Zum Inhalt springen
L

Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).

„Aus dem Leben eines Taugenichts“ – Josef von Eichendorff | Abenteuer & Sehnsucht | Read‑Along‑Text

German Read-Alongs4:13:19 275 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 1348 Zeilen
Herunterladen
  1. Aus dem Leben eines Taugenichts von Josef von Eichendorf. Erstes Kapitel. Das Rat an meines Vaters Mühle brauste
  2. und rauschte schon wieder recht lustig. Der Schnee tröpfelte sich vom Dachel, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen.
  3. Ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen. Mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause. Er
  4. hatte schon sein Tagesanbruch in der Mühle Ruhmort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe. Er sagte zu mir: "Du tauge nichts, da sonst du dich schon
  5. wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern." Der Frühling ist vor
  6. der Tür. Geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot. Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugen nichts bin, so ist's gut.
  7. So will ich in die Welt gehen und mein Glück machen. Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber
  8. eingefallen auf Reisen zu gehen, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter immer betrübt an unserem Fenster sang.
  9. Bauer miet mich, Bauer miet mich. Nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom Baume rufen hörte. Bauer, behalt deinen Dienst. Ich ging
  10. also in das Haus hinein und holte meine Geige, die ich rechtartig spielte, von der Wand. Mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so
  11. schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht, meine heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und
  12. links, wie gestern und vorgestern und immer da zur Arbeit hinausziehen. Graben und Flügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief
  13. den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Ath zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im
  14. Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und sang auf der
  15. Landstraße fortgehend. Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. Dem will er seine Wunderweisen in Berg und Wald
  16. und Strom und Feld. Die Trägen, die zu Hause liegen, erquicket nicht das Morgenrot. Sie wissen nur vom Kinderwiegen, von Sorgen, Last und Not
  17. um Brot. Die Bächlein von den Bergen springen, die Lärchen schwirren hoch vor Lust. Was sollte ich nicht mit ihnen singen aus voller Kehl und frischer
  18. Brust? Den lieben Gott lass ich nur walten. Der Bächlein, Lärchen, Wald und Feld und Erd und Himmel will er halten, hat auch mein Sach aufs Bestellt.
  19. Indem, wie ich mich so umsehe, kommt ein köstlicher Reisewagen ganz nahe an mich heran. Der mochte wohl schon einige Zeit hinter mit reingefahren sein, ohne dass
  20. ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang war, denn es ging ganz langsam und zwei vornehme Damen steckten die Köpfe aus dem Wagen und hörten mir zu. Die
  21. eine war besonders schön und jünger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als ich nun aufhörte zu singen, ließ die
  22. Ältere still und redete mich holdselig an. Ei, lustiger Gesell, er weiß ja recht hübsche Lieder zu singen. Ich nicht zu faul dagegen. Ju Gnaden
  23. aufzuwarten, wüsste ich noch viel schönere. Darauf fragte sie mich wieder: "Wohin wandert er denn schon so am frühen
  24. Morgen? Da schämte ich mich, daß ich das selber nicht wußte und sagte dreist: "Nach Wien."
  25. Nun sprachen beide miteinander in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die Jüngere schüttelte einige Mal mit dem Kopfe, die andere lachte aber in
  26. einem fort und rief mir endlich zu. "Spring er nur hinten mit auf. Wir fahren auch nach Wien. Wer war froher als ich? Ich machte eine
  27. Reverenz und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen. Der Kutscher knallte und wir flogen über die glänzende Straße fort, dass mir der Wind am Hute pfiff.
  28. Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter. Vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf. Unter mir sahten Büsche und Wiesen bunt
  29. vorüberfliegend, über mir unzählige Lärchen in der klaren blauen Luft. Ich schämte mich laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte ich
  30. und strampelte und tanzte auf dem Wagentritt herum, dass ich bald meine Geige verloren hätte, die ich unterm Arme hielt.
  31. wie aber dann die Sonne immer höher stieg. Rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luft und aus der weiten Fläche so
  32. leer und schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern. Da fiel mir erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere Mühle, wie es
  33. da so heimlich kühl war an dem schattigen Weier und das nun alles s weit weit hinter mir lag. Mir war dabei so kurios zumute, als
  34. mußte ich wieder umkehren. Ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein.
  35. Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen in ein prächtiges Schloss führte.
  36. Seitwärts durch die Bäume sah ich die Türme von Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst ausgestiegen, die Pferde abgespannt.
  37. Ich erschrag sehr, da ich auf einmal so allein saß und sprang geschwind in das Schloss hinein, da hörte ich von oben aus dem Fenster lachen. In diesem
  38. Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemand mit dem Stocke auf die Schulter.
  39. Ich kehre mich schnell um, da steht ein großer Heer in Startskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die Hüften übergehängt,
  40. mit einem oben versilberten Stabe in der Hand und einer außerordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesicht.
  41. breit und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich hier will. Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen nichts
  42. hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf und heruntergerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen
  43. mich nur von oben bis unten an. So kam eine Kammerjungfer, wie ich nachher hörte, gerade auf mich los und sagte: "Ich wäre ein charmanter Junge
  44. und die gnädigste Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche dienen wollte. Ich griff nach der Weste. Meine paar Groschen, weiß Gott, sie
  45. müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche gesprungen sein, waren weg. Ich hatte nichts als mein Geigenspiel, für das mir über dies auch
  46. der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehen sagte, nicht einen Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu der Kammerjungfer:
  47. "Ja, noch immer die Augen von der Seite auf die unheimliche Gestalt gerichtet, die immer fort wie der Perpendiekel einer Turmuhr in der Halle auf und
  48. abwandelte und eben wieder majestätisch und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen kam. Zuletzt kam endlich der Gärtner, brummte
  49. was von Gesindel und Bauerlümmel unterm Bad und führte mich nach dem Garten, während er mir unterwegs noch eine lange Predigt hielt.
  50. wie ich nur fein nüchtern und arbeitsam sein, nicht in der Welt herumvagieren, keine brotlosen Künste und unnützes Zeug treiben solle, da könnte ich es mit der
  51. Zeit auch einmal zu was Rechten bringen. Es waren noch mehr sehr hübsche, gutgesetzte, nützliche Lehren. Ich habe nur seitdem fast alles wieder vergessen.
  52. überhaupt weiß ich eigentlich gar nicht recht, wie doch alles so gekommen war. Ich sagte nur immer fort zu allem. Ja, denn mir war wie einem Vogel, dem die
  53. Flügel begsen worden sind. So war ich denn, Gott sei Dank im Brote. In dem Garten war schön Leben. Ich hatte täglich mein warmes Essen Vorlauf und
  54. mehr Geld, als ich zum Weine brauchte. Nur hatte ich leider ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schönen grünen Gänge, das gefiel mir alles recht
  55. gut, wenn ich nur hätte ruhig drin herumspazieren können und vernünftig diskuren wie die Herren und Damen, die alle Tage dahin kamen. So oft der
  56. Gärtner fort und ich allein war, zog ich sogleich mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich hin und sann auf schöne höfliche Redensarten.
  57. wie ich die eine junge schöne Dame, die mich in das Schloss mitbrachte, unterhalten wollte, wenn ich ein Kavalier wäre und mit ihr hier
  58. herumginge. oder ich legte mich an schwülen Nachmittagen auf den Rücken hin, wenn alles so still war, dass man nur die
  59. Bienen hörte und sah zu, wie über mir die Wolken nach meinem Dorfe zuflogen und die Gräser und Blumen sich hin und her bewegten und gedachte an die Dame,
  60. und da geschah es denn oft, daß die schöne Frau mit der Gitarre oder einem Buche in der Ferne wirklich durch den Garten zog, so still, groß und
  61. freundlich wie ein Engelsbild, so dass ich nicht recht wusste, ob ich träumte oder wachte. So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause
  62. zur Arbeit vorbeiging, für mich hin, wohin ich gehe und schaue. In Feld und Wald und Tal, vom Berg ins Himmelsblaue, vielschöne gneddgefraue,
  63. grüße ich dich tausendmal. Da sehe ich aus dem dunkelkühlen Lusthause zwischen den halbgeöffneten Jalousien und Blumen, die dort standen,
  64. zwei schöne junge frische Augen hervorfunkeln. Ich war ganz erschrocken. Ich sang das Lied nicht aus, sondern ging, ohne mich
  65. umzusehen, fort an die Arbeit. abends. Es war gerade an einem Sonnabend und ich stand eben in der Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im
  66. Gartenhause am Fenster und dachten noch an die funkelnden Augen. Da kommt auf einmal die Kammerjungfer durch die Dämmerung daher gestrichen.
  67. Da schickt euch die vielschöne gnädige Frau was. Das sollt ihr auf ihre Gesundheit trinken. Eine gute Nacht auch.
  68. Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs Fenster und war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken verschwunden wie eine Eidechse.
  69. Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und wusste nicht, wie mir geschehen war und hatte ich vorher lustig die Geige gestrichen.
  70. So spielt und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied von der schönen Frau ganz aus und alle meine Lieder. die ich nur wusste, bis alle Nachtigalen draußen
  71. erwachten und Mond und Sterne schon lange über dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute schöne Nacht. Es wird keinem an der Wiege gesungen, was
  72. künftig aus ihm wird. Eine blinde Henne findet manchmal auch ein Korn. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Unverhofft kommt oft, der Mensch denkt
  73. und Gott lenkt. So meditierte ich. Als ich am folgenden Tage wieder mit meiner Pfeife im Garten saß und es mir dabei, da ich so aufmerksam an mir heruntersah,
  74. fast vorkommen wollte, als wäre ich doch eigentlich ein rechter Lump. Ich stand nun mehr ganz wieder meine sonstige Gewohnheit alle Tage sehr zeitig auf,
  75. eh, sich noch der Gärtner und die anderen Arbeiter rührten. Da war es so wunderschön draußen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen, die
  76. Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchen alleen, da war
  77. es noch so still, kühl und andächtig wie in einer Kirche. Nur die Vögel flatterten und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, gerade unter
  78. den Fenstern, wo die schöne Frau wohnte, war ein blühender Strauch. Dorthin ging ich dann immer am frühesten Morgen und duckte mich hinter die Äste,
  79. um so nach den Fenstern zu sehen. Denn mich im Freien zu produzieren, hatte ich keine Courage. Da sah ich nun alle mal die
  80. allerschönste Dame noch heiß und halb verschlafen im schneeweißen Kleid an das offene Fenster hervortreten. Bald floch sie sich die dunkelbraunen
  81. Haare und ließ dabei die anmutig spielenden Augen über Busch und Garten ergehen. Wald bog und band sie die Blumen, die vor ihrem Fenster standen,
  82. oder sie nahm auch die Gitarre in den weißen Arm und sang dazu so wundersam über den Garten hinaus, daß ich mir noch das Herz umwenden will vor Wehmut, wenn
  83. mir eins von den Liedern bis Weilen einfällt. Und ach, das alles ist schon lange her. So dauerte das wohl über eine Woche,
  84. aber das eine Mal, sie stand gerade wieder am Fenster und alles war stille Ringsumher, fliegt mir eine fatale Fliege in die
  85. Nase und ich gebe mich an ein erschreckliches Niesen, das gar nicht enden will. Sie legt sich weit zum Fenster hinaus
  86. und sieht mich ärmsten hinter dem Strauche lauschen. Nun schämte ich mich und kam viele Tage nicht hin. Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster
  87. blieb diesmal zu. Ich saß 5, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber sie kam nicht wieder ans Fenster. Da wurde mir die Zeit lang. Ich faßte
  88. mir ein Herz und ging nun alle Morgen frank und frei längst dem Schlosse unter allen Fenstern hin. Aber die liebeschöne Frau blieb immer und immer aus.
  89. Eine Strecke weiter sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. Ich hatte sie sonst so genau noch niemals gesehen.
  90. Sie war wahrhaftig recht schön rot und dick und gab prächtig und hoffertig anzusehen wie eine Tulipane. Ich machte ihr immer ein tiefes
  91. Kompliment und ich kann nicht anders sagen. Sie dankte mir jedes Mal und nickte und blinzelte mit den Augen dazu ganz außerordentlich höflich.
  92. Nur ein einziges Mal glaub ich gesehen zu haben, dass auch die Schöne an ihrem Fenster hinter der Gardine stand und versteckt hervorguckte.
  93. Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne daß ich sie sah. Sie kam nicht mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Gärtner schalt mich einen
  94. faulen Bengel. Ich war verdrüsslich. Meine eigene Nasenspitze war mir im Wege, wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah.
  95. So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und ärgerte mich, wie ich so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah,
  96. dass ich mich nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen hätte.
  97. Die anderen Burschen waren ind alle wohl ausstaffiert nach den Tanzböden in der nahen Vorstadt hinausgezogen. Da walte und wogte alles im Sonntagspze
  98. in der warmen Luft zwischen den lichten Häusern und wandernden Leierkästen schwärmend hin und zurück. Ich aber saß wie eine Rohrdommel im Schilfe eines
  99. einsamen Weiers im Garten und schaukelte mich auf dem Karne, der dort angebunden war. Während die Farglocken aus der Stadt
  100. über den Garten herüberschalten und die Schwäne auf dem Wasser langsam neben mir hin und herzogen, mir war zum Sterben bange. Währendes
  101. hörte ich von weitem allerlei Stimmen lustiges Durcheinander sprechen und lachen. immer näher und näher. Dann schimmerten rot und weiße Tücher, Hüte
  102. und Federn durchs Grüne. Auf einmal kommt ein heller lichter Haufen von jungen Herren und Damen vom Schlosse über die Wiese auf mich los, meine
  103. beiden Damen mittenunter ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen. Da erblickte mich die ältere von den schönen Damen. Ei, das ist ja wie
  104. gerufen! rief sie mir mit lachendem Munde zu. Fah er uns doch an das jenseitige Ufer über den Teich.
  105. Die Damen stiegen nun eine nach der anderen vorsichtig und furchtsam in den Kn. Die Herren halfen ihnen dabei und machten sich ein wenig groß mit ihrer
  106. Kühnheit auf dem Wasser. Als sich darauf die Frauen alle auf die Seitenbänke gelagert hatten, stieß ich vom Ufer. Einer von den jungen Herren, der ganz
  107. vorn stand, fing unmerklich an zu schaukeln. Da wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige schrienen gar.
  108. Die schöne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, saß dicht am Bord des Schiffeleins und sah so still lächelnd in die klaren Wellen hinunter, die sie
  109. mit der Lilie berührte, sodass ihr ganzes Bild zwischen den widerscheinenden Wolken und Bäumen im Wasser noch einmal zu sehen war, wie ein
  110. Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmelsgrund zieht. Wie ich noch so auf sie hinsehe, fällt's auf einmal der anderen lustigen Dicken
  111. von meinen zwei Damen ein. Ich sollte ihr während der Fahrt 1 singen. Geschwind dreht sich ein sehr zirlicher junger Herr mit einer Brille auf der
  112. Nase, der neben ihr saß, zu ihr herum, küsst ihr sanft die Hand und sagt: "Ich danke Ihnen für den sinnigen Einfall. Ein Volkslied, gesungen vom Volk in
  113. freiem Feld und Wald ist ein Alpenröslein auf der Alpe selbst. Die Wunderhörner sind nur Herbaren, ist die Seele der Nationalseele.
  114. Ich aber sagte, ich wisse nichts zu singen, was für solche Herrschaften schön genug wäre. Da sagte die schnippische Kammerjungfer,
  115. die mit einem Korbevoll Tassen und Flaschenhart neben mir stand und die ich bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte, weiß er doch ein recht hübsches Liedchen
  116. von einer vielschönen Fraue. Ja, ja, das sing er nur recht dreist weg, rief darauf sogleich die Dame wieder. Ich wurde über und überrot.
  117. Indem blickte auch die schöne Frau auf einmal vom Wasser auf und sah mich an, daß es mir durch Leib und Seele ging. Da besann ich mich nicht lange, fast ein
  118. Herz und sang so recht aus voller Brust und Lust, wohin ich gehe und schaue in Feld und Wald und Tal vom Berg hinab in die Aue.
  119. Vielschöne hohe Frau grüße ich dich tausendmal in meinem Garten feindig. Viel Blumen, schön und fein, viel Grenze
  120. wohl draußwindig und tausend Gedanken bindig und Grüße mit rein. Ihr darf ich keinen reichen. Sie ist zu hoch und schön, die müssen
  121. alle verbleichen. Die Liebe nur ohne gleichen bleibt ewig im Herzen stehen. schein wohlfroher Dinge und schaffe auf und ab und ob das Herz zerspringe, ich
  122. grabe fort und singe und grab mir bald mein Grab. Wir stießen ans Land. Die Herrschaften stiegen alle aus. Viele von den jungen
  123. Herren hatten mich. Ich bemerkte es wohl, während ich sang. mit listigen Minen und Flüstern verspottet vor den Damen. Der Herr mit
  124. der Brille faßte mich im Weggehen bei der Hand und sagte mir, ich weiß selbst nicht mehr was. Die ältere von meinen Damen sah mich sehr freundlich an. Die
  125. schöne Frau hatte während meines ganzen Liedes die Augen niedergeschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. Mir aber standen die Tränen in den Augen
  126. schon, wie ich noch sang. Das Herz wollte mir zerspringen von dem Liede vor Scham und vor Schmerz. Es fiel mir jetzt auf einmal alles recht
  127. ein, wie sie so schön ist und ich so arm bin und verspottet und verlassen von der Welt. Und als sie alle hinter den Büschen verschwunden waren, da konnte
  128. ich mich nicht länger halten. Ich warf mich in das Gras hin und weinte bitterlich. Zweites Kapitel.
  129. Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vorüber, nur durch eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein gar sauberes Zollhäuschen mit rotem
  130. Ziegelche war da erbaut und hinter demselben ein kleines buntumzeuntes Blumengärtchen, das durch eine Lücke in der Mauer des
  131. Schlossgartens hindurch an den schattigsten und verborgensten Teil des Letzteren stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer
  132. gestorben, der das alles sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch im tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief
  133. mich schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und schlenderte hinter dem lustigen Schreiber her, der unterwegs bald da bald dort eine Blume
  134. abbrach und vorn an den Rock steckte. bald mit seinem Spazierstöckchen künstlich in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in den Wind
  135. hineinpalierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als sich in die Kanzlei trat, wo
  136. es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem ungeheuren Tintenfasse und Stößen von Papier und Büchern und einer ansehnlichen Perücke
  137. wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an. Wie heißt der? Woher ist der? Kann er schreiben, lesen und rechnen?
  138. Da ich das bejahrte, versetzte er. Nah, die gnädige Herrschaft hat ihm in Betrachtung seiner guten Aufführung und besonderen Meriten die ledige
  139. Einnehmerstelle zugedacht. Ich überdachte in der Geschwindigkeit für mich meine bisherige Aufführung und Manieren und ich musste gestehen, ich
  140. fand am Ende selber, dass der Amtmann recht hatte, und so war ich denn wirklich Zolleinnehmer. ehe ich mich's versah. Ich bezog nun
  141. sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gerätschaften gefunden, die der selige Einnehmer seinem
  142. Nachfolger hinterlassen, unter ander einen prächtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln,
  143. eine Schlafmütze und einige Pfeifen mit langen Röhren. Alles hatte ich mir schon einmal gewünscht, als ich noch zu Hause war, wo
  144. ich immer unseren Pfarrer so bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag zu tun hatte ich weiter nichts. ich daher auf dem Bänkchen vor meinem
  145. Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem längsten Rohre, das sich von dem seligen Einnehmer vorgefunden hatte und sah zu, wie die
  146. Leute auf der Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich wünschte nur immer, dass auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die immer
  147. sagten, aus mir würde mein Lebtag nichts, hier vorüberkommen und mich so sehen möchten. Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte und überhaupt das
  148. alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn da und dachte mir mancherlei hin und her, wie aller Anfangs schwer ist, wie das vornehmere
  149. Leben doch eigentlich recht bequem sei, und fasste heimlich den Entschluss, nun mehr alles reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie die anderen und es mit der
  150. Zeit gewiss zu etwas Großem in der Welt zu bringen. Inzwischen vergaß ich über meinen Entschlüssen, Sorgen und Geschäften die allerschönste Frau
  151. keineswegs. Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit
  152. den auserlesensten Blumen, worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen kurfürstlichen Nase, der seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein
  153. intimer Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah und mich für einen hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ
  154. mich das nicht anfechten, denn nicht weit von mir im herrschaftlichen Garten hörte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die
  155. meiner schönen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des dichten Gebüsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle Tage einen Strauß
  156. von den schönsten Blumen, die ich hatte, stieg jeden Abend, wenn es dunkel wurde, über die Mauer und legte ihn auf einen steinernen Tisch hin, der dort inmitten
  157. einer Laube stand. Und jeden Abend, wenn ich den neuen Strauß brachte, war der Alte von dem Tische fort. Eines Abends war die
  158. Herrschaft auf die Jagd geritten. Die Sonne ging eben unter bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer. Die Donau schlängelte sich prächtig wie
  159. von lauter Gold und Feuer in die weite Ferne. Von allen Bergen bis tief ins Land hineinsangen und jauchzten die Winzer. Ich saß mit dem Portier auf dem
  160. Bänkchen vor meinem Hause und freute mich in der lauen Luft, wie der lustige Tag so langsam vor uns verdunkelte und verhalte. Da ließen sich auf einmal die
  161. Hörner der zurückkehrenden Jäger von Ferne vernehmen, die von den Bergen gegenüberinander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort gaben. Ich war recht im
  162. innersten Herzen vergnügt und sprang auf und rief wie bezaubert und verzückt vor Lust. Nein, das ist mir doch ein Mettier, die
  163. edle Jägerei. Der Portier aber klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte: "Das denkt ihr euch just so." Ich habe es auch
  164. mitgemacht. Man verdient sich kaum die Sohlen, die man sich abläuft. Und Husten und Schnupfen wird man erst gar nicht los.
  165. Das kommt von den ewig nassen Füßen. Ich weiß nicht, mich packte da ein nerrischer Zorn, daß ich ordentlich am ganzen Leibe zitterte.
  166. Mir war auf einmal der ganze Kerl mit seinem langweiligen Mantel, die ewigen Füße, sein Tabaksschnupfen, die große Nase und alles abscheulich.
