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Migrationsforschung

Nach Anfängen im 19. Jahrhundert brachten die großen Bevölkerungsbewegungen des 20. Jahrhunderts der Migrationsforschung wachsendes Interesse ein. Die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und historische Entwicklung
  2. 2. Interdisziplinäre und internationale Perspektiven
  3. 3. Kennziffern und Grenzen der Statistik
  4. 4. Makroökonomische und strukturelle Erklärungen
  5. 5. Mikroökonomische, entscheidungs- und mesoebene Modelle
  6. 6. Bedeutung und Institutionen in Deutschland

Gegenstand und historische Entwicklung

Migrationsforschung ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Arbeitsfeld. Sie untersucht dauerhafte und grenzüberschreitende Verlagerungen menschlicher Wohnorte und ist damit ein Teilbereich der Erforschung räumlicher Mobilität. Räumliche Mobilität bezeichnet jede Positionsveränderung eines Individuums zwischen verschiedenen Einheiten eines räumlichen Systems. Sie ist unabhängig von der Entfernung und der Häufigkeit einer Bewegung. Von Migration oder einem Wanderungsvorgang spricht man in der Regel, wenn eine administrative Grenze überschritten wird und die Verlagerung dauerhaft oder zumindest längerfristig angelegt ist.

Migration wurde erst seit der Hochindustrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts systematisch erforscht. Frühere Wanderungen hatten häufig wirtschaftliche, klimatische oder politische Ursachen, etwa Landknappheit, Überbevölkerung, Kriege oder religiöse Verfolgung. In der Antike und im Mittelalter waren territoriale Grenzen vergleichsweise durchlässig; Migration führte daher oft zu kultureller Hybridisierung. Händler, später auch Bildungseliten, gehörten zu besonders mobilen Gruppen. Ob Mobilität zu dauerhafter Migration wurde, hing von den Bedingungen in den Aufnahmeregionen ab.

Seit der Entstehung der Nationalstaaten und verstärkt seit der Entwicklung moderner Wohlfahrtsstaaten wurde Migration zunehmend reguliert und kontrolliert. Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es im Zuge der ersten Globalisierungswelle zu großen, meist armutsbedingten transkontinentalen Wanderungen. Politische Auswanderung nahm im Zusammenhang mit Arbeiter- und revolutionären Bewegungen zu. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurden Binnenwanderungen der Industrialisierung und internationale Migration zunächst vor allem in England, den USA und Deutschland untersucht, häufig im Interesse der Verwaltung.

Zu den frühen theoretischen Ansätzen gehören Georg Simmels Theorie des Fremdseins, Ernst Ravensteins Theorie der etappenweisen Wanderungen beziehungsweise der späteren Kettenmigration und Robert E. Parks Theorie der Randständigkeit und Segregation. Im 20. Jahrhundert lösten Kriege, neue Grenzziehungen und die Entkolonialisierung große Bevölkerungsverschiebungen aus. Trotz der These einer immer mobileren, „postmodernen vernetzten“ Welt bleiben nationale Grenzen Barrieren für den Transfer sozialen und kulturellen Kapitals, etwa von Sprache, Zertifikaten und Fähigkeiten. Seit der Zwischenkriegszeit und besonders seit der Weltwirtschaftskrise wurde Migration in wichtigen Einwanderungsländern stärker reguliert; diese Regelungen werden teilweise durch illegale Migration umgangen. Heute untersucht die Forschung unter anderem kulturelle und ethnisch-religiöse Konfliktzonen, Segregation sowie Benachteiligungen beim Bildungs- und Berufszugang.

Interdisziplinäre und internationale Perspektiven

Die Vielfalt des Gegenstands macht die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen notwendig. Seit der Jahrtausendwende entstanden zunehmend interdisziplinäre Teams, in denen unterschiedliche fachliche Perspektiven verbunden werden.

Die Archäogenetik erhielt durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und die starke Beschleunigung der DNA-Sequenzierung Anfang des 21. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Sie kann Migrationen zeitlich und räumlich rekonstruieren. Datenbasiert nachvollzogen wurde unter anderem die frühe Ausbreitung des Homo sapiens während der vergangenen 200.000 Jahre von Afrika über den Nahen Osten, Europa und Asien bis nach Australien und Amerika. Außerdem ließ sich die Migration von Menschen aus dem „Fruchtbaren Halbmond“ beziehungsweise Anatolien nachvollziehen, durch die der Ackerbau ab etwa 7.000 v. Chr. nach Europa gelangte. Die Migration von Menschen aus der pontischen Steppe, der Jamnaja-Kultur, um 2.800 v. Chr. nach Mitteleuropa beeinflusste die genetische Mixtur heutiger Europäer entscheidend.

