Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Spätromantik

Die Spätromantik bezeichnet chronologisch die letzte Phase der Romantik als kunsthistorischer und literarischer Epoche zwischen etwa 1820 und 1850.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Begriff
  2. 2. Literatur: Themen, Haltung und Formen
  3. 3. Musik: Ausweitung bis an die Grenze der Tonalität
  4. 4. Malerei: traditionelle Themen unter neuen Bedingungen

Einordnung und Begriff

Spätromantik bezeichnet die letzte Phase der Romantik als kunsthistorischer und literarischer Epoche. Chronologisch wird sie in Literatur und Kunstgeschichte meist etwa zwischen 1820 und 1850 angesetzt. In der Malerei reicht sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in der Musik bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts, etwa zu Gustav Mahler und Richard Strauss.

Die ältere Literaturwissenschaft teilte besonders die deutsche Romantik in Früh-, Hoch- und Spätromantik ein und stellte einer progressiven Frühromantik häufig eine restaurative Spätromantik gegenüber. Danach seien Frühromantiker wie Friedrich Schlegel noch stärker an Rationalität, Aufklärung und Deutschem Idealismus orientiert gewesen; Spätromantiker hätten sich stärker mit Irrationalität beschäftigt sowie politische Restauration und katholische Kirche befürwortet. Dieses Modell verstand die Entwicklung als „Ausbreitung, Blütezeit und Verfall“.

Die neuere Forschung beurteilt streng abgegrenzte Phasen und diese einseitige Gegenüberstellung kritisch. Die Frühromantik war zwar stärker von der Französischen Revolution geprägt, während die Spätromantik in die Napoleonischen Kriege und die Metternichsche Restauration fiel. Zugleich wurden Ideen, Formen und Motive der Frühromantik weiterentwickelt und vollendet. Ludwig Tieck verbindet beide Phasen, weil sein Werk die gesamte Zeit der Romantik umfasst.

Literatur: Themen, Haltung und Formen

Die literarische Spätromantik, etwa 1820 bis 1850, hatte Zentren in Wien, München sowie zeitweise Dresden und Berlin. Autoren wie Ludwig Tieck, Clemens Brentano, Achim von Arnim, später auch E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff, wandten sich verstärkt der „Nachtseite“ des rationalen Diskurses zu. Angst, Grauen, Übernatürliches und Wahnsinn wurden wichtige Motive.

Die Vielfalt von Weltanschauungen der frühen Romantik verengte sich zunehmend auf christlich, vor allem katholisch orientierte Autoren. Daher spricht die Forschung auch von „katholischer Spätromantik“. Clemens Brentano konvertierte 1817 zum Katholizismus und konzentrierte sich ab den 1820er Jahren neben vereinzelter Lyrik auf religiös geprägte Schriften. Auch politisch waren konservative Positionen verbreitet: Friedrich Schlegel arbeitete beim Wiener Kongress als Hofsekretär Metternichs, setzte sich für die durch Napoleons Säkularisation geschwächte katholische Kirche ein und befürwortete eine europäische Neuordnung unter Führung Habsburg-Österreichs.

Neben Wien und München entstanden Gruppen um Tieck in Dresden ab 1819 und nach seinem Wechsel 1841 auch in Berlin. Zur Spätromantik zählt außerdem die Schwäbische Dichterschule um Ludwig Uhland und Justinus Kerner. Trotz konservativer politischer und religiöser Tendenzen wurden literarische Formen weiterentwickelt. Eichendorff trug mit seiner Lyrik zum romantischen „Kunstvolkslied“ bei. Dieses Genre wurde zusammen mit Gedichten der Rheinromantik und der Schwäbischen Schule durch Vertonungen von Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy populär.

