Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kirchenstaat

Kirchenstaat nach 1815 · Papst Pius IX. segnet letztmals 1870 seine etwa 20.000 Mann umfassenden Truppen auf dem Petersplatz, Fotografie vom 25. April 1870, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und Bedeutung
  2. 2. Gebiet und Ausdehnung
  3. 3. Von den kirchlichen Besitzungen zum Kirchenstaat
  4. 4. Pippinsche Schenkung und mittelalterlicher Ausbau
  5. 5. Napoleonische Herrschaft und Wiederherstellung
  6. 6. Letzte Jahrzehnte, Politik und Wirtschaft

Grundlagen und Bedeutung

Der Kirchenstaat war das weltlich-politische Herrschaftsgebiet des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche. Er bestand mit Unterbrechungen von 756 bis 1870. Staats- und Regierungsform war formal eine absolute Wahlmonarchie: Der Papst wurde vom Kardinalskollegium gewählt und war zugleich Staatsoberhaupt und Regierungschef. Zuletzt regierte Papst Pius IX. Amtssprachen waren Latein und Italienisch, Hauptstadt war Rom, Staatsreligion der römisch-katholische Glaube.

Der Kirchenstaat sollte vor allem die politische und territoriale Unabhängigkeit des Papstes sichern. Nach dem Einmarsch italienischer Truppen wurde er nach einer Volksabstimmung am 6. Oktober 1870 Teil des Königreichs Italien. Damit war die Einigung Italiens vollendet. Die staatliche Souveränität der Vatikanstadt in Rom wurde erst 1929 in den Lateranverträgen mit der italienischen Regierung anerkannt. Der Vatikan gilt als Nachfolger des Kirchenstaates und erhielt wieder den internationalen Status eines eigenständigen Staates.

Gebiet und Ausdehnung

Der Kirchenstaat war ein Staatenverbund auf der Apenninhalbinsel. Ausgangspunkt waren Rom und Latium; im Verlauf des Mittelalters dehnte sich das Gebiet über große Teile Mittelitaliens bis zur Adria aus.

Zum Herrschaftsgebiet gehörten außerdem die beiden süditalienischen, vom neapolitanischen Gebiet umschlossenen Exklaven Benevent und Pontecorvo. Während des zeitweiligen, von Frankreich erzwungenen Papsttums in Avignon kamen im 14. Jahrhundert die Grafschaft Avignon und das Comtat Venaissin hinzu. Diese südfranzösischen Gebiete blieben bis zur Französischen Revolution beim Kirchenstaat.

Die größte Ausdehnung wurde unter Papst Julius II. erreicht. Der Kirchenstaat reichte zeitweise von Küste zu Küste. Nach den Gebietsverlusten während der Französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft wurde er 1815 in den Grenzen von 1797 wiederhergestellt; auf die früheren südfranzösischen Exklaven wurde dabei verzichtet.

Von den kirchlichen Besitzungen zum Kirchenstaat

Die Grundlage des späteren Kirchenstaates bildete das Patrimonium Petri, das „Vermögen des Petrus“. Seit dem 4. Jahrhundert wuchs der Grundbesitz der römischen Kirche durch zahlreiche Schenkungen in Süd- und Mittelitalien sowie auf Sizilien. Im 6. Jahrhundert war der Bischof von Rom dadurch einer der größten Grundbesitzer Italiens. Die Reformen Papst Gregors I. und eine straffe Zentralverwaltung verliehen diesen Besitzungen zunehmend den Charakter eines Herrschaftsgebildes.

Die Päpste begründeten ihren Anspruch auf eine unabhängige geistliche und weltliche Landesherrschaft außerdem mit der Konstantinischen Schenkung, einer angeblichen Urkunde Kaiser Konstantins. Lorenzo Valla entlarvte sie bereits 1440 als Fälschung; dennoch blieb sie jahrhundertelang eine Grundlage des päpstlichen Herrschaftsanspruchs.

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts gingen im Konflikt zwischen der weströmischen Kirche, den Langobardenkönigen und dem oströmischen Kaiserreich viele Besitzungen verloren. Übrig blieb zunächst vor allem das Dukat Rom, ein byzantinischer Verwaltungsbezirk.

Als frühestmögliches Gründungsereignis gilt die Schenkung von Sutri im Jahr 728. Der langobardische König Liutprand soll Papst Gregor II. die den Byzantinern abgenommene Stadt Sutri in Latium überlassen haben, um die Unterstützung oder Neutralität des Papstes gegen langobardische Rivalen zu gewinnen. Nach einer erneuten Auseinandersetzung kamen 741 beziehungsweise 742 Amelia, Orta, Bomarzo und Bieda hinzu.

Als der Langobardenkönig Aistulf später Ravenna und Rom erobern wollte, wandte sich das Papsttum an die Franken. Papst Stephan II. bat sie 754 um Schutz und wandte sich damit von Byzanz ab. Im Gegenzug unterstützte das Papsttum die Legitimation der Karolinger.