International vergleichende Forschung wird dadurch erschwert, dass die Datengrundlagen der Länder stark voneinander abweichen. Nationale interdisziplinäre Teams helfen, die jeweiligen Datenquellen zu finden und fachgerecht zu nutzen. Netzwerke wie IMISCOE (International Migration, Integration and Social Cohesion) fördern die internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Kennziffern und Grenzen der Statistik

Der Wanderungssaldo beschreibt die Differenz zwischen Einwanderung und Auswanderung. Ein positiver Wert bedeutet, dass mehr Menschen einwandern als auswandern. Für Deutschland wurden 2017 insgesamt 1.550.721 Zuzüge aus dem Ausland und 1.134.641 Fortzüge ins Ausland registriert; daraus ergab sich ein Wanderungssaldo von +416.080.

Wichtige Kennziffern sind:

  • Wanderungsvolumen oder Bruttowanderung: Summe aller Zuzüge und Fortzüge.
  • Wanderungsbilanz oder Wanderungssaldo: Differenz aus Zu- und Fortzügen.
  • Wanderungsrate: Wanderungsvolumen bezogen auf 1.000 Einwohner.
  • Mobilitätsziffern: Wanderungsraten bestimmter Bevölkerungsgruppen, etwa jüngerer oder älterer Menschen.

Wanderungen können zusätzlich nach Reichweite, Motiven und strukturellen Merkmalen der Wandernden unterschieden werden. Vergleiche zwischen europäischen Ländern sind jedoch problematisch. Es gibt keine einheitliche Definition von „Migrant“: Manche Länder verlangen einen einjährigen Aufenthalt, andere verwenden die bei der Einreise angegebene Aufenthaltsdauer. Wieder andere unterscheiden zwischen zugewanderten Ausländern und remigrierenden früheren Staatsbürgern; Frankreich erhebt keine offizielle Immigrationsstatistik.

Die Gleichsetzung von Migranten und Ausländern ist falsch. Ausländer besitzen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele Ausländer der zweiten oder dritten Generation sind jedoch in Deutschland aufgewachsen und kennen das Herkunftsland ihrer Familie kaum oder gar nicht. Umgekehrt können Migranten deutsche Staatsbürger sein, etwa wiedereingebürgerte Spätaussiedler. Staaten mit kolonialer Vergangenheit, beispielsweise Frankreich oder Großbritannien, bürgern viele Einwanderer aus ehemaligen Kolonien ein und erfassen sie daher nicht in der Ausländerstatistik.

Absolute Zuwanderungszahlen sind nur eingeschränkt aussagekräftig; sinnvoller ist oft der Bezug zur Wohnbevölkerung. Einwanderungszahlen zeigen weder automatisch den Bestand der ausländischen Bevölkerung noch ein Bevölkerungswachstum. Dafür müssen auch Fortzüge, der Wanderungssaldo sowie Geburten- und Sterberaten berücksichtigt werden. Zudem unterscheiden Statistiken zwischen EU-Bürgern und Menschen aus Nichtmitgliedstaaten. Illegale Migration wird besonders in Südeuropa wegen schwer kontrollierbarer Seegrenzen als tendenziell höher eingeschätzt, ist aber statistisch unterrepräsentiert.

Makroökonomische und strukturelle Erklärungen

Erklärungsmodelle verlagerten ihren Schwerpunkt von staatlichen und zusammenfassenden Betrachtungen hin zu individuellen Handlungen und Unterschieden nach Gender, Ethnie, Klasse und Alter. Ernst Ravenstein zeigte 1885 anhand britischer Binnenwanderungsdaten, dass Wanderungen Regeln folgen. Seine später formulierten Wanderungsgesetze besagen sinngemäß: Die meisten Wanderungen gehen über kurze Distanzen; längere Wanderungen erfolgen oft etappenweise; große Industrie- und Hafenstädte werden bevorzugt; Wanderungsströme haben gegenläufige Komponenten; die Landbevölkerung ist überrepräsentiert; Frauen wandern eher kürzer, Männer eher weiter; die meisten Migranten sind alleinstehend; das Städtewachstum beruht stärker auf Wanderungsgewinnen als auf natürlicher Bevölkerungsbewegung; das Wanderungsvolumen steigt mit industrieller und verkehrstechnischer Entwicklung; und meist sind ökonomische Gründe ausschlaggebend. Zelinskis Modell des Mobilitätsübergangs von 1971 verbindet das Mobilitätsverhalten mit dem sozioökonomischen Entwicklungsstand und unterscheidet in Analogie zum demografischen Übergang fünf Entwicklungsphasen.

