Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Bön
Verbreitet ist er heute in Tibet, in anderen Teilen der Volksrepublik China, in Nepal und in Bhutan. Der Bön ist eine animistisch-polytheistische Religion mit …
Inhalt5 Abschnitte
Grundzüge und Stellung
Bön ist eine tibetische Religion, deren Name „Wahrheit“, „Wirklichkeit“ oder „wahre Lehre“ bedeutet. Vor der Etablierung des Buddhismus als Staatsreligion im 8. Jahrhundert war er die vorherrschende Religion der Tibeter. Er ist animistisch-polytheistisch: Naturerscheinungen gelten als beseelt, und es gibt viele Götter, Geister, Dämonen und andere Wesen. Zugleich besitzt er starke schamanistische Eigenschaften, also Rituale mit Trance, Geisterkontakt, Heilung, Wahrsagung und Dämonenabwehr. Ahnenkult sowie Beerdigungs- und Gedenkkultur sind wichtige Bestandteile.
Bön und Buddhismus beeinflussten einander im Synkretismus, also durch Vermischung religiöser Vorstellungen und Praktiken. Rituelle und schamanistische Elemente sowie Bön-Gottheiten gelangten in den Buddhismus; der Bön übernahm unter anderem Reinkarnation und Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Trotz der Nähe, besonders zum tibetischen Buddhismus, gilt Bön wegen eigener Lehren, Rituale, Mythen und Götter als eigenständige Religion. 1977 erkannten die tibetische Exilregierung und der Dalai Lama ihn offiziell als fünfte spirituelle Schule des Tibetischen Buddhismus an. 2006 wurde das Yundrung-Bön Zentrum Shenten Dargyé Ling in Frankreich staatlich als Kloster einer eigenständigen Glaubensgemeinschaft anerkannt.
Entwicklung, Verbreitung und Formen
Der Legende nach geht der erneuerte Bön auf den mythischen Meister und Buddha Shenrab Miwoche aus Tagzig zurück; er soll frühere Tieropfer durch symbolische Opferungen ersetzt haben. Der erneuerte Bön war Staatsreligion in Zhang-Zhung um den heiligen Berg Kailash. Im 7. Jahrhundert, vermutlich 634, eroberte Songtsen Gampo dieses Land und beendete durch die Tötung des Königs Ligmincha (Ligmirya) dessen Dynastie. Ab 755 wurde Bön unter König Trisong Detsen zunehmend durch Buddhismus verdrängt und verfolgt. Unter Langdarma (836–842) besserte sich die Lage vorübergehend. Danach wurden Bönpa, die Anhänger des Bön, in Randgebiete wie Amdo und Dolpo in Nepal gedrängt.
Seit der „neuen Übersetzungstradition“ (Sarma) des Buddhismus im 11. Jahrhundert ordneten Bön und Nyingma ihre Lehren mit wieder aufgefundenen Terma, also verborgenen beziehungsweise später wiederentdeckten Lehrtexten, neu. Es entstanden systematische Lehrgebäude und die Ordination von Mönchen und Nonnen verbreitete sich. Das 1405 von Nyammed Sherab Gyeitshen gegründete Kloster Menri und später Yungdrung Ling wurden Hauptzentren. Nach dem Einmarsch der chinesischen Armee Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Bön und Buddhismus streng verfolgt, besonders in der Kulturrevolution 1966–76; kein tibetisches Kloster blieb unbeschädigt. Menri wurde im indischen Exil in Dolanji neu gegründet. Heute gibt es in Tibet und China über 264 aktive Bön-Tempel oder -Klöster.
Es werden drei weiterhin praktizierte Formen unterschieden. Der Alte oder Schwarze Bön ist die vorbuddhistische animistisch-schamanistische Religion. Seine zentralen Themen sind Begräbnisriten, Opfer, Trance, Wahrsagerei, Wetterzauber, Reisen in die Unterwelt, Geisterkontakt und Dämonenabwehr. Die Gelugpa nutzten Bön-Zauberer, Nagspa, gegen Dämonen; auch das tibetische Staatsorakel stammt aus dieser Tradition. Der Yungdrung-Bön, „ewiger“ oder „glückverheißender“ Bön, führt sich auf Shenrab Miwoche zurück. Der Neue oder reformierte Bön entstand ab dem 14. Jahrhundert aus Elementen des Yungdrung-Bön und der Nyingma-Tradition, besonders durch wechselseitig aufgefundene Termas. Seine Rituale ähneln buddhistischen, die rituelle Umkreisung erfolgt jedoch gegenläufig; Gottheiten, Ikonographien, Mythen und Mantren sind bönspezifisch.