  167. Ich faßte ihn wie außer mir bei der Brust und sagte: "Portier, jetzt schärt ihr euch nach Hause oder ich prügle euch hier so
  168. gleich durch." Den Portier überfiel bei diesen Worten seine alte Meinung, ich wäre verrückt geworden. Er sah mich bedenklich und mit
  169. heimlicher Furcht an, machte sich ohne ein Wort zu sprechen von mir los und ging. Immer noch unheimlich nach mir zurückblickend, mit langen Schritten
  170. nach dem Schlosse, wo er atemlos aussagte: "Ich sei nun wirklich rasend geworden. Ich aber musste am Ende laut auflachen und war herzlich froh, den
  171. super klugen Gesellen loszin, denn es war gerade die Zeit, wo ich den Blumenstrauß immer in die Laube zu legen pflegte.
  172. Ich sprang auch heute schnell über die Mauer und ging eben auf das steinerne Tischchen los, als ich in einiger Entfernung Pferde tritte vernahm.
  173. Entspringen konnte ich nicht mehr, denn schon kam meine schöne gnädige Frau selber in einem grünen Jagdhabiet und mit nickenden Federn auf dem Hute.
  174. Langsam und wie es schien in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten. war mir nicht anders zumute, als da ich sonst in den alten Büchern
  175. bei meinem Vater von der schönen Magelone gelesen, wie sie so zwischen den immer näher schallenden Waldhorns klängen und wechselnden Abendlichtern
  176. unter den hohen Bäumen hervorkam. Ich konnte nicht vom Fleck. Sie aber erschrag heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde und hielt fast
  177. unwillkürlich still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen und großer Freude. Und da ich bemerkte, dass sie wirklich meinen Blumenstrauß von
  178. gestern an der Brust hatte, konnte ich mich nicht länger halten, sondern sagte ganz verwirrt: "Schönste gnädige Frau, nehmt auch noch
  179. diesen Blumenstrauß von mir und alle Blumen aus meinem Garten und alles, was ich habe. Ach! könnte ich nur für euch ins Feuer
  180. springen. Sie hatte mich gleich anfangs so ernsthaft und fast böse angeblickt, dass es mir durch Mag und Bein ging. Dann
  181. aber hielt sie, solange ich redete, die Augen tief niedergeschlagen. Soeben ließen sich einige Reiter und Stimmen im Gebüsch hören.
  182. Da ergriff sie schnell den Strauß aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu sagen, am anderen Ende des Bogenganges verschwunden.
  183. Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es war mir beständig zumute, wie sonst immer, wenn der Frühling anfangen
  184. sollte, so unruhig und fröhlich, ohne dass ich wusste, warum, als stünde mir ein großes Glück oder sonst etwas außerordentliches bevor.
  185. Besonders das fatale Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand und ich hatte, wenn der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster
  186. grüngolden auf die Ziffern fiel und so fix vom Transport bis zum Latus und wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedanken dabei, so dass ich
  187. manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei zählen konnte, denn die Acht mir immer vor wie meine dicke, eng geschnürte Dame mit dem
  188. breiten Kopfputz. Die böse Sieben war gar wie ein ewig rückwärtszeigender Wegweiser oder Galgen. Am meisten Spaß machte mir noch
  189. die neun, die sich mir so oft, ehe ich mich versah, lustig als sechs auf den Kopf stellte, während die zwei wie ein Fragezeichen so pfiffig reinsah. Als
  190. wollte sie mich fragen, wo soll das am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne sie, diese schlanke eins und alles, bleibst du doch ewig nichts. Auch das
  191. Sitzen draußen vor der Tür wollte mir nicht mehr behagen. Ich nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und streckte die Füße darauf. Ich
  192. flickte ein altes Parasol vom Einnehmer und steckte es gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus über mich. Aber es half nichts. Es schien mir, wie
  193. ich so sah und rauchte und spekulierte, als würden mir allmählich die Beine immer länger vor Langeweile und die Nase wüchse mir vom nichts tun, wenn ich so
  194. stundenlang an ihrah und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch eine extra Post vorbeikam und ich trat halb verschlafen in die
  195. kühle Luft hinaus. und ein niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dämmerung nur die funkelnden Augen sah, bog sich neugierig zum Wagen hervor und
  196. bot mir freundlich einen guten Morgen. In den Dörfern aber ringsumher kren die Hähne so frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber und zwischen den
  197. Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu früh erwachte Lärchen. Und der Postillon nahm dann sein Posthorn und fuhr weiter und bließ und
  198. bließ. Da stand ich lange und sah dem Wagen nach, und es war mir nicht anders, als müsste ich nur sogleich mit fort weit
  199. weit in die Welt. Meine Blumenstreuße legte ich in immer noch, sobald die Sonne unterging, auf den steinernen Tisch in der dunkeln
  200. Laube. Aber das war es eben. Damit war es nun auch seit jenem Abend. Kein Mensch kümmerte sich darum, so oft ich des Morgens frühzeitig nachsah. lagen
  201. die Blumen noch immer da wie gestern und sahen mich mit ihren verwälten, niederhängenden Köpfchen und daraufstehenden Tautropfen ordentlich
  202. betrübt an, als ob sie weinten. Das verdross mich sehr. Ich band gar keinen Strauß mehr. In meinem Garten mochte nun auch das
  203. Unkraut treiben, wie es wollte, und die Blumen ließ sich ruhig stehen und wachsen, bis der Wind die Blätter verwehte.
  204. War mir es doch ebenso wild und bunt und verstört im Herzen. In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, das einmal, als ich eben zu Hause im Fenster liege
  205. und verdrüsslich in die leere Luft hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse über die Straße daher getrippelt kommt. Sie lenkte, da sie
  206. mich erblickte, schnell zu mir ein und blieb am Fenster stehen. "Der gnädige Heer ist gestern von seiner Reise zurückgekommen",
  207. sagte sie. Fertig. So entgegnete ich verwundert, denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts bekümmert und wusste
  208. nicht einmal, dass der Herr auf Reisen war. Da wird seine Tochter, die junge gnädige Frau, auch große Freude gehabt haben.
  209. Die Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, sodass ich mich ordentlich selber besinnen mußte, ob ich was Dummes gesagt hätte.
  210. Er weiß aber auch gar nichts, sagte sie endlich und rümpfte das kleine Näschen. Nun, fuhr sie fort, es soll heute Abend dem Herrn zu Ehren Tanz im Schlosse sein
  211. und Maskerade. Meine gnädige Frau wird auch maskiert sein als Gärtnerin, versteht er auch recht, als Gärtnerin.
  212. Nun hat die gnädige Frau gesehen, dass er besonders schöne Blumen hat in seinem Garten. "Das ist seltsam", dachte ich bei mir
  213. selbst. "man sieht doch jetzt fast keine Blume mehr vor Unkraut." Sie aber fuhr fort, da nun die gnädige Frau schöne Blumen zu
  214. ihrem Anzugebraucht, aber ganz frische, die eben vom Bete kommen, so soll er ihr welche bringen und damit heute Abend, wenn es dunkel
  215. geworden ist, unter dem großen Birnbaum im Schlossgarten warten. Da wird sie dann kommen und die Blumen abholen. Ich war ganz verblüfft vor Freude über
  216. diese Nachricht und lief in meiner Entzückung vom Fenster zu der Kammerjungfer hinaus. "Fui, der gastige Schlafrock",
  217. rief diese aus, da sie mich auf einmal so in meinem Aufzuge im Freien sah. Das ärgerte mich. Ich wollte auch nicht dahinter bleiben in der Galanterie und
  218. machte einige artige Kapriolen, um sie zu erhaschen und zu küssen. Aber unglücklicherweise verwickelte sich mir dabei der Schlafrock, der mir viel zu
  219. lang war, unter den Füßen und ich fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich wieder zusammenraffte, war die Kammerjungfer schon weit fort, und ich
  220. hörte sie noch von fern lachen, dass sie sich die Seiten halten mußte. Nun aber hatte ich was zu sinnen und mich zu freuen. Sie dachte ja noch immer an mich
  221. und meine Blumen. Ich ging in mein Gärtchen und riss hastig alles Unkraut von den Beten und warf es hoch über meinen Kopf weg in die schimmernde Luft.
  222. Als zök ich alle Übel und Melancholie mit der Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie ihr Mund, die Himmelblauen Winden wie ihre Augen. Die
  223. schneeweiße Lilie mit ihrem schwermütig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie sie. Ich legte alle sorgfältig in ein Körbchen zusammen.
  224. Es war ein schöner stiller Abend und kein Wölkchen am Himmel. Einzelne Sterne traten schon am Firmamente hervor. Von weitem rauschte
  225. die Donau über die Felder herüber. In den hohen Bäumen im herrschaftlichen Garten neben mir sangen unzählige Vögel lustig durcheinander.
  226. Ach, ich war so glücklich. Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Körbchen an den Arm und machte mich auf den Weg nach dem großen Garten.
  227. In dem Körbchen lag alles so bunt und anmutig durcheinander, weiß, rot, blau und duftig, dass mir ordentlich das Herz lachte, wenn ich
  228. hineinsah. Ich ging voller fröhlicher Gedanken bei dem schönen Mondschein durch die Stillen. Reinlich mit sand bestreuten Gänge über
  229. die kleinen weißen Brücken, unter denen die Schwäne eingeschlafen auf dem Wasser saßen, an den zirlichen Lauben und Lusthäusern vorüber.
  230. Den großen Birnbaum hatte ich gar bald aufgefunden, denn es war derselbe, unterdem ich sonst, als ich noch Gärtnerbursche war, an schwülen
  231. Nachmittagen gelegen. Hier war es so einsam dunkel, nur eine hohe Espeitterte und flüsterte mit ihren silbernen Blättern in einem fort. Vom Schlosse
  232. schalte manchmal die Tanzmusik herüber. Auch Menschenstimmen hörte ich zu Weilen im Garten. Die kamen oft ganz nahe an mich heran. Dann wurde es auf einmal
  233. wieder ganz still. Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zumute, als wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockill an
  234. den Baum gelehnt und lauschten nach allen Seiten. Da aber immer niemand kam, konnte ich es nicht länger aushalten. Ich hing mein Körbchen an den Arm und
  235. kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im freien Luft zu schöpfen. Da droben schalte mir die Tanzmusik erst
  236. recht über die Wipfel entgegen. übersah den ganzen Garten und gerade in die heller leuchteten Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten sich die
  237. Kronleuchter langsam wie Grenze von Sternen, unzählige geputzte Herren und Damen wie in einem Schattenspiele. Wogten und walzten und wirten da bunt
  238. und unkenntlich durcheinander. Manchmal legten sich welche ins Fenster und sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber waren der
  239. Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus dem Sale wie vergoldet, sodass ordentlich die Blumen und die
  240. Vögel aufzuwachen schienen. Weiter hin um mich herum und hinter mir lag der Garten so schwarz und still. Da tanzt sie nun, dachte ich in dem
  241. Baume droben bei mir selber und hat gewiss lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so fröhlich, um dich kümmert
  242. sich kein Mensch, und so geht es mir überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, hat seinen warmen Ofen,
  243. seine Tasse Kaffe, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend und ist so recht zufrieden. Selbst dem Portier ist ganz wohl in
  244. seiner langen Haut. Mir ist's nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet.
  245. Wie ich ebenso philosophiere, höre ich auf einmal unten im Grase etwas einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe
  246. und leise miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gesträucher auseinander und die Kammerjungfer steckte ihr
  247. kleines Gesichtchen, sich nach allen Seiten umsehend zwischen der Laube hindurch. Der Mondschein funkelte recht auf ihren
  248. pfiffigen Augen, wie sie hervorguckten. Ich hielt den Atem an mich und blickte unverwandt hinunter. Es dauerte auch nicht lange, so trat
  249. wirklich die Gärtnerin, ganz so, wie mir sie die Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den Bäumen heraus.
  250. Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber hatte eine Lave vor und sah sich, wie mir schien verwundert auf dem Platzeum.
  251. Da wollt's mir vorkommen, als wäre sie gar nicht recht schlank und niedlich. Endlich trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Lave ab.
  252. Es war wahrhaftig die andere ältere gnädige Frau. Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, dass ich mich hier oben in
  253. Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich, kommt die nur jetzt hierher. Wenn nun die liebeschöne gnädige Frau die Blumen
  254. abholt, das wird eine schöne Geschichte werden. Ich hätte am Ende weinen mögen vor Ärger über den ganzen Spektakel. In dem hub die verkappte Gärtnerin unten
  255. an. Es ist so stickben im Saale. Ich musste gehen, mich ein wenig abzukühlen in der freien schönen Natur.
  256. Dabei fächelte sie sich mit der Lave in einem fort und bließ die Luft von sich. Bei dem hellen Mondschein konnte ich deutlich erkennen, wie ihr die Flexen am
  257. Halse ordentlich aufgeschwollen waren. Sie sah ganz erbost aus und ziegelrot im Gesicht. Die Kammerjungfer suchte unter hinter
  258. allen Hecken herum, als hätte sie eine Stecknadel verloren. "Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner Maske", fuhr die
  259. Gärtnerin von neuem fort, wo er auch stecken mag. Die Kammerjung versuchte und kicherte dabei immer fort heimlich in sich selbst hinein. "Sagtest du was,
  260. Rosette?", fragte die Gärtnerin spitzig. "Ich sage, was ich immer gesagt habe", erwiderte die Kammerjungfer und machte ein ganz
  261. ernsthaftes treuherziges Gesicht. Der ganze Einnehmer ist und bleibt ein Lümmel. Er liegt gewiss irgendwo hinter einem Strauche und schläft.
  262. Mir zuckte es in allen meinen Gliedern herunterzuspringen und meine Reputation zu retten. Da hörte man auf einmal ein großes Pauken und Musizieren und Lärmen
  263. vom Schlosse her. Nun hielt sich die Gärtnerin nicht länger. Da bringen die Menschen fuhr sie verdrüsslich fort dem Herrn das wie wart.
  264. Komm, man wird uns vermissen. Und hiermit steckte sie die Lave schnell vor und ging wütend mit der Kammerjungfer nach dem Schlosse
  265. Bäume und Sträucher wiesen kurios wie mit langen Nasen und Fingern hinter ihr dreien. Der Mondschein tanzten noch fix wie über eine Klaviatur,
  266. über ihre breite Taille auf und nieder. und so nahm sie so recht wie ich auf dem Theater manchmal die Sängerinnen gesehen unter Trompeten und Pauken schnell ihren
  267. Abzug. Ich aber wußte in meinem Baum droben eigentlich gar nicht recht, wie mir geschehen, und richtete nun mehr meine Augen unverwandt auf das Schloss
  268. hin, denn ein Kreis hoher Windlichter unten an den Stufen des Einganges warf dort einen seltsamen Schein über die blitzenden Fenster und weit in den
  269. Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer jungen Herrschaft ein Ständchen brachte. Mittenunter ihnen stand der prächtig
  270. aufgeputzte Portier wie ein Staatsminister vor einem Notenpulte und arbeitete sich an einem Vergotte ab. Wie ich mich
  271. soeben zurecht setzte, um der schönen Seenade zuzuhören, gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die Flügeltüren auf.
  272. Ein hoher Heer, schön und stattlich in Uniform und mit vielen funkelnden Sternen trat auf dem Balkon heraus und an seiner Hand die schöne, junge gnädige
  273. Frau in ganz weißem Kleide wie eine Lilie in der Nacht oder wie wenn der Mond über das klare Firmarament zöge. Ich konnte keinen Blick von dem Platze
  274. verwenden und Garten, Bäume und Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie so wundersam beleuchtet von den Fackeln hoch und schlank da stand und bald
  275. anmutig mit dem schönen Offizier sprach, bald wieder freundlich zu den Musikanten herunternickte. Die Leute unten waren außer sich vor
  276. Freude, und ich hielt mich am Ende auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskräften wie wart mit. Als sie aber bald darauf wieder von dem Balkon
  277. verschwand, unten eine Fackel nach der anderen verlöschte und die Notenpulte weggeräumt wurden und nun der Garten Rings umher
  278. auch wieder finster wurde und rauschte wie vorher. Da merkte ich erst alles, da fiel es mir auf einmal aufs Herz, daß mich wohl
  279. eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt hatte, dass die Schöne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist und dass ich selber ein
  280. großer nah war. Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich wickelte mich gleich einem Igel in
  281. die Stacheln meiner eigenen Gedanken zusammen. Vom Schlosse schalte die Tanzmusik nur noch seltener herüber. Die Wolken wanderten einsam über den dunkel
  282. Garten weg. Und so saß ich auf dem Baume droben wie die Nachteule in den Ruinen meines Glücks die ganze Nacht hindurch. Die
  283. kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träumerein. Ich erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich her blickte.
  284. Musik und Tanz war lange vorbei. Im Schlosse und rings um das Schloss herum auf dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Säulen sah alles so still,
  285. kühl und feierlich aus. Nur der Springbrunnen vor dem Eingange pletscherte einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir
  286. erwachten schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und sah die kleinen Flügel dehnend neugierig und verwundert ihren seltsamen Schlafkameraden an.
  287. Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über den Garten weg auf meine Brust. Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum
  288. ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus. Wie da schon einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und die noch
  289. leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich fern über die Berge und Täler hinausschwangen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber mich
  290. packte da auf einmal wieder meine ehemalige Reiselust. Alle die alte Wehmut und Freude und große Erwartung.
  291. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schöne Frau droben auf dem Schlosse zwischen Blumen und unterseiten Decken schlummerte und ein Engel bei ihr auf
  292. dem Bettesäße in der Morgenstille. "Nein", rief ich aus, fort muss ich von hier und immer fort, so weit als der Himmel blau ist.
  293. Und hiermit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die Luft, soß es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen zwischen den Zweigen und auf dem grünen
  294. Rasen unten bunt umher lagen. Dann stieg ich selber schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu.
  295. Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst wohl einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte. In und um mein
  296. Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst. Im Zimmer drin lag noch das große
  297. Rechnungsbuch aufgeschlagen. Meine Geige, die ich schon fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand.
  298. Ein Morgenstrahl, aber aus dem gegenüberstehenden Fenster fuhr gerade blitzend über die Seiten. Das gab einen rechten Klang in meinem Herzen.
  299. "Ja", sagte ich, "km nur her, du getreues Instrument. Unser Reich ist nicht von dieser Welt." Und so nahm ich die Geige von der Wand,
  300. ließ Rechnungsbuch, Schlafrock, Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte arm wie ich gekommen war aus meinem Häuschen und auf der
  301. glänzenden Landstraße von Dannen. Ich blickte noch oft zurück. Mir war gar seltsam zumute, so traurig und doch auch wieder so überausföhlich
  302. wie ein Vogel, der aus seinem Käfig ausreißt. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm ich draußen im Freien
  303. meine Geige vor und sang: "Den lieben Gott lass ich nur walten. Der Bächlein, Lärchen, Wald und Feld und Erd und Himmel tut erhalten, hat auch mein Sach
  304. aufs Bestellt. Das Schloss, der Garten und die Türme von Wien waren schon hinter mir im Morgenduft versunken. Über mir
  305. jubilierten unzählige Lärchen hoch in der Luft. So zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten und Dörfern vorbeigen, Italien hinunter.
  306. Drittes Kapitel. Aber das war nun schlimm. Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte.
  307. Auch war Ringsumher kein Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen können. Und nicht weit von mir teilte sich die Landstraße
  308. in viele neue Landstraßen, die gingen weit weit über die höchsten Berge fort, als führten sie aus der Welt hinaus, so dass mir ordentlich
  309. schwindelte, wenn ich recht hinsah. Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der glaube ich nach der Kirche ging, daß heute eben Sonntag war. In einem
  310. altmodischen Überrock mit großen silbernen Knöpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem sehr massiven silbernen Stockknopf darauf, der schon
  311. von weitem in der Sonne funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit. Können Sie mir nicht sagen, wo der Weg
  312. nach Italien geht? Der Bauer blieb stehen, sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe und sah mich wieder an. Ich
  313. sagte noch einmal: "Nach Italien, wo die Pomeranzen wachsen." "Ach, was gebine Pomeranzen an", sagte der Bauer da und schritt wacker wieder
  314. weiter. "Ich hätte dem Manne mehr Konduite zugetraut, denn er sah recht stattlich aus. Was war nun zu machen? wieder umkehren und in mein Dorf
  315. zurückgehen. Da hätten die Leute mit den Fingern auf mich gewesen und die Jungen wären um mich herumgesprungen.
  316. Ei tausend willkommen aus der Welt. Wie sieht es denn aus in der Welt? Hat er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus der Welt?
  317. Der Portier mit der kurfürstlichen Nase, welcher überhaupt viele Kenntnisse von der Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir:
  318. "Wertgeschätzter Herr Einnehmer, Italien ist ein schönes Land. Da sorgt der liebe Gott für alles. Da kann man sich im Sonnenschein auf den Rücken
  319. legen." So wachsen einem die Rosinen ins Maul. Und wenn einen die Tarantel beißt, so tanzt man mit ungemeiner Gelenkigkeit, wenn man auch sonst nicht
  320. tanzen gelernt hat. Nein, nach Italien. Nach Italien, rief ich voller Vergnügen aus und
  321. rannte, ohne an die verschiedenen Wege zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam. Als ich eine Strecke sofort gewandert
  322. war, sah ich rechts von der Straße einen sehr schönen Baumgarten, wo die Morgensonne so lustig zwischen den Stämmen und Wipfeln
  323. hindurchschimmerte, dass es aussah, als wäre der Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte, stieg ich über den
  324. niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich unter einen Apfelbaum ins Gras. Denn von dem gestrigen Nachtlager auf
  325. dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit ins Land hinaussehen und da es Sonntag war, so kamen bis aus
  326. der weitesten ferne Glockenklänge über die stillen Felder herüber und geputzte Landleute zogen überall zwischen Wiesen und Büschen nach der Kirche. Ich war
  327. recht fröhlich im Herzen. Die Vögel sangen über mir im Baume. Ich dachte an meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau und wie das alles
  328. nun so weit weit lag, bis ich zuletzt einschlummerte. Da träumte mir, als käme diese schöne Frau aus der prächtigen Gegend unten zu
  329. mir gegangen oder eigentlich langsam geflogen zwischen den Glockenklängen mit langen weißen Schleiern, die im Morgenrote wehten. Dann war es wieder,
  330. als wären wir gar nicht in der Fremde, sondern bei meinem Dorfe an der Mühle in den tiefen Schatten. Aber da war alles still und leer. Wie wenn die Leute
  331. sonntags in der Kirche sind und nur der Orgelklang durch die Bäume herüberkt, dass es mir recht im Herzen weh tat. Die schöne Frau aber war sehr gut und
  332. freundlich. Sie hielt mich an der Hand und ging mit mir und sang in einem fort in dieser Einsamkeit das schöne Lied, dass sie damals immer früh morgens am
  333. offenen Fenster zur Gitarre gesungen hat. und ich sah dabei ihr Bild in dem stillen Weier noch viel tausendmal
  334. schöner, aber mit sonderbaren großen Augen, die mich so starr ansahen, dass ich mich beinah gefürchtet hätte. Da fing auf einmal die Mühle, erst in
  335. einzelnen langsamen Schlägen, dann immer schneller und heftiger anzugehen und zu brausen. Der Weier wurde dunkel und kreuselte sich.