Gravitationsmodelle übertragen die Idee des physikalischen Gravitationsgesetzes auf Migration. Das einfache Distanzmodell lautet: Fᵢⱼ = k/dᵢⱼᵇ. F ist die Wanderungsrate zwischen den Orten i und j, d ihre Distanz, k eine empirisch ermittelte Konstante, meist 1, und b ein Distanzexponent, meist 2. Bei k = 1 und b = 2 sinkt ein gegebenes Wanderungsvolumen bei einer Verdoppelung der Entfernung auf ein Viertel. Das Modell beschreibt den Einfluss der Entfernung, erklärt aber keine Motive. Das erweiterte Modell lautet: Fᵢⱼ = k × (Mᵢ × Mⱼ/dᵢⱼᵇ). Mᵢ und Mⱼ sind die „Massen“ der Herkunfts- und Zielorte, meist ihre Bevölkerungszahlen. Haggett schlug vor, die Masse als Produkt aus Bevölkerungszahl und Durchschnittseinkommen zu bestimmen. Gravitationsmodelle überschätzen häufig Wanderungsvolumen bei kurzen Distanzen und berücksichtigen weder individuelle Motive noch intervenierende Hindernisse oder Gelegenheiten.

Makroökonomische Modelle betonen außerdem Lohnunterschiede, Arbeitslosigkeit und Beschäftigung. Arbeitskräfte wandern demnach von Regionen mit niedrigen Löhnen in Regionen mit höheren Löhnen; langfristig soll sich das Lohnniveau angleichen. I. S. Lowry erweiterte den Ansatz um wirtschaftliche Kennziffern. Ein hoher Lohn zieht zwar nachweislich Zuwanderung an, aber niedrige Löhne führen nicht automatisch zu hoher Abwanderung. Nach Saskia Sassen können komplexe soziale Faktoren Wanderung unberechenbar machen. Michael Vogler untersuchte Wanderungsströme in 86 Ländern über 15 Jahre und kam zu dem Ergebnis, dass Migration häufig erst bei einem bestimmten Entwicklungsstand einsetzt, bei wachsendem Wohlstand zunächst zunimmt und ab einem höheren Wohlstand wieder abflacht. Oft führt der Weg zuerst vom Land in die Stadt und später ins Ausland.

Das Push-and-Pull-Modell vergleicht Druckfaktoren im Herkunftsland, etwa Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Armut, mit Sogfaktoren im Zielland, etwa Arbeitsplätze, höhere Gehälter und soziale Sicherheit. Berichte über das Zielland sowie Erfahrungen bereits Ausgewanderter können Gruppenmigration fördern. Das Modell ist jedoch kein eigenständiger theoretischer Ansatz; seine Aussagen über individuelle Faktoren bleiben hypothetisch. Ein Beispiel sind Migrationen von Mexiko in die USA: Push-Faktoren waren unter anderem ein prekärer Arbeitsmarkt, niedrige Löhne, ein mangelhaftes Bildungs- und Gesundheitssystem und politische Unsicherheit; Pull-Faktoren waren bessere Versorgung, sichere Arbeitsplätze, höhere Löhne, bessere Bildungs- und Gesundheitschancen, sozialer Aufstieg und bessere Perspektiven für Kinder.

Michael Piore erklärt die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Zuwanderung durch die dauerhafte Nachfrage der Industriegesellschaften nach gering qualifizierten Arbeitskräften. Migranten seien häufig „target earner“, die auf ein bestimmtes monetäres Ziel hinarbeiten und keinen höheren Status anstreben. Das erklärt jedoch weder ihren langfristigen Verbleib noch ihren sozialen Aufstieg. George J. Borjas (1999) stellte für die USA seit den 1960er Jahren ein sinkendes Qualifikationsniveau und wachsende Einkommensungleichheit im Zusammenhang mit Migration fest; der Migrationsanreiz werde auch durch wohlfahrtsstaatliche Leistungen aufrechterhalten.

