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Schriftrolle
Vereinzelt gab es Rotuli aus Papier (beispielsweise einen Papier-Rotulus über die Prozessauslagen des Stiftes Essen 1353–1355). Inhaltsverzeichnis.
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Grundform und Bedeutung
Die Schriftrolle, auch Buchrolle oder Volumen genannt, ist eine beschriftete Bahn aus Papyrus oder Pergament, die zu einer Rolle aufgewickelt wird. Sie war die typische Buchform des Altertums. Entrollt war sie meist mehrere Meter lang, wog in der Regel einige hundert Gramm und konnte bei richtiger Behandlung tausende Jahre überdauern.
Als Speichermedium folgte sie auf ältere Formen wie die Tontafel. In der Spätantike wurde sie zunehmend vom Kodex abgelöst. Ein Kodex ist ein gebundener Block aus Pergament- oder Papyrusbögen und entspricht in seiner Form weitgehend dem heutigen Buch aus Papier. Im Mittelalter blieb die Rollenform vor allem in der Verwaltung wichtig, besonders für Verzeichnisse. Dafür wurden auch die Begriffe Rotulus, Rodel und Rödel verwendet.
Verbreitung von der Antike bis heute
Die ältesten erhaltenen Schriftrollen stammen aus Ägypten. Im Alten Ägypten ist die Papyrusrolle seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. bekannt. Von dort wurde sie in Griechenland übernommen. Nach Herodot verdrängte Papyrus dort Leder als Beschreibstoff. In Griechenland war die Papyrusrolle seit dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. verbreitet, in Rom nicht vor dem 3./2. Jahrhundert v. Chr.
Im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. wurde die Schriftrolle weitgehend vom Kodex verdrängt. Für literarische Texte hielt sich die Rollenform teilweise noch bis ins 6. Jahrhundert, besonders in Ostrom. Noch im 6. Jahrhundert galt die Schriftrolle als Symbol klassischer Bildung, der paideia. Nachdem Ägypten im 7. Jahrhundert an die Araber gefallen war, wurde Papyrus auch im Byzantinischen Reich selten; dennoch sind auf Papyrusrollen geschriebene Urkunden bis in das 11. Jahrhundert überliefert.
Heute werden nur noch wenige Texte als Schriftrolle ausgeführt. Eine wichtige Ausnahme ist der jüdische Gottesdienst: Dort hat sich die handgeschriebene Schriftrolle, hebräisch Megilla, vor allem in der Torarolle und anderen biblischen Büchern für den gottesdienstlichen Gebrauch erhalten. Weil solche Rollen den Gottesnamen enthalten, werden sie besonders sorgfältig behandelt und dürfen nicht mit den Händen berührt werden. Kodexförmige Abschriften gibt es im Judentum ebenfalls, sie dienen aber nicht dem Gottesdienst, sondern als Vorlagen zum Abschreiben.
Materialien und Herstellung
Schriftrollen bestanden meist aus Papyrus. Papyrus war bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. die vorherrschende Buchform des Altertums. Pergamentrollen sind literarisch im 2. Jahrhundert v. Chr. für die Bibliothek der Attaliden in Pergamon bezeugt. In der Spätantike setzte sich als Buchform der Kodex und als Beschreibstoff Pergament durch. Leder und Pergament waren als Rollenmaterial seltener, aber dauerhafter als Papyrus, der besonders empfindlich gegen Feuchtigkeit ist.
Eine Papyrusrolle entstand durch das Aneinanderkleben einzelner Blätter, die kollema heißen; im Plural kollemata. Durchschnittlich bestand eine Rolle aus etwa 20 Blättern. Bei einer Blattbreite von etwa 25 bis 30 Zentimetern ergab sich eine Länge von etwa 6 bis 10 Metern.
Beim Verkleben wurde auf die Faserrichtung geachtet. Auf der Innenseite, der Schriftseite oder Rectoseite, liefen die Fasern horizontal, damit der Kalamos, das Schreibrohr, beim Schreiben besser geführt werden konnte. Auf der Außenseite, der Versoseite, liefen die Fasern vertikal. Das erste Blatt, das protokollon, hatte als einziges auf der Innenseite eine senkrechte Faserrichtung; es wurde freigelassen und diente als Schutzhülle. Auch am Ende der Rolle blieb meist ein breites Feld frei, aus ästhetischen und konservatorischen Gründen.
Beschriftung und Schriftbild
Geschrieben wurde mit Tinten verschiedener Zusammensetzung. Fehler konnten mit einem Schwämmchen gelöscht und überschrieben werden. Vollständig abgewaschene und neu beschriebene Papyri waren eher selten, anders als bei überschriebenem Pergament, das als Palimpsest bezeichnet wird.
Der Titel stand gewöhnlich am Ende der Rolle, dem explicit. Zusätzlich wurde er außen auf der geschlossenen Rolle senkrecht angebracht. Da ein einziges Werk oft mehrere Rollen brauchte, mussten Autorenname und Werktitel am Anfang und am Ende jeder Rolle stehen. Daran hängt auch die Gliederung vieler umfangreicher antiker Texte in „Bücher“.