  336. Die schöne Frau wurde ganz bleich und ihre Schleier wurden immer länger und länger und flatterten entsetzlich in langen Spitzen wie Nebelstreifen
  337. hoch am Himmel empor. Das Sausen nahm immer mehr zu. Oft war es, als blier auf seinem Vergotte dazwischen, bis sich endlich mit heftigem Herzklopfen
  338. aufwachte. Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise über mir durch den Apfelbaum ging. Aber was so brauste und ruhte, war
  339. weder die Mühle noch der Portier, sondern derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach Italien nicht zeigen wollte.
  340. Er hatte aber seinen Sonntagsstart ausgezogen und stand in einem weißen Kamisol vor mir. "Na", sagte er, da ich mir noch den Schlaf aus den Augen
  341. wischte, will er etwa hier Popperenzen glauben, dass er mir das schöne Gras so zertrampelt, anstatt in die Kirche zu gehen,
  342. Vulänzer. Mich ärgerte es nur, dass mich der Grobian aufgeweckt hatte. Ich sprang ganz erbost auf und versetzte Geschwind.
  343. Was? Er will mich hier ausschimpfen. Ich bin Gärtner gewesen, ehe er daran dachte und Einnehmer. und wenn er zur Stadt gefahren wäre,
  344. hätte er die schmierige Schlafmütze vor mir abnehmen müssen und hatte mein Haus und meinen roten Schlafrock mit gelben Punkten.
  345. Aber der Knollfing scherte sich gar nichts darum, sondern stemmte beide Arme in die Seiten und sagte bloß: "Was will er denn?" Hey!
  346. Dabei sah ich, daß es eigentlich ein kurzer, stämmiger, krummbeiniger Kerl war und vorstehende glotzende Augen und eine rote, etwas schiefe Nase hatte, und
  347. wie er immer fort nichts weiter sagte als he und dabei jedes Mal einen Schritt näher auf mich zukam.
  348. Da überfiel mich auf einmal eine so kuriose, graußliche Angst, dass ich mich schnell aufmachte, über den Zaun sprang und ohne mich umzusehen,
  349. immer fort Querfeld einlief, dass mir die Geige in der Tasche klang. Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schöpfen, war der Garten und das
  350. ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand in einem schönen Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht, denn jetzt ärgerte mich das Spektakel erst recht
  351. und dass der Kerl mich immer ernannte, und ich schimpfte noch lange im Stillen für mich. In solchen Gedanken ging ich rasch fort
  352. und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf und ich hatte nur noch einen
  353. kleinen, wenig betretenen Fußsteig vor mir. Ringsom war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber war es recht, anmutig zu
  354. gehen. Die Wipfel der Bäume rauschten und die Vögel sangen sehr schön. Ich befahl mich daher Gottes Führung, zog meine Violine hervor und spielte alle
  355. meine liebsten Stücke durch, dass es recht fröhlich in dem einsamen Walde erklang. Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte
  356. dabei jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln. Auch fing mich zuletzt an zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein
  357. Ende nehmen. Irte ich den ganzen Tag herum und die Sonne schien schon schief zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in
  358. ein kleines Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im
  359. Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als lege die Welt wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirbten,
  360. und ein Hirt lag drüben im hohen Grase und bließ so melancholisch auf seiner Schalmai, dass einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen mügen. "Ja", dachte
  361. ich bei mir, wer es so gut hätte wie so ein Vulänzer. Unser Reiner mußig in der Fremde herumschlagen und immer attent sein. Da
  362. ein schönes klares Flüsschen zwischen uns lag, über das ich nicht herüber konnte, so rief ich ihm von weitem zu, wo hier das nächste Dorf lege. Er ließ
  363. sich aber nicht stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Grase hervor, wies mit seiner Schalmi auf den anderen Wald hin und bließ ruhig wieder
  364. weiter. Unter das marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu dämmern. die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten. Als die
  365. letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal still, und mir fing beinah an Angst zu werden in dem ewigen einsamen Rauschen der
  366. Wälder. Endlich hörte ich von ferne Hundebällen. Ich schritt rascher fort. Der Wald wurde immer lichter und lichter und bald
  367. darauf sah ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen grünen Platz, auf dem viele Kinder lärmten und sich um eine große Linde herummelten,
  368. die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze war ein Wirzhaus, vor dem einige Bauern um einen Tisch saßen und Karten spielten und
  369. Tabakrauchten. Von der anderen Seite saßen junge Bursche und Mädchen vor der Tür, die Arme in ihre Schürzen gewickelt hatten
  370. und in der Kühle miteinander plauderten. Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und spielte schnell einen lustigen Ländler auf, während ich
  371. aus dem Walde hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Alten lachten, dass es weit in den Wald hineinschalte.
  372. Als ich aber so bis zu der Linde gekommen war und mich mit dem Rücken dran lehnte und immer fortspielte, da ging ein heimliches Rumoren und
  373. Gewisper unter den jungen Leuten rechts und links. Die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg. Jeder nahm die Seine, und ehe ich es mir versah,
  374. schwenkte sich das junge Bauernvolk tüchtig um mich herum. Die Hunde bälten, die Kittel flogen und die Kinder standen um mich im Kreise und sahen mir
  375. neugierig ins Gesicht und auf die Finger, wie ich so fix damit hantierte. Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie eine
  376. gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernburschen, die sich vorher die Pfeifen im Munde auf den Bänken reckten und die steifen Beine von sich
  377. streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, ließen ihre bunten Schnupftücher vorn am Knopfloch lang herunterhängen und
  378. kapriolten so artig um die Mädchen herum, dass es eine rechte Lust anzuschauen war. Einer von ihnen, der sich schon für was
  379. Rechtes hielt, haspelte lange in seiner Westentasche, damit es die anderen sehen sollten, und brachte endlich ein kleines Silberstück
  380. heraus, dass er mir in die Hand drücken wollte. Mich ärgerte das, wenn ich gleich dazu mal kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er sollte nur
  381. seine Pfennige behalten. Ich spielte nur so aus Freude, weil ich wieder bei Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein schmuckes Mädchen mit einer großen
  382. Stampewein zu mir. "Musikanten trinken gern", sagte sie und lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen Zähne schimmerten
  383. recht charmant zwischen den roten Lippen hindurch. so daß ich sie wohl hätte darauf küssen mögen. Sie tunkte ihr Schnäbelchen in
  384. den Wein, wobei ihre Augen über das Glas weg auf mich herüber funkelten, und reichte mir darauf die Stampe hin. Da trank ich das Glas bis auf den Grund aus
  385. und spielte dann wieder von frischem, dass sich alles lustig um mich herumdrehte. Die Alten waren unter das von ihrem
  386. Spiel aufgebrochen. Die jungen Leute fingen auch an, müde zu werden und zerstreuten sich. Und so wurde es nach und nach ganz still und
  387. leer vor dem Wir gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu. Aber sie ging sehr langsam und sah
  388. sich zu weilen um, als ob sie was vergessen hätte. Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah wohl,
  389. daß sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir zurückblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt. Ich sprang also geschwind herzu
  390. und sagte: "Haben Sie etwas verloren, schönste Mamsel?" "Ach nein", sagte sie und wurde über und überrot. Es war nur eine Rose. Will er
  391. sie haben? Ich dankte und steckte die Rose ins Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und
  392. sagte, er spielt recht schön. Ja, versetzte ich. Das ist so eine Gabe Gottes. Die Musikanten sind hier in der Gegend
  393. sehr rah, hub das Mädchen dann wieder an und stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen.
  394. Er könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen. Auch mein Vater spielt etwas die Geige und hört gern von der Fremde erzählen und mein Vater ist sehr reich.
  395. Dann lachte sie auf und sagte, wenn er nur nicht immer solche Grimassen machen möchte mit dem Kopf beim Geigen. Teuerste Jungfer, erwiderte ich
  396. erstlich. Nennen sie mich nur nicht immer er. So dann mit den Kopftrimulenzen. Das ist einmal nicht anders. Das haben
  397. wir Virtuosen alle so an uns. Ach so, entgegnete das Mädchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf einmal ein entsetzliches
  398. Gepolter im Wir Haustür ging mit großem Gekrache auf und ein dünner Kerl kam wie ein ausgeschossener Ladestock
  399. herausgeflogen, worauf die Tür sogleich wieder hinter ihm zugeschlagen wurde. Das Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Räder
  400. von gesprungen und im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Tür aber raffte sich hurtig wieder vom Boden auf und fing nun
  401. an mit solcher Geschwindigkeit gegen das Haus loszuschimpfen, dass es ordentlich zum Erstaunen war. Was? Schrie er, ich besoffen. Ich die
  402. Kreidestriche an der verreucherten Tür nicht bezahlen? Löscht sie aus. Löscht sie aus. Habe ich euch nicht erst gestern über ein
  403. Kochlöffel barbiert und in die Nase geschnitten, dass ihr mir den Löffelmch in zwei gebissen habt? Barbieren macht einen Strich. Kochlöffel wieder ein
  404. Strich. Pflaster auf die Nase. Noch ein Strich. Wie viel solche hundsfötische Striche wollt ihr denn noch bezahlt haben?
  405. Aber gut, schon gut. Ich lasse das ganze Dorf, die ganze Welt ungeschoren. Lauft meinetwegen mit euren Bärten, daß der liebe Gott am jüngsten Tage nicht
  406. weiß, ob ihr Juden seid oder Christen. Ja, hängt euch an euren eigenen Bärten auf, ihr zottigen Landbären. Hier brach er auf einmal in ein
  407. jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbärmlich durch die Fistel fort. Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das nächsten Liebe? Bin ich
  408. nicht ein Mensch und ein ausgelernter Fälscher? Ach, ich bin heute so in der Rage. Mein Herz ist voller Rührung und
  409. Menschenliebe. Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, da im Hause alles still blieb. Als er mich erblickte, kam er mit
  410. ausgebreiteten Armen auf mich los. Ich glaubte, der tolle Kerl wollte mich embrassieren. Ich sprang aber auf die Seite und so
  411. stolperte er weiter, und ich hörte ihn noch lange, bald grob, bald fein, durch die Finsternis mit sich diskuren. Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum.
  412. Die Jungfer, die mir vorhin die Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich. Ich konnte da mein Glück machen, eh, man die Hand umkehrte
  413. und Hammel und Schweine, Puter und fette Gänse mit Äpfeln gestopft. Ja, es war mir nicht anders, als sehe ich den Portier auf mich zukommen.
  414. Greif zu, Einnehmer, greif zu. Jung Gefreit hat niemand gereut. Wer es Glück hat, führt die Braut heim. Bleibe im Lande und nähre dich tüchtig.
  415. In solchen philosophischen Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf einen Stein nieder. Denn an das Wirzlopfen,
  416. traute ich mich nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig. Von den Bergen rauschten die Wälder
  417. durch die stille Nacht herüber. Manchmal schlugen im Dorfe die Hunde an, das weiter im Tale unter Bäumen und Mondschein wie begraben lag. Ich
  418. betrachtete das Firmament, wieder einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein Stern weit in der Ferne herunterfiel.
  419. So dachte ich, scheint der Mond auch über meines Vaters Mühle und auf das weiße gräffliche Schloss. Dort ist nun auch schon alles lange still.
  420. Die gnädige Frau schläft und die Wasserkünste und Bäume im Garten rauschen noch immer fort wie damals und allen ist's gleich, ob ich noch da bin
  421. oder in der Fremde oder gestorben. Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor und ich so ganz allein darin, dass ich aus
  422. Herzensgrunde hätte weinen mögen. Wie ich noch immer so da sitze, höre ich auf einmal aus der Ferne Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und
  423. lauschte. Da kam es immer näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bäumen
  424. hervor, hielten aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte.
  425. die plötzlich über den Mondbeglänzten Platz vorschossen und mit langen dunkelen Armen bald dahin bald dorthinwiesen.
  426. Wie oft, wenn mir zu Hause meine verstorbene Mutter von wilden Wäldern und marzialischen Räubern erzählte, hatte ich mir sonst immer heimlich
  427. gewünscht, eine solche Geschichte selbst zu erleben. Da hatte ich es nun auf einmal für meine dummen, frefelmütigen Gedanken.
  428. Ich streckte mich nun an dem Lindenbaum, unter dem ich gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich nur konnte, bis ich den ersten Ast erreicht hatte und mich
  429. Geschwinde hinaufschwang. Aber ich baumelte noch mit halbem Leibe über dem Aste und wollte soeben auch meine Beine nachholen,
  430. als der eine von den Reitern rasch hinter mir über den Platz daher trabte. Ich drückte nun die Augen fest zu in dem dunkeln Laube und rührte und regte mich
  431. nicht. "Wer ist da?", rief auf einmal dicht hinter mir. Niemand schrie ich aus Leibeskräften vor
  432. Schreck, dass er mich doch noch erwischt hatte. Ins Geheim mußte ich aber doch bei mir lachen, wie die Kerl sich schneiden würden, wenn sie mir die
  433. leeren Taschen umdrehten. "Ei ei", sagte der Räuber wieder, "Wem gehören denn aber die zwei Beine, die da herunterhängen?"
  434. Da half nichts mehr, nichts weiter versetzte ich als ein paar arme verirrte Musikantenbeine und ließ mich rasch wieder auf den Boden
  435. herab, denn ich schämte mich auch länger wie eine zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen. Das Pferd des Reiters scheute, als sich so plötzlich vom Baume
  436. herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: "Nun, wir sind auch verirrt, da sind wir
  437. rechte Kameraden. Ich dächte also, du helfest uns ein wenig den Weg nach B aufsuchen. Es soll dein Schaden nicht sein."
  438. Ich hatte nun gut beteuern, dass ich gar nicht wüßte, wo b lege, daß ich lieber hier im Wirtshause fragen oder sie in das Dorf hinunterführen wollte. Der Kerl
  439. nahm gar keine Raison an. Er zog ganz ruhig eine Pistole aus dem Gurt, die recht hübsch im Mondschein funkelte. Mein Liebster", sagte er dabei sehr
  440. freundschaftlich zu mir, während er bald den Lauf der Pistole abwischte, bald wieder prüfend an die Augen hielt. "Mein Liebster, du wirst wohl so gut sein,
  441. selber nach B vorauszugehen." Da war ich nun recht übel daran. traf ich den Weg, so kam ich gewisß zu der Räuberbande und bekam Prügel. Da ich
  442. kein Geld bei mir hatte, traf ich ihn nicht. So bekam ich auch Prügel. Ich besann mich also nicht lange und schlug den ersten besten Weg ein, der an dem
  443. Wirzhause vorüber vom Dorfe abführte. Der Reiter sprengte schnell zu seinem Begleiter zurück und beide folgten mir dann in einiger Entfernung. langsam
  444. nach. So zogen wir eigentlich recht nerisch auf gut Glück in die Nacht hinein. Der Weg lief immer fort im Walde an einem Bergeshange fort. Zu weilen
  445. konnte man über die Tannenwipfel, die von unten herauflangten und sich dunkel rührten, weit in die tiefen, stillen Täller hinaussehen.
  446. Hin und her schlug eine Nachtigal. Hunde bellten in der Ferne in den Dörfern. Ein Fluß rauschte beständig aus der Tiefe und blitzte zu Weilen im
  447. Mondschein auf, dabei das einförmige Pferdegetreppel und das Wirren und Schwirren der Reiter hinter mir, die unaufhörlich in einer fremden Sprache
  448. miteinander plauderten und das helle Mondlicht und die langen Schatten der Baumstämme, die wechselnd über die beiden Reiter
  449. wegflogen, dass sie mir bald schwarz, bald hell bald klein, bald wieder riesengroß vorkamen.
  450. Mir verwirrten sich ordentlich die Gedanken, als lege ich in einem Traum und könnte gar nicht aufwachen. Ich schritt immer stramm vor mich hin.
  451. Wir müssen, dachte ich, doch am Ende aus dem Walde und aus der Nacht herauskommen. Endlich flogen hin und wieder schon
  452. lange rötliche Scheine über den Himmel. ganz leise, wie wenn man über einen Spiegel haucht. Auch eine Lerche sang schon hoch über dem stillen Tale. Da
  453. wurde mir auf einmal ganz klar im Herzen bei dem Morgengruße und alle Furcht war vorüber. Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen
  454. sich nach allen Seiten um und schienen nun erst gewahr zu werden, dass wir doch wohl nicht auf dem rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel und
  455. ich merkte wohl, dass sie von mir sprachen. Ja, es kam mir vor. Als finge der eine sich vor mir zu fürchten an, als könnte ich wohl gar so
  456. ein heimlicher Schnapperharn sein, der sie im Walde Irre führen wollte. Das machte mir Spaß, denn je lichter es Ringsung wurde, je mehr Courage kriegt
  457. ich, zumal wir soeben auf einen schönen freien Waldplatz herauskamen. Ich sah mich daher nach allen Seiten ganz wild um und pfiff dann ein paar mal
  458. auf den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich einander Signale geben wollen. Halt! rief auf einmal der eine von den
  459. Reitern, dass ich ordentlich zusammenfuhr. "Wie ich mich umsehe, sind sie beide abgestiegen und haben ihre Pferde an
  460. einen Baum angebunden. Der eine kommt aber rasch auf mich los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fängt auf einmal ganz unmäßig an zu
  461. lachen. Ich muss gestehen, mich ärgerte das unvernünftige Gelächter." Er aber sagte wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt sagen einnehmer vom
  462. Schloss. Ich sah ihn groß an, wusste mich aber seiner nicht zu erinnern, hätte auch viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle
  463. die jungen Herren hätte ansehen wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewigem Gelächter fort. Das ist prächtig. Du warzierst, wie ich
  464. sehe. Wir brauchen eben einen Bedienten. Bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz. Ich war ganz verblüfft und sagte endlich, dass ich soeben auf einer Reise
  465. nach Italien begriffen wäre. Nach Italien, entgegnete der Fremde. Eben dahin wollen auch wir.
  466. Nun, wenn das ist, rief ich aus und zog voller Freude meine Geige aus der Tasche und strich, dass die Vögel im Walde aufwachten.
  467. Der Heer aber erwischte Geschwind den anderen Herrn und walzte mit ihm wie verrückt auf dem Rasen herum. Dann standen sie plötzlich still. Bei Gott,
  468. rief der eine, da sehe ich schon den Kirchturm von B. Nun, da wollen wir bald unten sein. Er zog seine Uhr heraus und ließ sie
  469. repetieren, schüttelte mit dem Kopfe und ließ noch einmal schlagen. "Nein", sagte er, "das geht nicht. Wir kommen so zu früh hin, das könnte
  470. schlimm werden. Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen, breiteten eine schöne bunte Decke auf
  471. dem grünen Rasen aus, streckten sich darüber hin und schmausten sehr vergnüglich, teilten auch mir von allem sehr
  472. reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen Tagen schon nicht mehr vernünftig gespeist hatte. und daß du's weißt", sagte der eine zu
  473. mir, "aber du kennst uns doch nicht." Ich schüttelte mit dem Kopfe. Also, da du's weißt, ich bin der Maler Leonhard und das dort ist wieder ein Maler Gido
  474. geheißen. Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der Morgendämmerung. Der eine, Herr Leonhard, war groß,
  475. schlank, braun, mit lustigen feurigen Augen. Der andere war viel jünger, kleiner und feiner, auf altdeutsche Mode gekleidet, wie es der Portier nannte,
  476. mit weißem Kragen und bloßem Hals, um den die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft aus dem hübschen Gesichte
  477. wegschütteln musste. Als dieser genug gefrühstückt hatte, griff er nach meiner Geige. Die neben mir auf den Boden gelegt hatte, setzte sich damit auf
  478. einen umgehauenen Baumast und klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er dazu so hell wie ein Waldvöglein, dass es mir recht durchs ganze Herz
  479. klang. Fliegt der erste Morgenstrahl durch das stille Nebeltal rauscht erwachend Wald und Hügel. Wer da fliegen kann, nimmt Flügel und
  480. sein Hüttlein in die Luft. Wirft der Mensch vor Lust und ruft: "Hat Gesang doch auch noch Schwingen. Nun, so will ich fröhlich singen."
  481. Dabei spielten die rötlichen Morgenscheine recht anmutig über sein etwas blasses Gesicht und die schwarzen verliebten Augen. Ich aber war so müde,
  482. dass sich mir die Worte und Noten, während er so sang, immer mehr verwirrten, bis ich zuletzt fest einschlief.
  483. Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hörte ich, wie im Traume die beiden Maler noch immer neben mir sprechen und die Vögel über mir singen,
  484. und die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die geschlossenen Augen, daß mir es innerlich so dunkelhell war, wie wenn die Sonne durch rotseidene Gardinen
  485. scheint. kam Ebellor, hört ich da dicht neben mir ausrufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte
  486. den jungen Maler, der im funkelnden Morgenlicht über mich hergebeugt stand, sodass beinah nur die großen schwarzen Augen zwischen den herabhängenden Locken
  487. zu sehen waren. Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag geworden. Der Herr Leon Hart schien verdrüsslich
  488. zu sein. Er hatte zwei zornige Falten auf der Stirn und trieb hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber schüttelte seine
  489. Locken aus dem Gesicht und trellerte, während er sein Pferd aufzäumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhart zuletzt plötzlich laut auflachte,
  490. schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem Rasen stand und den Rest in die Gläser einschenkte. Auf eine glückliche Ankunft
  491. rief er aus. Sie stießen mit den Gläsern zusammen. Es gab einen schönen Klang. Darauf schleuderte Leonhart die leere Flasche hoch ins Morgenrot,
  492. dass es lustig in der Luft funkelte. Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde und ich marschierte frisch wieder nebenher.
  493. Gerade vor uns lag ein unübersehbares Tal. in das wir nun hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und Jubilieren.
  494. Mir war so kühl und fröhlich zumute, als sollte ich von dem Berge in die prächtige Gegend hinausfliegen. Vieres Kapitel.