Die Migrationssystemtheorie von Akin Mabogunje sowie Mary Kriz, Lin Leam Lim und Hania Slotnik grenzt Sozialräume und Subsysteme ab, die durch gemeinsame Herkunfts- und Zielbeziehungen oder intensive Binnenmigration verbunden sind. Beispiele sind Migration aus früheren Kolonien nach Frankreich oder Großbritannien, aus der Türkei, Osteuropa und dem Balkan nach Deutschland, aus Lateinamerika, Marokko und Rumänien nach Spanien sowie starke Binnenmigration innerhalb Skandinaviens.

Mikroökonomische, entscheidungs- und mesoebene Modelle

Mikroökonomische Modelle untersuchen die Migrationsentscheidung einzelner Akteure. Sie nehmen internationale Lohnunterschiede als gegeben an und erklären die Migrationswahrscheinlichkeit durch die individuelle Chance auf einen Arbeitsplatz, das erwartete Einkommen und die Migrationskosten. Das neoklassische Harris-Todaro-Modell von 1970 nimmt unter anderem an, dass Migration endet, wenn sich die Löhne zweier Regionen angleichen. Viele mikrotheoretische Modelle übersehen jedoch, dass Migration häufig von Haushalten oder Großfamilien beschlossen wird.

Everett S. Lee individualisierte 1972 das Push-and-Pull-Paradigma. Seine individualisierte Sogtheorie unterscheidet vier gleichzeitig wirksame Schichten: Merkmale der Herkunftsregion, Faktoren des Zielgebiets, Blockadefaktoren und individuelle Parameter. Zu den Gebietsmerkmalen gehören neben Löhnen und Arbeitslosenquoten auch Klima, Wohnqualität, öffentliche Sicherheit, Bildungszugang und medizinische Versorgung. Blockaden können beispielsweise die Berliner Mauer oder eine restriktive Einwanderungsgesetzgebung sein. Individuelle Parameter sind unter anderem Geschlecht, Alter, Bildungsstand, Beruf, ethnische Herkunft und die persönliche Wahrnehmung der übrigen Faktoren. Da jede Person diese Merkmale anders bewertet, lässt sich das Modell nicht in eine allgemeingültige Formel überführen.

Lowrys Modell von 1966 lautet: Mᵢ→ⱼ = k · (Uᵢ/Uⱼ) · (Wⱼ/Wᵢ) · (Lᵢ·Lⱼ/Dᵢⱼ) + eᵢⱼ. M bezeichnet die Zahl der Migranten von i nach j, U die Arbeitslosenquoten, W die Lohnniveaus, L die Personen im nichtlandwirtschaftlichen Bereich, D die Entfernung und e den Fehlerterm. Die Zahl der Wanderungswilligen steigt dem Modell zufolge bei mehr Arbeitslosen, höherer Beschäftigung und unattraktiveren Löhnen in i sowie bei geringerer Entfernung.

Das Humankapitalmodell von L. A. Sjaastad aus dem Jahr 1962 versteht Migration als persönliche Investition. Menschen betrachten ihre Qualifikationen, Fähigkeiten und sonstigen Eigenschaften als Humankapital und wollen sie gewinnbringend einsetzen. Monetäre Kosten entstehen etwa durch Umzug oder lange Anfahrtswege; nichtmonetäre Kosten durch den Verzicht auf Familie und Freundeskreis. Monetäre Erträge können höhere Löhne sein, nichtmonetäre Erträge etwa ein besseres Klima. Auch erwartete spätere Aufstiegschancen werden berücksichtigt. Die Bilanz lautet: Σ von j = 1 bis N [(Yd,j − Yo,j)/(1+r)ʲ] − T. Yd,j und Yo,j sind die Einkünfte in Ziel- beziehungsweise Herkunftsregion, T die Migrationskosten, N die Zahl der Jahre bis zum erwarteten Vorteil und r die Abzinsungsrate. Gemeint sind subjektiv eingeschätzte erwartete Einkünfte. Migration wird wahrscheinlicher bei höherem Lohn in der Zielregion, mehr verbleibender Erwerbszeit und geringeren Kosten.

