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Soziale Bewegung

Structural-Strains-Ansatz · Political-Opportunity-Ansatz · Collective-Identity-Ansatz · Framing-Ansatz · Ressourcenmobilisierungsansatz · Systemtheoretischer Ansatz.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Organisation und Institutionalisierung
  3. 3. Historische und aktuelle Formen
  4. 4. Erklärungen durch Strukturen, Chancen und Ressourcen
  5. 5. Identität, Deutungsrahmen und soziale Systeme

Begriff und Bedeutung

Eine soziale Bewegung ist in den Sozialwissenschaften ein kollektiver Akteur oder ein soziales System. Sie umfasst unterschiedliche Organisationsformen und versucht mit verschiedenen Mobilisierungs- und Handlungsstrategien, gesellschaftlichen Wandel zu beschleunigen, zu verhindern oder umzukehren. Soziale Bewegungen lassen sich unter anderem nach Größe, Organisationsgrad und gewählten Strategien unterscheiden.

Idealtypisch entwickelt sich eine Bewegung in mehreren Phasen: Zunächst setzen sich Menschen mit einem Problem auseinander und machen es öffentlich zum Thema, häufig durch Ablehnung bestehender Zustände. Danach entstehen Initiativen, Gruppen und Verbände. Diese können miteinander kooperieren, Allianzen bilden oder in Konkurrenz und Gegnerschaft geraten. Es folgen demonstrative, oft symbolische Handlungen sowie konkrete direkte Aktionen. Mitunter treten charismatische Führungspersonen auf. Die Beteiligten entwickeln Alternativen und versuchen, diese im gesellschaftlichen Alltag zu verankern.

Am Ende löst sich eine Bewegung häufig langsam auf. Das kann geschehen, weil das Problem zufriedenstellend gelöst wurde, weil es allgemein als wichtig anerkannt ist oder weil andere Problemdeutungen vorherrschend geworden sind. Als antreibende Kraft einer Bewegung gelten teilweise ihre Visionen und Zukunftsvorstellungen.

Organisation und Institutionalisierung

Zu Beginn besitzen soziale Bewegungen typischerweise offene und informelle Organisationsformen. Bald entstehen jedoch festere Strukturen wie Vereine und Initiativen. Auch wenn die Bewegung später an Bedeutung verliert oder nicht mehr als relevant gilt, können diese Organisationen fortbestehen und weiterhin wirken. Dies wird gelegentlich als „Tod“ der Bewegung und als Aufgabe ihrer ursprünglichen Ziele gedeutet.

Die Veränderung bestehender und die Bildung neuer Strukturen kann innerhalb einer Bewegung Konflikte auslösen. Radikale Gruppen werfen gemäßigten Beteiligten beispielsweise Karrierismus oder Verrat vor; umgekehrt werden ihnen Utopismus oder diktatorischer Ehrgeiz vorgehalten. Beim Eintritt in die Realpolitik gehen oft Teile der ursprünglichen Zielvorstellungen verloren, weil Kompromisse geschlossen werden. Auch die für aktive Bewegungsphasen typische Vielfalt lässt sich nur schwer in dauerhafte Institutionen übertragen.

Der von Bill Moyer (1933–2002) in den USA entwickelte Movement Action Plan (MAP) beschreibt einen idealtypischen Verlauf sozialer Bewegungen mit politischen Zielen. Für Revolutionen existieren ebenfalls analytische Typisierungsversuche, mindestens seit Crane Brintons „The anatomy of revolution“ von 1938, dessen zweite Auflage 1965 erschien.

Historische und aktuelle Formen

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren in Deutschland vor allem politische Parteien, Gewerkschaften und Verbände, etwa von Kriegsheimkehrern und Vertriebenen, zentrale Protestakteure. Bei den sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen rückte seit den 1980er Jahren, ausgehend von Europa, die Identitätsproblematik in den Mittelpunkt. Protest wurde stärker mit Lebensstilen, Werten und kollektiven Identitätsmustern verbunden, die der Verteidigung oder Verbesserung individueller Lebensformen dienen.

