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Ahnenkult

Ahnenkult oder Ahnenverehrung, auch Manismus genannt (von lateinisch manes „Geister der Verstorbenen“), ist ein Kult, bei dem tote Vorfahren (Ahnen) …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und grundlegende Merkmale
  2. 2. Frühe archäologische und antike Beispiele
  3. 3. Afrika und Ostasien
  4. 4. Weitere asiatische Ausprägungen
  5. 5. Neuere und europäische Beispiele

Begriff und grundlegende Merkmale

Ahnenkult oder Ahnenverehrung, auch Manismus genannt, ist die rituelle Verehrung toter Vorfahren beziehungsweise ihrer als weiterbestehend angenommenen Geister. Verehrt werden direkte Familienvorfahren, aber auch Gründer oder Oberhäupter der Gruppe, zu der die Verehrenden gehören. Die Ahnen gelten dabei weiterhin als Mitglieder der Verwandtschaftsgruppe (Kindred) und können Heil oder Unheil bringen.

Fast immer gehören Opfergaben dazu, etwa Trank-, Speise-, Brand- oder Kleidungsopfer; in manchen Kulturen auch Menschenopfer. Die regelmäßige Opfergabe gilt als Verpflichtung, welche die Verbindung zu den Ahnen erhält. Kultische Handlungen übertragen häufig das Verhalten gegenüber lebenden Ältesten auf die Verstorbenen. Dahinter steht oft die Vorstellung, das Jenseits setze das Diesseits fort oder spiegele es.

Ahnenfiguren, Ahnenmasken und Gedenksteine können die Ahnen sichtbar darstellen. Die Verehrung soll außerdem das Wir-Gefühl stärken: Nachkommen sollen sich den Ahnen weiterhin verbunden fühlen. Sie wird vom Totenkult unterschieden, bei dem meist die Rückkehr der Toten verhindert werden soll. Ahnenkult bezieht dagegen auch seit Langem Verstorbene ein, insbesondere Gründer einer Abstammungsgruppe (Lineage), eines Familienzweigs oder eines Clans; teilweise werden mythische Ahnen verehrt.

Ahnenkult ist weltweit verbreitet, besonders bei sesshaften Feldbau treibenden Völkern, und deutlich seltener bei Jägern und Sammlern. Er findet sich unter anderem im chinesischen Volksglauben, im Konfuzianismus, im Shintō, im Hinduismus sowie in afrikanischen, afroamerikanischen, indonesischen und polynesischen Religionen. Auch römische und germanische Religionen sowie Heiligenverehrung in katholischer Kirche und Islam sind davon geprägt. Als mögliche Grundlage gelten der Glaube an ein Leben nach dem Tod und die Verstärkung des Wir-Gefühls über den Tod hinaus. Die im 19. Jahrhundert vertretene Auffassung, Manismus sei der Ursprung der Religion, gilt heute als überholt; Jack Herbert Driberg sprach der Ahnenverehrung 1936 dagegen jeden religiösen Bezug ab.

Frühe archäologische und antike Beispiele

Bestattungen im Wohnbereich sind kein sicherer Nachweis für Ahnenkult, weil sie auch andere Gründe haben können. Für die vorkeramische Neusteinzeit der Levante sind übermodellierte Schädel bekannt: In Siedlungen wie Jericho wurden Schädel Verstorbener mit Gips nachgebildet und Augen mit Muscheln imitiert. Sie standen in Ecken von Wohnräumen oder wurden unter Häusern und in Höhlen wie Nahal Hemar vergraben. Ein übermodellierter Kinderschädel aus Köşk Höyük spricht jedoch dagegen, diese Sitte allgemein als Ahnenkult zu deuten.

In Çatalhöyük in Zentraltürkei, etwa 5000 bis 2000 v. Chr., wurden Verstorbene oder Teile von ihnen unter Plattformen bestattet, die als Schlafplätze gelten. In Cladh Hallan auf South Uist in den Äußeren Hebriden gibt es Hinweise auf einen komplexen Kult am Übergang von Jungsteinzeit zur Bronzezeit: Tote wurden zunächst im Moor konserviert, teils über Jahrhunderte in Häusern aufgestellt und schließlich unter Fußböden bestattet.

Später wurden die Formen aufwendiger und abstrakter. Ägyptische Priester zeichneten königliche Ahnenreihen auf und verbanden sie mit komplizierten Riten, jährlichen Feiern und vielen Opfertieren und Opfergaben. Bei den Hellenen waren Ahnenreihen wichtig für den sozialen Status einer Familie; regelmäßige Kultdienste galten den Toten. In der römischen Republik bewahrten vornehme Familien Ahnenbilder im Atrium ihres Hauses auf. In indianischen Kulturen von Alaska bis Mittelamerika konnte Herkunft über ein Totem, also ein heiliges Tier oder eine heilige Pflanze, bestimmt werden. Dadurch wurde die Verehrung auf nichtmenschliche, mythische Vorfahren ausgeweitet.

Afrika und Ostasien

In Subsahara-Afrika gibt es eine lange Tradition, Ahnen in das spirituelle Gemeinschaftsleben einzubeziehen. Die Formen sind je nach Ethnie sehr verschieden. Wo Christentum oder Islam übernommen wurden, versuchen Gläubige häufig, die ältere Ahnenverehrung in den neuen Glauben zu integrieren, um nicht von ihren Ahnen abgeschnitten zu sein. Solche synkretistischen, also Glaubensformen verbindenden Ansätze verändern beide Kultpraktiken; sie werden teils geduldet, teils als Häresie bekämpft.