Bön lebt heute in Tibet und Nepal fort; in Osttibet ist er weiter verbreitet, daneben gibt es Gemeinden in West- und Zentraltibet sowie unter Nomaden. Seit den 1980er Jahren wurden einige Klöster wie Yungdrung Ling wieder aufgebaut. Die Religion des Primi-Volkes in Yunnan ist eng mit tibetischem Bön verwandt.
Lehren und Meditation
Die Lehren beruhen auf umfangreichen Schriften, Kanjur und Tanjur. Ihre Grundsätze werden als dieselben wie im auf Buddha Shakyamuni zurückgehenden Buddhismus beschrieben; nach Bön-Auffassung war Buddha Shakyamuni in einem früheren Leben Schüler Shenrab Miwos. Im Yungdrung-Bön gibt es mehr als 200 Werke zu Philosophie, Heilkunde, Metaphysik und Kosmologie. Gottheiten des Alten Bön wurden als Yidam-Gottheiten, also Meditationsgottheiten, oder als Beschützer der Lehre eingebunden.
Eine wichtige Einteilung sind die „Neun Wege“, die grob den neun Fahrzeugen der Nyingma-Tradition entsprechen: Weg des Priesters der Voraussage mit Wahrsagung, Astrologie, Ritualistik und Medizin; Weg des Priesters des Visuellen zur Befriedung von Göttern und Dämonen des Diesseits; Weg des Priesters der Illusion zur Beherrschung von Feinden; Weg des Priesters der Existenz zu Erlösung und der Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt; Weg der tugendhaften Anhänger mit tugendhaftem Handeln sowie Bau und Verehrung von Stupas; Weg der Asketen mit buddhistischen und unbuddhistischen Disziplinen; Weg des reinen Schalls als höheres Tantra und Lehre der Verwandlung durch Mandalas; Weg des urzeitlichen Priesters mit Anfertigung, Meditation und Verwirklichung von Mandalas; und als höchster Weg Dzogchen, die „höchste Vollendung“. Andere Einteilungen heißen „Vier Pforten und eine Schatzkammer“ oder „fünf Schatzkammern“.
Die Unterweisungen werden auch als Sutra, Tantra und Dzogchen gegliedert. Es gibt Hinweise, dass Dzogchen bereits vor dem Buddhismus in Zhang Zhung existierte; die Dzogchen-Lehren der Nyingma gehen dagegen auf Garab Dorje aus Oddiyana zurück. Das „Zhang Zhung Nyan Gyud“, die mündlichen Unterweisungen von Zhang Zhung, gilt als älteste Überlieferung eines Dzogchen-Meditationssystems des Bön. Im Neuen Bön werden drei Meditationssysteme genannt: Zhang Zhung Snyan grud, das bis ins 8. Jahrhundert zurückreichen soll; A khrid, das auf einen Eremiten des frühen 11. Jahrhunderts zurückgeführt wird und zunächst 80, später 15 Perioden von je ein bis zwei Wochen hatte; sowie im frühen 11. Jahrhundert aufgefundene Dzogchen-Texte, die denen der Nyingma ähneln.
Rituale und mythologische Vorstellungen
Schamanen und Priester, meist außerhalb der Klöster, besänftigen Geister mit Opfergaben, treiben Dämonen aus und opfern symbolische Teigfiguren, Zeremonialkuchen, Mehl oder Butter. Bönpa glauben an magische Praktiken, die Shenrab Miwo weitergegeben haben soll. Mysterienspiele mit Maskentänzen, Gesängen und Opfergaben gehören dazu. Die Tänze heißen sTag dmar 'Cham, „Tanz des roten Tigerdämons“, und behandeln oft alte Berggottheiten Tibets; Cham-Tänze wurden vom Buddhismus übernommen. Für Besessenheitsrituale werden die Handglocke Gshang und eine Trommel verwendet. Die nur von Bön-Anhängern verwendete Gshang wird mit dem Klöppel nach oben, meist in der rechten Hand, geschüttelt.
