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Bürgeradel
Charakteristisch für den Bürgeradel war, dass er sich auf seine Herkunft stützte und die gängige Geringschätzung des Bürgers durch den Adel überwand, die darin …
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Begriff und gesellschaftliche Bedeutung
Bürgeradel bezeichnet die bürgerliche Oberklasse in Gesellschaften, die nicht vom Adel beherrscht werden, etwa in Republiken. Der Begriff meint eine seit dem 17. Jahrhundert entstehende bürgerliche Oberschicht. Ihre herausgehobene Stellung beruhte vor allem auf Herkunft, Familientradition und sozialer Abgrenzung. Dadurch überwand sie die traditionelle Geringschätzung des Bürgertums durch den Adel. Ein wichtiges Kennzeichen war, dass diese Familien geschlossene Heiratskreise bildeten.
Der Bürgeradel war keine einfache Nachahmung des Adels. Er entwickelte eigene bürgerliche Maßstäbe, insbesondere ein berufliches Leistungsideal, das häufig kaufmännisch geprägt war. Reichtum wurde meist zurückhaltender gezeigt als im Adel, für den öffentliche Repräsentation durch Prunk und Pracht stilbildend blieb.
Abgrenzung zu Stadtadel und Geldadel
Vom Bürgeradel ist der ältere Stadtadel zu unterscheiden, etwa das Nürnberger Patriziat. Dieser Stadtadel hatte schon früh seine Ebenbürtigkeit und seine Zugehörigkeit zum Adel geltend gemacht. Seit dem Spätmittelalter entstanden in vielen europäischen Stadtstaaten, besonders in Handelsrepubliken, bürgerliche Patriziate mit kaufmännischer Prägung. Beispiele waren die Reichsstädte, die Hansestädte, die Republik Venedig, Florenz, die Republik der Vereinigten Niederlande und das Patriziat der Alten Eidgenossenschaft in der Schweiz. Diese Führungsschichten wurden jedoch früh aristokratisiert und standen als Städtearistokratien an der Spitze sogenannter „Aristokratischer Republiken“.
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese älteren lokalen Führungsschichten im Zuge von Revolutionen und Industrialisierung häufig durch neue Wirtschaftseliten abgelöst.
Der Bürgeradel ist außerdem vom „Geldadel“ abzugrenzen. Zum Geldadel gehörten Großindustrielle, die sich einen quasi-adligen Lebensstil leisten konnten. Manche von ihnen wurden für ihre Verdienste nobilitiert; auch weniger begüterte Bürgerliche aus dem Professoren-, Offiziers- oder Beamtenstand konnten in den Adel erhoben werden. Andere kauften sich in bestimmten Monarchien Adelstitel, wofür besonders das Herzogtum Sachsen-Coburg, das Königreich Portugal, die Republik San Marino und der Kirchenstaat bekannt waren. Diese Neuadligen wurden zur sogenannten „Zweiten Gesellschaft“ gezählt.
Niedergang und politische Veränderungen
Der Bürgeradel verlor seine herausgehobene Stellung durch die Reformen in den Rheinbundstaaten und in Preußen. Später wirkten entsprechende Veränderungen auch in den übrigen deutschen Staaten. Entscheidend waren der staatsbürgerliche Gleichheitsbegriff und die allmähliche Durchsetzung der Einwohnergemeinden. Damit wurden die alten, auf Herkunft und geschlossenen städtischen Führungskreisen beruhenden Vorrechte zunehmend zurückgedrängt.
Die Entwicklung unterscheidet sich vom Adel auch deshalb, weil der Bürgeradel häufig in Republiken oder städtischen Gemeinwesen entstand. Seine soziale Ordnung stützte sich nicht auf feudale Strukturen, sondern auf alte Familien, wirtschaftliche Leistung, bürgerliche Kollegien und politische Selbstergänzung.
Die Hanseaten als Beispiel
Als Beispiel für den Bürgeradel nennt der Artikel die Hanseaten, besonders in Hamburg, Bremen und Lübeck. In Hamburg bildeten die erbgesessene Bürgerschaft, bürgerliche Kollegien und das Selbstergänzungsrecht des Senats die Grundlage für den grundsätzlich oligarchischen Charakter der Hamburger Verfassung. Deshalb konnte diese Verfassungsordnung als aristokratisch und nicht als demokratisch interpretiert werden. Dies gehörte zu den Gründen, weshalb Hamburg als Stadtrepublik 1815 Mitglied eines Bundes souveräner Fürsten werden konnte.
Gleichzeitig widersprach die Annahme von Adelsprädikaten dem hanseatischen Selbstverständnis. Die Bezeichnung „Bürgeradel“ galt daher selbst als unhanseatisch. Das in Hamburg, Bremen und Lübeck gewachsene Hanseatentum war im Kern eigenständig bürgerlich und keine bloße Feudalisierung des Bürgertums. Im Mittelpunkt standen das bürgerlich-berufliche, meist kaufmännische Leistungsideal und eine zurückhaltende Darstellung des Reichtums. Bremen hatte unter den namhaften Handelsstädten die geringste Quote von Eheschließungen zwischen Großbürgern und Adeligen.
Besonders stark war die Familientradition in Hamburg und Lübeck. Sie ersetzte fehlende Feudalstrukturen und bildete ein Fundament des städtischen Gemeinwohls. Zugleich prägte der Stolz auf den familiären Aufstieg das Leben der „oberen Zehntausend“. Ida Boy-Ed bezeichnete die damit verbundene Neigung als „Patrizierwahnsinn“, bei dem jede Familie sich für aristokratischer als alle anderen hielt.
Thomas Mann schilderte den Niedergang einer Lübecker Hanseatenfamilie im Roman „Buddenbrooks“. Darin verarbeitete er die Geschichte seiner eigenen Familie Mann literarisch.