Wichtige Gattungen waren Kunstmärchen, Roman und Erzählung. Brentanos nebenher entstandene Volks- und Kunstmärchen, etwa Gockel und Hinkel, führten die frühromantische Tradition fort. Beispiele für Romane sind Eichendorffs Dichter und ihre Gesellen (1834) und Hoffmanns ironischer Bildungsroman Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819/1821). Historische Stoffe behandeln Tiecks Aufruhr in den Cevennen (1826) über den Aufstand protestantischer Kamisarden gegen Zwangskatholisierung sowie Wilhelm Hauffs Lichtenstein (1826), der auf einer württembergischen Sage beruht. Hoffmanns phantastische Erzählungen prägten die Schwarze Romantik und wirkten auch außerhalb Deutschlands. Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts entstand 1841 im Übergang zum Biedermeier.

Musik: Ausweitung bis an die Grenze der Tonalität

In der Musik wird „Romantik“ zeitlich weiter gefasst als in anderen Künsten. Eine enge Definition setzt die musikalische Romantik auf etwa 1830 bis 1850; Musik bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wird jedoch oft noch romantisch genannt. Als spätromantisch oder neuromantisch gelten besonders Werke von etwa 1860 bis 1910. Richard Wagner ist dafür wichtig, weil seine Bühnenschauspiele das frühromantische Postulat einer Vereinigung aller Künste einzulösen scheinen.

Kennzeichen spätromantischer Musik sind die starke Vergrößerung des Orchesters bis zu riesenhaften Besetzungen, als Gipfelpunkt Gustav Mahlers 8. Sinfonie von 1910, sowie die Abwendung von Salon- und Hausmusik hin zur institutionalisierten Konzertmusik mit Konzertgesellschaften und Philharmonien. Bevorzugt wurden Programmmusik, etwa bei Gustav Holst, und subjektiv geprägtes Drama, etwa bei Wagner.

Harmonik bezeichnet das Zusammenwirken und Fortschreiten von Akkorden, Kontrapunkt die Verbindung selbständig geführter Stimmen. Beide Bereiche wurden erheblich ausgeweitet: Bei Alexander von Zemlinsky oder Max Reger finden sich in einem Takt oft mehr als ein Dutzend selbständig geführter Stimmen. Der Orchesterklang wurde farbig, und die Harmonik geriet häufig an die Grenze der Tonalität, also eines Systems mit einem tonalen Zentrum. Hugo Wolf nutzte bis dahin ungekannte harmonische Schärfen und Wendungen. Wagners Tristan und Isolde bleibt durch zahlreiche nicht bestimmbare Akkorde in einem schwebenden tonalen Raum. Arnold Schönberg zog schließlich die Konsequenz der Auflösung eines tonal gegründeten Systems.

Es gab verschiedene Strömungen: Symbolismus, der später in den Impressionismus mündet, etwa bei Gabriel Fauré und Alexander Skrjabin, sowie den italienischen Verismo bei Giacomo Puccini. Im Verismo endet die Handlung beispielsweise tragisch, ohne Katharsis oder (Er-)Lösung. Andere Komponisten behielten den spätromantischen Stil bei; innerhalb der experimentellen Phase des 20. Jahrhunderts wurde er teils wieder einfacher und führte zu Strömungen wie dem Neoklassizismus, beispielsweise bei Rosy Wertheim und Ottorino Respighi.

Malerei: traditionelle Themen unter neuen Bedingungen

In der Malerei bezeichnet Spätromantik die zwischen 1848 und 1900 vorherrschende Richtung. Sie baute die Errungenschaften der Romantik neu auf. Fragen nach der Göttlichkeit der Natur und dem künstlerischen Schaffensprozess wurden nicht mehr besonders hervorgehoben, weil sie weithin als beantwortet galten; die Themenkreise blieben jedoch bestehen. Besonderes Gewicht lag auf verbessertem künstlerischem Vortrag und Maltechnik.

