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Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen

An den Ausschreitungen beteiligten sich mehrere hundert teilweise rechtsextreme Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Ereignis und Bedeutung
  2. 2. Vorgeschichte und Situation vor Ort
  3. 3. Verlauf vom 22. bis 25. August
  4. 4. Ursachen und Kritik am Handeln von Staat und Medien
  5. 5. Folgen, Asylpolitik und juristische Aufarbeitung
  6. 6. Öffentliche Reaktionen und Erinnerung

Ereignis und Bedeutung

Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen dauerten vom 22. bis 26. August 1992. Sie richteten sich gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und gegen ein Wohnheim vietnamesischer ehemaliger Vertragsarbeiter im „Sonnenblumenhaus“ in der Mecklenburger Allee. Sie gelten als die massivsten rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Angriffe in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und werden auch als Pogrom bezeichnet.

Mehrere hundert, teilweise rechtsextreme Randalierer griffen die Gebäude an. Bis zu 3000 Zuschauer klatschten Beifall und behinderten Polizei und Feuerwehr. Besonders folgenreich war der 24. August: Die ZAst war bereits geräumt, im benachbarten Wohnheim befanden sich aber noch 115 Vietnamesen, darunter Kinder, Babys und zwei hochschwangere Frauen, sowie ein ZDF-Team. Das Wohnheim wurde mit Molotowcocktails in Brand gesetzt; die Polizei zog sich zeitweise zurück. Die Eingeschlossenen mussten sich selbst retten.

Die Ereignisse standen im Zusammenhang mit der scharfen Asyl- und Ausländerdebatte der frühen 1990er Jahre sowie einer Zunahme rassistischer Gewalt. Politik und Medien wurden dafür kritisiert, durch ihre Darstellung von Asyl und Migration eine ausländerfeindliche Stimmung verstärkt zu haben.

Vorgeschichte und Situation vor Ort

1992 erreichte die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland mit über 440.000 einen vorläufigen Höchststand; die Anerkennungsquote lag bei 4,3 Prozent. CDU und CSU führten seit 1986 Kampagnen gegen „Asylbetrug“ und Wirtschaftsflüchtlinge. Nach der Wiedervereinigung, der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“, dem Bürgerkrieg in Jugoslawien sowie sozialen und wirtschaftlichen Problemen stieg die Zahl der Flüchtlinge stark. Zwischen Juni 1991 und Juli 1993 nannten Befragte Asyl und Ausländer als dringendste Probleme, noch vor deutscher Vereinigung und Arbeitslosigkeit.

Rassistische Angriffe hatten bereits deutlich zugenommen. Die Ausschreitungen in Hoyerswerda vom 17. bis 23. September 1991, bei denen Wohnheime von Vertragsarbeitern und Flüchtlingen angegriffen wurden, gelten als wichtiger Vorläufer. In Mecklenburg-Vorpommern wurden 1992 insgesamt 207 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten registriert. Auch in Rostock-Schmarl waren 1991 Asylbewerberheime und ein Wohnheim rumänischer Monteure angegriffen worden.

Die ZAst lag in einem elfgeschossigen Plattenbau in Rostock-Lichtenhagen. Aufgänge 18 und 19 hießen wegen der Fassade „Sonnenblumenhaus“; in Nr. 18 war seit Ende 1990 die ZAst, in Nr. 19 lebten vietnamesische ehemalige Vertragsarbeiter. Die ZAst hatte nur 250 bis 300 Betten, täglich kamen jedoch 50 bis 80 Menschen an. Bis zu 300 Personen, überwiegend Roma aus Rumänien, kampierten deshalb vor dem Gebäude. Warnungen des UNHCR, des Gesundheitsamts, örtlicher Politiker und Anwohner vor den unhaltbaren Zuständen und möglichen Übergriffen blieben ohne ausreichende Folgen. Die geplante Verlegung der ZAst war mehrfach verschoben worden.

Vor dem Wochenende hatten rechtsextreme und andere Gruppen zu Aktionen aufgerufen; Zeitungen berichteten über Ultimaten und Gewaltandrohungen. Dennoch wurde keine vorsorgliche Räumung vorgenommen. Viele politisch und polizeilich verantwortliche Führungskräfte waren am Wochenende nicht in Rostock oder Schwerin.