  495. Nun Ade, Mühle und Schloss und Portier. Nun ging es, dass mir der Wind am Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte
  496. und Weingärten vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte. Hinter mir die beiden Maler im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prächtigen
  497. Postillon, ich hoch oben auf dem Kutschbock, dass ich oft Ellenhoch in die Höhe flog. Das war so zugegangen.
  498. Als wir vor B ankamen, kommt schon am Dorfe ein langer, dürrer gremlicher Heer im grünen Flauschrock uns entgegen. Macht viele Bücklinge vor den Herren
  499. Malern und führt uns in das Dorf hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon ein prächtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt.
  500. Herr Leon Hart meinte unterwegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher geschwind aus seinem Mantelsack hervor und ich musste einen
  501. ganz neuen schönen Frack und Weste anziehen, die mir sehr vornehm zu Gesicht standen, nur dass mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich
  502. herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in der Sonne, als wä er mit frischer Butter überschmiert.
  503. Dann nahm der fremde Grämliche her die beiden Pferde der Maler am Zügel. Die Maler sprangen in den Wagen, ich auf den Bock und so flogen wir schon fort, als
  504. eben der Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster guckte, der Postillon bliß lustig auf dem Horne und so ging es frisch nach Italien hinein. Ich hatte
  505. eigentlich da droben ein prächtiges Leben wie der Vogel in der Luft und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. zu tun hatte ich auch weiter
  506. nichts als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und bei den Wirzhäusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen herauszubringen,
  507. denn die Maler sprachen nirgends ein und bei Tage zogen sie die Fenster am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie erstechen wollte.
  508. Nur zu Weilen steckte der Herr Guido sein hübsches Köpfchen zum Wagenfenster heraus und diskurte freundlich mit mir und lachte dann den Herrn Leonhard aus,
  509. der das nicht leiden wollte und jedes Mal über die langen Diskurse böse wurde. Ein paar Mal hätte ich bald Verdruss bekommen mit meinem Herrn.
  510. das eine Mal, wie ich bei schöner sternklarer Nacht droben auf dem Bock die Geige zu spielen anfing und so dann später hin wegen des Schlafes.
  511. Das war aber auch ganz zum Erstaunen. Ich wollte mir doch Italien recht genau besehen und riss die Augen alle Viertelstunden weit auf.
  512. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so vor mich hingesehen. So verschwirrten und verwickelten sich mir die sechz Pferdefüße vor mir wie ein
  513. Filet so hin und her und übers Kreuz, dass mir die Augen gleich wieder übergingen. Und zuletzt geriet ich in ein solches
  514. entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, das gar kein Rat mehr war. Da moches Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein, Tirol oder Italien sein.
  515. Ich hing bald rechts, bald links, bald rücklings über den Bock herunter. Ja, manchmal tunkte ich mit solcher Wehemenz mit dem Kopfe nach dem Boden
  516. zu, dass mir der Hut weit vom Kopfe flog und der Herr Gido im Wagen laut aufschrie. So war ich. Ich weiß selbst nicht, wie durch Halbwelchland,
  517. daß sie dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend vor einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten.
  518. Die Postpferde waren in dem daranstoßenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt. Die Herren Maler stiegen daher aus und
  519. ließen sich in ein besonderes Zimmer führen, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich aber war sehr vergnügt darüber und verfügte mich
  520. sogleich in die Gaststube, um endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Komodität zu essen und zu trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus.
  521. Die Mägte gingen mit zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstücher unordentlich um das gelbe Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die Knechte
  522. vom Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotzten mich zu Weilen von der Seite an. Die hatten alle kurze dicke Haarzöpfe und sahen so recht
  523. vornehm wie die jungen Herlein aus. Da bist du nun", dachte ich bei mir, und aß fleißig fort. "Da bist du nun endlich in dem Lande, woher immer die kuriosen
  524. Leute zu unserem Herrn Pfarrer kamen mit Mausefallen und Barometern und Bildern, was der Mensch doch nicht alles erfährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen
  525. hervormacht." Wie ich noch ebenso esse und meditiere, wuscht ein Männlein, das bis jetzt in einer dunkelen Ecke der Stube bei seinem
  526. Glase Wein gesessen hatte, auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war ganz kurz und backlicht,
  527. hatte aber einen großen graußlichen Kopf mit einer langen römischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die gepuderten Haare standen ihm von
  528. allen Seiten zu Berge, als wenn der Sturmwind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen, verschossenen Frack, kurze plüschende
  529. Beinkleider und ganz vergelbte seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte, wunder, wie gut der Deutsch verstünde.
  530. Er setzte sich zu mir und frug bald das bald jenes, während er immer vor Tabak schnupfte, ob ich der Servitore sei, wenn wir Arrivare,
  531. ob wir nach Roma gehen. Aber das wusste ich alles selber nicht und konnte auch sein Kauderwälsch gar nicht verstehen. Pales Waus France,
  532. sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er schüttelte mit dem großen Kopf und das war mir sehr lieb, denn ich konnte
  533. ja auch nicht Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte mich einmal recht aufs Korn genommen. Er frug und frug immer wieder.
  534. Je mehr wir plierten, je weniger verstand einer den anderen. Zuletzt wurden wir beide schon hitzig, so dass mir es manchmal vorkam, als wollte der
  535. Signor mit seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägte, die den babylonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig auslachten.
  536. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die Haustür hinaus, denn mir war in dem fremden Lande nicht anders.
  537. Als wäre ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der Einsamkeit
  538. um mich her und glotzte und schnappte nach mir. Draußen war eine warme Sommernacht, so recht um Gasser Team zu gehen. Weit von den Weinbergen herüber
  539. hörte man noch zu Weilen einen Winzer singen. Dazwischen blitzte es manchmal von Ferne und die ganze Gegend zitterte und säuselte im Mondschein.
  540. Ja, manchmal kam es mir vor. Als schlüpfte eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnusssträuchern vor dem Hause vorüber und guckte durch die
  541. Zweige. Dann war alles auf einmal wieder still. Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirzhauses heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr
  542. geschickt auf einer Zita, die er im Hause gefunden haben mußte und sang dann dazu wie eine Nachtal. Schweigt der Menschen laute Lust,
  543. rauscht die Erde wie in Träumen wunderbar mit allen Bäumen, was dem Herzen kaum bewußt. Alte Zeiten, Linde Trauer und es schweifen leise Schauer
  544. wetterleuchtend durch die Brust. Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte mich auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und
  545. schlief in der lauen Nacht vor großer Ermüdung fest ein. Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein Posthorn aufweckte, das lange
  546. Zeit lustig in meine Träume hereinbließ, ehe ich mich völlig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf. Der Tag dämmerte schon an den Bergen und die Morgenkühle
  547. rieselte mir durch alle Glieder. Da fiel mir erst ein, dass wir ja um diese Zeit schon wieder weit fort sein wollten. Aha, dachte ich, heute ist einmal das
  548. Wecken und Auslachen an mir. Wie wird der Herr Guido mit dem verschlafenen Lockenkopfe herausfahren, wenn er mich draußen hört?
  549. So ging ich den kleinen Garten am Hause dicht unter die Fenster, wo meine Herren wohnten, dehnte mich noch einmal recht ins Morgenrot hinein und sang fröhlichen
  550. Mutes. Wenn der Hoppeevogel schreit, ist der Tag nicht mehr weit. Wenn die Sonne sich auftut, schmeckt der Schlaf noch so gut.
  551. Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben. Nur der Nachtwind ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster hineinstreckten.
  552. "Nun, was soll denn das wieder bedeuten?", rief ich voll erstaunen aus und lief in das Haus und durch die stillen Gänge
  553. nach der Stube zu. Aber da gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie ich die Tür aufreiße, ist alles leer darin. Kein Frack, kein
  554. Hut, kein Stiefel. Nur die Zita, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte, hing an der Wand. Auf dem Tische mitten in der Stube lag ein schöner voller
  555. Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn näher ans Fenster und traute meinen Augen kaum. Es stand wahrhaftig mit
  556. großen Buchstaben darauf. Für den Herrn Einnehmer. Was war mir aber das alles nütze, wenn ich meine lieben lustigen Herren nicht
  557. wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche, das plumpte wie in einen tiefen Brunnen, dass es mich ordentlich
  558. hinten überzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und weckte alle Knechte und Mägte im Hause. Die wußten gar nicht, was ich wollte und meinten,
  559. ich wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wusste etwas von meinen Herren. Nur die
  560. eine Magt, wie ich aus ihren Zeichen und Gestikulationen zusammenbringen konnte, hatte bemerkt, dass der Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang,
  561. auf einmal laut aufschrie und dann geschwind zu dem anderen Herrn ins Zimmer zurückstürzte. Als sie herch in der Nacht einmal
  562. aufwachte, hörte sie draußen Pferdegetreppel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und sah den buckligen
  563. Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte, auf einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld galoppieren, dass er immer Ellenhoch überm Sattel in
  564. die Höhe flog und die Magt sich bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen Pferde reitet.
  565. Da wußte ich nun gar nicht, was ich machen sollte. Unters aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür angespannt,
  566. und der Postillon stieß ungeduldig ins Horn, dass er hätte Bärsten mögen, denn er musste zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da alles durch
  567. Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte noch einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab Antwort. Die
  568. Leute aus dem Hause liefen zusammen und gaffen mich an. Der Postillon fluchte, die Pferde schnaubten. Ich ganz verblüfft springe endlich geschwind in
  569. den Wagen hinein. Der Hausknecht schlägt die Tür hinter mir zu. Der Postillon knallt und so ging es mit mir fort in die weite Welt hinein. Fünftes Kapitel.
  570. Wir fuhren nun über Berg und Tal Tag und Nacht immer fort. Ich hatte gar nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde
  571. angeschiert. Ich konnte mit den Leuten nicht sprechen. Mein Demonstrieren half also nichts. Oft, wenn ich im Wirtshause eben beim besten Essen war, bließ der
  572. Postillon. Ich mußte Messer und Gabel wegwerfen und wieder in den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar nicht, wohin und weswegen ich just mit
  573. so ausnehmender Geschwindigkeit fortreisen sollte, sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich wie auf einem Canape
  574. bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte Menschen und Länder kennen. Und wenn wir durch Städte fuhren, lehnte ich mich auf beide Arme
  575. zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die höflich vor mir den Hut abnahmen. oder ich grüßte die Mädchen an den
  576. Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten und mir noch lange neugierig nachguckten, aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich
  577. hatte das Geld in dem gefundenen Beutel niemals gezählt. Den Postmeistern und Gastwirten mußte ich überall viel bezahlen,
  578. ehe ich mich's versah, war der Beutel leer. Anfangs nahm ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald führen, schnell aus dem Wagen zu springen und zu
  579. entlaufen. Dann aber tat es mir wieder leid, nun den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich sonst wohl noch bis ans Ende
  580. der Welt fortgefahren wäre. Nun saß ich eben voller Gedanken und wusste nicht aus noch ein, als es auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich
  581. schrie zum Fenster heraus auf den Postillon, wohin er denn fahre. Aber ich mochte sprechen, was ich wollte. Der Kerl sagte
  582. immer bloß: "Sie, sieignore!" und fuhr immer über Stock und Stein, dass ich aus einer Ecke des Wagens in
  583. die andere flog. Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße lief gerade durch eine prächtige Landschaft auf die
  584. untergehende Sonne zu, wohl wie in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns gewendet hatten, lag ein wüstes Gebirge vor uns mit grauen
  585. Schluchten, zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. Je weiter wir fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam
  586. der Mond hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die Bäume und Felsen herein, dass es ordentlich graußlich anzusehen war. Wir
  587. konnten nur langsam fahren in den engen steinigten Schluchten und das Einförmige ewige Gerassel des Wagens schalte an den Steinwänden weit in die stille Nacht,
  588. als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein. Nur von vielen Wasserfällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein
  589. unaufhörliches Rauschen tiefer im Walde, und die Kreuzchen riefen aus der Ferne immer fort: "Komm, komm mit." Dabei kam es mir vor, als wenn der
  590. Kutscher, der wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte und kein Postillon war, sich einige Mal unruhig umsehe und schneller zu fahren anfing.
  591. Und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam plötzlich ein Reiter aus dem Gebüsche hervor, sprengte dicht vor unseren Pferden quer
  592. über den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der anderen Seite im Walde. Ich war ganz verwirrt, denn so viel ich bei dem hellen Mondschein erkennen
  593. konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf seinem Schimmel, das in dem Wirlernase nach mir gehackt hatte. Der Kutscher
  594. schüttelte den Kopf und lachte laut auf über die nerrische Reiterei, wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach sehr viel und sehr eifrig, wovon
  595. ich leider nichts verstand und fuhr dann noch rascher fort. Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah. Es fanden sich nach und
  596. nach noch mehrere Lichter. Sie wurden immer größer und heller und endlich kamen wir an einigen verräucherten Hütten vorüber, die wie Schwalbnester
  597. auf dem Felsen hingen. Da die Nacht warm war, so standen die Türen offen, und ich konnte darin die heller leuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel
  598. sehen, das wie dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf
  599. einen hohen Berg hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher den ganzen Hohlweg.
  600. Bald konnte man auf einmal wieder das ganze Firmar und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und Tälern übersehen.
  601. Auf dem Gipfel des Berges stand ein großes altes Schloss mit vielen Türmen im hellsten Mondschein. Nun Gott befohlen.
  602. Rief ich aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie mich da am Ende noch bringen würden. Es dauerte wohl noch eine gute halbe
  603. Stunde, ehe wir endlich auf dem Berge am Schlosstore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm hinein, der oben schon ganz verfallen
  604. war. Der Kutscher knallte dreimal, daß es weit in dem alten Schlosse wiederte, wo ein Schwarm von Dolen ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken
  605. und Ritzen herausfuhr und mit großem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den langen dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben
  606. mit ihren Hufeisen Feuer auf dem Steinpflaster. Ein großer Hund bälte. Der Wagen donnerte zwischen den
  607. gewölbten Wänden. Die Dolen schrien noch immer dazwischen. So kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen gepflasterten
  608. Schlosshof. "Eine kuriose Station", dachte ich bei mir, als nun der Wagen still.
  609. Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht und ein alter langer Mann mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen gremlig an. Er
  610. fasßte mich dann unter den Arm und half mir wie einem großen Herrn aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine alte,
  611. sehr hässliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock mit einer weißen Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die Nase herunterhing.
  612. Sie hatte an der einen Hüfte einen großen Buntschlüssel hängen und hielt in der anderen einen altmodischen Armleuchter mit zwei brennenden
  613. Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an, tiefe Knicse zu machen und sprach und frug sehr viel durcheinander.
  614. Ich verstand aber nichts davon und machte immer fort Kratzfüße vor ihr, und es war mir eigentlich recht unheimlich zumute.
  615. Der alte Mann hatte unter das mit seiner Laterne den Wagen von allen Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kopf, als er nirgend Koffer oder
  616. Bagand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite des
  617. Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich durch allerlei Zeichen ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren Wachskerzen
  618. durch einen langen schmalen Gang und dann eine kleine steinerne Treppe herauf. Als wir an der Küche vorbeigingen,
  619. streckten ein paar junge Mägte neugierig die Köpfe durch die halbgeöffnete Tür und guckten mich so starr an und winkten und nickten einander heimlich zu.
  620. Als wenn sie in ihrem Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte machte endlich oben eine Tür auf. Da wurde ich anfangs ordentlich ganz
  621. verblüfft, denn es war ein großes, schönes herrschaftliches Zimmer mit goldenen Verzierungen an der Decke und an den Wänden hingen prächtige Tapeten
  622. mit allerlei Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, das einem recht das Herz im
  623. Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing ein ungeheurer Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte. Ich muss sagen, das gefiel mir recht wohl.
  624. Ich streckte mich ein paar Mal und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnte ich aber doch nicht
  625. widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel zu besehen. Das ist wahr. Die neuen Kleider vom Herrn Leonhard stand mir recht schön. Auch hatte ich in
  626. Italien so ein gewisses feuriges Auge bekommen. Sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbad, wie ich zu Hause gewesen war.
  627. Nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar Pflaumenfedern. Die alte Frau malte in des in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde, dass es nicht
  628. anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit ihren dürren Fingern
  629. das Kinn, nannte mich Poverina, wobei sie mich aus den roten Augen so schelmig ansah, dass sich ihr eine Mundwinkel bis an die halbe Wange in die
  630. Höhe zog und ging endlich mit einem tiefen Knicks zur Tür hinaus. Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge hübsche Markt
  631. hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte allerlei galanten Diskurs mit ihr an. Sie verstand mich aber nicht, sondern sah mich immer ganz
  632. kurios von der Seite an, weil mir so gut schmeckte, denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm die Markt ein Licht von der Tafel
  633. und führte mich in ein anderes Zimmer. Da war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit grünseiden Vorhängen. Ich frug sie mit Zeichen, ob
  634. ich mich da hineinlegen sollte. Sie nickte zwar, ja, aber das war denn doch nicht möglich, denn sie blieb wie angenagelt bei mir stehen. Endlich holte
  635. ich mir noch ein großes Glas Wein aus der Tafelstube herein und rief ihr zu: "Felichesimanotte, denn so viel hatte ich schon Italienisch
  636. gelernt, aber wie ich das Glas so auf einmal ausstürzte, bricht sie plötzlich in ein verhaltenes Kichern aus, wird über und überrot, geht
  637. in die Tafelstube und macht die Tür hinter sich zu. Was ist da zu lachen? Dachte ich ganz verwundert. Ich glaube, die Leute in
  638. Italien sind alle verrückt. Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillon, dass der gleich wieder zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster,
  639. aber es war alles still draußen. "Lass ihn blasen", dachte ich, zog mich aus und legte mich in das prächtige Bett.
  640. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und Honig schwämme. Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe. Zu weilen fuhr noch eine Dole
  641. plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich voller Vergnügen einschlief. Sechstes Kapitel. Als ich wieder erwachte, spielten schon
  642. die ersten Morgenstrahlen an den grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich eigentlich wäre. Es kam mir vor, als führe ich noch immer
  643. fort im Wagen, und es hätte mir von einem Schlosse im Mondschein geträumt und von einer alten Hexe und ihrem blassen Töchterlein.
  644. Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine Tapetentür,
  645. die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur angelehnt. Ich öffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stübchen, das in der Morgendämmerung
  646. recht heimlich aussah. Über einem Stuhl waren Frauenkleider unordentlich hingeworfen. Auf einem Bettchen daneben lag das Mädchen, das mir gestern abends
  647. bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm gelegt, über den ihre schwarzen Locken
  648. herabfielen. "Wenn die wüsste, dass die Tür offen war", sagte ich zu mir selbst und ging in mein
  649. Schlafzimmer zurück, während ich hinter mir wieder schloß und verriegelte, damit das Mädchen nicht erschrecken und sich schämen sollte, wenn sie erwachte.
  650. Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh erwachtes Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem Strauch,
  651. der aus der Mauer herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. "Nein", sagte ich, "du sollst mich nicht beschämen und allein so früh und fleißig
  652. Gott loben." Ich nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen gelegt hatte und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles Totenstill
  653. und es dauerte lange, ehe ich mich aus den dunkeln Gängen ins Freie herausfand. Als ich vor das Schloss heraustrat, kam ich in einen großen Garten, der auf
  654. breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere, bis auf den halben Berg herunterging. Aber das war eine liederliche Gärtnerei.
  655. Die Gänge waren alle mit hohem Grase bewachsen. Die künstlichen Figuren von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten
  656. wie Gespenster, lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft hinaus, dass man sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte
  657. fürchten müssen. Auf einige zerbrochene Statuen über einer vertrockneten Wasserkunst war gar Wäsche aufgehängt. Hin und wieder hatten sie mitten im
  658. Garten Kohl gebaut. Dann kamen wieder ein paar ordinäre Blumen, alles unordentlich durcheinander und von hohem wildem Unkraut
  659. überwachsen, zwischen dem sich bunte Eidechsen schlängelten. Zwischen die alten hohen Bäume hindurch
  660. aber war überall eine weite einsame Aussicht, eine Bergkoppe hinter der andern, soweit das Auge reichte. Nachdem ich so ein Weilchen in der
  661. Morgendämmerung durch die Wildnis umherpaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen langen, schmalen,
  662. blassen Jüngling in einem langenbraunen Kaputrock, der mit verschränkten Armen und großen Schritten auf und abging. Er tat, als sehe er mich nicht, setzte sich
  663. bald darauf auf eine steinerne Bank hin, zog ein Buch aus der Tasche, lass sehr laut, als wenn er predigte, sah dabei zu weilen zum Himmel und
  664. stützte dann den Kopf ganz melancholisch auf die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu. Endlich wurde ich doch neugierig, warum er denn eigentlich so
  665. absonderliche Grimassen machte. und ging schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer ausgestoßen und sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war
  666. voller Verlegenheit. Ich auch. Wir wussten beide nicht, was wir sprechen sollten und machten immer fort Komplimente voreinander, bis er
  667. endlich mit langen Schritten in das Gebüsch Reiß ausnahm. Unters war die Sonne über dem Walde aufgegangen.
  668. Ich sprang auf die Bank hinauf und strich vor Lust meine Geige, daß es weit in die stillen Täller herunterschalte. Die alte mit dem Schlüsselbunde,
  669. die mich schon ängstlich im ganzen Schlosse zum Frühstück aufgesucht hatte. Er schien nun auf der Terrasse über mir und verwunderte sich, dass ich so artig
  670. auf der Geige spielen konnte. Der alte gremliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und verwunderte sich ebenfalls.
  671. Endlich kamen auch noch die Mägte und alles blieb oben voller Verwunderung stehen. Und ich fingerte und schwenkte meinen Fiedelbogen immer künstlicher und
  672. hurtiger und spielte Kadenzen und Variationen, bis ich endlich ganz müde wurde. war nun aber doch ganz seltsam auf dem
  673. Schlosse. Kein Mensch dachte da ans Weiterreisen. Das Schloss war auch gar kein Wir sondern gehörte, wie ich von der Markt
  674. erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn ich mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo er wohne, da schmunzelte sie immer bloß wie
  675. den ersten Abend, da ich auf das Schloss kam und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu, als wenn sie nicht recht bei Sinne wäre, trank ich einmal
  676. an einem heißen Tage eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mägte gewiss, wenn sie die andere brachten. Und als mich dann gar einmal nach einer
  677. Pfeife Tabak verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich wollte, da brachen alle in ein großes, unvernünftiges Gelächter aus. Am
  678. verwunderlichsten war mir eine Nachtmusik, die sich oft und gerade immer in den finstersten Nächten unter meinem Fenster hören ließ.
