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Aufstand vom 17. Juni 1953
Als Aufstand vom 17. Juni 1953 (auch „Volksaufstand“ oder „Arbeiteraufstand“) werden die Vorkommnisse in der DDR bezeichnet, bei denen es in den Tagen um …
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Was war der Aufstand vom 17. Juni 1953?
Als Aufstand vom 17. Juni 1953 (auch „Volksaufstand“ oder „Arbeiteraufstand“) bezeichnet man eine Welle von Streiks, Massendemonstrationen und politischen Protesten in der DDR um den 17. Juni 1953. Ausgelöst wurde sie vor allem durch den rücksichtslosen „Aufbau des Sozialismus“ und Repressionen des SED-Regimes. Über eine Million Menschen beteiligten sich; in über 700 Städten kam es zu Streiks, Demonstrationen und teils blutigen Auseinandersetzungen. Gefordert wurden unter anderem „Rücktritt der Regierung“, „Freie Wahlen“ und „Freilassung aller politischen Gefangenen“.
Die größten Proteste fanden in Ost-Berlin, Merseburg und Halle (Saale) statt; im Bezirk Halle und den Industriestädten um Leuna und Wolfen streikten über 100.000 Menschen. Teilnehmer kamen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Die sowjetische Besatzungsmacht schlug den Aufstand gewaltsam nieder – „einer der größten Militäreinsätze in der europäischen Nachkriegsgeschichte“. Über 50 Aufständische wurden getötet oder zum Tode verurteilt, über 15.000 Bürger inhaftiert. Als Reaktion baute die DDR massiv die Staatssicherheit aus.
Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ Nationalfeiertag der Bundesrepublik und ist bis heute Gedenktag.
Hintergrund: Krise der DDR und der „Neue Kurs“
Auf der 2. Parteikonferenz der SED (9.–12. Juli 1952) beschloss die Partei unter Walter Ulbricht den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“: Die fünf Länder wurden in 14 Bezirke geteilt (Ost-Berlin als 15. Verwaltungseinheit), die Kasernierte Volkspolizei sollte zur „Volksarmee“ werden, Bauern, Handwerker und kleine Betriebe wurden durch hohe Abgaben bedrängt.
Der Staatshaushalt war extrem angespannt: 1952 machten Aufrüstungs- und Kriegsfolgekosten 22 % des Haushalts aus, 1953 über 18 %. Die Investitionen flossen in die Schwerindustrie, während die Versorgung der Bevölkerung litt – es gab Stromabschaltungen, Schlangen vor Geschäften und eine Ernährungskrise. In den HO-Läden (staatliche Handelsorganisation) ohne Bezugsscheine waren die Preise weit über bundesdeutschem Niveau; eine Tafel Schokolade kostete im Westen 50 Pfennig, im Osten acht Mark. Zudem wanderten viele Menschen in den Westen ab („Abstimmung mit den Füßen“), und die Gefängnisse waren voll. Auch die Kirche wurde stark unter Druck gesetzt, etwa die „Junge Gemeinde“.
Auslöser des Protestes war die Erhöhung der Arbeitsnormen (die für den Lohn zu erbringende Arbeitsleistung) um zehn Prozent bis zum 30. Juni 1953, faktisch eine Lohnsenkung, beschlossen vom ZK der SED am 13./14. Mai und vom Ministerrat am 28. Mai bestätigt.
Die Sowjetunion erzwang einen Kurswechsel: Am 11. Juni 1953 wurde der „Neue Kurs“ verkündet – Steuer- und Preiserhöhungen wurden aufgehoben, Enteignungen rückgängig gemacht, Verhaftungen überprüft, die Kampagne gegen die Kirche eingestellt. Die Normerhöhung blieb aber bestehen – das löste bei den Arbeitern Unmut aus. Artikel in „Neues Deutschland“ (14. Juni) und „Tribüne“ wirkten als weitere Auslöser der Proteste.
Verlauf des Aufstands
Ab dem 12. Juni 1953 kam es in über 300 Dörfern zu Protesten, bei denen SED-Funktionäre abgesetzt oder misshandelt wurden.
Am 16. Juni legten Bauarbeiter auf Berliner Großbaustellen (Stalinallee, Krankenhausneubau Friedrichshain) die Arbeit nieder. Ein Demonstrationszug zum Regierungssitz wuchs schnell an; die Rücknahme der Normenerhöhung wurde verkündet, doch die Forderungen gingen weiter: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen. Der Generalstreik wurde ausgerufen, für den 17. Juni, 7 Uhr, wurde zum Strausberger Platz aufgerufen. Der West-Berliner Radiosender RIAS berichtete ausführlich und trug so entscheidend zur schnellen Ausbreitung der Nachrichten in der ganzen DDR bei.