Borjas verfeinerte das Modell durch unterschiedliche Bewertungen sichtbarer und weniger sichtbarer Merkmale in Herkunfts- und Zielland. Borjas zufolge investierten jüngere Einwandererkohorten in die USA weniger in Sprache und Ausbildung und erzielten geringere Einkommen. Chiswick bestreitet diese Erklärung: Die sinkende „Qualität“ beruhe vielmehr auf der geringeren Übertragbarkeit der Fähigkeiten von Zuwanderern aus kulturell weiter entfernten Ländern. Unabhängig davon kann der Grenznutzen zusätzlicher Humankapitalinvestitionen bei steigenden Einwanderungszahlen sinken. Barry Chiswick nahm an, dass sich Migration vor allem für hoch qualifizierte und hoch motivierte Menschen lohnt, die erst nach etwa 10 bis 15 Jahren das Durchschnittseinkommen der einheimischen Bevölkerung erreichen. Bei einem Pro-Kopf-Einkommen von durchschnittlich vielleicht 20.000 US-Dollar könne Abwanderung nach zunächst steigenden Zahlen wieder abnehmen. Bodvarson und Van den Berg versuchten, diese Theorien zusammenzuführen.

Die Werterwartungstheorie (Subjective Expected Utility, SEU) verbindet subjektive Wahrnehmungen mit sozioökonomischen Faktoren. Sie lautet: SEU(i) = Σ pᵢⱼ · Uⱼ. Der subjektive erwartete Gesamtnutzen einer Handlung ergibt sich aus den subjektiven Nutzenwerten verschiedener Ziele, multipliziert mit den erwarteten Wahrscheinlichkeiten, dass diese Nutzen eintreten. Gewählt wird die Handlung mit dem höchsten SEU; liegt dieser über dem Nutzen der Sesshaftigkeit, wird migriert. Das Modell berücksichtigt jedoch nur Einzelpersonen und erklärt gemeinsame Haushaltsentscheidungen nur unvollständig, da die Interessen der Beteiligten, etwa die Karrieren beider Partner, widersprechen können.

Entscheidungstheoretische Modelle bilden Informationsgewinnung und -bewertung probabilistisch ab. Stressoren können aus den Bereichen Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Bildung und Erholung stammen. Vier Reaktionen sind möglich: Anpassung durch eine höhere Toleranzgrenze, aktive Veränderung der Stressoren, Suche nach einem neuen Wohnort oder die grundsätzliche Entscheidung für einen Wechsel, der erst bei einer günstigen Gelegenheit vollzogen wird. Auch unterschiedliche Risikoneigungen können einbezogen werden.

Auf der Mesoebene steht in Odet Starks New Economy of Labour Migration von 1991 nicht das Individuum, sondern die Familie im Mittelpunkt. Migration kann der Risikostreuung oder als Ersatz für fehlende Kredite dienen, etwa zur Finanzierung einer Unternehmensgründung, und ist auch ohne Lohndifferenzial sinnvoll. Netzwerke bereits Migrierter senken Risiken und fördern Kettenmigration, bei der die Migration eines Akteurs weitere Verwandte oder Bekannte nach sich zieht. Zugleich können in solchen Netzwerken Konflikte um Akzeptanz, Status, Machtverteilung und Geschlechterrollen entstehen.

Bedeutung und Institutionen in Deutschland

Migration verändert Bevölkerungen kurzfristiger als natürliche Bevölkerungsbewegungen. In frühindustrialisierten Ländern bestimmen Wanderungsvorgänge derzeit weit überwiegend die Bevölkerungsbewegung insgesamt. Ihre Bedeutung wächst angesichts des Wohlstandsgefälles zwischen hochentwickelten Industrienationen und Entwicklungsländern, weltweit steigender Bevölkerungszahlen und zahlreicher kriegerischer Konflikte. Erklärungs- und Prognosemodelle sind deshalb auch für politische Handlungsfelder, etwa das Zuwanderungsgesetz, relevant.

Zu den Institutionen der Migrationsforschung in Deutschland gehören das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung mit Naika Foroutan und Frank Kalter als Direktoren seit 2017, das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück sowie das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Weitere Einrichtungen sind das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung, das Institut für Regional- und Migrationsforschung in Trier, das Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) und das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin. Das europäische forum für migrationsstudien (efms) an der Universität Bamberg bestand bis 2019.

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