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Diegese
Der Begriff ist eine Abwandlung der altgriechischen Diegesis, die eine erzählende Rede bezeichnet, im Gegensatz zur Mimesis. Die Diegese muss aber deutlich von …
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Grundbegriff und Bedeutung
Diegese ist ein Konzept der Erzähltheorie. Es beschreibt die erzählte Welt beziehungsweise das Universum, in dem eine Handlung spielt, und hilft zu bestimmen, ob einzelne Bestandteile einer Erzählung innerhalb oder außerhalb dieser Welt liegen.
Die Diegese ist deutlich von der altgriechischen Diegesis zu unterscheiden. Diegesis bezeichnet eine erzählende Rede im Gegensatz zur Mimesis, also zur nachahmenden Darstellung. Gérard Genette definiert die Diegese dagegen als ein ganzes Universum und nicht bloß als eine Abfolge von Handlungen: Sie ist nicht die Geschichte selbst, sondern das Universum, in dem diese Geschichte spielt. Nach Étienne Souriau umfasst sie alles, was sich gemäß der dargestellten Fiktion ereignet oder aus ihr folgen würde, wenn man sie als wahr ansähe.
Die Unterscheidung zwischen diegetischen und nichtdiegetischen Elementen ist besonders für Filme wichtig, gilt aber grundsätzlich für alle Erzählformen. Diegetisch ist ein Element, wenn es zur erzählten Welt gehört. So ist Musik diegetisch, wenn sie in der Handlung erklingt, etwa auf sichtbaren Instrumenten oder aus sichtbaren Lautsprechern. Eine nur für das Publikum hörbare Hintergrundmusik ist nichtdiegetisch beziehungsweise extradiegetisch.
Auch die Art der Darstellung kann außerhalb der Diegese liegen: Ein gezeigtes Detail gehört möglicherweise zur erzählten Welt; dass die Kamera oder der Erzähler gerade dieses Detail hervorhebt, gehört jedoch zur Vermittlung durch die Erzählinstanz. Deshalb enthält jede Erzählung sowohl diegetische als auch nichtdiegetische Bestandteile.
In der Kunstgeschichte bezeichnet Diegese im Rahmen der Rezeptionsästhetik die Beziehungen zwischen Dingen und Personen innerhalb eines Bildes. Untersucht werden ihre Anordnung auf der Bildfläche oder im perspektivischen Raum sowie ihre Position zueinander und zum Betrachter. Dabei kann die Darstellung den Betrachter scheinbar einbeziehen oder ausschließen.
Erzählwelten und Erzählebenen
Nach Gérard Genette ist diegetisch oder intradiegetisch alles, was zur erzählten Welt gehört. Ein Text kann mehrere diegetische Ebenen enthalten. Meist bezeichnet Diegese jedoch die Welt der Haupthandlung, sofern sich eine Haupthandlung erkennen lässt.
Die Erzählebenen können hierarchisch aufeinander aufbauen:
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Extradiegetisch ist eine Ebene, die der eigentlichen Diegese vorgelagert ist, beispielsweise eine Rahmenhandlung.
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Intradiegetisch ist die eigentliche erzählte Welt, auf deren Ebene die Figuren handeln.
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Metadiegetisch ist eine weitere Erzählung, die in die intradiegetische Handlung eingefügt wird. Eine solche eingelagerte Geschichte heißt auch Binnenerzählung.
Diese Begriffe sind relational: Eine Ebene wird also danach bezeichnet, wie sie zu einer anderen Erzählebene steht. Auf diese Weise lassen sich Rahmenhandlung, Haupthandlung und Binnenerzählung voneinander trennen.
Position des Erzählers
Die Erzählerposition wird danach bestimmt, in welchem Verhältnis der Erzähler zur erzählten Welt steht:
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Homodiegetisch heißt eine Erzählerposition, wenn der Erzähler zugleich als Figur, etwa als Nebenfigur, an der Handlung beteiligt ist.
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Autodiegetisch bezeichnet den Sonderfall, dass der Erzähler nicht nur Figur, sondern der Protagonist, also die Hauptfigur der Handlung, ist.
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Heterodiegetisch ist die Erzählerposition, wenn der Erzähler in der Handlung nicht als Figur vorkommt.
