Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Aus dem Leben eines Taugenichts
Aus dem Leben eines Taugenichts ist eine Novelle von Joseph von Eichendorff. Sie wurde 1822/23 fertiggestellt und 1826 erstmals vollständig veröffentlicht, …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick
„Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist eine Novelle von Joseph von Eichendorff. Sie wurde 1822/23 fertiggestellt und 1826 erstmals vollständig veröffentlicht (Erstdruck 1826); 1823 waren bereits Auszüge in den „Deutschen Blättern“ erschienen. Das Werk gilt als Höhepunkt der deutschen Spätromantik. Eichendorff verwendet eine offene Form und reichert den epischen Text mit lyrischen Elementen an, indem er zahlreiche Gedichte und Lieder einbaut, z. B. „Der frohe Wandersmann“ („Wem Gott will rechte Gunst erweisen“). Die Novelle erzählt, wie ein junger Müllersohn dank einer Kette von unwahrscheinlichen Zufällen der Flucht aus dem bürgerlichen Arbeitsleben gelingt und er in die Welt des Adels aufgenommen wird – ein typisches Beispiel der als weltfremd geltenden Romantik.
Inhalt
Ein Müller schimpft seinen Sohn einen Taugenichts, weil dieser ihn die ganze Arbeit allein machen lässt, und schickt ihn hinaus in die weite Welt. Fröhlich nimmt der Sohn seine Geige und verlässt sein Dorf ohne klares Ziel. Bald nimmt ihn eine Kutsche mit zwei Damen mit auf ihr Schloss nahe Wien, wo er als Gärtnerbursche eingestellt wird. Er verliebt sich in die jüngere der beiden Damen und wird zum Zolleinnehmer befördert. Aus dem Zollgarten entfernt er die Kartoffeln und pflanzt Blumen an, die er seiner Angebeteten hinterlegt. Er will Geld sparen, um „es mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen“. Als er seine „allerschönste Frau“ mit einem Offizier auf einem Balkon sieht und sie unerreichbar erscheint, verlässt er das Schloss und wandert „gen Italien“ (vgl. Grand Tour). In einem Wirtshaus spielt er zum Tanz auf; ein Mädchen, dessen Vater reich ist, möchte ihn als Berufsmusiker in der Gegend behalten – er lehnt ab, da er weiter in die Gesellschaft des Adels aufgenommen werden will. Nachts treffen zwei vermeintliche Räuber auf, die sich als die Maler Leonhard und Guido ausgeben und ihn zum Dorf B. begleiten lassen. Zu dritt reisen sie Tag und Nacht nach Italien, bis der Taugenichts eines Morgens nur ein leeres Zimmer und einen für ihn bestimmten vollen Geldbeutel findet. Er reist allein weiter und gelangt an ein Schloss, wo er von einer alten Frau und einem hageren Mann prächtig bewirtet wird. Dort erhält er einen Brief seiner Aurelie, die ihn bittet zurückzukehren, da „alle Hindernisse beseitigt“ seien. Dieser Brief ist der Schlüssel zur ganzen Novelle: Er stammt zwar von Aurelie, ist aber kein Liebesbrief an den Einnehmer, sondern ein Freundschaftsbrief von Frau zu Frau – was erst ganz am Schluss deutlich wird. Überglücklich bricht der Taugenichts auf und gelangt nach Rom. Ein junger Landsmann, der sich als Maler vorstellt, nimmt ihn mit; der Taugenichts erkennt dort Bilder von Leonardo da Vinci und Guido Reni und behauptet stolz, er reise mit ihnen „Tag und Nacht“. Er sucht vergeblich die weiße Gestalt, die er nachts gesehen zu haben meint. Eine Kammerjungfer steckt ihm eine Einladung zu einem Treffen mit der schönen jungen Gräfin zu; beim Rendezvous stürzt er auf eine Gestalt im Mantel des Malers, stolpert über Blumen und erkennt: Es ist nur die Kammerjungfer. Das Fräulein selbst entpuppt sich als fremde korpulente Dame. Traurig reist er zurück nach Deutschland, trifft drei Prager Studenten, die sich mit Blasmusik Geld verdienen, und erkennt im Bericht eines Studenten über seinen Vetter, der Portier auf einem Schloss unweit von Wien sei und Fagott spiele, das vertraute Schloss. Gemeinsam fahren sie per Postschiff auf der Donau nach Wien. Im herrschaftlichen Garten entdeckt der Taugenichts eine junge Frau mit Gitarre und seine geliebte Aurelie. Leonhard klärt alles auf: Er selbst ist der Graf des Schlosses, Herr Guido in Wahrheit Flora, seine Geliebte. Deren Mutter hatte die Liebe nicht gebilligt, weil es einen anderen einflussreichen Bewerber gab; deshalb flüchteten sie als Maler verkleidet nach Italien, wurden verfolgt und ließen den Taugenichts, gleichsam als verkleidete Flora, allein weiterreisen. Aurelie ist gar keine Adelige, sondern ein Waisenkind, das vom Portier (ihrem Onkel) aufs Schloss gebracht und von der Gräfin als Pflegetochter angenommen wurde. So heiraten der Graf seine Flora und der Taugenichts seine Aurelie, die als Hochzeitsgeschenk ein kleines weißes Schlösschen samt Garten und Weinbergen bekommen.
