradel verlor seine herausgehobene Stellung durch die Reformen in den Rheinbundstaaten und in Preußen. Später wirkten entsprechende Veränderungen auch in den übrigen deutschen Staaten. Entscheidend waren der staatsbürgerliche Gleichheitsbegriff und die allmähliche Durchsetzung der Einwohnergemeinden. Damit wurden die alten, auf Herkunft und geschlossenen städtischen Führungskreisen beruhenden Vorrechte zunehmend zurückgedrängt.

Die Entwicklung unterscheidet sich vom Adel auch deshalb, weil der Bürgeradel häufig in Republiken oder städtischen Gemeinwesen entstand. Seine soziale Ordnung stützte sich nicht auf feudale Strukturen, sondern auf alte Familien, wirtschaftliche Leistung, bürgerliche Kollegien und politische Selbstergänzung.

Die Hanseaten als Beispiel

Als Beispiel für den Bürgeradel nennt der Artikel die Hanseaten, besonders in Hamburg, Bremen und Lübeck. In Hamburg bildeten die erbgesessene Bürgerschaft, bürgerliche Kollegien und das Selbstergänzungsrecht des Senats die Grundlage für den grundsätzlich oligarchischen Charakter der Hamburger Verfassung. Deshalb konnte diese Verfassungsordnung als aristokratisch und nicht als demokratisch interpretiert werden. Dies gehörte zu den Gründen, weshalb Hamburg als Stadtrepublik 1815 Mitglied eines Bundes souveräner Fürsten werden konnte.

Gleichzeitig widersprach die Annahme von Adelsprädikaten dem hanseatischen Selbstverständnis. Die Bezeichnung „Bürgeradel“ galt daher selbst als unhanseatisch. Das in Hamburg, Bremen und Lübeck gewachsene Hanseatentum war im Kern eigenständig bürgerlich und keine bloße Feudalisierung des Bürgertums. Im Mittelpunkt standen das bürgerlich-berufliche, meist kaufmännische Leistungsideal und eine zurückhaltende Darstellung des Reichtums. Bremen hatte unter den namhaften Handelsstädten die geringste Quote von Eheschließungen zwischen Großbürgern und Adeligen.

Besonders stark war die Familientradition in Hamburg und Lübeck. Sie ersetzte fehlende Feudalstrukturen und bildete ein Fundament des städtischen Gemeinwohls. Zugleich prägte der Stolz auf den familiären Aufstieg das Leben der „oberen Zehntausend“. Ida Boy-Ed bezeichnete die damit verbundene Neigung als „Patrizierwahnsinn“, bei dem jede Familie sich für aristokratischer als alle anderen hielt.

Thomas Mann schilderte den Niedergang einer Lübecker Hanseatenfamilie im Roman „Buddenbrooks“. Darin verarbeitete er die Geschichte seiner eigenen Familie Mann literarisch.

Weiterlesen

Sozialstruktur Die Sozialstruktur unterliegt einer Dynamik, die maßgeblich durch soziale Prozesse geprägt ist und eine zentrale Dimension des sozialen Wandels bildet. Die … Bürgertum Entstehung und Wandel des Bürgertums · 1. Der Bürgerstand begreift alle Einwohner des Staats unter sich, welche, ihrer Geburt nach, weder zum Adel, noch zum … Adel Im Mittelalter hat sich der Adel aus römischen und germanischen, ethnisch gesehen teilweise auch aus slawischen Wurzeln zu einer „multifunktionalen Elite“ … Republik Zumeist hat das Staatsvolk in einer Republik die höchste Gewalt und ist oberste Quelle der staatlichen Legitimität. Ausnahmen sind die Diktatur und die … Patriziat (Nürnberg) Das Patriziat der Reichsstadt Nürnberg, die für den Inneren Rat berechtigten Familien, stellte das eigentliche Machtzentrum Nürnbergs bis zur französischen … Spätmittelalter Als Spätmittelalter wird der Zeitraum der europäischen Geschichte von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. oder Anfang des 16. Hanse Eine Entwicklung von der „Kaufmannshanse“ zu einer „Städtehanse“ lässt sich spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts mit erstmaligen nahezu „gesamthansischen … Patriziat (Alte Eidgenossenschaft) Als Patrizier wurden in der Alten Eidgenossenschaft die Familien bezeichnet, die im Ancien Régime in mehreren Stadtkantonen (explizit in Basel, Bern, … Deutscher Adel Der deutsche Adel war bis 1919 eine gesellschaftlich privilegierte Bevölkerungsgruppe. Insbesondere übten Angehörige des Adels in den meisten deutschen … Kirchenstaat Kirchenstaat nach 1815 · Papst Pius IX. segnet letztmals 1870 seine etwa 20.000 Mann umfassenden Truppen auf dem Petersplatz, Fotografie vom 25. April 1870, … Buddenbrookhaus Das Buddenbrookhaus (Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum) in Lübeck ist seit 1993 eine Gedenkstätte in Trägerschaft der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck. Deutscher Bund In der Schweiz entstand im Rahmen des „Jungen Europas“ von Giuseppe Mazzini eine deutsche Sektion als Junges Deutschland. In Paris entstand aus Vorläufern …