Erzählebene und Erzählerposition sind voneinander unabhängig. Ein Erzähler kann daher auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Positionen einnehmen. Beispielsweise kann er auf einer extradiegetischen Ebene autodiegetisch eine Geschichte erzählen, in der er selbst die Hauptperson ist. Innerhalb dieser Geschichte kann er eine weitere Geschichte berichten, in der er nicht vorkommt. Dann ist er auf der intradiegetischen Ebene ein heterodiegetischer Erzähler der metadiegetischen Erzählung.
Faktuales und fiktionales Erzählen
Neben der Beteiligung des Erzählers unterscheidet der Artikel zwischen Faktualität und Fiktivität.
Faktuale Texte beziehen sich auf Tatsachen. Ihr Erzählen wird wesentlich durch assertive Sprachhandlungen, also Behauptungen, bestimmt. Der Text soll Tatsachen exakt, nachvollziehbar und verifiziert wiedergeben. Die Darstellung ist sachlich und objektiv und informiert in klarer Abfolge über verschiedene Aspekte eines Gegenstands.
Fiktionale Erzählungen handeln dagegen von nichtwirklichem Geschehen und insbesondere von nichtwirklichen Ereignisträgern. Sie bestehen ebenfalls größtenteils aus Behauptungssätzen, doch diesen entspricht kein wirkliches Geschehen.
Geschichten und Geschehen setzen sich aus Ereignissen zusammen. Ein Ereignis ist eine Zustandsveränderung über einen Zeitraum. Der Artikel unterscheidet dabei eine auffällige oder markierte Zustandsänderung als Ereignis von einer unauffälligen oder unmarkierten Zustandsänderung als Geschehen.
Aus der Verbindung von Faktualität beziehungsweise Fiktivität mit homo- beziehungsweise heterodiegetischer Erzählerposition ergeben sich vier Grundformen. Beim homodiegetischen Erzählen tritt der Erzähler als Figur in der Geschichte auf. Beim heterodiegetischen Erzählen bleibt er als Ereignisträger außerhalb der Geschichte und berichtet als Erzählinstanz.
Typische Beispiele
Faktual homodiegetisch sind beispielsweise Tagebücher, Reiseberichte, Autobiografien und Arztbriefe. Hier berichtet eine an den dargestellten Vorgängen beteiligte Person über tatsächliches Geschehen.
Beim faktual heterodiegetischen Erzählen berichtet der Erzähler aus der Perspektive eines „unbeteiligten Beobachters“. Dazu gehören journalistische Texte, narrative Geschichtsschreibung, juristische Protokolle, archäologische Grabungsberichte, Hauptverhandlungsprotokolle, Wissenschaftstexte und Lexikonartikel.
In fiktional homodiegetischen Texten ist ein erfundener Erzähler als Figur in der Geschichte anwesend. Beispiele sind fiktionale Tagebücher, Reiseberichte und Biografien sowie Romane.
Fiktional heterodiegetische Erzählungen zeichnen sich dadurch aus, dass der Erzähler nicht als Figur in der erzählten Handlung vorkommt. Beispiele sind erfundene Reiseerlebnisse, Romane und Märchen. Ein Roman kann somit je nach Gestaltung homo- oder heterodiegetisch erzählt sein.
Souriaus Modell und verwandte Theorie
Étienne Souriau versteht das Diegetische als eine eigene Dimension des filmischen Universums. Daneben unterscheidet er:
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das Afilmische: die unabhängig von den kinematographischen Tatsachen existierende Wirklichkeit;
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das Profilmische: die gefilmte „objektive Wirklichkeit“;
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das Filmographische: alle Aspekte des fertig gezogenen Filmstreifens;
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das Filmophanische: alles, was während der audiovisuellen Projektion des Films geschieht;
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das Kreatorielle: alles, was die Hervorbringung des Werks betrifft;
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das Spektatorielle: alles, was sich subjektiv im Geist des Zuschauers ereignet.
Eine verwandte Theorie entwickelte der amerikanische Soziologe Erving Goffman um etwa 1960. Er unterscheidet verschiedene Handlungsrahmen, die er „frames“ nennt. Anders als die Theorie der Diegese trennt er nicht zwischen Fiktion und Alltagserfahrung. Alles Außerplanmäßige behandelt er als etwas, das nicht zum jeweiligen Handlungsrahmen gehört. Seine Theorie wird deshalb vor allem in der Soziologie verwendet, obwohl Goffman zahlreiche Beispiele aus Literatur und Film heranzieht.