Umstritten ist in der Protestforschung, ob nur Basisbewegungen mit emanzipatorischen und sozialen Forderungen als soziale Bewegungen gelten oder auch Bewegungen mit autoritären Zielen wie der Faschismus.

Zu wichtigen Beispielen des 19. und 20. Jahrhunderts zählen die Sklavenbefreiungsbewegung in den USA, Lateinamerika und Großbritannien, die Genossenschafts-, Arbeiter-, Jugend-, Bürgerrechts-, Frauen- und LGBT-Bewegung. Als weitere beziehungsweise neue soziale Bewegungen nennt der Artikel unter anderem die 68er-, Umwelt-, Anti-Atomkraft-, Friedens-, Hausbesetzer-, Menschenrechts-, Tierrechts-, Antiglobalisierungs- und wachstumskritische Bewegung sowie Occupy Wall Street, Podemos, #MeToo und Fridays for Future. Hinzu kommen beispielsweise internationalistische, städtische und indigene Bewegungen sowie die Landlosen-Bewegung in Brasilien.

Seit den 1990er-Jahren gelten politische Seniorenaktivitäten in Industrieländern als neuartig. Sie sollen Einkommen und Gesundheitsversorgung im wichtiger werdenden Lebensabschnitt Alter sichern. In der historischen Jesusforschung wird außerdem seit den 1970er Jahren die Jesusbewegung sozialgeschichtlich untersucht. In der Religionssoziologie ist das auf Max Weber zurückgehende Modell der charismatischen Bewegung beziehungsweise Herrschaft weit verbreitet.

Erklärungen durch Strukturen, Chancen und Ressourcen

Der Structural-Strains-Ansatz erklärt Bewegungen aus sozialstrukturellen Bedingungen. Sozialer Wandel, Modernisierungsschübe oder gesellschaftliche Spannungen können Protest auslösen. Zugleich beeinflusst die soziale Zusammensetzung einer Bewegung ihre Mobilisierungsmöglichkeiten. Besonders wichtig sind vorhandene Netzwerke, die aktiviert werden können und die Bildung einer kollektiven Identität prägen. Deshalb sind Bewegungen häufig an bestimmte soziale Milieus gebunden. Hellmann ordnet den Ansatz einer marxistischen Denkschule zu. Kritisiert wird, dass die Beziehung zwischen Sozialstruktur und Mobilisierungspotenzial unklar bleibt, konkrete Verbindungen zwischen gesellschaftlicher Makroebene und individueller Mikroebene fehlen und sich typische Herkunftsmilieus regional unterscheiden.

Der Political-Opportunity-Structure-Ansatz (POS) untersucht externe Möglichkeitsbedingungen, besonders politische Rahmenbedingungen. Entscheidend ist nicht, dass ein Protest selbst zwingend politisch ist, sondern dass Forderungen an Strukturen oder Ereignisse des politischen Systems anknüpfen. Internationale Vergleiche können zeigen, welche Bedingungen Protest und Mobilisierung begünstigen. Der Ansatz lässt sich mit anderen Theorien mittlerer Reichweite kombinieren. Seine Konzentration auf politische Gelegenheitsstrukturen wird jedoch kritisiert: Bewegungen entstehen meist durch mehrere Faktoren, und politische Ereignisse könnten vorschnell als Ausgangspunkt betrachtet werden. Außerdem fehlen teilweise Verbindungen zu sozialstrukturellen Entwicklungen, kleinräumiger Interaktion und Mikropolitik.

Der Ressourcenmobilisierungsansatz (RMA) richtet den Blick auf strukturelle Bedingungen und rationales Handeln. Bewegungsorganisationen gelten als rational handelnder „Kopf“ einer Bewegung und als Katalysator kollektiver Mobilisierung. Sie müssen personelle, immaterielle und ideelle Ressourcen beschaffen; daran kann auch der Erfolg einer Bewegung gemessen werden. Grundlage ist die Rational-Choice-Theorie: Akteure versuchen, mit möglichst geringem Aufwand beziehungsweise geringen Kosten einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen. Kritisiert werden die Vernachlässigung der Beziehungen zur Umwelt, die Überbetonung des instrumentellen Handelns, das Ausblenden individueller Biografien und die unklare Definition von Ressourcen.