  679. Es griff auf einer Gitarre immer nur von Zeit zu Zeit einzelne ganz leise Klänge. Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten
  680. PST PST heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bett
  681. und mit dem Kopf aus dem Fenster. Haller, wer ist da draußen? rief ich hinunter,
  682. aber es antwortete niemand. Ich hörte nur etwas sehr schnell durch die Gesträuche fortlaufen. Der große Hund im Hofe schlug über
  683. meinen Lärm ein paar Mal an, dann war auf einmal alles wieder still und die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder vernehmen.
  684. Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sich ein Mensch nur immer in der Welt wünschen kann. Der gute Portier.
  685. Er wußte wohl, was er sprach, wenn er immer zu sagen pflegte, dass in Italien einem die Rosinen von selbst in den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen
  686. Schlosse wie ein verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wussten, dass ich keinen Heller in
  687. der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen, Tischen, deck dich. So standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse da. Ich ließ
  688. mir es wohl schmecken, schlief in dem prächtigen Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch manchmal in der Gärtnerei nach.
  689. Oft lag ich auch stundenlang im Garten im Hohen Grase und der schmale Jüngling, es war ein Schüler und Verwandter der Alten, der eben jetzt hier zur Vakanz
  690. war, ging mit seinem langen Kaputrock in weiten Kreisen um mich herum und murmelte dabei wie ein Zauberer aus seinem Buche, worüber ich dann auch
  691. jedes Mal einschlummerte. So verging ein Tag nach dem andern, bis ich am Ende anfing von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu
  692. werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichts tun ordentlich aus allen Gelenken, und es war mir, als würde ich vor Faulheit noch ganz auseinander
  693. fallen. In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag im Wipfel eines hohen Baumes, der am Abhange stand.
  694. und wiegte mich auf den Ästen langsam über dem stillen tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen den Blättern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben.
  695. Kein Mensch war zwischen den Bergen zu sehen. Tief unter mir auf den stillen Waldwiesen ruhten die Kühe auf dem hohen Grase, aber ganz von weitem kam der
  696. Klang eines Posthorns über die waldigen Gipfel herüber. bald kaum vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf einmal ein altes Lied
  697. recht aufs Herz, dass ich noch zu Hause auf meines Vaters Mühle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte.
  698. Und ich sang: "Wer in die Fremde will wandern, der muß mit der Liebsten gehen, es jubeln und lassen die anderen den Fremden alleine stehen." Was wisset ihr,
  699. dunkle Wipfel von der alten schönen Zeit? Ach, die Heimat hinter den Gipfeln, wie liegt sie von hier so weit? Am liebsten betrachte ich die Sterne,
  700. die Schienen, wenn ich ging zu ihr. Die Nachtigal höre ich so gerne. Sie sang vor der liebsten Tür. Der Morgen, das ist meine Freude. Da steige ich in
  701. stiller Stund auf den höchsten Berg in die Weite, grüßt dich, Deutschland aus Herzensgrund. Es war als wenn mich das Posthorn bei
  702. meinem Liede aus der Ferne begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den Bergen immer näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf
  703. dem Schlosshofe schallen hörte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die alte mit einem geöffneten Pakete aus dem Schlosse
  704. entgegen. "Da ist auch etwas für Sie mitgekommen", sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein kleines niedliches Briefchen.
  705. Es war ohne Aufschrift, ich brach es schnell auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot wie eine Peonie und das Herz schlug mir so
  706. heftig, dass es die alte Märkte, denn das Briefchen war von meiner schönen Frau, von der ich manches Zettelchen bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie
  707. schrieb darin ganz kurz: "Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt." Ich benutzte heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu sein, die
  708. ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Komm, eilen Sie zurück. Es ist so öde und ich kann kaum mehr leben, seit sie von uns fort sind. Aurelie.
  709. Die Augen gingen mir über, als ich das laß, vor entzücken und Schreck und unseglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten Weibe, die mich wieder
  710. abscheulich anschmunzelte und flog wie ein Pfeil bis in den allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den
  711. Haselnussußsträuchern ins Gras hin und lasß das Briefchen noch einmal. Sagte die Worte auswendig für mich hin und las dann wieder und immer wieder.
  712. Und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den Buchstaben, dass sie sich wie goldene und hellgrüne
  713. und rote Blüten vor meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet gewesen, dachte ich. War der fremde
  714. Offizier damals vielleicht ihr Herr Bruder? Oder ist er nun tot? Oder bin ich toll? oder das ist alles einer Lei rief ich endlich und sprang auf. Nun ist
  715. ja klar, sie liebt mich. Ja, sie liebt mich. Als ich aus dem Gestreuch wieder hervorkroch,
  716. neigte sich die Sonne zum Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen lustig in allen Wäldern. Die Täller waren voller Schimmer, aber
  717. in meinem Herzen war es noch viel tausendmal schöner und fröhlicher. Ich rief in das Schloss hinein, dass sie mir heute das Abendessen in den Garten
  718. herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte gremliche Mann, die Mägte, sie mußten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an den gedeckten Tisch
  719. setzen. Ich zog meine Geige hervor und spielte und aß und trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig. Der alte Mann strich seine gremlichen
  720. Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem anderen aus. Die Alte plauderte in einem fort. Gott weiß was. Die Mägte fingen an auf dem Rasen
  721. miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der blasse Student neugierig hervor. warf einige verächtliche Blicke auf das Spektakel und wollte ganz
  722. vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu faul sprang geschwind auf, erwischte ihn, e er sich versah bei seinem langen Überrock und walzte
  723. tüchtig mit ihm herum. Er strengte sich nun an, recht zirlich und neumodisch zu tanzen und füßelte so emsig und künstlich,
  724. dass ihm der Schweiß vom Gesicht herunterflooss und die langen Rockschöße wie ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich aber manchmal so
  725. kurios mit verdrehten Augen an, dass ich mich ordentlich vor ihm zu fürchten anfing und ihn plötzlich wieder losließ. Die Alte hätte nun gar zu gern erfahren,
  726. was in den Briefe stand und warum ich denn eigentlich heute auf einmal so lustig war, aber das war ja viel zu weitläufig, um es ihr auseinandersetzen
  727. zu können. Ich zeigte bloß auf ein paar Kraniche, die eben hoch über uns durch die Luft zogen und sagte, ich müsste nun auch sofort und immer fort weit in die
  728. Ferne. Da riss sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein Basilisk bald auf mich, bald auf den alten Mann
  729. hinüber. Dann bemerkte ich, wie die beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, so oft ich mich wegwandte
  730. und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zu weilen von der Seite ansah. Das fiel mir auf. Ich sah hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben
  731. möchten. Darüber wurde ich stiller. Die Sonne war auch schon lange untergegangen. Und so wünschte ich allen gute Nacht und
  732. ging nachdenklich in meine Schlafstube hinauf. Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange im Zimmer auf und niederging.
  733. Draußen wälzte der Wind schwere schwarze Wolken über den Schlossturm weg. Man konnte kaum die nächsten Bergkoppen in der dicken Finsternis erkennen. Da kam
  734. es mir vor, als wenn ich im Garten unten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte mich ans Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen,
  735. sprachen aber sehr leise miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine Gestalt unterm Mantel trug, einen langen Schein. Ich erkannte
  736. nun den gremlichen Schlossverwalter und die alte Haushälterin. Licht blitzte über das Gesicht der Alten, das mir noch niemals so grässlich
  737. vorgekommen war und über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich sehen, dass sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen.
  738. Dann schlug der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles wieder finster und still. Was wollen die? dachte ich zu dieser
  739. Stunde noch draußen im Garten. Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in meinem Leben gehört hatte von Hexen und
  740. Räubern, welche Menschen abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. indem ich noch so nachdenke, kommen Menschentritte erst die Treppe
  741. herauf, dann auf dem langen Gange ganz leise, leise auf meine Tür zu. Dabei war's als wenn zu Weilen Stimmen heimlich miteinander wisperten.
  742. Ich sprang schnell an das andere Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich sobald sich etwas rührte vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die
  743. Tür losrennen wollte. Aber in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, dass es ein entsetzliches Gepulter gab. Da wurde es auf einmal ganz still draußen.
  744. Ich lauschte hinter dem Tisch und sah immer fort nach der Tür, als wenn ich sie mit den Augen durchstechen wollte, dass mir ordentlich die Augen zum Kopfe
  745. herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig verhalten hatte, dass man die Fliegen an der Wand hätte können gehen
  746. hören, vernahm mich, wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel ins Schlüsselloch steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tischefahren,
  747. da drehte es den Schlüssel langsam dreimal in der Tür um, zog ihn vorsichtig wieder heraus und schnurrte dann sachte über den Gang und die Treppe
  748. hinunter. Ich schöpfte nun tief Atem. Oho", dachte ich, da haben sie dich eingesperrt, damit sie's Kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen bin.
  749. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war richtig, sie war fest verschlossen. Ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche Markt schlief. Das war
  750. noch niemals geschehen, solange ich auf dem Schlosse wohnte. Da saß ich nun in der Fremde gefangen. Die schöne Frau stand nun wohl an ihrem Fenster und sah
  751. über den stillen Garten nach der Landstraße hinaus. Ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige daher gestrichen komme? Die
  752. Wolken flogen rasch über den Himmel. Die Zeit verging und ich konnte nicht fort von hier. Ach, mir war so weh im Herzen. Ich wußte
  753. gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mir's auch immer, wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden knosperte,
  754. als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür heimlich hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer durchs Zimmer.
  755. Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal seit langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern.
  756. Bei dem ersten Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein Morgenstrahl plötzlich durch die Seele führe. Ich riss das Fenster auf und rief
  757. leise hinunter, dass ich wach sei. PST. PST, antwortete es von unten. Ich besann mich nun nicht lange, steckte das Briefchen
  758. und meine Geige zu mir, schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten zersprungenen Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den Sträuchern,
  759. die aus den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige Morsche Ziegel gaben nach. Ich kam ins Rutschen. Es ging immer rascher und rascher mit mir, bis ich
  760. endlich mit beiden Füßen aufplumpte, dass mir es im Gehirnkasten knisterte. Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte mich
  761. jemand mit solcher Wehemenz, daß ich laut aufschrie. Der gute Freund aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, fasste mich an der Hand und führte
  762. mich dann aus dem Gestreuch ins Freie hinaus. Da erkannte ich mit Verwunderung den guten langen Studenten, der die Gitarre
  763. an einem breiten seiden Bande um den Hals hängen hatte. Ich beschrieb ihm nun in größter Geschwindigkeit, dass ich aus dem Garten hinaus wollte.
  764. Er schien aber das alles schon lange zu wissen und führte mich auf allerlei verdeckten Umwegen zu dem unteren Tore in der hohen Gartenmauer.
  765. Aber da war nun auch das Tor wieder fest verschlossen. Doch der Student hatte auch das schon vorbedacht. Er zog einen großen
  766. Schlüssel hervor und schloss behutsam auf. Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den besten Weg zur nächsten Stadt fragen
  767. wollte, stürzte er plötzlich vor mir auf ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Höhe und fing an zu fluchen und zu schwören, dass es entsetzlich
  768. anzuhören war. Ich wusste gar nicht, was er wollte. Ich hörte nur immer fort, Idio und Kuore und Amore und Forore. Als er aber am Ende gar anfing auf
  769. beiden Knien schnell und immer näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal ganz graußlich. Ich merkte wohl, daß er verrückt war und rannte, ohne
  770. mich umzusehen, in den dicksten Wald hinein. Ich hörte nun den Studenten, wie rasend hinter mir drein schreien. Bald darauf gab noch eine andere grobe Stimme
  771. vom Schlosse her Antwort. Ich dachte mir nun wohl, daß sie mich aufsuchen würden. Der Weg war mir unbekannt, die Nacht finster. Ich konnte ihnen leicht wieder
  772. in die Hände fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne hinauf, um bessere Gelegenheit abzuwarten. Von dort konnte ich hören, wie auf dem
  773. Schlosse eine Stimme nach der anderen wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre wilden roten Scheine über das alte Gemäuer des
  774. Schlosses und weit vom Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben Gott, denn das verworrene Getümmel wurde immer lauter
  775. und näherte sich immer mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel unter meinem Baume vorüber, dass ihm die Rockschöße weit im Winde
  776. nachflogen. Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite des Berges hinzuwenden.
  777. Die Stimmen schalten immer ferner und ferner und der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell von dem Baume herab
  778. und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht hinaus. Siebes Kapitel. Ich war Tag und Nacht eilig
  779. fortgegangen, denn es sauste mir lange in den Ohren. Als kämen die vom Berge mit ihrem Rufen mit Fackeln und langen Messern noch immer hinter mir dreih.
  780. Unterwegs erfuhr ich, daß ich nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor Freude, denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon
  781. zu Hause als Kind viele wunderbare Geschichten gehört. Und wenn ich dann an Sonntagsnachmittagen
  782. vor der Mühle im Grase lag und alles Ringsum so still war, dachte ich mir rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit wundersamen Bergen und Abgründen am
  783. blauen Meer und goldenen Toren und hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldenen Gewändern sangen. Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen
  784. und der Mond schien prächtig. Als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde heraustrat und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah, das Meer
  785. leuchtete von weitem. Der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit unzähligen Sternen. Darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen langen Nebelstreif
  786. erkennen konnte, wie ein eingeschlafener Löwe auf der stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn bewachten.
  787. Ich kam nun zuerst auf eine große einsame Heide, auf der es so grau und still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes verfallenes Gemäuer oder
  788. ein trockener, wunderbar gewundener Strauch. Manchmal schwirrten Nachtvögel durch die Luft und mein eigener Schatten strich
  789. immer fort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, daß hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die alten
  790. Heiden zu Weilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei stiller Nacht über die Heide gehen und die Wanderer verwirren.
  791. Aber ich ging immer gerade fort und ließ mich nichts anfechten, denn die Stadt stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen Burgen und
  792. Tore und die goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen Mondenschein, als ständen wirklich die Engel in goldenen Gewändern auf den Zinnen und
  793. Sängen durch die stille Nacht herüber. So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann durch ein prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom
  794. hinein. Der Mond schien zwischen den Palästen, als wäre es heller Tag, aber die Straßen waren schon alle leer. Nur hin und wieder lag ein lumpiger Kerl wie
  795. ein Toter. In der lauen Nacht auf den Marmorschwellen und schlief. Dabei rauschten die Brunnen auf den stillen Plätzen und die Gärten an der
  796. Straße säuselten dazwischen und erfüllten die Luft mit erquickenden Düften. Wie ich nun ebenso weiter fortschelnere
  797. und vor Vergnügen, Mondschein und Wohlgeruch gar nicht weiß, wohin ich mich wenden soll, lässt sich tief aus dem einen Garten eine Gitarre hören.
  798. Mein Gott, denke ich, da ist mir wohl der tolle Student mit dem langen Überrock heimlich nachgesprungen. Darüber fing eine Dame in dem Garten an,
  799. überaus lieblich zu singen. Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme der schönen gnädigen Frau und dasselbe welche
  800. Liedchen, dass sie gar oft zu Hause am offenen Fenster gesungen hatte. Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit mit solcher Gewalt aufs Herz, dass
  801. ich bitterlich hätte weinen mögen. Der stille Garten vor dem Schloss in früher Morgenstunde und wie ich da hinter dem Strauch so
  802. glückselig war, ehe mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte mich nicht länger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Ziraten über das Gittertor
  803. und schwang mich in den Garten hinunter, woher der Gesang kam. Da bemerkte ich, daß eine schlanke weiße Gestalt von fern hinter einer Pappel
  804. stand und mir erst verwundert zusah, als ich über das Gitterwerk kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den dunklen Garten nach dem Hause zuflog,
  805. dass man sie im Mondschein kaum Füßeln sehen konnte. Das war sie selbst", rief ich aus, und das Herz schlug mir vor Freude, denn ich
  806. erkannte sie gleich an den kleinen geschwinden Füßchen wieder. Es war nur schlimm, dass ich mir beim herunterspringen vom Gartentore den
  807. rechten Fuß etwas vertreten hatte. Ich musste daher erst ein paar Mal mit dem Beine schlenkern, ehe ich zu dem Hause nachspringen konnte.
  808. Aber da hatten sie unter Tür und Fensterfest verschlossen. Ich klopfte ganz bescheiden an, horchte und klopfte wieder. Da war es nicht
  809. anders, als wenn es drinnen leise flüsterte und kicherte. Ja, einmal kam es mir vor, als wenn zwei helle Augen zwischen den Jalousien im
  810. Mondschein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder alles still. Sie weiß nur nicht, daß ich es bin, dachte ich, zog die Geige, die ich
  811. allzeit bei mir trage hervor. spazierte damit auf dem Gange vor dem Hause auf und nieder und spielte und sang das Lied von der schönen Frau und
  812. spielte voll Vergnügen alle meine Lieder durch, die ich damals in den schönen Sommernächten im Schlossgarten oder auf der Bank vor dem Zollhause gespielt
  813. hatte, dass es weit bis in die Fenster des Schlosses hinüberklang. Aber es half alles nichts. Es rührte und regte sich niemand im ganzen Hause. Da
  814. steckte ich endlich meine Geige traurig ein und legte mich auf der Schwelle vor der Haustür hin, denn ich war sehr müde von dem langen Marsch. Die Nacht war
  815. warm, die Blumenbete vor dem Hause dufteten lieblich. Eine Wasserkunst weiter unten im Garten pletscherte immer fort dazwischen.
  816. Mir träumte von himmelblauen Blumen, von schönen dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und Bächlein gingen und bunte Vögel wunderbar sangen, bis
  817. ich endlich fest einschlief. Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die Vögel waren schon wach und
  818. zwitscherten auf den Bäumen um mich herum, als ob sie mich für Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und sah mich nach allen Seiten um. Die
  819. Wasserkunst im Garten rauschten noch immer fort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte durch die grünen Jalousien in das eine Zimmer
  820. hinein. Da war ein Sofa und ein großer runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen. Die Stühle standen alle in großer Ordnung und unverrückt an den
  821. Wänden herum. Von außen aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelassen, als wäre das ganze Haus schon seit
  822. vielen Jahren unbewohnt. Da überfiel mich ein ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor der gestrigen weißen
  823. Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen, durch die stillen Lauben und Gänge und kletterte geschwind wieder an dem
  824. Gartentor hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich auf einmal von dem hohen Gitterwerk in die prächtige Stadt
  825. hinuntersah. Da blitzte und funkelte die Morgensonne weit über die Dächer und in die langen, stillen Straßen hinein, dass sich laut
  826. aufjauchzen musste und voller Freude auf die Straße hinuntersprang. Aber wohin sollte ich mich wenden? in der großen fremden Stadt. Auch ging mir
  827. die konfuse Nacht und das welche Lied der schönen gnädigen Frau von gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich endlich auf den steinernen
  828. Springbrunnen, der mitten auf dem einsamen Platze stand, wusch mir in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu. Wenn ich ein Vöglein war, ich wüß
  829. wohl, wovon ich sänge und auch zwei Flügel hät, ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge. Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie
  830. eine Lerche beim ersten Morgenstrahl. sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der während meines Liedes an den Brunnen herangetreten war.
  831. Mir aber, da ich so unverhofft Deutsch sprechen hörte, war es nicht anders im Herzen, als wenn die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen
  832. plötzlich zu mir herüber klänge. Gott willkommen, bester Herr Landsmann, rief ich aus und sprang voller Vergnügen von dem steinernen Brunnen herab. Der
  833. junge Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. "Aber was treibt ihr denn eigentlich hier in Rom?", fragte er endlich. Da wusste ich nun nicht gleich,
  834. was ich sagen sollte, denn daß ich soeben der schönen gnädigen Frau nachsprenge, mochte ich ihm nicht sagen. "Ich treibe", erwiderte ich mich selbst
  835. ein bisschen herum, um die Welt zu sehen. So. So versetzte der junge Mann und lachte laut auf. Da haben wir ja ein
  836. Mettier. Das tue ich eben auch, um die Welt zu sehen und hinterdreihin abzumalen. Also ein Maler rief ich fröhlich aus,
  837. denn mir fiel dabei Herr Leonhard und Guido ein. Aber der Herr ließ mich nicht zu Worte kommen. Ich denke, sagte er, du gehst
  838. mit und frühstückst bei mir, da will ich dich selbst abkonterfallen, dass es eine Freude sein soll. Das ließ ich mir gern gefallen und
  839. wanderte nun mit dem Maler durch die leeren Straßen, wo nur hin und wieder erst einige Fensterladen aufgemacht wurden und bald ein paar weiße Arme,
  840. bald ein verschlafenes Gesichtchen in die frische Morgenluft hinausguckte. Er führte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser, enger und dunkler
  841. Gassen, bis wir endlich in ein altes verräuchertes Haus hineinwuschten. Dort stiegen wir eine finstere Treppe hinauf, dann wieder eine, als wenn wir
  842. in den Himmel hineinsteigen wollten. Wir standen nun dem Dache vor einer Tür und der Maler fing an in allen Taschen vorn und hinten mit großer Eilfertigkeit
  843. zu suchen, aber er hatte heute früh vergessen zuzuschließen und den Schlüssel in der Stube gelassen, denn er war, wie er mir unterwegs erzählte, noch
  844. vor Tagesanbruch vor die Stadt hinausgegangen, um die Gegend bei Sonnenaufgang zu betrachten.
  845. Er schüttelte nur mit dem Kopfe und stieß die Tür mit dem Fuße auf. Das war eine lange, lange große Stube, dass man darin hätte tanzen können, wenn nur
  846. nicht auf dem Fußboden alles vollgelegen hätte. Aber da lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umgeworfene Farbentöpfe, alles
  847. durcheinander. In der Mitte der Stube standen große Gerüste, wie man zum Birnenabnehmen braucht. Ringsom an der Wand waren große
  848. Bilder angelehnt. Auf einem langen hölzernen Tische war eine Schüssel, worauf neben einem Farbenklexe Brot und Butter lag. Eine
  849. Flasche Wein stand daneben. Nun es und trinkt erst, Landsmann, rief mir der Maler zu. Ich wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten
  850. schmieren, aber da war wieder kein Messer da. Wir mussten erst lange in den Papieren auf dem Tische herumrascheln, ehe wir es unter einem großen Pakete
  851. endlich fanden. Darauf riß der Maler das Fenster auf. daß die frische Morgenluft fröhlich das ganze Zimmer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht weit
  852. über die Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig die weißen Landhäuser und Weingärten beschien. Wie wart unser kühlgrünes Deutschland da
  853. hinter den Bergen?" rief der Maler aus und trank dazu aus der Weinflasche, die er mir dann hinreichte.
