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Bücherverluste in der Spätantike
Die Bücherverluste in der Spätantike (der Epoche zwischen dem späten 3. und dem späten 6. Jahrhundert) stellen eine unwiederbringliche Einbuße für das …
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Bedeutung und Ausmaß des Verlusts
Die Bücherverluste in der Spätantike, also zwischen dem späten 3. und dem späten 6. Jahrhundert, bezeichnen den Verlust großer Teile der griechischen und lateinischen Literatur der klassischen Antike. Er ist unwiederbringlich, weil nur sehr wenige originale antike Textzeugen erhalten sind. Die meisten heute bekannten Texte beruhen auf mittelalterlichen Abschriften. Für Bildung, Wissenschaft und Literatur hatte dies langfristige Folgen: Erst der Buchdruck im 15. Jahrhundert machte die erhaltenen antiken Texte wieder einem größeren Leserkreis zugänglich.
Das genaue Ausmaß lässt sich nur schätzen. Vor den Papyrusfunden ab 1900 waren rund 2000 griechische Autorennamen vor 500 bekannt; von 253 Autoren waren zumindest Teile ihrer Werke erhalten. Von 772 bekannten römischen Autoren waren Schriften von 144 erhalten. Daraus entstand die verbreitete Schätzung, weniger als 10 % der antiken Literatur seien überliefert. Die genannten fast 3000 Namen sind aber nur eine Mindestzahl und betreffen oft Schulautoren.
Die Bibliothek von Alexandria wuchs zwischen 235 v. Chr. und 47 v. Chr. von 490.000 auf 700.000 Rollen. Da eine Rolle ungefähr einem Titel entsprach, wird für die griechische Welt eine Produktion von mindestens 1100 Titeln jährlich angenommen; bis 350 ergäbe dies etwa eine Million Titel. Der lateinische Bestand könnte ähnlich groß gewesen sein. Bei durchschnittlich 10–100 Kopien pro Titel wären Bücher beziehungsweise Rollen im zweistelligen Millionenbereich vorhanden gewesen.
Dem stehen nur ungefähr 3000 überlieferte antike Texte ohne Funde gegenüber, darunter etwa 1000 lateinische; viele liegen nur fragmentarisch vor. Deshalb wird auch ein Verhältnis von etwa 1 zu 1000, also 0,1 % erhaltenen Titeln, erwogen. Als Vergleich nennt der Artikel die um 475 mit 120.000 Büchern abgebrannte Bibliothek von Konstantinopel und Cassiodors westliche Bibliothek von 576 mit rund 100 Codices. Europäische Bibliotheken erreichten erst im 19. Jahrhundert wieder Bestandsgrößen, die mit denen der Antike vergleichbar waren.
Bestände, Medienwechsel und Ursachen
Antike Literatur war zunächst breit verteilt: Es gab öffentliche Stadtbibliotheken und große Privatbibliotheken. In Rom bestanden um 350 29 öffentliche Bibliotheken; private Bestände umfassten 20.000 bis 50.000 Rollen. Alexandria besaß mehr als 490.000, Pergamon 200.000 Rollen. Einzelne Bibliotheksbrände konnten daher zunächst nicht den Gesamtbestand entscheidend gefährden. So blieb Alexandria nach Caesars Besuch ein Buch- und Gelehrtenzentrum; vermutlich verbrannte damals nur ein Lagerhaus am Hafen mit 40.000 Rollen.
Die Ursachen des späteren Verlusts sind vielfältig und in der Forschung umstritten. Dazu zählen die Reichskrise des 3. Jahrhunderts, kriegerische Zerstörungen und der kulturelle Wandel während der Völkerwanderungszeit, besonders im Westen, die Christianisierung, ein veränderter literarischer Kanon und ein Rückgang des Schulwesens. Mit gebildeten Eliten verschwanden auch wichtige Träger der Überlieferung.