Verlauf vom 22. bis 25. August

Am Samstag, 22. August, versammelten sich bis zu 2000 Menschen vor der ZAst. Etwa 200 Jugendliche und Erwachsene warfen Betonplatten gegen das Haus, zerstörten Fenster bis zur sechsten Etage und setzten früh einen Molotowcocktail ein. Es wurden unter anderem „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ und „Sieg Heil!“ gerufen. Anfangs erschienen nur 30 Polizisten; sie wurden angegriffen. Erst gegen zwei Uhr am Sonntag trafen Wasserwerfer ein. Insgesamt waren zuletzt 160 Polizisten eingesetzt, 13 wurden verletzt. Die Polizei schätzte 300 bis 400 gewalttätige Störer und 1000 unterstützende Zuschauer.

Am Sonntag, 23. August, reisten Rechtsextremisten aus dem gesamten Bundesgebiet an. Rund 200 Jugendliche griffen am Nachmittag Vorder- und Rückseite des Hauses an; erstmals wurde auch das Wohnheim der Vietnamesen gestürmt. Die Polizei drängte die Angreifer zunächst zurück, wurde aber mit Steinen, Molotowcocktails, Leuchtraketen und Signalmunition angegriffen. In der Nacht waren meist etwa 350 Polizisten gegen 800 bis 1000 Gewalttäter und bis zu 2000 Schaulustige im Einsatz. 74 Beamte wurden verletzt. Viele der Festnahmen betrafen auch linksgerichtete antifaschistische Jugendliche, die eine Solidaritätsdemonstration durchführen wollten.

Am Montag, 24. August, herrschte vor dem Haus zunächst Volksfeststimmung. Bis 15 Uhr wurde die ZAst evakuiert. Das Wohnheim mit den Vietnamesen wurde jedoch nicht geräumt. Zusätzliche Kräfte standen nicht ausreichend zur Verfügung; Hamburger Polizeikräfte wurden abgezogen. Gegen 21:25 Uhr war das Sonnenblumenhaus nicht mehr polizeilich geschützt. Angreifer warfen Steine und Molotowcocktails, drangen ein und zündeten die unteren Etagen an. Die Feuerwehr konnte wegen der Angreifer und Zuschauer zunächst nicht zum Haus gelangen. Erst um 22:58 Uhr erreichte sie das Wohnheim; um 23:47 Uhr war das Feuer in den unteren Etagen gelöscht.

Die Eingeschlossenen brachen Türen auf, flohen teils über das Dach in einen anderen Aufgang und wurden gegen 23:30 Uhr unter Polizeischutz zu Bussen gebracht. Die Polizei schätzte für diesen Abend 1000 Gewalttäter und rund 3000, teils unterstützende Zuschauer. Am Dienstag, 25. August, beteiligten sich noch etwa 1000 bis 1200 Personen an Angriffen gegen die Polizei; 65 Polizisten wurden verletzt.

Ursachen und Kritik am Handeln von Staat und Medien

Der Polizeieinsatz wurde wegen mangelnder Ausrüstung, verspäteter Verstärkung und unklarer Führung stark kritisiert. Schutzausrüstung blieb in Schwerin, Wasserwerfer mussten mehrfach mit Verzögerung zurückgeholt werden. Der Einsatzleiter Jürgen Deckert hatte keine Erfahrung mit Großeinsätzen und war bis Dienstagabend insgesamt 66 Stunden ohne Ablösung im Dienst. Besonders gravierend war der Rückzug am Montagabend, durch den das Wohnheim ungeschützt blieb und die Feuerwehr lange nicht eingreifen konnte.

Der Politik wurde erstens „verbale Brandstiftung“ vorgeworfen: Die zugespitzte Asyldebatte habe Fremdenfeindlichkeit gefördert. Zweitens wurde kritisiert, dass Verantwortliche nicht rechtzeitig handelten oder Verantwortung ablehnten. Drittens formulierte der Journalist Jochen Schmidt die These, die Eskalation könne bewusst zugelassen worden sein, um die SPD zu einer Einschränkung des Asylrechts zu bewegen. Dies bleibt eine im Artikel dargestellte und umstrittene These, keine festgestellte Tatsache.

Medien wurden kritisiert, weil sie Gewaltandrohungen ohne Einordnung veröffentlichten, die Perspektive der Betroffenen selten zeigten und durch dauernde Berichterstattung Mobilisierung und Selbstdarstellung der Täter erleichtert hätten. Zur gesellschaftlichen Lage gehörten antiziganistische Vorurteile gegenüber Roma, Alltagsrassismus gegen Vietnamesen, Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit nach 1989. In Rostock waren 1992 40.000 Menschen arbeitslos. Als weitere Erklärung wird die Deutung als „konformistische Revolte“ genannt: Gewalt richtete sich gegen Minderheiten, während Täter sich durch vermutete Zustimmung von Teilen der Gesellschaft und staatliche Passivität ermutigt fühlten.