  854. Ich tat ihm höflich Bescheid und grüßte in meinem Herzen die schöne Heimat in der Ferne noch viel tausendmal. Der Maler aber hatte unter das hölzerne
  855. Gerüst, worauf ein sehr großes Papier aufgespannt war, näher an das Fenster herangerückt. Auf dem Papier war bloß mit großen
  856. schwarzen Strichen eine alte Hütte, gar künstlich abgezeichnet. Darin saß die heilige Jungfrau mit einem überaus schönen, freudigen und doch
  857. recht wehmütigen Gesichte. Zu ihren Füßen auf einem Nestlein von Stroh lag das Jesus Kind, sehr freundlich, aber mit großen, ernsthaften
  858. Augen. Draußen auf der Schwelle der offenen Hütte, aber knieten zwei Hirtknaben mit Stab und Tasche. Siehst du, sagte der Maler, dem einen
  859. Hirtknaben da will ich deinen Kopf aufsetzen. So kommt dein Gesicht doch auch etwas unter die Leute und willst Gott. Sollen
  860. sie sich daran noch erfreuen, wenn wir beide schon lange begraben sind und selbst so still und fröhlich vor der heiligen Mutter und ihrem Sohne knien
  861. wie die glücklichen Jungen hier. Darauf ergriff er einen alten Stuhl. von dem ihm aber, da er ihn aufheben wollte, die halbe Lehne in der Hand
  862. blieb. Er paßte ihn geschwind wieder zusammen, schob ihn vor das Gerüst hin, und ich musste mich nun darauf setzen und mein Gesicht etwas von der Seite
  863. nach dem Maler zuwenden. So saß ich ein paar Minuten ganz still, ohne mich zu rühren. Aber ich weiß nicht, zuletzt konnte ich es gar nicht
  864. recht aushalten. Bald juckte mich's da, bald juckte mich's dort. Auch hing mir gerade gegenüber ein zerbrochener halber Spiegel. Da mußte
  865. ich immer fort hineinsehen und machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei Gesichter und Grimassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte
  866. endlich laut auf und winkte mir mit der Hand, dass ich wieder aufstehen sollte. Mein Gesicht auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar aus, daß
  867. ich mir ordentlich selber gefiel. Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig fort, während er ein Liedchen dazu sang und zu weilen
  868. durch das offene Fenster in die prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mir unter das noch eine Butterstolle und ging damit im Zimmer
  869. auf und ab und besah mir die Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir ganz besonders gut. "Habt ihr die auch gemalt?", fragte
  870. ich den Maler. "Warum nicht gar?", erwiderte er. Die sind von den berühmten Meistern
  871. Leonardo da Vinci und Gidoi. Aber da weißt du ja doch nichts davon. Mich ärgerte der Schluss der Rede. Oh, versetzte ich ganz gelassen. Die beiden
  872. Meister kenne ich wie meine eigene Tasche. Da machte er große Augen. Wieso?
  873. Fragte er geschwind. Nun, sagte ich, bin ich nicht mit ihnen Tag und Nacht fortgereist zu Pferde und zu Fuß und zu Wagen, dass
  874. mir der Wind am Hute pfiff, und habe sie alle beide in der Schenke verloren und bin dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost immer weitergefahren,
  875. dass der Bombenwagen immer fort auf zwei Rädern über die entsetzlichen Steine flog und oho Oho!
  876. Unterbrach mich der Maler und sah mich starr an, als wenn er mich für verrückt hielte. Dann aber brach er plötzlich in ein lautes Gelächter aus. Ach, rief er,
  877. nun verstehe ich erst, du bist mit zwei Malern gereist, die Gido und Leonhard hießen. Da ich das bejahrte,
  878. sprang er rasch auf und sah mich nochmals von oben bis unten ganz genau an. Ich glaube gar, sagte er. Am Ende spielst du die Violine?
  879. Ich schlug auf meine Rocktasche, dass die Geige darin einen Klang gab. Nun wahrhaftig versetzte der Maler. Da war eine Gräfin
  880. aus Deutschland hier. Die hat sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden Malern und nach einem jungen Musikanten mit der Geige erkundigen lassen.
  881. Eine junge Gräfin aus Deutschland rief ich voller Entzücken aus. Ist der Portier mit? Ja, das weiß ich alles nicht", erwiderte
  882. der Maler. "Ich sah sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber auch nicht in der Stadt wohnt. "Kennst du die?",
  883. fuhr er fort, indem er in einem Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in die Höhe hob. Da war mir doch nicht anders, als wenn man in einer
  884. finstern Stube die Laden aufmacht und einem die Morgensonne auf einmal über die Augen blitzt. Es war die schöne, gnädige Frau. Sie stand in einem
  885. schwarzen Samtkleide im Garten und hob mit einer Hand den Schleier vom Gesicht und sah still und freundlich in eine weite prächtige Gegend hinaus.
  886. Je länger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wäre es der Garten am Schlosse. Und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im Winde. Und unten in der Tiefe
  887. sehe ich mein Zollhäuschen und die Landstraße weit durchs Grüne und die Donau und die fernenblauen Berge. Sie ist's, sie ist's."
  888. Rief ich endlich, erwischte meinen Hut und rannte rasch zur Tür hinaus, die vielen Treppen hinunter und hörte nur noch, dass mir der verwunderte Maler
  889. nachschrie, ich sollte gegen Abend wiederkommen, da könnten wir vielleicht mehr erfahren. Achtes Kapitel. Ich lief mit großer
  890. Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich sogleich wieder in dem Gartenhause zu melden, wo die schöne Frau gestern Abend gesungen hatte.
  891. Auf den Straßen war unter des Alles lebendig geworden. Herren und Damen zogen im Sonnenschein und neigten sich und grüßten bunt durcheinander.
  892. Prächtige Karossen rasselten dazwischen und von allen Türmen läutete es zur Messe, dass die Klänge über dem Gewühl wunderbar in der klaren Luft durcheinand
  893. erhalten. Ich war wie betrunken von Freude und von dem Rumor und rannte in meiner Fröhlichkeit immer gerade fort, bis ich
  894. zuletzt gar nicht mehr wusste, wo ich stand. Es war wie verzaubert, als wäre der stille Platz mit dem
  895. Brunnen und der Garten und das Haus bloß ein Traum gewesen und beim hellen Tageslicht alles wieder von der Erde verschwunden.
  896. Fragen konnte ich nicht, denn ich wusste den Namen des Platzes nicht. Endlich fing es auch an, sehr schwül zu werden. Die Sonnenstrahlen schossen recht wie
  897. sängende Pfeile auf das Pflaster. Die Leute verkrochen sich in die Häuser. Die Jalousien wurden überall wieder zugemacht
  898. und es war auf einmal wie ausgestorben auf den Straßen. Ich warf mich zuletzt ganz verzweifelt vor einem schönen großen Hause hin, vor dem ein Balkon mit
  899. säulenbreiten Schatten warf und betrachtete bald die stille Stadt, die in der plötzlichen Einsamkeit bei heller Mittagsstunde ordentlich schauerlich
  900. aussah, bald wieder den tiefblauen, ganz wolkenlosen Himmel, bis ich endlich vor großer Ermüdung gar einschlummerte, Da träumte mir, ich lege bei meinem
  901. Dorfe auf einer einsamen grünen Wiese. Ein warmer Sommerregen sprühte und glänzte in der Sonne, die soeben hinter den Bergen unterging. Und wie die
  902. Regentropfen auf den Rasen fielen, waren es lauter schöne bunte Blumen, so dass ich davon ganz überschüttet war. Aber wie erstaunte ich, als ich erwachte
  903. und wirklich eine Menge schöner frischer Blumen auf und neben mir liegen sah. Ich sprang auf, konnte aber nichts Besonderes bemerken, als bloß in dem
  904. Hause über mir ein Fenster ganz oben voll von duftenden Sträuchern und Blumen, hinter denen ein Papagei unablässig plauderte und kreischte. Ich
  905. laß nun die zerstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß vorn ins Knopfloch. Dann aber fing ich an mit dem Papagei
  906. ein wenig zu diskuren, denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Gbauer mit allerlei Grimassen herauf und herunterstieg und sich dabei immer
  907. ungeschickt über die große Zehe trat. Doch ehe ich mich's versah, schimpfte er mich, fuhrfandte. Wenn es gleich eine unvernünftige Bestie
  908. war, so ärgerte es mich doch. Ich schimpfte ihn wieder. Wir gerieten endlich beide in Hitze. Je mehr ich auf Deutsch schimpfte, je mehr gelte er auf
  909. italienisch wieder auf mich los. Auf einmal hörte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte mich rasch um. Es war der Maler von heute früh. "Was
  910. stellst du wieder für tolles Zeug an?", sagte er. "Ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist wieder kühler. Wir wollen in einen Garten vor
  911. der Stadt gehen. Da wirst du mehrere Landsleute finden und vielleicht etwas Näheres von der deutschen Gräfin erfahren."
  912. Darüber war ich außerordentlich erfreut. und wir traten unseren Spaziergang sogleich an, während ich dem Papagei noch lange hinter mir drein schimpfen
  913. hörte. Nachdem wir draußen vor der Stadt auf schmalen steinigten Fußsteigen lange zwischen Landhäusern und Weingärten
  914. hinaufgestiegen waren, kamen wir an einen kleinen hochgelegenen Garten, wo mehrere junge Männer und Mädchen im Grünen um einen runden Tisch saßen.
  915. Sobald wir hineintraten, winkten uns alle zu, uns still zu verhalten, und zeigten auf die andere Seite des Gartens hin. Dort saßen in einer großen, grün
  916. verwachsenen Laube zwei schöne Frauen an einem Tisch einander gegenüber. Die eine sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden hinter dem
  917. Tische stand ein freundlicher Mann, der mit einem kleinen Stäbchen zu weilen den Takt schlug. Dabei funkelte die Abendsonne durch das
  918. Weinlaub, bald über die Weinflaschen und Früchte, womit der Tisch in der Laube besetzt war, bald über die vollen runden, blendentweißen Achseln der Frau
  919. mit der Gitarre. Die andere war wie verzückt und sang auf Italienisch ganz außerordentlich künstlich, dass ihr die Flexen am Halse aufschwollen,
  920. wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange Kadenz anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stäbchen auf den Augenblick
  921. passte, wo sie wieder in den Takt einfallen würde und keiner im ganzen Garten zu atmen sich unterstand. Da flog plötzlich die Gartentür weit auf
  922. und ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein junger Mensch mit einem feinen bleichen Gesicht stürzten in großem Gezenke herein. Der erschrockene
  923. Musikdirektor blieb mit seinem aufgehobenen Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen. Obgleich die Sängerin schon längst den langen Thriller
  924. plötzlich abgeschnappt hatte und zornig aufgestanden war. Alle übrigen zischten den neu angekommenen wütend an. "Baba", rief ihm einer von dem runden Tische zu.
  925. Du rennst da mitten in das sinnreiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein, welche der selige Hoffmann. Seite 347
  926. des Frauentaschenbuches für 1816 von dem schönsten Hummelchen Bilde gibt, das im Herbst 1814
  927. auf der Berliner Kunstausstellung zu sehen war, aber das half alles nichts. Ach was? entgegnete der junge Mann mit euern
  928. Tableus von Tableus. mein selbsterfundenes Bild für die anderen und mein Mädchen für mich allein.
  929. So will ich es halten. Oh, du Ungetreue, du falsche. Fuhr er dann von neuem gegen das arme Mädchen fort. Du kritische Seele, die in
  930. der Malerkunst nur den Silberblick und in der Dichterkunst nur den goldenen Faden sucht und keinen Liebsten, sondern nur lauter Schätze hat. Ich wünsche dir
  931. Hinführro, anstatt eines ehrlichen malischen Pinsels, einen alten Duka mit einer ganzen Münzgrube von Diamanten auf der Nase und
  932. mit hellem Silberblick auf der Karlen Platte und mit Goldschnitt auf den paar noch übrigen Haaren. Ja, nur heraus mit dem verruchten
  933. Zettel, den du da vorhin vor mir versteckt hast. Was hast du wieder angezettelt? Von wem ist der Wisch und an wen ist er?
  934. Aber das Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die anderen den erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit
  935. großem Lärm zu trösten und zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von dem Rumor, zumal da das Mädchen auch ihr Mäulchen nicht halten
  936. konnte. bis sie endlich weinend aus dem verworrenen Kneu hervorflog und sich auf einmal ganz unverhofft an meine Brust
  937. stürzte, um bei mir Schutz zu suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehörige Positur, aber da die anderen in dem Getümmel
  938. soeben nicht auf uns acht gaben, kehrte sie plötzlich das Köpfchen nach mir herauf und flüsterte mir mit ganz ruhigem Gesichte sehr leise und schnell
  939. ins Ohr. Du abscheulicher Einnehmer, um dich muß ich das alles leiden. Da steckt den fatalen Zettel Geschwind zu
  940. dir. Du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur bestimmten Stunde, wenn du ins Tor kommst, immer die einsame Straße rechts fort.
  941. Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen, denn wie ich sie nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal. Es war wahrhaftig die
  942. schnippische Kammerjungfer vom Schloss, die mir damals an dem schönen Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte.
  943. Sie war mir sonst niemals so schön vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte, daß die schwarzen Locken über
  944. meinem Arm herabhingen. Aber verehrte Mamsel, sagte ich voller Erstaunen, wie kommen Sie? Um Gottes Willen, still nur jetzt still.
  945. Er widerte sie und sprang geschwind von mir fort auf die andere Seite des Gartens. ich mich noch auf alles recht besinnen
  946. konnte. Unters hatten die anderen ihr erstes Thema fast ganz vergessen, zankten aber untereinander recht
  947. vergnüglich weiter, indem sie dem jungen Menschen beweisen wollten, dass er eigentlich betrunken sei, was ich für einen ehrliebenden Maler gar nicht
  948. schicke. Der runde fixeann aus der Laube, der wie ich nachher erfuhr, ein großer Kenner und Freund von Künsten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern
  949. alles mitmachte, hatte auch sein Stäbchen weggeworfen und flankierte mit seinem fetten Gesicht, das vor Freundlichkeit ordentlich
  950. glänzte, eifrig mitten in dem dicksten Getümmel herum, um alles zu vermitteln und zu beschwichtigen.
  951. während er dazwischen immer wieder die lange Kadenz und das schöne Tableau bedauerte, dass er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte. Mir aber war es
  952. so sternklar im Herzen, wie damals an dem glückseligen Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in die Nacht hinein
  953. auf der Geige spielte, ich holte, da der Rumor gar kein Ende nehmen wollte. frisch meine Violine wieder hervor und spielte, ohne mich lange zu besinnen,
  954. einen welchen Tanz auf, den sie dort im Gebirge tanzen und den ich auf dem alten einsamen Waldschlosse gelernt hatte. Da reckten alle die Köpfe in die Höhe.
  955. Bravo, Bravissimo, ein deliziöser Einfall, rief der lustige Kenner von den Künsten und lief sogleich von einem zum anderen,
  956. um ein ländliches Divertissemang, wie er es nannte, einzurichten. Er selbst machte den Anfang, indem er der Dame die Hand reichte, die vorhin in
  957. der Laube gespielt hatte. Er begann darauf außerordentlich künstlich zu tanzen, schrieb mit den Fußspitzen allerlei Buchstaben auf den
  958. Rasen, schlug ordentliche Thriller mit den Füßen und machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprünge, aber er bekam es bald satt, denn er war
  959. etwas korpulent. Er machte immer kürzere und ungeschicktere Sprünge, bis er endlich ganz aus dem Kreise heraustrat und
  960. heftig hustete und sich mit seinem schneeweißen Schnupftuche unaufhörlich den Schweiß abwischte. Unters hatte auch der junge Mensch, der
  961. nun wieder ganz gescheut geworden war, aus dem Wirtshause Kastagnetten herbeigeholt, und ehe ich mich's versah, tanzten alle
  962. unter den Bäumen bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch einige rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und über das alte
  963. Gemäuer und die von Eu wild überwachsenen halb versunkenen Säulen hinten im Garten, während man von der anderen
  964. Seite tief unter den Weinbergen die Stadt Rom in den Abendgluten liegen sah. tanzten sie alle lieblich im Grünen in der klaren stillen Luft und mir lachte
  965. das Herz recht im Leibe wie die schlanken Mädchen und die Kammerjungfer mittenunter ihnen, sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische
  966. Waldnümpfen zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei jedes Mal in der Luft mit den Kastagnetten lustig dazu schnalzten.
  967. Ich konnte mich nicht länger halten. sprang mitten unter sie hinein und machte, während ich dabei immer fort geigte, rechtartige Figuren.
  968. Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprungen sein und merkte gar nicht, dass die anderen unter das anfingen, müde zu werden und sich nach
  969. und nach von dem Rasenplatze verloren. Da zupfte mich jemand von hinten tüchtig an den Rockschößen. war die Kammerjungfer.
  970. "Sei kein nah", sagte sie leise. "Du springst ja wie ein Ziegenbock. Studiere deinen Zettel ordentlich und komm bald nach." Die schöne junge Gräfin
  971. wartet. Und damit schlüpfte sie in der Dämmerung zur Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingärten verschwunden.
  972. Mir klopfte das Herz. Ich wäre am liebsten gleich nachgesprungen. Zum Glücke zündete der Kellner, da schon dunkel geworden war, in einer großen
  973. Laterne an der Gartentürlicht an. Ich trat heran und zog geschwind den Zettel heraus. Da war ziemlich kritzlig mit Bleifeder
  974. das Tor und die Straße beschrieben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt hatte. Dann stand Uhr an der kleinen Tür.
  975. Da waren noch ein paar lange Stunden hin. Ich wollte mich dessen ungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte keine Rast und Ruhe mehr. Aber da
  976. kam der Maler, der mich hierher gebracht hatte, auf mich los. "Hast du das Mädchen gesprochen?", fragte er. "Ich sehe sie nun nirgends
  977. mehr. Das war das Kammermädchen von der deutschen Gräfin. Still, still, erwiderte ich, die Gräfin
  978. ist noch in Rom. Nun, desto besser sagte der Maler, so komm und trink mit uns auf ihre Gesundheit.
  979. Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch sträubte, in den Garten zurück. Da war es unters ganz öde lustigen Gäste wanderten, jeder sein
  980. Liebchen am Arm nach der Stadt zu. und man hörte sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und lachen, immer ferner und ferner, bis
  981. sich endlich die Stimmen tief in dem Tale im Rauschen der Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch mit meinem Maler und dem
  982. Herrn Eckbrecht. So hieß der andere junge Maler, der sich vorhin so herumgezangt hatte, allein oben zurückgeblieben.
  983. Der Mond schien prächtig im Garten zwischen die hohen dunklen Bäume herein. Ein Licht flackerte im Winde auf dem Tische vor uns und schimmerte über den
  984. vielen vergossenen Wein auf der Tafel. Ich mußte mich mit hinsetzen und mein Maler plauderte mit mir über meine Herkunft, meine Reise und meinen
  985. Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte das junge hübsche Mädchen aus dem Wirzhause, nachdem sie uns Flaschen auf den Tisch
  986. gestellt, vor sich auf den Schoß genommen, legte ihr die Gitarre in den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern.
  987. Sie fand sich auch bald mit den kleinen Händchen zurecht und sie sangen dann zusammen ein italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mädchen eine
  988. Strophe, was sich in dem schönen stillen Abend prächtig ausnahm. Als das Mädchen dann weggerufen wurde, lehnte sich her eckbrecht mit der
  989. Gitarre auf der Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor ihm stand, und sang nun für sich allein viele herrliche deutsche und italienische
  990. Lieder, ohne sich weiter um uns zu bekümmern. Dabei schienen die Sterne prächtig am klaren Firmament. Die ganze Gegend war wie versilbert vom
  991. Mondscheine. Ich dachte an die schöne Frau, an die ferne Heimat und vergaß darüber ganz meinen Maler neben mir. Zu weilen musste her eckbrecht stimmen,
  992. darüber wurde er immer ganz zornig. Er drehte und riss zuletzt an dem Instrument, das plötzlich eine Seite sprang. Da warf er die Gitarre hin und
  993. sprang auf. Nun wurde er erst gewahr, daß mein Maler sich unterd über seinen Arm auf den Tisch gelegt hatte und fest
  994. eingeschlafen war. Er warf schnell einen weißen Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich aber plötzlich, sah erst meinen Maler, dann
  995. mich ein paar Mal scharf an, setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den Tisch hin, räusperte sich, rückte an seiner
  996. Halsbinde und fing dann auf einmal an, eine Rede an mich zu halten. Geliebter Zuhörer und Landsmann, sagte er, da die Flaschen beinahe leer
  997. sind und da die Moral unstreitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die Neige gehen, so fühle ich mich aus landsmännlicher Sympathie
  998. getrieben, dir einige Moralität zu Gemüte zu führen. Man könnte zwar meinen, fuhr er fort, du seist ein bloßer Jüngling, während doch dein Frack
  999. über seine besten Jahre hinaus ist. Man könnte vielleicht annehmen, du hast vorhin wunderliche Sprünge gemacht wie ein Settier.
  1000. Ja, einige möchten wohl behaupten, du seist wohl gar ein Landstreicher, weil du hier auf dem Lande bist und die Geige streichst.
  1001. Aber ich kehre mich an solche oberflächlichen Urteile nicht. Ich halte mich an deine feingespitzte Nase. Ich halte dich für ein vzierendes Genie.
  1002. Mich ärgerten die verfänglichen Redensarten. Ich wollte ihm soeben recht antworten, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen.
  1003. Siehst du, sagte er, wie du dich schon aufbläst von dem bisschen Lobe. Gehe in dich und bedenke dies gefährliche mitier.
  1004. Wir Genies, denn ich bin auch eins, machen uns aus der Welt ebenso wenig, als sie sich aus uns. Wir schreiten viel mehr ohne besondere Umstände in unseren
  1005. sieben Meilenstiefeln, die wir bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die Ewigkeit los. Oh. höchstklägliche,
  1006. unbequeme, breitgespreizte Position, mit dem einen Beine in der Zukunft, wo nichts als morgenrot und zukünftige Kindergesichter dazwischen mit dem
  1007. anderen Beine noch mitten in Rom auf der Piazza del Popolo, wo das ganze Seekulum bei der guten Gelegenheit mit will und sich an den Stiefel hängt, daß sie einem
  1008. das Bein ausreißen möchten. und alle das Zucken, Wein trinken und Hunger leiden, lediglich für die unsterbliche Ewigkeit.
  1009. Und siehe meinen Herrn Kollegen dort auf der Bank, der gleichfalls ein Genie ist. Ihm wird die Zeit schon zu lang, was wird er erst in der Ewigkeit anfangen?