Besonders wichtig war der Medienwechsel: Papyrusrolle und später Pergamentcodex, also ein aus gebundenen Blättern bestehendes Buch, existierten nebeneinander. Ein Werk blieb nur verfügbar, wenn es in das neue Medium umgeschrieben wurde. Ältere Erklärungen führten den Verlust vor allem darauf zurück, dass Papyrusrollen verrotteten. Dies wird bezweifelt: Roberts und Skeat betonten 1983, Papyrus stehe Pergament unter normalen Lagerbedingungen in der Haltbarkeit nicht nach. Um 200 war in Rom noch eine 300 Jahre alte Papyrusrolle lesbar. Außerdem haben Papyrus-Codices aus 433 bis 600 teilweise bis heute überdauert. Mangelnde Haltbarkeit erklärt den Verlust daher nicht ausreichend.
Vielmehr brach die Buchproduktion stark ein. In Oxyrhynchos belegen gefundene Buchrollen 655 Stück aus dem 2. und 489 aus dem 3. Jahrhundert, aber nur 119 aus dem 4. und 92 aus dem 5. Jahrhundert; danach sinken die Zahlen weiter auf 41, 5 und 2. Ein möglicher Bevölkerungsrückgang bleibt als Erklärung offen. Im lateinischen Europa außerhalb Italiens sind von 400 bis 700 nur etwa 150 Codices erhalten, davon 100 aus Frankreich. Die Produktion, die vor 300 mindestens 10.000 Bücher jährlich betragen haben soll, lag nach 400 im lateinischen Westen durchschnittlich bei etwa 10 pro Jahr. Pergament wurde wohl bevorzugt, weil bei geringer Nachfrage der billigere Papyrus kaum noch gebraucht wurde.
Die Verluste betrafen besonders republikanische Geschichtswerke, Dichtung und Tragödien. Naturwissenschaftlich-technisches Wissen war so umfangreich, dass es nicht einfach mündlich weitergegeben werden konnte. Nichtchristliche Götter, Heroen, religiöse Vorstellungen, erotische Inhalte oder als problematisch betrachtete Wissenschaft konnten die Übernahme von Werken erschweren. Bereits vor der Spätantike wurden einzelne Schriften verboten, etwa Werke des Titus Labienus auf Befehl des Augustus; dies gilt jedoch als Ausnahme.
Religionskonflikte und Wandel im Westen
Der Zeitraum von 350 bis 800 gilt als entscheidend. Ein früherer Vorwurf, Papst Gregor der Große habe die Palatina-Bibliothek in Rom verbrennen lassen, wird nach heutigem Forschungsstand ausgeschlossen: Ihr Verlust muss vor seinem Pontifikat und wohl vor 500 erfolgt sein. Auch über die Rolle der Christianisierung besteht kein zwingender Forschungskonsens. Ältere säkulare und protestantische Forschung betonte sie stärker, kirchliche Forschung eher den allgemeinen Niedergang der römischen Kultur. Alan Cameron warnte zudem davor, die Gegensätze zwischen Christen und Pagane, also Anhängern nichtchristlicher Kulte, im späten 4. Jahrhundert zu scharf zu zeichnen.
Dennoch sind Gewalt und Büchervernichtung belegt. 391 verfügte Theodosius I. die Schließung nichtchristlicher Tempel; moderne Forschung betont jedoch, dass er keine Tempelzerstörungen angeordnet habe. Im selben Jahr zerstörten Christen das Serapeum in Alexandria, nachdem sich dort Nichtchristen verschanzt und Christen getötet hatten. Das Museum von Alexandria, das die große Bibliothek enthielt, ist nach 400 nicht mehr nachweisbar. Um 415 sah Orosius in alexandrinischen Tempeln leere Regale, die nach seiner Aussage durch Christen ausgeplündert worden waren. Die letzte bekannte antike Bibliothek, die kaiserliche Bibliothek von Konstantinopel, verbrannte um 475 mit 120.000 Codices.
Ammianus Marcellinus berichtet über Verfolgung, Hinrichtung und öffentliche Verbrennung von Menschen, denen verbotene Bücher vorgeworfen wurden. Offiziell handelte es sich um Zaubertexte; Ammianus meinte jedoch, es seien vor allem Werke der artes liberales, der klassischen Wissenschaften, gewesen. Er schrieb auch, Bibliotheken seien „geschlossen für immer, wie Grüfte“. Ob dies die großen öffentlichen Bibliotheken Roms oder nur Hausbibliotheken des Adels meint, ist umstritten.