Deutung
Die Personen lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die Romantiker und (Lebens-)Künstler blicken optimistisch in die Zukunft, streben nach Individualität und Freiheit und distanzieren sich von den Verhaltensmustern der arbeitenden bürgerlichen Gesellschaft. Zu ihnen zählen alle musikalischen Figuren: der singende und geigende Taugenichts, das schöne Fräulein mit der Gitarre, der Hirte mit seiner Schalmei, das als Kunstmaler verkleidete flüchtige Liebespaar und die Oboe, Klarinette bzw. Waldhorn blasenden Studenten. Die Philister fristen ein bodenständiges, eintöniges und pedantisches Spießbürgerdasein und halten den „Faulpelzen“ Moralpredigten: Gärtner, Portier, Bauer, der neue Zolleinnehmer und vor allem der Vater des Taugenichts. Eichendorff bemüht sich um die Versöhnung von Poesie und Leben, indem er beide Seiten entschärft: Die Realität erscheint schwerelos, teils karikiert, teils zur permanenten Sonntäglichkeit verklärt; die Subjektivität wird reduziert auf die gesicherte Unbewusstheit eines naiven Märchenhelden, der sich selten entscheiden muss, dem alles Wesentliche ohne sein Zutun begegnet und der die wichtigsten Lebensstationen mehr oder weniger verschläft. War Goethes Italienische Reise bewusstes Schauen und Sich-Bilden, so handelt es sich bei Eichendorff in ironischer Wendung gegen Goethe um ein programmatisches Nicht-Schauen, Nicht-Wahrnehmen – eine enorme Schlaftrunkenheit, die der sonnenhaften Wachheit des Klassikers spottet. Zur leitmotivischen Figur dieser Versöhnung wird der Portier mit seinen wohlmeinenden Lebensweisheiten, der am Ende Recht behält und das junge Liebespaar sogar auf die Hochzeitsreise begleiten soll. Eine Beschreibung des Aussehens des Taugenichts gibt es nicht; nur seine meist unpassende Kleidung wird gelegentlich erwähnt. Außer dem Geigenspiel hat er nichts gelernt, was zum Broterwerb taugt – seine Zollstelle verdankt er eher seinem einnehmenden Wesen als buchhalterischen Fähigkeiten. Als typischer Romantiker hält es ihn nie lange an einem Ort: Daheim treibt ihn das Fernweh, in der Ferne das Heimweh. Die Natur spiegelt oft seine seelische Verfassung; das Rauschen der Wälder, der Vogelgesang und die Stille der Nacht begleiten ihn leitmotivisch auf seinen Wanderungen.
Erzählweise
Das Geschehen wird aus der Ich-Perspektive geschildert. Der autodiegetische Erzähler ist Teil der dargestellten Wirklichkeit und erlebt das Geschehen mit. Der Leser ist auf seine subjektive Darstellung angewiesen, wodurch ein Gefühl der Verbundenheit mit dem erzählenden Ich entsteht. Eichendorff lockert die epische Form durch lyrische Elemente auf, indem er einige seiner Gedichte als Lieder in den Text einbaut. Die Novelle trägt teilweise Züge eines Märchens: durch die einfache und naive Sprache des Taugenichts, durch die glücklichen Fügungen, die sein Schicksal bestimmen, und durch die romantischen Landschaften mit Schlössern, Gärten und Wäldern.