Identität, Deutungsrahmen und soziale Systeme

Der Collective-Identity-Ansatz (CI) betrachtet die kollektive Identität als wichtigste Mobilisierungsressource und als Grundlage für Handlungsfähigkeit und Selbststeuerung. Eine Bewegung bildet einen kollektiven Akteur auf sachlicher, sozialer und zeitlicher Ebene. Durch die Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Die“ grenzt sie sich von ihrer Umwelt ab. Diese Identität entsteht diskursiv, etwa durch gemeinsame Geschichte, Schicksale, Legenden und Sprache, sowie praktisch durch Rituale, Symbole und Moden. Der Ansatz untersucht vor allem die Innenperspektive. Seine Schwächen sind mögliche Verallgemeinerungen, die Vernachlässigung äußerer Beziehungen und eine zu große Abhängigkeit von den Selbstdarstellungen der Bewegung.

Der Framing-Ansatz erklärt, wie ein Thema als soziales Problem definiert wird. Ein Frame ist ein Bedeutungs- oder Deutungsrahmen, der eine bestimmte Interpretation ermöglicht. Bewegungen müssen ihre Themen so rahmen, dass sie ihre eigenen Anhänger mobilisieren und in Politik und Massenmedien Resonanz finden. In der öffentlichen Arena konkurrieren sie mit anderen Akteuren um Deutungshoheit. Jeder Frame umfasst drei Spezialformen: Der diagnostic frame beschreibt und konstruiert das Problem, der prognostic frame zeigt Lösungen auf, und der motivational frame fördert Engagement und Mobilisierungsbereitschaft. Der Ansatz steht dem symbolischen Interaktionismus nahe, nach dem Bedeutungen in Interaktionen ausgehandelt werden. Kritisiert werden die starke Konzentration auf Überzeugungsarbeit und die geringe Beachtung der historischen Entstehung von Frames sowie der beteiligten Interessen.

CI- und Framing-Ansatz wurzeln im Sozialkonstruktivismus und ergänzen sich: Der eine betont das Innenleben der Bewegung, der andere ihr Verhältnis zur Umwelt. Öffentliche Aufmerksamkeit kann zugleich als Ressource im Sinne des Ressourcenmobilisierungsansatzes verstanden werden.

Der systemtheoretische Ansatz unterscheidet ein System von seiner Umwelt. Ein autopoietisches System erzeugt und beobachtet sich selbst, besitzt aber nicht alle Ursachen seiner Selbstproduktion. Soziale Bewegungen ermöglichen nach diesem Ansatz die öffentliche Artikulation von Widerspruch und wirken wie ein Immunsystem der Gesellschaft: Sie reagieren auf problematische Folgen der funktionalen Differenzierung oder schützen diese Differenzierung vor Übergriffen einzelner gesellschaftlicher Bereiche. Bewegungen entstehen dabei nicht hauptsächlich durch äußere Faktoren, sondern in einem sich selbst selektiv entwickelnden Konfliktprozess. Als grundlegende Operationen werden je nach Theorie Protest, Angstkommunikation, Mobilisierungskommunikation, Moralkommunikation oder Selbstbeschreibungen hervorgehoben. Kritisiert wird die Verengung auf Protest- und Konfliktbewegungen, wodurch etwa religiöse Bewegungen aus dem Blick geraten, sowie die bisher geringe Eignung für historische Untersuchungen früherer Bewegungen.

Insgesamt behandeln die Ansätze jeweils nur Teilaspekte; eine integrierende Theorie, die soziale Bewegungen vollständig beschreibt, fehlt. Die Bewegungsforschung untersucht politische Prozesse und ihre Akteure, soziale Voraussetzungen, die organisatorische Verfasstheit von Bewegungen und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Handelns politischer Akteure.

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