Besonders gefährdet waren als Zauberbücher eingestufte Schriften. Der Begriff konnte weit gefasst werden und auch Werke treffen, die Wissenschaft oder nichtchristliche Religion behandelten. Von 350 bis 400 drohte Besitzern solcher Bücher teils die Todesstrafe. Seit 409 mussten „Mathematiker“ ihre Bücher vor Bischöfen verbrennen oder Rom und andere Gemeinden verlassen; der Ausdruck meinte meist Astrologen, konnte aber auch Teile klassischer Wissenschaften einschließen. Justinian I. schloss 529 die Akademie von Athen, verbot 546 Nichtchristen den Unterricht als Grammatiker, Rhetoren, Ärzte und Juristen und ließ 562 „heidnische Bücher“ öffentlich verbrennen. Nach Wilhelm Speyer wurden klassische Literatur und Wissenschaften nie gezielt als solche vernichtet; die Abgrenzung zu Magie konnte in der Praxis jedoch schwierig sein.
Parallel wandelten sich die Städte im Westen. Invasionen und Plünderungen ließen etwa Trier im 5. Jahrhundert schwer leiden. Öffentliche Einrichtungen, auch Bibliotheken, waren auf Spenden wohlhabender Bürger angewiesen. Diese städtischen Strukturen verschwanden bis zum 6. Jahrhundert vielerorts; die Stadt organisierte sich stärker um den Bischof. Schulen, Gymnasien und andere nichtchristliche Bildungsorte verloren an Bedeutung. Die Notitia dignitatum um 400 nennt keine Zuständigen für Bibliotheken, obwohl dies vor 300 ein angesehenes Amt gewesen war.
Bildung, Klöster und lateinische Überlieferung
Der Verlust von Büchern und öffentlichem Literaturzugang senkte im weströmischen Reich die Bildungs- und Schriftlichkeitsmöglichkeiten. Die antike Welt hatte wahrscheinlich einen vergleichsweise hohen Alphabetisierungsgrad: Papyrusfunde deuten auf lesende und schreibende arme Bauern hin, und ein bayerischer Grabstein weist auf Alphabetisierung ländlicher Sklaven. Im frühen Mittelalter war Schriftlichkeit im Westen dagegen sehr gering. Für Kontinentaleuropa um 1250 wird rückgerechnet ein Alphabetisierungsgrad von etwa 1 % geschätzt; regional gab es große Unterschiede. Von 700 bis 1500 nahm die Schriftlichkeit jedoch fortlaufend zu.
Nichtchristliche Bildung blieb zunächst vor allem bei Teilen der Senatsaristokratie erhalten. Cassiodor, etwa 490 bis 583, sammelte im 6. Jahrhundert noch erreichbare Bücher, übersetzte aus dem Griechischen und machte im Kloster Vivarium das Abschreiben von Büchern zur Pflicht der Mönche. Seine Bibliothek umfasste nach den Zitierungen wohl rund 100 Codices. Da sie die einzige größere bekannte Bibliothek des späteren 6. Jahrhunderts war, erscheint sie als „Flaschenhals“ der lateinischen Überlieferung: Vieles, was Cassiodor bewahren konnte, blieb erhalten. Isidor von Sevilla, etwa 560 bis 636, hatte wahrscheinlich eine noch kleinere Bibliothek, obwohl er 154 Titel zitierte.
Boethius übersetzte und kommentierte im frühen 6. Jahrhundert Aristoteles und Porphyrios. Sein Plan, Hauptwerke Platons und Aristoteles' vollständig für den lateinischen Westen zu erschließen, blieb wegen seiner Hinrichtung unvollendet. Seine Aristoteles-Übertragungen waren aber bis ins 12. Jahrhundert die einzigen verfügbaren lateinischen Schriften dieses Autors.
Die christliche Haltung zur paganen Literatur war unterschiedlich, wurde aber im Westen zunehmend einschränkend. Augustinus befürwortete die Aufbewahrung nichtchristlicher Schriften, jedoch nicht ihre Verbreitung oder Lehre. Gregor der Große nahm eine deutlich negative Haltung zur antiken Bildung ein und untersagte Bischöfen, Grammatik zu lehren. Isidor erlaubte nichtchristliche Texte nur gefestigten Schülern. Auch der Bildungsstand des Klerus sank; ein Gesetz schloss Analphabeten zwar vom Bischofsamt aus, zeigte aber offenbar wenig Wirkung.