Der vom Buddhismus übernommene Phurba-Kult verwendet Phurbas oder Phurbus, magische Dolche zur Dämonenbannung, Reinigung und zum Wetterzauber, etwa zur Hagelabwehr. Shenrab Miwo wird mit einem großen Phurba dargestellt. Zor-Rituale setzen meist teigförmige, kleine Pyramiden als magische Waffen gegen schädliche Einflüsse ein. Mdos sind Fadenkreuze aus Fäden und gekreuzten Holzstäben. In einem komplexen Ritual werden Gottheiten eingeladen, sie zu bewohnen; über Haustüren sollen sie Haus und Bewohner schützen. Später werden sie meist mit darin gefangenen Dämonen verbrannt. Amulette und Talismane aus Koralle, Türkis oder in silbernen Behältnissen werden als Glücksbringer in allen Alters- und sozialen Gruppen getragen. Schadenzauber wird schwarzen Bönpa oder Nagspa zugeschrieben.
Die Mythen behandeln Kosmogonie, Theogonie und Genealogie sowie Zauber, Exorzismus und magische Geräte. Wiederkehrende Motive sind Wohltuendes und Schädliches, Paare göttlicher oder mythischer Wesen sowie gute, böse und ambivalente Gottheiten. Heilige Grotten und Berge spielen eine Rolle. Der Kailash, auch Ti Se, ist der wichtigste Berg: Seele des Landes, Sitz der Himmelsgötter und Mittelpunkt der Welt. Er wird als riesiger kristallener Chörten oder als Palast mit vier, von Himmelsrichtungswächtern bewachten Toren gedacht. Tagzig Olmo Lungring ist ein unzerstörbares reines Land jenseits unreiner Existenz, erfüllt von ewigem Frieden und Freude; dort werden alle Erleuchteten wiedergeboren, und dort liegen Ursprung des Yungdrung-Bön und Geburt Shenrab Miwos. Schöpfungsmythen des Neuen Bön enthalten auch zurvanitische oder shivaitische Einflüsse: Aus leerer Möglichkeit entsteht ein Ur-Ei, das die Welt hervorbringt, oder ein Urwesen erschafft die Welt.
Götter und Geistwesen
Weil jede natürliche Erscheinung als beseelt gilt, umfasst das Pantheon eine große Zahl an Geistern, Göttern, Dämonen und Fabelwesen. Der Khyung ist eine Hauptschutzgottheit: ein mythischer Schlangentöter mit Stierkopf, verbunden mit Sonne und Gewitterwolken und ähnlich dem indischen Garuda. Er ist sowohl Reittier des dämonischen dMu-Königs als auch Begleiter des hohen Weltgotts Sangs po 'bum khri. Ein ihm geweihtes Tal westlich des Kailash mit einem mythischen Silberschloss erscheint als heilige Stätte in vielen Gebeten und Rezitationen.
Sangs po 'bum khri ist Himmelsgottheit und Lenker, Srid pa, des gegenwärtigen Weltzeitalters. Seine fünf Aspekte sind Körper, Rede, Verdienst, Werke und Geist. Der weiße Gott sitzt auf einem Thron, den ein weißer Khyung mit grünen Flügeln trägt, und verkörpert Erbarmen, Erlösung und Errettung. Andere Namen sind Lha chen sangs po dkar po und in Westtibet Bum khri gyal po. Palden Lhamo heißt im Bön auch Srid (pa'i) rgyalmo und gilt als Beschützerin, große Mutter und Symbol der Rhythmen von Leben und Tod. Pehar oder Pekar ist eine auch buddhistisch verehrte Orakelgottheit, Beschützer der Lehre und Wächter über Zhang Zhung.
Lha sind gutartige himmlische Wesen und verkörpern eine göttliche Macht, mit der Menschen verbunden sind. Sie können auch als Herdgott oder Gott des Innen oder Außen auftreten; Lhasa bedeutet „Ort der Lha“. bTsan leben zwischen Himmel und Erde sowie in Wäldern, Felsen, Gletschern und Schluchten. Sie erscheinen als wilde rote Jäger auf roten Pferden und gelten als Beherrscher der zahlreichen gNyan; Mythen schreiben ihnen Herzinfarkte und tödliche Krankheiten zu. gNyan symbolisieren die Mitte und befinden sich etwa in Sonne, Mond, Sternen, Wolken, Regenbogen, Wind und Felsen; sie sind außerdem mit den Himmelsrichtungen verbunden.