Die spätromantische Malerei teilte mit dem Historismus den Realismus; einzelne Maler arbeiteten in beiden Stilen. Teilweise griff sie strenge Züge des Klassizismus auf, etwa bei Feuerbach und Rethel, und sie überschnitt sich mit der Malerei des Biedermeier. Das wohlhabend gewordene Bürgertum wurde zu einem breiten Käuferkreis. Es bevorzugte hochwertige, traditionelle Kunst statt stilistischer Brüche und nutzte sie zur Unterstreichung seines Führungsanspruchs. Deshalb intensivierten Maler romantische Themen in Historien-, Porträt-, Landschafts-, Genre-, Stillleben- und Tiermalerei.

Landschaften waren das bevorzugte Sujet. Sie zeigen übersteigerte Naturverbundenheit und auffällige, teils halluzinativ wirkende Lichtverhältnisse. Waldmotive verbinden sich oft mit mythologischen Anklängen, märchenhafter Atmosphäre, Fabelwesen und Nymphen; dazu treten Sehnsucht nach arkadischem Leben und ein Hirtenmythos. Die Maler gaben die minutiöse Exaktheit der romantischen Malerei nach 1848 zugunsten einer breiteren, lockereren Pinselführung auf. Diese sollte Virtuosität und Spontanität vermitteln, war aber – anders als impressionistische Pleinairmalerei – sorgfältig vorbereitet und geplant. Die Spätromantik beeinflusste auch Architektur, besonders in Wien.

Fotografie stellte den Anspruch naturgetreuer Wiedergabe infrage; der Impressionismus konnte schneller und kostengünstiger arbeiten und legte weniger Wert auf aufwendige Technik. Spätere Kritik warf Klassik und Spätromantik vor, Kunst als von der Gesellschaft unberührte Parallelwelt mit metaphysischer oder religiöser Weihe zu betrachten. Impressionisten bekämpften die aufwendige akademische Malweise als überholt; diese Sicht wurde von Kunsthistorikern teils übernommen. Die Geringschätzung wird im Artikel aber vor allem mit der massenhaften Kitschproduktion erklärt: Motive wie Sonnenuntergang, röhrender Hirsch, Touristenvedute und Idylle wurden aus romantischen Zusammenhängen gelöst und verbreitet. Museen zeigen entsprechende Werke oft nur kontextbezogen, während sie im Kunsthandel zunehmende Beliebtheit genießen.

Weiterlesen

Romantik Die Romantik ist eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein dauerte und sich insbesondere … Literaturwissenschaft In der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft werden theoretische Grundlagen und Methoden zur Untersuchung und Interpretation literarischer und nicht- … Frühromantik Die Frühromantik gilt als Keimzelle der deutschen Romantik und hatte erhebliche Auswirkungen auf die Kunst und Kultur der Moderne. Ausgehend und beeinflusst von … Aufklärung Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im … Irrational Als irrational (von lateinisch irrationalis ‚unvernünftig') bezeichnet man Sachverhalte oder Ideen, die der menschlichen Vernunft (lateinisch ratio) … Römisch-katholische Kirche Römisch-katholische Kirche. größte christliche Kirche, die sich aus 24 autonomen Kirchen zusammensetzt, die in Gemeinschaft mit dem römischen Papst stehen. E. T. A. Hoffmann ... goldne Topf wiederbegegnet. Von 1810 an war Hoffmann beim Bamberger Theater als Direktionsgehilfe, Dramaturg und Dekorationsmaler beschäftigt. Nebenbei gab … Joseph von Eichendorff Er zählt mit etwa fünftausend Vertonungen zu den meistvertonten deutschsprachigen Lyrikern und ist auch als Prosadichter (Aus dem Leben eines Taugenichts) bis … Weltanschauung Weltanschauungen sind teils soziokulturell bestimmt, also traditionsgebunden, teils geprägt durch transkulturelle philosophische oder religiöse Vorstellungen, … Heinrich Heine Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Im Deutschen Bund mit … Wiener Kongress Der Wiener Kongress, der vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 stattfand, ordnete nach der Niederlage Napoleon Bonapartes in den Koalitionskriegen Europa … Napoleon Bonaparte Seit 1796 nannte sich Napoleone Buonaparte selbst französisch Napoléon Bonaparte. · Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. · Günter Müchler: Napoleon.