Pippinsche Schenkung und mittelalterlicher Ausbau

Die eigentliche Bildung des Kirchenstaates wird mit der Pippinschen Schenkung von 756 verbunden. Nach einem zwei Jahre zuvor gegebenen Versprechen soll der Frankenkönig Pippin III. die von den Langobarden zurückeroberten Gebiete dem Papst als kirchliche Territorien geschenkt haben. Genannt werden das Dukat Rom, das Exarchat Ravenna, die Pentapolis, Tuszien, Venetien, Istrien sowie die Herzogtümer Spoleto und Benevent.

Die Schenkung gilt als unsichere Grundlage des Kirchenstaates. Die Schenkungsurkunde von Quierzy ist nicht erhalten, daher bleibt ihr genauer Inhalt unbekannt. Historiker diskutieren die Pippinsche Schenkung kontrovers; eine nachträgliche Fälschung durch die katholische Kirche wird als wahrscheinlich betrachtet. Sie wurde in Anlehnung an die um 800 datierte, gefälschte Konstantinische Schenkung bezeichnet.

Durch die Kaiserkrönung Pippins des Großen? No, Pippins Sohn Karl der Große wurde am Weihnachtstag 800 von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Damit beanspruchten die fränkischen Herrscher die römische Kaiserwürde. Zugleich übernahmen sie die sakrale Begründung und konnten sich als Beschützer des Christentums und des Kirchenstaates darstellen.

Bis 787 kamen Sabina, Südtuszien und kleinere Territorien hinzu. Das Gebiet reichte nun von Küste zu Küste. Kaiser Otto I. bestätigte es 962 im Privilegium Ottonianum. 1201 wurde das Herzogtum Spoleto erworben, und 1213 erkannte Kaiser Friedrich II. den Kirchenstaat in der Goldbulle von Eger offiziell an.

Im 15. Jahrhundert kamen Gebiete um Parma, Modena, Bologna, Ferrara, die Romagna und Perugia hinzu. Unter Julius II. erreichte der Kirchenstaat seine größte Ausdehnung. Seit dem 16. Jahrhundert sank seine Bedeutung als territoriales Herrschaftsgebilde jedoch wieder. Er konnte sich im Machtkampf um Italien nicht gegen andere Territorialherren durchsetzen und blieb von Großmächten abhängig. Ferrara und Urbino gingen zeitweise als erbliche Herzogtümer an mächtige Fürstendynastien verloren, wurden um 1600 aber von den Päpsten zurückgewonnen.

Napoleonische Herrschaft und Wiederherstellung

Während der Französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft wurde der Kirchenstaat schrittweise verkleinert. Bologna und Ferrara wurden 1796 im Ersten Koalitionskrieg ausgegliedert. Zusammen mit dem Herzogtum Modena gehörten sie zunächst zur Cispadanischen Republik, 1797 zur Cisalpinischen Republik, ab 1802 zur Italienischen Republik und ab 1805 zum Königreich Italien.

1798 wurde in Rom die Römische Republik ausgerufen, die im Herbst 1799 unterging. Papst Pius VI. (1774–1799) starb als Gefangener Frankreichs in Südfrankreich. Sein Nachfolger Pius VII. (1800–1823) musste 1800 unter österreichischem Schutz in Venedig gewählt werden, weil eine Wahl in Rom nicht möglich war.

Pius VII. erreichte mit Napoleon einen politischen Ausgleich, der 1801 zur Wiederherstellung des Kirchenstaates führte. Sein Fortbestand wurde besonders durch das Konkordat mit Napoleon Bonaparte vom 15. Juli 1801 gesichert. Ein Höhepunkt der Zusammenarbeit war Napoleons Kaiserkrönung am 2. Dezember 1804 in Anwesenheit des Papstes.

Der Konflikt begann erneut, als Pius VII. sich weigerte, einem Bündnis gegen Großbritannien beizutreten. Im November 1807 marschierten französische Truppen in den Kirchenstaat ein; im Februar 1808 besetzten sie Rom. Durch das Dekret vom 2. April 1808 wurden Urbino, Ancona, Macerata und Camerino dem Königreich Italien eingegliedert und in die Departements Metauro, Musone und Tronto geteilt.

Am 7. Mai 1809 erklärte Napoleon in Wien, Pius VII. habe aufgehört, weltlicher Herrscher zu sein. Das Dekret vom 17. Mai regelte die Eingliederung förmlich. Am 10. Juni 1809 wurde der säkularisierte Kirchenstaat mit den französischen Departements Tiber und Trasimenus vereinigt; dem Papst blieb nur seine geistliche Macht. Nach dem Protest des Papstes und dem von ihm ausgesprochenen Bann gegen die Mitwirkenden wurde Pius VII. in der Nacht zum 6. Juli verhaftet und über Grenoble und Savona gebracht. 1812 wurde er in Fontainebleau interniert. Napoleons Sohn Napoleon Franz Bonaparte erhielt 1811 den Ehrentitel König von Rom.