Wandern und theologischer Hintergrund
Wandermotiv: Die Wanderlust des Taugenichts ist äußerlich motiviert durch den Vater, der ihn in die weite Welt schickt, damit er etwas Rechtes lerne, und innerlich durch die Sehnsucht nach der weiten Welt, um dort sein Glück zu versuchen. Durch das ständige Weiterwandern flüchtet er vor der bürgerlichen Realität und läuft vor seinen bürgerlichen Pflichten davon. Sogar am Ende der Novelle ist die Wanderzeit nicht beendet: Obwohl er mit Aurelie ein gesichertes bürgerliches Leben auf dem Schloss führt, will er bald wieder nach Rom aufbrechen. Theologischer Kontext: Die Novelle lässt sich in ihrem Kern als konfessionell zugespitzter, katholischer Gegenentwurf zu lutherischer Rechtfertigungslehre und aufgeklärtem Subjektbegriff lesen. Die Lebensgeschichte wird als katholisches Gnadenmodell inszeniert. Schon am Anfang steht die Kontrafaktur von Georg Neumarks Kirchenlied „Wer nur den lieben Gott läßt walten“: Dessen lutherischer Rechtfertigungstheologie stellt Eichendorff mit „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ ein katholisches Bekenntnis entgegen. Während Neumarks Ich Gnade als souveränen, menschliche Eigenmächtigkeit ausschließenden Akt Gottes erlebt, proklamiert Eichendorff die katholische Lehre der gratia cooperans, in der der Mensch die Gnade Gottes in Freiheit annimmt und aktiv mit ihr kooperiert. Der Taugenichts entscheidet sich frei für die Wanderschaft, überantwortet sich der „Führung Gottes“ und erfährt eine durchgängige Bewahrung bis in die Schlusssätze („Und es war alles, alles gut“), die an den biblischen Schöpfungsbericht anknüpft und eine sichtbare Vorsehung in Natur und Geschichte behauptet. Versuchungsszenen enden nicht in Sünde, sondern in Gottvertrauen und sittlicher Integrität. Vor dem Hintergrund von Eichendorffs Schriften, in denen Reformation und Aufklärung kritisiert werden, erscheint der Taugenichts als Gegenentwurf zu protestantischer Moderne und Vernunftreligion. Die verschlungene Handlung und das Itinerar von Wien nach Rom markieren die Novelle als poetisches Manifest eines restaurativen Katholizismus. Die „Tumbheit“ und Unmündigkeit des Protagonisten richtet sich gegen Kants Wahlspruch der Aufklärung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.
Nachwirkung und Ausgaben
Film und Literatur: 1973 verfilmte die DEFA unter Regie von Celino Bleiweiß mit Dean Reed als Taugenichts die Vorlage recht frei; die Rom-Episode wurde unterschlagen („vermutlich, um die Reisesehnsucht der DDR-Bewohner nicht zu stimulieren“), stattdessen trat der Räuberhauptmann Rinaldo Rinaldini auf. 1978 realisierte Bernhard Sinkel mit Jacques Breuer in der Hauptrolle und Musik von Hans Werner Henze eine eng an der Novelle orientierte Verfilmung mit dem Titel „Taugenichts“, die auch im ZDF lief und 1978 mit dem Bundesfilmpreis (Filmband in Silber) ausgezeichnet wurde. Gottfried Kellers Gedicht „Der Taugenichts“ ist dem Protagonisten nachempfunden. Norbert W. Schlinkert setzte sich 2020 in seinem erzählenden Essay „Tauge/Nichts“ (edition taberna kritika) erzählerisch und wissenschaftlich mit der Frage auseinander, wie in der heutigen Moderne ein realer Taugenichts entsteht. Ausgaben: Erstausgabe: „Aus dem Leben eines Taugenichts und das Marmorbild. Zwei Novellen nebst einem Anhange von Liedern und Romanzen“, Berlin: Vereinsbuchhandlung 1826, 278 S. plus 3 Blätter mit Verlagsanzeigen. Aktuelle Ausgaben gibt es u. a. im Hamburger Lesehefte Verlag (Husum 2016), bei Anaconda (Köln 2006), bei Reclam (Stuttgart 2015, herausgegeben von Max Kämper, Reclam XL), bei dtv (München 1997, herausgegeben von Joseph Kiermeier-Debre) und bei Suhrkamp (Frankfurt am Main 2006, mit Kommentar von Peter Höfle); 2023 erschien eine neu erzählte Fassung in modernem Deutsch bei Tolino Media (herausgegeben von Philip Gass). Illustrierte Ausgaben erschienen unter anderem 1842 mit Zeichnungen von Adolph Schrödter (Berlin, Verlag M. Simion), 1914 mit Lithographien von Emil Preetorius und 2017 mit Cartoons von Hans Traxler (Insel Verlag).
Lernvideos zu Aus dem Leben eines Taugenichts
4:13:19
„Aus dem Leben eines Taugenichts“ – Josef von Eichendorff | Abenteuer & Sehnsucht | Read‑Along‑Text
German Read-Alongs · 275 Aufrufe
10:07
Aus dem Leben eines Taugenichts to go (Eichendorff in 10 Minuten)
Sommers Weltliteratur to go · 274.006 Aufrufe
6:10
„Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1826) Romantik, Eichendorff | Klassiker & Kult-Literatur
MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule · 274 Aufrufe