  1010. Ja, hochgeschätzter Herr Kollege, du und ich und die Sonne, wir sind heute früh zusammen aufgegangen und haben den ganzen Tag gebrütet und gemalt und es
  1011. war alles schön, und nun fährt die schläffrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt und hat alle Farben verwischt.
  1012. Er sprach noch immer fort und war dabei mit seinen verwirrten Haaren von dem Tanzen und Trinken im Mondschein ganz leichenblass anzusehen.
  1013. Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede, und als er sich nun förmlich zu dem schlafenden Maler herumwandte, benutzte ich die
  1014. Gelegenheit, schlich, ohne dass er es bemerkte, um den Tisch aus dem Garten heraus und stieg allein und fröhlich im Herzen. An
  1015. dem Rebengeländer in das Weite vom Mondschein beglänzte Tal hinunter. Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn.
  1016. Hinter mir hörte ich durch die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge und manchmal die Stimmen der beiden Maler, die nun auch nach Hause gingen, von fern
  1017. herüberschallen. Ich lief daher so schnell, als ich nur konnte, damit sie mich nicht weiter ausfragen sollten.
  1018. Am Tore bog ich sogleich rechts in die Straße ein und ging mit klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Häusern und Gärten fort. Aber wie
  1019. erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem Platze mit dem Springbrunnen herauskam, den ich heute am Tage gar nicht hatte finden können. Da stand das
  1020. einsame Gartenhaus wieder, im prächtigsten Mondschein, und auch die schöne Frau sang im Garten wieder dasselbe italienische Lied wie gestern
  1021. Abend. Ich rannte voller Entzücken erst an die kleine Tür, dann an die Haustür und endlich mit aller Gewalt an das große Gartentor, aber es war alles
  1022. verschlossen. Nun fiel mir erst ein, daß es noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die langsame Zeit, aber über das
  1023. Gartentor klettern wie gestern, mochte ich wegen der guten Lebensart nicht. Ich ging daher ein Weilchen auf dem einsamen Platze auf und ab und setzte mich
  1024. endlich wieder auf den steinernen Brunnen voller Gedanken und stiller Erwartung hin. Die Sterne funkelten am Himmel. Auf dem Platze war alles leer
  1025. und still. Ich hörte voll Vergnügen dem Gesange der schönen Frau zu, der zwischen dem Rauschen des Brunnens aus dem Garten herüberklang.
  1026. Da erblickte ich auf einmal eine weiße Gestalt, die von der anderen Seite des Platzes herkam und gerade auf die kleine Gartentür zuging. Ich blickte durch den
  1027. Mondflimmer recht scharf hin. Es war der wilde Maler in seinem weißen Mantel. Er zog schnell einen Schlüssel hervor, schloß auf und ehe ich mich's versah,
  1028. war er im Garten drin. Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche Pieke wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber geriet
  1029. ich ganz außer mir vor Zorn. "Das liederliche Genie ist gewiss wieder betrunken," dachte ich. Den Schlüssel hat er von der
  1030. Kammerjungfer und will nun die gnädige Frau beschleichen, verraten, überfallen. Und so stürzte ich durch das kleine, offen gebliebene Pförtchen in den Garten
  1031. hinein. Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flügeltür vom Gartenhause stand offen. Ein milchweißer Lichtschein drang daraus
  1032. hervor und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Tür. Ich blickte von weitem herein. Da lag in einem prächtigen grünen Gemach, das von einer
  1033. weißen Lampe nur wenig erhält war. die schöne, gnädige Frau mit der Gitarre im Arm auf einem seiden Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld an die Gefahren
  1034. draußen zu denken. Ich hatte aber nicht lange Zeit hinzusehen, denn ich bemerkte soeben, dass die weiße Gestalt von der anderen
  1035. Seite ganz behutsam hinter den Sträuchern nach dem Gartenhause zuschlich. Dabei sang die gnädige Frau so kläglich
  1036. aus dem Hause, daß es mir recht durch Mag und Bein ging. Ich besann mich daher nicht lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte damit gerade auf den
  1037. Weißmantel los und schrie aus vollem Halsemordio, dass der ganze Garten erzitterte. Der Maler, wie er mich so unverhofft
  1038. daherkommen sah, nahm schnell Reiß aus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser. Er lief nach dem Hause zu, ich ihm nach, und ich hatte
  1039. ihn beinah schon erwischt. Da verwickelte ich mich mit den Füßen in den fatalen Blumenstücken und stürzte auf einmal der Länge nach vor der
  1040. Haustür hin. Also, du bist es nah. Hört ich da über mir ausrufen, hast du mich doch fast zum Tode erschreckt. Ich raffte mich geschwind wieder auf und
  1041. wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, steht die Kammerjungfer vor mir, die soeben bei dem letzten Sprunge den weißen Mantel
  1042. von der Schulter verloren hatte. Aber sagte ich ganz verblüfft, war denn der Maler nicht hier? Ja, freilich", entgegnete sie
  1043. schnippisch, sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin im Tore begegnete, umgehängt hat, weil mich froha.
  1044. Über dem Geplauder war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sofa und kam zu uns an die Tür. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen.
  1045. Aber wie erschrak ich, als ich recht hinsah und anstatt der schönen gnädigen Frau auf einmal eine ganz fremde Person erblickte.
  1046. Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer stolzen Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen,
  1047. so recht zum Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen funkelnden Augen so majestätisch an, dass ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen
  1048. wusste. Ich war ganz verwirrt. Ich machte in einem Ford Komplimente und wollte ihr zuletzt gar die Hand küssen. Aber sie riss ihre Hand schnell weg und
  1049. sprach dann auf Italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts verstand. Unter aber war von dem vorigen Geschrei
  1050. die ganze Nachbarschaft lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien. Zwischendurch hörte man einige Männerstimmen, die immer näher und näher
  1051. auf den Garten zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann
  1052. rasch nach dem Zimmer zurück. während sie dabei stolz und gezwungen auflachte und schmiiss mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte
  1053. mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach der Gartenpforte. "Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht", sagte sie unterwegs
  1054. voller Bosheit zu mir. "Ich wurde auch schon giftig." Nun zum Teufel, sagte ich, habt ihr mich denn nicht
  1055. selbst hierher bestellt? Das ist's ja eben, rief die Kammerjungfer. Meine Gräfin meinte es so gut mit dir. Wirft dir erst Blumen aus
  1056. dem Fenster zu, singt Arien, und das ist nun ihr Lohn. Aber mit dir ist nun einmal nichts anzufangen.
  1057. Du trittst dein Glück ordentlich mit Füßen. Aber erwiderte ich, ich meinte die Gräfin aus Deutschland, die schöne
  1058. gnädige Frau. Ach, unterbrach sie mich. Die ist ja lange schon wieder in Deutschland mit Samt deiner tollen Amur. Und da laufst
  1059. du nur auch wieder hin. Sie schmachtet ohne dies nach dir. Da könnt ihr zusammen die Geige spielen und in den Mond gucken, aber daß du mir nicht
  1060. wieder unter die Augen kommst. Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel hinter uns. Aus dem anderen Garten kletterten Leute mit
  1061. Knüppeln hastig über den Zaun. Andere fluchten und durchsuchten schon die Gänge. Desper Gesichter mit Schlafmützen guckten im Mondschein bald da, bald dort
  1062. über die Hecken. Es war als wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und Sträuchern Gesindel hckte. Die Kammerjungfer fackelte nicht lange.
  1063. Dort, dort läuft der Dieb. Schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei auf die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich schnell aus
  1064. dem Garten und klappte das Pförtchen hinter mir zu. Da stand ich nun gottesfreiem Himmel wieder auf dem stillen Platze Mutterseelen allein, wie
  1065. ich gestern angekommen war. Die Wasserkunst, die mir vorhin im Mondschein so lustig flimmerte, als wenn Engelein darin auf und niederstiegen,
  1066. rauschten noch fort wie damals. Mir aber war unter das alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. Ich nahm mir nun fest vor, dem falschen Italien
  1067. mit seinen verrückten Malern, Pomeranzen und Kammerjungfern auf ewig den Rücken zu kehren und wanderte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus.
  1068. Neuntes Kapitel. Die Treuen Berg stehen auf der Wacht. Wer streicht bei stiller Morgenzeit da aus der Fremde durch die Heit? Ich
  1069. aber mir die Berg betracht und lach in mich vor großer Lust und rufe recht aus frischer Brustparol und Feldgeschrei sogleich.
  1070. Wie wart Österreich? Da kennt mich erst die ganze Rund. Nun grüßen Bach und Vöglein zart und Wälder rings nach Landesart. Die Donau blitzt
  1071. aus tiefem Grund. Der Steppansturm auch ganz von fern guckt über ein Berg und sehe mich gern. Und ist er's nicht, so kommt er doch
  1072. gleich. Wie wart Österreich? Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum ersten Mal nach Österreich hineinsehen kann und schwenkte voller
  1073. Freude noch mit dem Hute und sang die letzte Strophe. Da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine prächtige Musik von
  1074. Blasinstrumenten mit ein. Ich drehe mich schnell um und erblicke drei junge Gesellen in langenblauen Mänteln. Davon bläst der eine Obohe, der andere die
  1075. Klarinette und der Dritte, der einen alten Dreistutzer auf dem Kopfer hatte, das Waldhorn. Die erkompagnierten mich plötzlich, daß der ganze Wald erschalte.
  1076. Ich nicht zu faul ziehe meine Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah einer den anderen bedenklich
  1077. an. Der Waldhornist ließ dann zuerst seine Bausbacken wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende alle Stille wurden und mich anschauten.
  1078. Ich hielt verwundert ein und sah sie auch an. Wir meinten, sagte endlich der Waldhornist,
  1079. weil der Herr so einen langen Frack hat. Der Herr wäre ein reisender Engländer, der hier zu Fuß die schöne Natur bewundert. Da wollten wir uns ein
  1080. Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant. Eigentlich ein Einnehmer, versetzte ich und komme direkt von Rom her.
  1081. Da ich aber seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen.
  1082. Bringt nicht viel heutzutage, sagte der Waldhoronnist, der unterdes wieder an den Wald zurückgetreten war und mit seinem
  1083. Dreistutzer ein kleines Feuer anfachte, dass sie dort angezündet hatten. Da gehen die blasenden Instrumente schon besser", fuhr er fort. "Wenn so eine
  1084. Herrschaft ganz ruhig zu Mittag speist. Und wir treten unverhofft in das gewölbte Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften zu blasen an. Gleich
  1085. kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder Essen, damit sie nur den Lärm wieder loswerden. Aber will der Herr nicht eine Kollation
  1086. mit uns einnehmen? Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde. Der Morgen war frisch. Wir setzten uns alle Ringsumher auf den
  1087. Rasen und zwei von den Musikanten nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer, holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und
  1088. tunkten und tranken abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, dass es ordentlich eine Lust war anzusehen.
  1089. Der Waldhornist aber sagte, ich kann das schwarze Gesöff nicht vertragen. Und reichte mir dabei die eine Hälfte von einer großen übereinandergelegten
  1090. Butterschnitte. Dann brachte er eine Flasche Wein zum Vorschein. Will der Herr nicht auch einen Schluck?
  1091. Ich tat einen tüchtigen Zug, mußte aber schnell wieder absetzen und das ganze Gesicht verziehen, denn es schmeckte wie drei Männerwein.
  1092. "Hiesiges Gewächs", sagte der Waldhornist, aber der Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.
  1093. Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor.
  1094. Worauf noch der Kaiser in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den Reichsapfel in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam
  1095. auseinander, die anderen rückten näher heran und sie beratschlagten nun zusammen, was sie für eine Marschroute nehmen sollten. "Die Vakanz geht bald zu
  1096. Ende", sagte der eine. "Wir müssen uns gleich von Linz links abwenden. So kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag."
  1097. Nun wahrhaftig rief der Waldhornis, wem willst du da was vorpfeifen? Nichts als Wälder und Kohlenbauern,
  1098. kein geläuterter Kunstgeschmack, keine vernünftige freie Station. Oh Narrenspossen! Erwiderte der andere. Die Bauern sind
  1099. mir gerade die Liebsten. Die wissen am besten, wo einen der Schuh drückt und nehmen es nicht so genau, wenn man manchmal eine falsche Note bläst.
  1100. Das macht du hast kein Point Donöa versetzte der Waldhornist. Od die Propanum Vulgus eto sagt der Lateiner. Nun Kirchen aber muss es auf der Tour
  1101. doch geben, meinte der Dritte. So kehren wir bei den Herren Pfarrern ein. Gehorsamster Diener, sagte der Waldhorn,
  1102. die geben kleines Geld und große Sermone, dass wir nicht so unnütz in der Welt herumschweifen, sondern uns besser auf die
  1103. Wissenschaften applizieren sollen, besonders wenn sie in mir den künftigen Herrn Konfrater wittern. Nein, nein, Klerikus Klerikumimet.
  1104. Aber was gibt es denn da überhaupt für große Not? Die Herren Professoren sitzen auch noch im Karlsbade und halten selbst den Tag nicht so genau ein.
  1105. Ja, distingendum inter, erwiderte der andere. Quotit Jovi nonet Bovi. Ich aber merkte nun, dass es Prager
  1106. Studenten waren und bekam einen ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie Wasser von dem Munde floss. Ist der Herr
  1107. auch ein studierter? Fragte mich darauf der Waldhorn ist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer besondere Lust zum Studieren, aber kein
  1108. Geld gehabt hätte. Das tut gar nichts, rief der Waldhornist. Wir haben auch weder Geld noch reiche Freundschaft.
  1109. Aber ein gescheuter Kopf muß sich zu helfen wissen. Aurora Musis Amika, das heißt zu Deutsch: "Mit vielem Frühstücken sollst du dir nicht die Zeit
  1110. verderben. Aber wenn dann die Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg über die Stadt gehen und nun die Schüler auf
  1111. einmal mit großem Geschrei aus dem alten finstern Kollegium herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen schwärmen. Da begeben wir uns bei den Kappuzinern
  1112. zum Pater Küchenmeister und finden uns gedeckten Tisch. Und ist er auch nicht gedeckt, so steht doch für jeden ein voller Topf darauf.
  1113. Da fragen wir nicht viel danach und essen und perfektionieren uns dabei noch im Lateinisch sprechen. Sieht der Her, so studieren wir von einem Tage zum
  1114. andern fort. Und wenn dann endlich die Vakanz kommt und die anderen fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da wandern wir mit unsen Instrumenten unter Mantel
  1115. durch die Gassen zum Tore hinaus und die ganze Welt steht uns offen. Ich weiß nicht, wie er so erzählte, ging es mir recht durchs Herz, dass so
  1116. gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich dachte dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge, und die Tränen
  1117. traten mir in die Augen. Der Waldhorn sah mich groß an. Das tut gar nichts, fuhr er wieder weiter fort. Ich möchte gar nicht so
  1118. reisen. Pferde und Kaffee und frisch überzogene Betten und Nachtmützen und Stiefelknecht vorausbestellt. Es ist just das Schönste,
  1119. wenn wir so früh morgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns fortziehen, dass wir gar nicht wissen, welcher
  1120. Schornstein heute für uns raucht und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein besonderes Glück begegnen kann.
  1121. Ja, sagte der andere. und wo wir hinkommen und unsere Instrumente herausziehen, wird alles fröhlich.
  1122. Und wenn wir dann zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus treten und im Hausflure blasen, da tanzen die Mägte miteinander vor der Haustür und
  1123. die Herrschaft lässt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie die Musik drin besser hören. Und durch die Lücke kommt das Tellergeklapper und der braten Duft
  1124. in den freudenreichen Schall herausgezogen, und die Fräulein an der Tafel verdrehen sich fast die Hälse, um die Musikanten
  1125. draußen zu sehen. Wahrhaftig, rief der Waldhorn mit leuchtenden Augen aus, lasst die anderen nur ihre
  1126. Kompendien repetieren. Wir studieren unter das in dem großen Bilderbuche, dass der liebe Gott uns draußen
  1127. aufgeschlagen hat. Ja, glaub nur der Herr. Aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den Bauern dann was zu erzählen wissen und mit der Faust auf
  1128. die Kanzel schlagen, dass den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das Herz im Leibe bärsten möchte.
  1129. Wie sie sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, daß ich gleich auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar nicht satt hören, denn ich unterhalte
  1130. mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas profitieren kann, aber es konnte gar nicht zu einem recht vernünftigen Diskurse kommen, denn dem einen
  1131. Studenten war vorhin Angst geworden, weil die Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein Klarinett zusammengesetzt,
  1132. ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte Knie hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer Messe ein, die er mitblasen
  1133. sollte, wenn sie nach Prag zurückkamen. Da saß er nun und fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, dass es einem durch Mag und Bein ging und man
  1134. oft sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Bassstimme. Top, da habe ich es. Er schlug dabei
  1135. fröhlich auf die Landkarte neben ihm. Der andere ließ auf einen Augenblick von seinem fleißigen Blasen ab und sah ihn verwundert an.
  1136. Hört", sagte der Waldhornist, "nicht weit von Wien ist ein Schloss, auf dem Schlosse ist ein Portier und der Portier ist mein Vetter.
  1137. Teu Kondiszipils. Da müssen wir hin, machen dem Herrn Vetter unser Kompliment und der wird dann schon dafür sorgen, wie er uns
  1138. wieder weiter fortbringt. Als ich das hörte, fuhr ich geschwind auf. Bläß er nicht auf dem Vergott,
  1139. rief ich und ist von langer, gerader Beschaffenheit und hat eine große vornehme Nase. Der Waldhorn ist nickte mit dem Kopfe.
  1140. Ich aber embrassierte ihn vor Freuden, dass ihm der Dreistutzer vom Kopfe fiel. Und wir beschloßen nun sogleich alle miteinander im Postschiffe auf der
  1141. Donau nach dem Schloss der schönen Gräfin hinunterzufahren. Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der dicke
  1142. Gast, bei dem das Schiff über Nacht angelegt hatte, stand breit und behaglich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte und ließ zum Abschied allerlei
  1143. Witze und Redensarten erschallen. Während in jedem Fenster ein Mädchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich zunickte,
  1144. die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein elicher Herr mit einem grauen Überrock und schwarzem Halstuch, der
  1145. auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem jungen schlanken Bürschen, das mit langen ledernen Beinkleidern und knapper
  1146. scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prächtigen Engländer saß. Es schien mir zu meiner großen Verwunderung, als wenn sie beide zu
  1147. Weilen nach mir hinblickten und von mir sprächen. Zuletzt lachte der Alte Heer. Das schlanke Bürschen. Schnallzte mit der Reitgärte und sprengte mit den
  1148. Lärchen über ihm um die Wette durch die Morgenluft in die blitzende Landschaft hinein. Unter das hatten die Studenten und ich unsere Kasse zusammengeschossen.
  1149. Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als ihm der Waldhornis damit unser Faeld in lauter Kupferstücken aufzählte, die wir mit großer Not aus allen unseren
  1150. Taschen zusammengebracht hatten. Ich aber jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir sah. Wir sprangen geschwind auf das
  1151. Schiff hinauf. Der Schiffer gab das Zeichen und so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den Bergen und Wiesen hinunter.
  1152. Da schlugen die Vögel im Walde und von beiden Seiten klangen die Morgenglocken von fern aus den Dörfern. Hoch in der Luft hörte man manchmal die Lärchen
  1153. dazwischen. Von dem Schiffe aber jubilierte und schmetterte ein Kanarienvogel mit herein, daß es eine rechte Lust war.
  1154. Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit auf dem Schiffe war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen. Von der anderen Seite hielt
  1155. sie ein feines Bündel Wäsche unterm Arm. So saß sie ganz still für sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe,
  1156. die unter dem Röckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter. Und die Morgensonne glänzte ihr dabei
  1157. auf der weißen Stirn, über der sie die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß die Studenten gern einen höflichen Diskurs mit ihr
  1158. angesponnen hätten, denn sie gingen immer an ihr vorüber. Und der Waldhorn räusperte sich dabei und rückte bald an seiner Halsbinde, bald an dem
  1159. Dreistutzer. Aber sie hatten keine rechte Courage, und das Mädchen schlug auch jedes Mal die Augen nieder, sobald sie ihr näher
  1160. kamen. Besonders aber genierten sie sich vor dem elichen Herrn mit dem Grauen Überrocke, der nun auf der anderen Seite des
  1161. Schiffes saß und den sie gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in welchem er las. dazwischen aber oft in die schöne Gegend
  1162. von dem Buche aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen da reingelegten bunten heiligen Bilder prächtig im Morgenschein blitzten.
  1163. Dabei bemerkte er auch sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an ihren Federn, denn es dauerte nicht lange. So redete er einen
  1164. von den Studenten lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten.
  1165. Ich aber hatte mich unter das ganz vorn auf die Spitze des Schiffes gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunterbaumellen und blickte,
  1166. während das Schiff sofort flog und die Wellen unter mir rauschten und schäumten, immer fort in die blaue Ferne. Wi da ein Turm und ein Schloss
  1167. nach dem anderen aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und wuchs und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur heute Flügel hätte", dachte
  1168. ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe Violine hervor und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich noch zu Hause und auf dem Schloss der
  1169. schönen Frau gelernt hatte. Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es war der geistliche Herr, der unter das sein Buch weggelegt und mir
  1170. schon ein Weilchen zugehört hatte. Ei", sagte er lachen zu mir. "Ei, ei, Herr Ludi, Magister, Essen und trinken vergisßt er."
  1171. Er hieß mich darauf, meine Geige einstecken, um einen Imbis mit ihm einzunehmen, und führte mich zu einer kleinen
  1172. lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken und Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war. Dort hatte er einen Tisch
  1173. hinstellen lassen und ich, die Studenten und selbst das junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Pakete Ringsche rumetzen.
  1174. Der geistliche Heer packte nun einen großen Braten und Butterschnitten aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren. Zog auch aus einem Futterahl
  1175. mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten Becher hervor. schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder und reichte dann
  1176. einem jeden von uns. Die Studenten saßen Kerzengerade auf ihren Fässern und Assen und tranken nur sehr wenig vor großer Devotion.
  1177. Auch das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher und blickte dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten. Aber je öfter sie uns
  1178. ansah, je dreister wurde sie nach und nach. Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, dass sie nun zum ersten Mal von Hause in Kondition komme
  1179. und soeben auf das Schloss ihrer neuen Herrschaft reise. Ich wurde über und überrot. denn sie nannte dabei das Schloss der schönen gnädigen Frau. Also
  1180. das soll meine zukünftige Kammerjungfer sein dachte ich und sah sie groß an und mir schwindelte fast dabei. "Auf dem Schlosse wird es bald eine große
  1181. Hochzeit geben", sagte darauf der Geistliche Her. "Ja", erwiderte das Mädchen, die gern von der Geschichte mehr gewusst hätte.