Letzte Jahrzehnte, Politik und Wirtschaft

Nach Napoleons Sturz 1814 kehrte der Papst nach Rom zurück. Der Wiener Kongress stellte den Kirchenstaat 1815 in den Grenzen von 1797 wieder her. Nach Bisingers Darstellung von 1823 umfasste seine Armee etwa 9100 Mann; die in Civitavecchia stationierte Flotte besaß zwei Fregatten. In der europäischen Öffentlichkeit galt der Kirchenstaat zunehmend als Ort von Misswirtschaft, Reaktion und Unterdrückung.

Pius IX., der 1846 Papst wurde, trat zunächst liberal auf und wurde zum Idol der Neoguelfen, des katholischen Flügels der italienischen Liberalen und Nationalisten. Im Zuge der Revolutionen von 1848/49 musste er jedoch aus Rom fliehen. Am 9. Februar 1849 wurde die Republik ausgerufen. Frankreich und Spanien intervenierten ab April militärisch; im Juli war der Kirchenstaat wiederhergestellt. Danach verfolgte Pius IX. einen reaktionären, an Österreich angelehnten Kurs.

Nach der österreichischen Niederlage gegen Frankreich und Sardinien-Piemont 1859 verlor der Kirchenstaat seine Schutzmacht. Frankreich war nur bereit, Latium um Rom militärisch zu sichern. Der übrige Teil schloss sich 1860 dem neuen Königreich Italien an. Ein Eroberungsversuch von Giuseppe Garibaldi und italienischen Nationalisten scheiterte 1867 in der Schlacht von Mentana. Truppen des Kirchenstaates unter General Hermann Kanzler und in Frankreich rekrutierte Hilfstruppen besiegten Garibaldis Truppen am 3. November 1867.

Als Frankreich im Sommer 1870 wegen des Krieges gegen Preußen seine Truppen aus Rom abzog, marschierten italienische Truppen unter König Viktor Emanuel II. fast kampflos ein. Der Papst wurde politisch entmachtet, und Rom wurde Hauptstadt Italiens. Pius IX. zog sich in die Vatikanstadt zurück und war der letzte Herrscher des Kirchenstaates. Die ungeklärte „Römische Frage“ wurde erst 1929 durch die Lateranverträge gelöst.

Der Regierungssitz des Kirchenstaates war der Quirinalspalast. In den Provinzen vertraten Bischöfe den Papst als Gouverneure. Bis zur Verfassung von 1847 konnten grundsätzlich nur Geistliche Regierungs- und Verwaltungsämter bekleiden; der Papst stützte sich außerdem auf den päpstlichen Adel.

Wirtschaftlich bedeutsam war die 1605 von Papst Paul V. gegründete Banco di Santo Spirito, die als älteste Zentralbank Europas bezeichnet wird. Sie bestand in dieser Form bis 1923. 2022 wies Marina Caffiero nach, dass im Kirchenstaat bis weit ins 19. Jahrhundert Sklaven arbeiteten. Grundlage war vor allem das Libro dei Turchi, ein Verzeichnis mit Namen, Alter und Arbeitsort der damals in Rom lebenden Sklaven.

Weiterlesen

Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Rom Rom wurde erstmals im 1. Jahrhundert v. Chr. vom Dichter Tibull Ewige Stadt genannt. Diese Bezeichnung, ursprünglich eine … Monarchie Die Unterteilung erfolgt heute meist in absolute, konstitutionelle und parlamentarische Monarchie. ... ↑ Monarchie: Definition, Geschichte und Formen. Papst Papst ist der deutschsprachige geistliche Titel für den Bischof von Rom als Oberhaupt der katholischen Kirche, bestehend aus der römisch-katholischen Kirche … Römisch-katholische Kirche Römisch-katholische Kirche. größte christliche Kirche, die sich aus 24 autonomen Kirchen zusammensetzt, die in Gemeinschaft mit dem römischen Papst stehen. Mittelalter Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit … Französische Revolution Die Französische Revolution (1789–1799) gehört zu den folgenreichsten Ereignissen der neuzeitlichen europäischen Geschichte. Byzantinisches Reich Die Geschichte des Reiches war vom Abwehrkampf gegen äußere Feinde geprägt, der seine Kräfte erheblich beanspruchte und seine Ressourcen in der Spätzeit … Fränkisches Reich Das Fränkische Reich oder Frankenreich, das vom 5. bis ins 9. Jahrhundert bestand und sich im Wesentlichen aus dem römischen Gallien und angrenzenden … Karolinger Karolinger ist der auf Karl Martell zurückgehende Hausname des Herrschergeschlechts der westgermanischen Franken, das ab 751 im Frankenreich die Königswürde … Karl der Große Er erlangte am 25. Dezember 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde. Der Enkel des Hausmeiers Karl … Franken (Volk) Fränkische Krieger dienten dem Kaiser im 4. und 5. Jahrhundert als foederati, bevor sie im Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter das bedeutendste …