Literarische Rollen und Torarollen wurden parallel zum Längsrand beschrieben. Der Text stand in gleichmäßig breiten Kolumnen, die auf Griechisch selis und auf Latein pagina genannt wurden. Zwischen den Kolumnen lag ein Abstand, das Interkolumnium. Oben und unten blieb ein breiter Rand frei, um den Schriftblock zu schützen und ein geordnetes Erscheinungsbild zu schaffen. Beim mittelalterlichen Rotulus verliefen die Schriftzeilen dagegen quer zum Längsrand. Diese Unterscheidung zwischen Volumen und Rotulus nach dem Zeilenverlauf ist wichtig.
Griechische Papyri wurden oft in scriptura continua geschrieben, also ohne Abstände oder Trennungszeichen zwischen den Wörtern. Spätere literarische Papyri verwendeten teils diakritische Zeichen wie Doppelpunkte zur Gliederung. Solche Zeichen, Abkürzungen und Schriftformen helfen der Paläographie, also der Schriftkunde, bei der Datierung. Lateinische Papyri haben häufiger Trennungspunkte zwischen Wörtern. Illustrationen sind in Papyrusrollen selten; wenn sie vorkommen, stehen sie meist als rahmenlose Umrisszeichnungen im Schriftblock.
Lesen und Aufbewahren
Zum Lesen einer Schriftrolle brauchte man beide Hände. Mit der rechten Hand wurde der noch zu lesende Text abgerollt, mit der linken Hand der bereits gelesene Text wieder aufgerollt, sofern er nicht lose herabhing. Bei hebräischen Schriftrollen im Synagogengottesdienst ist die Leserichtung umgekehrt.
Als Hilfe konnte ein Holzstab in die Rolle gesteckt oder an den rechten Rand des letzten Blattes geklebt werden. Dieser Stab hieß auf Griechisch omphalos und auf Latein umbilicus, wörtlich „Nabel“. Eine hebräische Bibelrolle darf aus religiösen Gründen nicht direkt mit den Händen berührt werden, sondern nur an den Griffen. Zum Lesen verwendet man einen kleinen, oft kunstvoll gestalteten Zeigestab, den Jad, wörtlich „Hand“. Nach dem Lesen musste die Rolle wieder zurückgerollt werden. Aus dieser Handhabung stammt die lateinische Bezeichnung volumen von volvere, „rollen“ oder „wälzen“.
Aufbewahrt wurden Rollen stehend in Körben, Krügen oder Töpfen oder liegend in Holzgestellen, Regalen und Schränken. Für den Transport nutzte man kasten- oder truhenförmige Behälter, in der römischen Welt oft zylindrisch. Zur Kennzeichnung befestigte man kleine Pergamentstreifen an den Rollen, griechisch silliboi und lateinisch tituli, auf denen Autorenname und Buchtitel standen. Gegenüber beidseitig beschriebenen Kodizes brauchten Schriftrollen deutlich mehr Platz, weil sie meist nur einseitig beschrieben waren und sich nicht gut stapeln ließen.
Rotuli im Mittelalter
Im europäischen Mittelalter wurden literarische, liturgische und wissenschaftliche Bücher fast ausschließlich als Kodex hergestellt. Schriftrollen kamen seit dem 9. Jahrhundert über Byzanz auch im westlichen Europa in Gebrauch und verbreiteten sich besonders seit dem 12./13. Jahrhundert in England in der Verwaltung, zum Beispiel für Abrechnungen und Besitzverzeichnisse. Später wurden sie auch für genealogische oder historische Inhalte genutzt.
Im deutschen Mittelalter wurden vor allem grundherrschaftliche Verzeichnisse als Rotuli geführt. Die deutschen Wörter Rodel und Rödel bezogen sich überwiegend auf Urbare, also Besitz- und Abgabenverzeichnisse. Auch Bürgerrollen verzeichneten Personen mit städtischen Bürgerrechten. Aus diesem Gebrauch für Listen stammen moderne Bezeichnungen wie Stammrolle, Handwerksrolle und Musterrolle. Auch Wappensammlungen konnten in Rollenform angelegt werden, bekannt ist die Zürcher Wappenrolle.
Ein besonderes Beispiel sind süditalienische Exultet-Rollen, liturgische Handschriften für das Exsultet. Bei ihnen waren die Bilder umgekehrt zum Text angeordnet: Beim Vorlesen wurde der Rotulus über die Kante des Pultes abgerollt, sodass die Bilder außen für das Publikum richtig herum sichtbar waren, während der Lektor den Text lesen konnte. In England blieb der Rotulus besonders lange für die Abrechnungen der Sheriffs gegenüber der Zentrale in Gebrauch, die Pipe rolls. Bis in die frühe Neuzeit nutzten vor allem Benediktinerklöster Totenrotel aus zusammengeklebten Pergamentstücken, um andere Konvente über den Tod eigener Mönche zu informieren und Gebetsgedenken zu erbitten.