Klöster wurden schließlich zu den wichtigsten Bewahrern. Mönche kopierten die noch vorhandenen Werke auf das im kontinentalen Klima haltbarere Pergament. Dabei wurden im 7. und 8. Jahrhundert Handschriften klassischer und christlicher Autoren teils gelöscht und neu beschrieben; solche wiederverwendeten Handschriften heißen Palimpseste. Gründe waren Materialkosten, Schriftumstellungen, veränderte Interessen und bei klassischen oder häretischen Texten wohl auch religiöse Motive. Die karolingische Renaissance ab etwa 750 belebte die Abschrift klassischer Texte; viele älteste heute erhaltene Kopien stammen aus ihr.
Erhaltung im Osten und Rückkehr nach Europa
Im griechischen Osten bestanden Bildung und Überlieferung länger fort als im lateinischen Westen. Bis etwa 600 pflegte eine gebildete Elite die Paideia, die klassische Bildung, und las neben griechischen auch lateinische Werke. Erst nach 600 erlosch dort die Kenntnis des Lateinischen weitgehend. Die Akademie von Athen wurde 529 oder 531 geschlossen, doch Alexandria blieb zunächst ein bedeutendes Bildungszentrum und ging erst nach 600 infolge persischer Invasion und arabischer Eroberung zugrunde. Der Perserkrieg von 603–628/29 und die anschließende islamische Expansion verursachten Verluste, aber keinen mit dem Westen vergleichbaren Bruch.
In Byzanz wurden viele antike Texte weiter gelesen oder wenigstens in Auszügen, Lexika und Zusammenfassungen bewahrt. Die Suda, ein vermutlich im frühen 11. Jahrhundert entstandenes Lexikon, verweist auf zahlreiche heute verlorene Werke. Im 9. Jahrhundert las Patriarch Photios noch vollständige Texte, die heute ganz oder weitgehend verloren sind. Später nutzten Konstantin VII. und Johannes Zonaras ältere historische Quellen. Auch nach dem Rückgang der Paideia ab dem späten 11. Jahrhundert übermittelten byzantinische Gelehrte, etwa Georgios Gemistos Plethon, dem Westen im 15. Jahrhundert einen Kern antiker griechischer Bildung.
Die islamische Expansion brachte im 7. Jahrhundert Palästina und Syrien unter islamische Herrschaft. Dort blieben Bildungsstrukturen und Bibliotheken vergleichsweise erhalten, und griechische Texte wurden übersetzt. Christlich-syrische Gelehrte spielten eine wichtige Vermittlerrolle. Im 9. Jahrhundert ließ Kalif al-Ma'mūn für das „Haus der Weisheit“ in Bagdad zahlreiche antike Schriften aus dem Byzantinischen Reich ins Arabische übertragen. Übersetzer wie Hunain ibn Ishāq waren Christen und mit der antiken Kultur vertraut. Besonders Medizin, Philosophie und Naturwissenschaft wurden so weitergegeben.
Ab dem 11. Jahrhundert gelangten arabische Übersetzungen antiker griechischer Gelehrter, die Graeco-Arabica, wieder nach Europa. Constantinus Africanus übersetzte in Monte Cassino islamische Medizin aus dem Arabischen ins Lateinische. In Sizilien wurde meist direkt aus dem Griechischen übersetzt. Nach der Eroberung Toledos 1085 entstand unter Raimund von Toledo eine Übersetzerschule; Gerhard von Cremona war einer ihrer produktivsten Übersetzer.
Seit dem 14. Jahrhundert suchten italienische Gelehrte gezielt nach antiken Handschriften. Poggio Bracciolini fand 1418 eine Kopie von Lukrez' „De rerum natura“. Im 18. Jahrhundert wurden in Herculaneum römische Papyri aus der Villa dei Papiri entdeckt; ihre Entzifferung dauert an. Seit 1819 konnten Palimpseste besser gelesen werden, wodurch unter anderem Ciceros „De re publica“ wiedergewonnen wurde.