In Ostasien ist die familiäre rituelle Ahnenverehrung ein Hauptbestandteil mehrerer Volksreligionen, etwa des chinesischen Volksglaubens und des Shintō. Hausaltäre und jährliche Totengedenkfeiern gehören dazu, beispielsweise das Qingming-Fest in China und Obon in Japan. Die chinesische institutionelle Tradition beginnt in der Shang-Periode, etwa 1600–1045 v. Chr. Die Gesellschaft wurde als Bündnis von Verstorbenen und Lebenden verstanden. Di 帝 galt zugleich als Ahne des Shang-Herrschers und als Hauptgottheit; daneben verehrte man Naturgeister. Opfer für Ahnen und Naturgeister sollten in harmonischer Beziehung stehen. Orakelknochen bezeugen die Verehrung durch Adelsfamilien und Herrscher. Sie diente auch dazu, Gesellschaftsordnung und Herrscherherrschaft zu sichern; Verstorbene wurden um Rat und Schutz gebeten.

In der Zhou-Periode, etwa 1045–256 v. Chr., blieben Opfer und Ritualgefäße wichtig. Die Menschen betrachteten Houji 后稷 als Urahnen. Während der West-Zhou-Periode, etwa 1045–770 v. Chr., stand die Verehrung eigener Vorfahren im Vordergrund. In der Ost-Zhou-Periode, ca. 770–256 v. Chr., wurde daraus eine abstraktere, saisonale Verehrung aller Ahnen und Naturmächte. In der späten Kaiserzeit standen Namen verstorbener Ahnen auf Holztafeln in Ahnenhallen oder Hausaltären. Vor ihnen brachte man Opfer dar und entschied wichtige Familienangelegenheiten wie Hochzeiten. Verbindung war durch Opfer oder Orakel möglich, doch durften nur Männer die Rituale ausführen. Daher war ein männlicher Nachkomme wichtig. Auch Namenstabus für eigene und kaiserliche Ahnen gehörten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dazu.

Weitere asiatische Ausprägungen

In China entwickelte sich der Ahnenkult weiter: Der Tod wurde als Schlaf verstanden, aus dem ein Mensch wieder erwachen könne. Im Ritual des Herbeirufens der Seele bot man der verstorbenen Person Alltagsgegenstände und Nahrung an. Man nahm an, die Seelen führten ihr bisheriges Leben nach dem Tod fort; deshalb erhielten Gräber Gegenstände als Grabbeigaben. Die Han-Gräber von Mawangdui in Hunan aus der Han-Periode von 206 v. Chr. bis 220 n. Chr. sind besonders reich ausgestattet. Der damals nach China gelangte Buddhismus brachte Vorstellungen von Reinkarnation und einem Leben nach dem Tod mit. Diese wurden übernommen, verändert und an den Ahnenkult angepasst.

In Sibirien und Zentralasien spielt Ahnenkult vermutlich seit jeher eine bedeutende Rolle. In schamanistisch und animistisch geprägten Religionen der vorbuddhistischen Mongolen, Turkvölker, Tungusen und vieler paläosibirischer Völker ist er zentral und wird teilweise weiterhin ausgeübt. Trotz späterer Religionswechsel blieben zahlreiche Traditionen erhalten. Der altaische Schamanismus verbindet Ahnenverehrung und Götterglaube; entsprechend verehrte Verstorbene können selbst zu Göttern werden.

In Südostasien ehren Austronesier ihre Ahnen mit unterschiedlichen Ritualen. Thailand kennt ein Geisterfest ähnlich den Gedenkfesten in China oder Japan. In Vietnam, Thailand und Kambodscha besitzen viele Menschen Hausaltäre. In Indonesien und Malaysia wird Ahnenkult teilweise neben dem Islam als Staatsreligion praktiziert. In Polynesien galten menschliche Ahnen als reale und sehr wichtige Instanz; bei jeder bedeutsamen Entscheidung fragte man nach ihrem Einverständnis.

Im Hinduismus gilt die Verehrung männlichen Vorfahren. Söhne müssen nach dem Tod von Verwandten aus drei bis sieben Generationen und danach jährlich Speiseopfer darbringen, insbesondere Wasserspenden und Reisbällchen. Diese gelten als neuer Leib des Ahns. Die Handlungen sollen Gefahr durch den Geist des Verstorbenen abwenden und dessen Weg ins Jenseits sichern.

Neuere und europäische Beispiele

In manchen Kulturen Neuguineas besteht unmittelbarer Ahnenkult fort. Viele Papua verwenden Schädel ihrer Ahnen als Kopfstütze beim Schlafen. Der rituelle Verzehr der Asche eines Toten soll dessen vollständiges Aufgehen in der Gemeinschaft der Lebenden und seine Rettung vor dem Vergessen bewirken.

In der evangelisch-reformierten Lebensweise beschränkt sich der Umgang mit Verstorbenen weitgehend auf gelegentliche Friedhofsbesuche. Falls ein Kontakt gewünscht wird, geschieht er rein geistig und nach außen nicht sichtbar. Katholische Gläubige zünden bisweilen Kerzen für ihre Toten an, was als Brandopfer bezeichnet wird. Auch in Deutschland gibt es unkirchliche Formen der Vorfahrenverehrung mit eigenen Riten; in Adelsfamilien sind sie empirisch leichter zu beobachten.

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