  1182. Man sagt, es wäre schon eine alte heimliche Liebschaft gewesen. Die Gräfin hätte es aber niemals zugeben wollen. Der Geistliche antwortete nur mit h.
  1183. Während er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Minen daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch
  1184. vorgelegt, um die Unterredung recht genau anzuhören. Der geistliche Heer bemerkte es. "Ich kann's euch wohl sagen", hub er wieder
  1185. an. Die beiden Gräfinnen haben mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon vielleicht hier in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat
  1186. geschrieben, dass er schon lange von dort fortsei. Wie er von der Dame aus Rom anfing, wurde ich wieder rot. Kennen denn du
  1187. hoch würden den Bräutigam? fragte ich ganz verwirrt. "Nein", erwiderte der alte Herr, "aber er soll ein lustiger Vogel sein."
  1188. Oh ja", sagte ich hastig, ein Vogel, der aus jedem Käfig ausreißt, sobald er nur kann und lustig singt, wenn er wieder in der Freiheit ist
  1189. und "Und in der Fremde herumtreibt", fuhr der hergelassen fort, in der Nacht Gasteam geht und am Tage vor den Haustüren schläft.
  1190. Mich verdrossß das sehr. "Ehrwürdiger Herr", rief ich ganz hitzig aus. Da hat man euch falsch berichtet. Der Bräutigam ist ein moralischer,
  1191. schlanker, hoffnungsvoller Jüngling, der in Italien in einem alten Schlosse auf großem Fuß gelebt hat, der mit lauter Gräfinnen berühmten Malern und
  1192. Kammerjungfern umgegangen ist, der sein Geld sehr wohl zuur Rate zu halten weiß, wenn er nur welches hätte, der Nun, nun, ich wuste nicht, daß ihr ihn so gut
  1193. kennt. unterbrach mich hier der Geistliche und lachte dabei so herzlich, daß er ganz blau im Gesichte wurde und ihm die
  1194. Tränen aus den Augen rollten. "Ich habe doch aber gehört, ließ sich nun das Mädchen wieder vernehmen. Der Bräutigam wäre ein großer überausreicher her."
  1195. "Ach Gott! Ja, doch ja." Konfusion, nichts als Konfusion, rief der Geistliche und konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute geben, bis
  1196. er sich endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob er den Becher in die Höhe und rief: "Das Brautpaar soll leben."
  1197. Ich wusste gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken sollte. Ich schämte mich aber wegen der römischen Geschichten ihm hier vor allen
  1198. Leuten zu sagen, daß sich selber der verlorene glückselige Bräutigam sei. Der Becher ging wieder fleißig in die Runde. Der geistliche Herr sprach dabei
  1199. freundlich mit allen, sodass ihm bald ein jeder gut wurde und am Ende alles fröhlich durcheinander sprach. Auch die Studenten wurden immer
  1200. redseliger und erzählten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie endlich gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen.
  1201. Die kühle Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube. Die Abendsonne vergoldete schon die Wälder und Teler, die schnell an uns vorüberflogen,
  1202. während die Ufer von den Waldhorns klängen wiederen. Und als dann der Geistliche von der Musik immer vergnügter wurde und lustige
  1203. Geschichten aus seiner Jugend erzählte, wie auch er zur Vakanz über Berge und Täller gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer fröhlich gewesen.
  1204. und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz sei zwischen der engen düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit.
  1205. Da tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein Lied an, dass es weit in die Berge hineinschalte.
  1206. Nach Süden sich nun lenken die Vöglein allzu viel Wanderer lustig schwenken die Hüt im Morgenstrahl.
  1207. Das sind die Herrnstudenten zum Tor hinaus es geht auf ihren Instrumenten. Sie blasen zum Walde in die Läng und
  1208. Breite. Opgag wir ziehen in die Weite. Ebiat Bonam pasem Quisedet Post vornatzem. Nachts wir durch Städtlein schweifen,
  1209. die Fenster schimmern weit. Am Fenster drehen und schleifen viel schön geputzte Leute. Wir blasen vor den Türen und haben Durst genungen. Das kommt vom
  1210. Musizieren. Her wird einen frischen Trunk und siehe über ein kleines mit einer Kanne Weines Venet Exuadomo Beatus Illeo.
  1211. Nun weht schon durch die Wälder der kalte Boreas. Wir streichen durch die Felder von Schnee und Regen nass. Der Mantel fliegt im Winde. Zerrissen sind
  1212. die Schuh, da blasen wir Geschwinde und singen noch dazu. Beatus Ille Homo Quisedet in Suadomo etedet postnatzem et habet bonam passem.
  1213. Ich, die Schiffe und das Mädchen, obgleich wir alle kein Latein verstanden, stimmten jedes Mal jauchzend in den letzten Vers mit ein. Ich aber
  1214. jauchzte am aller Vergnügtesten, denn ich sah soeben von fern mein Zollhäuschen und bald darauf auch das Schloss in der Abendsonne über die Bäume
  1215. hervorkommen. Zehntes Kapitel. Das Schiff stieß an das Ufer. Wir sprangen schnell ans Land und
  1216. verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen wie Vögel, wenn das Gebuer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche Heer nahm eiligen Abschied
  1217. und ging mit großen Schritten nach dem Schlosse zu. Die Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebüsch, wo sie
  1218. noch geschwind ihre Mäntel ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden Bache waschen und einer den anderen rasieren wollten. Die neue Kammerjungfer endlich
  1219. ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel unterm Arm nach dem Wirzhause unter dem Schlossberge, um bei der Frau Wirtin, die ich ihr als eine gute Person
  1220. rekommandiert hatte, ein besseres Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte.
  1221. Mir aber leuchtete der schöne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun alle verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich nach dem
  1222. herrschaftlichen Garten hin. Mein Zollhaus, an dem ich vorbei musste, stand noch auf der alten Stelle. Die hohen Bäume aus
  1223. dem herrschaftlichen Garten rauschten noch immer darüber hin. Eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume vor dem Fenster jedes Mal bei
  1224. Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen hatte, sang auch wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt vorgegangen.
  1225. Das Fenster im Zollhause stand offen. lief voller Freuden hin und steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber die Wanduhr pickten noch
  1226. immer ruhig fort. Der Schreibtisch stand am Fenster und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht widerstehen. Ich sprang
  1227. durch das Fenster hinein und setzte mich an den Schreibtisch vor das große Rechenbuch hin. fiel der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster
  1228. wieder grüngolden auf die Ziffern in dem aufgeschlagenen Buche. Die Bienen summten wieder an dem offenen Fenster hin und her. Die Goldammer draußen auf
  1229. dem Baume sang fröhlich immer zu. Auf einmal aber ging die Tür aus der Stube auf und ein alter langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat
  1230. herein. Er blieb in der Tür stehen, wie er mich so unversehens erblickte, nahm schnell die Brille von der Nase und sah mich grimmig an. Ich aber erschrag nicht
  1231. wenig darüber, sprang ohne ein Wort zu sagen, auf und lief aus der Haustür durch den kleinen Garten fort, wo ich mich noch bald mit den Füßen in dem
  1232. fatalen Kartoffelkraut verwickelt hätte, dass der alte Einnehmer nun mehr, wie ich sah, nach des Portiers Radstatt meiner Blumen angepflanzt hatte. Ich
  1233. hörte noch, wie er vor die Tür herausfuhr und hinter mir drein schimpfte. Aber ich saß schon oben auf der hohen
  1234. Gartenmauer und schaute mit klopfendem Herzen in den Schlossgarten hinein. Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vöglein. Die Plätze
  1235. und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich im Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkomnen.
  1236. Und seitwärts aus dem tiefen Grunde blitzte zu Weilen die Donau zwischen den Bäumen nach mir herauf. Auf einmal hörte ich in einiger
  1237. Entfernung im Garten singen. Schweigt der Menschen laute Lust, rauscht die Erde wie in Träumen wunderbar mit allen Bäumen, was dem Herzen kaum bewusst alte
  1238. Zeiten, Linde Trauer und es schweifen leise Schauer. Wetter leuchtend durch die Brust. Die Stimme und das Lied klang mir so
  1239. wunderlich und doch wieder so altbekannt, als hätte ich es irgendeinmal im Traume gehört. Ich dachte lange, lange nach. "Das ist der
  1240. Herr Gido", rief ich endlich voller Freude und schwang mich schnell in den Garten hinunter.
  1241. Es war dasselbe Lied, daß er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des italienischen Wirtshauses sang, wo ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Er
  1242. sang noch immer fort, ich aber sprang über bete und Hecken dem Lied nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat, blieb ich
  1243. plötzlich wie verzaubert stehen, denn auf dem grünen Platze am Schwanenteich. Recht vom Abendrote beschienen saß die schöne gnädige Frau in einem prächtigen
  1244. Kleide und einem Kranz von weißen und roten Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer Steinbank und spielte während des Liedes
  1245. mit ihrer Reitgärte vor sich auf dem Rasen. Gerade so wie damals auf dem Karne, da ich ihr das Lied von der schönen Frau vorsingen mußte. Ihr
  1246. gegenüber saß eine andere junge Dame, die hatte den weißen runden Nacken voll brauner Locken gegen mich gewendet und sang zur Gitarre, während die Schwäne
  1247. auf dem stillen Weier langsam im Kreise herumschwammen. Da hob die schöne Frau auf einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich
  1248. erblickte. Die andere Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken ins Gesicht flogen, und da sie mich recht
  1249. ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen aus, sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In demselben Augenblicke kam eine große
  1250. Menge kleiner Mädchen in Blütenweißen, kurzen Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen den Rosensträuchern hervorgeschlüpft,
  1251. sodass ich gar nicht begreifen konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange Blumengerlande in den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich,
  1252. tanzten um mich herum und sangen dabei: "Wir bringen dir den Jungfernkranz mit feilchen blauer Seide. Wir führen dich zu Lust und Tanz, zu neuer
  1253. Hochzeitsfreude. Schöner grüner Jungfernkranz, feilchenblaue Seide. Das war aus dem Freischützen.
  1254. Von den kleinen Sängerinnen erkannte ich nun auch einige wieder. Es waren Mädchen aus dem Dorfe. Ich kneipte sie in die Wangen und wäre gern aus dem Kreise
  1255. entwischt, aber die kleinen schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. Ich wusste gar nicht, was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte
  1256. und stand ganz verblüfft da. Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum. Es
  1257. war der fröhliche Herr Leonhard. Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen auf einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem
  1258. Beinchen, während sie das andere in die Luft streckten und dabei die Blumenglanden, mit beiden Armen hoch über den Köpfen in
  1259. die Höhe hielten. Der Herr Leonhart aber fasste die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz still stand und nur manchmal auf mich herüber
  1260. blickte, bei der Hand. führte sie bis zu mir und sagte: "Die Liebe, darüber sind nun alle Gelehrten einig, ist eine der kuragiösesten
  1261. Eigenschaften des menschlichen Herzens. Die Bastionen von Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke da nieder. Die Welt ist ihr zu eng und die
  1262. Ewigkeit zu kurz." Ja, sie ist eigentlich ein Poetenmantel, den jeder Pahntast einmal in der kalten Welt umnimmt, um nach Akadinien
  1263. auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte voneinander wandern, in desto anständigern Bogen bläst der Reisewind
  1264. den schillernden Mantel hinter ihnen auf. desto kühner und überraschender entwickelt sich der Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar den
  1265. Liebenden Hinten nach, so dass ein Neutraler nicht über Land gehen kann, ohne unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten.
  1266. teuerster her einnehmer und Bräutigam. Obgleich ihr in diesem Mantel bis an die Gestarde der Tieber dahin rauschtet, das kleine Händchen eurer gegenwärtigen
  1267. Braut hielt euch dennoch am äußersten Ende der Schleppe fest und wie ihr zucktet und geigtet und ruhmortet. Ihr mußtet zurück in den stillen Bann
  1268. ihrer schönen Augen. Und nun dann, da es so gekommen ist, ihr zwei lieben lieben nerischen Leute, schlagt den seligen Mantel um euch, dass die ganze andere
  1269. Welt rings um euch untergeht. Liebt euch wie die Kaninchen und seid glücklich. Der Herr Leon Hart war mit seinem Sermon
  1270. kaum erst fertig. So kam auch die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf mich los, setzte mir schnell einen frischen Mürtenkranz auf
  1271. den Kopf und sang dazu sehr neckisch, während sie mir den Kranz in den Haaren festdrückte und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war, darum bin ich dir
  1272. gewogen, darum wird dein Haupt geschmückt, weil der Strich von deinem Bogen öfters hat mein Herz entzü zückt. Da trat sie wieder ein paar Schritte
  1273. zurück. Kennst du die Räuber noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüttelten?", sagte sie, indem sie einen Knicks machte
  1274. und mich so anmutig und fröhlich ansah, dass mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie, ohne meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum.
  1275. wahrhaftig noch ganz der Alte ohne allen welchen Beischmack. Aber nein, sieh doch nur einmal die dicken Taschen an,
  1276. rief sie plötzlich zu der schönen gnädigen Frau: Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles durcheinander.
  1277. Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor Lachen gar nicht zugute geben. Die schöne, gnädige Frau war unter des noch immer still und mochte
  1278. gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und Verwirrung. Oft kam es mir vor, als zürnte sie heimlich über das viele Gerede und
  1279. Spaßen. Endlich stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen und sie verbargesicht an der Brust der anderen Dame. Diese sah sie erst erstaunt an und
  1280. drückte sie dann herzlich an sich. Ich aber stand ganz verdutzt da, denn je genauer ich die fremde Dame betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie. Es
  1281. war wahrhaftig niemand anders als der junge Hermaler Gido. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte und wollte soeben näher nachfragen, als Herr
  1282. Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach. Weiß er denn noch nicht, hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte mit dem Kopfe. Er
  1283. besann sich darauf einen Augenblick. "Nein nein", sagte er endlich. "Er muss schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues Geplauder und Gewirre."
  1284. Herr Einnehmer, wandte er sich nun zu mir, wir haben jetzt nicht viel Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller Geschwindigkeit aus,
  1285. damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen und Kopfschütteln unter den Leuten alte Geschichten aufrührst und neue Erdichtungen und Vermutungen
  1286. ausschüttelst. Er zog mich bei diesen Worten tiefer in das Gebüsch hinein, während das Fräulein mit der von der schönen gnädigen Frau
  1287. weggelegten Reitgärte in der Luft und alle ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber doch sehen konnte,
  1288. dass sie bis an die Stirn rot wurde. "Nun denn", sagte Herr Leonhard, Fräulein Flora, die hier soeben tun will.
  1289. Als hörte und wüßte sie von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller Geschwindigkeit ihr Herzchen mit jemand vertauscht.
  1290. Darüber kommt ein anderer und bringt ihr mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum sein Herz da und will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei
  1291. jemand und jemands Herz bei ihr. Und der jemand will sein Herz nicht wieder haben und ihr Herz nicht wieder zurückgeben. Alle Welt schreit, aber du hast wohl
  1292. noch keinen Roman gelesen? Ich verneinte es. Nun, so hast du doch einen mitgespielt. Kurz. Das war eine solche Konfusion mit
  1293. den Herzen, dass der jemand, das heißt ich, mich zuletzt selbst ins Mittel legen mußte. Ich schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein Ross, hob das
  1294. Fräulein als Maler Gido auf das andere und so ging es fort nach Süden, um sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu verbergen, bis das Geschrei
  1295. wegen der Herzen vorüber wäre. Unterwegs aber kam man uns auf die Spur und von dem Balkon des welchen Wirtshauses, vor dem du so vortrefflich
  1296. Wache schliefst, erblickte Flora plötzlich unsere Verfolger. Also der bucklige Signor war ein Spion. Wir zogen uns daher heimlich in die
  1297. Wälder und ließen dich auf dem vorbestellten Postkurse allein fortfahren. Das täuschte unsere Verfolger und zum
  1298. Überfluss auch noch meine Leute auf dem Berg Schlosse, welche die verkleidete Flora stündlich erwarteten und mit mehr Diensteifer als scharfsindig für das
  1299. Fräulein hielten. Selbst hier auf dem Schlosse glaubte man, dass Flora auf dem Felsen wohne. Man erkundigte sich. Man schrieb an sie:
  1300. "Hast du nicht ein Briefchen erhalten?" Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem Zettel aus der Tasche. Also, dieser Brief
  1301. ist an mich, sagte Fräulein Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien, riß mir den Zettel rasch aus der Hand.
  1302. überlaß ihn und steckte ihn dann in den Busen. Und nun, sagte Herr Leonhard, müssen wir schnell in das Schloss. Da wartet schon
  1303. alles auf uns. Also zum Schluss, wie sich's von selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt. Entdeckung, Reue, Versöhnung. Wir sind
  1304. alle wieder lustig beisammen und übermorgen ist Hochzeit. Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender
  1305. Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen. Böller wurden dazwischen gelöst und wie wart gerufen. Die kleinen Mädchen
  1306. tanzten von neuem und aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem anderen hervor, als wenn sie aus der Erde wügsen. Ich sprang in dem Geschwirre und
  1307. geschleife Ellen hoch von einer Seite zur anderen. Da aber schon dunkel wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter wieder. Der alte Gärtner
  1308. schlug die Pauken. Die Prager Studenten in ihren Mänteln musizierten mitten darunter. Neben ihnen fingerte der Portier wie
  1309. toll auf seinem Vergott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief ich sogleich auf ihn zu und embrasierte ihn heftig. Darüber kam er
  1310. ganz aus dem Konzept. Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt reist, er ist und bleibt ein naah.
  1311. rief er den Studenten zu und bliß ganz wütend weiter. Unterd war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen und flog wie ein
  1312. aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in den Garten hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach. Die Musikanten merkten in
  1313. ihrem Eifer nichts davon. Sie meinten nachher, wir wären schon nach dem Schlosse aufgebrochen und die ganze Bande setzte sich nun mit Musik und
  1314. großem Getümmel gleichfalls dorthin auf den Marsch. Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause angekommen, das am Abhange des Gartens
  1315. stand, mit dem offenen Fenster nach dem weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen hinter den Bergen.
  1316. Es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem warmen, verschallenden Abend, ausdem die Donau immer vernehmlicher heraufrauschte,
  1317. je stiller es Ringsom wurde. Ich sah unverwandt die schöne Gräfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so daß ich ordentlich hören
  1318. konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wußte nun aber gar nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal so allein mit ihr war. Endlich
  1319. faßte ich ein Herz, nahm ihr kleines weißes Händchen. Da zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den Hals, und ich umschlang sie fest mit beiden Armen.
  1320. Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen.
  1321. Ach, rief ich, mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann mir noch alles nicht recht denken. Es ist mir alles noch wie ein Traum.
  1322. Mir auch, sagte die schöne gnädige Frau. Als ich vergangenen Sommer setzte sie nach einer Weile hinzu, mit der Gräfin aus Rom kam und wir das
  1323. Fräulein Flora gefunden hatten und mit zurückbrachten, von dir aber dort und hier nichts hörte. Da dachte ich nicht, daß alles so noch
  1324. kommen würde. Erst heutzmittag sprengte der Jokai, der gute flinke Bursch, atemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, dass du mit dem Postschiffe
  1325. kämst. Dann lachte sie still in sich hinein. "Weißt du noch", sagte sie, "wie du mich damals auf dem Balkon zum letzten Mal
  1326. sahst. Das war gerade wie heute auch so ein stiller Abend und Musik im Garten. "Wer ist denn eigentlich gestorben?",
  1327. fragte ich hastig. "Wer denn?", sagte die schöne Frau und sah mich erstaunt an. Der Heremahl von Ju. "Gnaden", erwiderte
  1328. ich, der damals mit auf dem Balkon stand. Sie wurde ganz rot. Was hast du auch für Seltsamkeiten im
  1329. Kopfe?", rief sie aus. Das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von Reisen zurückkam und es traf gerade auch mein
  1330. Geburtstag. Da führte er mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. "Aber deshalb bist du wohl damals von
  1331. hier fortgelaufen?" "Ach Gott, freilich! rief ich aus und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie aber schüttelte mit dem Köpfchen und
  1332. lachte recht herzlich. Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben mir plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mügen. Ich
  1333. war so recht seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die ich noch aus Italien mitgebracht hatte.
  1334. Sie nahm auch davon und wir knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. "Sißt du", sagte sie nach einem Weilchen
  1335. wieder. Das weiße Schlöschen, das da drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem Garten und den
  1336. Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wusste schon lange, dass wir einander gut sind und ist dir sehr gewogen, denn hätte er dich nicht mitgehabt.
  1337. Als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte, so wären sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der Gräfin versöhnten,
  1338. und alles wäre anders gekommen. "Mein Gott, schönste gnädigste Gräfin", rief ich aus, "ich, wo mir Kopf steht vor lauter
  1339. unverhofften Neuigkeiten. Also der Herr Leonhard. Ja, ja, fiel sie mir in die Rede. So nannte er sich in Italien.
  1340. Dem gehören die Herrschaften da drüben und er heiratet nun unserer Gräfin Tochter, die schöne Flora. Aber was nennst du mich denn Gräfin?
  1341. Ich sah sie groß an. Ich bin ja gar keine Gräfin", fuhr sie fort. "Usere gnädige Gräfin hat mich nur zu sich auf Schloss genommen, da mich mein Onkel der
  1342. Portier als kleines Kind und arme Weise mit hierher brachte. Nun wurst mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen fiele."
  1343. "Gott segne den Portier," versetzt ich ganz entzückt, daß er unser Onkel ist. Ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten.
  1344. Er meint es auch gut mir dir, erwiderte sie. Wenn du dich nur etwas vornehmer hieltest, sagte er immer, du musst dich jetzt auch eleganter kleiden.
  1345. Oh! Rief ich voller Freuden, englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und Sporen. Und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, nach Rom.
  1346. Da gehen die schönen Wasserkünste und nehmen die Prager Studenten mit und den Portier. Sie lächelte still und sah mich recht
  1347. vergnügt und freundlich an und von fern schalte immer fort die Musik herüber und Leuchtkugeln flogen vom Schloss durch die stille Nacht über die Gärten. Und
  1348. die Donau rauschte dazwischen herauf und es war alles alles gut.

Zum Nachlesen