Folgen, Asylpolitik und juristische Aufarbeitung

Die Vietnamesen wurden nach ihrer Selbstrettung zunächst in eine Turnhalle in Marienehe und später in ein Landschulheim in Niex gebracht. Eine angeordnete Rückkehr ins Sonnenblumenhaus wurde nach Protesten zunächst verhindert. Die ZAst wurde geschlossen und in eine ehemalige Kaserne in Nostorf bei Boizenburg/Elbe verlegt. Kritiker bewerteten dies als fatales Signal, weil die Täter ihre Forderung nach einer Räumung scheinbar durchgesetzt hatten.

Die deutschen Nachbarn erhielten einen Monat mietfreies Wohnen. Die Angegriffenen erhielten laut Artikel weder Ersatz für beschädigte Gegenstände noch Entschädigung für das erlittene Unrecht oder die Evakuierung, auch keine offizielle Entschuldigung. Die meisten vietnamesischen Betroffenen wurden später abgeschoben.

Noch während der Ausschreitungen änderte die SPD mit der Petersberger Wende ihre Position. Am 6. Dezember 1992 beschloss der Bundestag mit den Stimmen von CDU, CSU, FDP und SPD den Asylkompromiss. Die Änderung des Grundgesetzes, nun Art. 16a GG, und des Asylverfahrensgesetzes schränkten die Berufung auf das Grundrecht auf Asyl ein; die Reform trat im Juni 1993 in Kraft. Die Zahl der Asylanträge sank von 438.191 im Jahr 1992 auf 322.599 im Jahr 1993 und 127.210 im Jahr 1994.

Untersuchungsausschüsse der Rostocker Bürgerschaft und des Schweriner Landtags arbeiteten die Ereignisse auf, ihre Ergebnisse wurden aber als unzureichend kritisiert. Oberbürgermeister Klaus Kilimann trat im November 1993 zurück, Innenminister Lothar Kupfer wurde am 11. Februar 1993 entlassen. Es gab 370 vorläufige Festnahmen und 408 Ermittlungsverfahren. Von 257 eröffneten Verfahren vor dem Landgericht Rostock wurden die meisten eingestellt. 40 Jugendliche wurden 1993/94 meist zu Geld- oder Bewährungsstrafen verurteilt. Die letzten drei Urteile fielen zehn Jahre später: 12 bis 18 Monate Jugendhaft auf Bewährung, obwohl erstmals auch wegen versuchten Mordes verurteilt wurde. Viele Taten waren inzwischen verjährt.

Öffentliche Reaktionen und Erinnerung

Nach den Ausschreitungen kam es zu Gegenprotesten: Am 25. August demonstrierten 800 Menschen in Rostock, zwei Tage später nahmen 3000 an einem Schweigemarsch unter dem Motto „Zündet Kerzen an und keine Häuser!“ teil. Am 29. August demonstrierten rund 15.000 Menschen bundesweit mobilisiert unter dem Motto „Stoppt die Pogrome“ in Rostock. Zugleich folgten weitere Angriffe auf Asylbewerberheime in Mecklenburg-Vorpommern und anderen Orten.

In Umfragen sank zwischen Oktober 1992 und Januar 1993 der Anteil der Menschen mit Verständnis für Gewalt gegen Asylbewerber: in Ostdeutschland von 17 auf 8 Prozent, in Westdeutschland von 12 auf 5 Prozent. In Rostock gründeten Vietnamesen im Oktober 1992 den Verein Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach; außerdem entstand das Aktionsbündnis „Bunt statt Braun“.

Die Erinnerung an das Pogrom wurde lange als unzureichend beschrieben, insbesondere weil Opferperspektiven, darunter jene vietnamesischer Menschen sowie Roma, zu wenig vorkamen. Zum 20. Jahrestag 2012 fanden unter dem Motto „Lichtenhagen bewegt sich“ zahlreiche Veranstaltungen statt. 2022 demonstrierten zum 30. Jahrestag nach Polizeiangaben etwa 3600, nach Angaben der Organisatoren bis zu 5000 Menschen gegen Rassismus und für eine stärkere Aufarbeitung.

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