Am 17. Juni streikten und demonstrierten nach heutiger Forschung in weit über 500 Orten Menschen; Schätzungen zur Beteiligung schwanken zwischen 400.000 und 1,5 Millionen. Die Aufständischen besetzten 11 Kreisratsgebäude, 14 Bürgermeistereien, 7 Kreisleitungen, neun Gefängnisse, zwei Stasi-Dienstgebäude und acht Polizeireviere. In Görlitz und Niesky wurde das SED-Regime für wenige Stunden entmachtet. In Berlin brannten unter anderem das Columbushaus und das Haus Vaterland. Es gab praktisch keine zentrale Führung – der Aufstand war spontan. Ministerpräsident Otto Grotewohl erklärte den Aufstand im Rundfunk zum „Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten“; die Regierung flüchtete nach Berlin-Karlshorst.
Halle (Saale), Niederschlagung und Opfer
In Halle (Saale) entstanden die einzigen professionellen Filmaufnahmen des Aufstands, gedreht vom DEFA-Kameramann Albert Ammer mit seiner Assistentin Jutta-Regina Lau. Allein dort demonstrierten 90.000 Menschen – Jung und Alt, aus allen Schichten. Ammer filmte auch die einzige gelungene Gefängnisbefreiung: 248 Frauen und 3 Männer wurden aus dem Gefängnis an der Kleinen Steinstraße befreit, darunter die später hingerichtete Erna Dorn. Vor dem Gefängnis Roter Ochse starben vier oder fünf Demonstranten. Die Stasi nutzte die Filme, um Demonstranten zu identifizieren; Ammer wurde am 18. Juni 1953 verhaftet, über drei Jahre inhaftiert und erst 1991 rehabilitiert.
Die Niederschlagung: Die Sowjetunion verhängte über 167 der 217 Kreise der DDR den Ausnahmezustand, ab 13 Uhr auch in Ost-Berlin (bis 11. Juli 1953). 16 sowjetische Divisionen mit etwa 20.000 Soldaten und rund 8.000 Angehörige der Kasernierten Volkspolizei waren im Einsatz. Mit dem Eintreffen der Panzer verlor der Aufstand an Schwung; einzelne Streiks dauerten bis in den Juli (etwa bei Carl Zeiss in Jena, im Buna-Werk Schkopau).
Opfer: Laut dem Projekt „Die Toten des Volksaufstandes“ sind 55 Todesopfer belegt, darunter sieben Minderjährige; etwa 20 Todesfälle sind ungeklärt. 34 Demonstranten und Zuschauer wurden erschossen oder starben an Schussverletzungen, sieben wurden nach Todesurteilen hingerichtet (darunter Erna Dorn und Ernst Jennrich), vier starben an Haftbedingungen, vier begingen in der Haft Selbstmord, fünf Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane wurden getötet. Sowjetische Standgerichte verurteilten vom 17. bis 22. Juni 19 Aufständische zum Tode; Hunderte erhielten Zwangsarbeitslagerstrafen in Sibirien. Seit 2003 geht man davon aus, dass DDR-Gerichte insgesamt 15.000 Menschen verurteilten. Verhaftete wurden in Haftanstalten mit einem gelben „X“ markiert und oft schwer gesundheitlich geschädigt. Auch SED-Mitglieder wurden bestraft: Justizminister Max Fechner, der mäßigend wirken wollte, wurde abgesetzt, aus der Partei ausgeschlossen und inhaftiert; auch Rudolf Herrnstadt und Wilhelm Zaisser wurden aus der SED entfernt.
DDR-Darstellung, internationale Reaktionen und Folgen
Die SED vertuschte die Ursachen und verbreitete die Verschwörungstheorie, „der Westen“ stecke hinter einem „faschistischen Putschversuch“. Die offizielle DDR-Geschichtswissenschaft bezeichnete den Aufstand bis zuletzt als „konterrevolutionären Putschversuch“, den sowjetische Truppen im „Geiste des proletarischen Internationalismus“ niedergeschlagen hätten.
Internationale Reaktionen: Außer der Sowjetunion griff kein Staat ein. Die USA starteten das Hilfsprogramm der „Eisenhower-Pakete“ (ab 1. Juli 1953); bis Oktober 1953 wurden über 5,5 Millionen Lebensmittelpakete an Ostdeutsche ausgegeben. Großbritanniens Premier Churchill sah den Aufstand kritisch, weil er seine Pläne für eine Vier-Mächte-Konferenz gefährdete. In der Sowjetunion verschärfte der Aufstand den Machtkampf nach Stalins Tod: Die Gruppe um Beria unterlag, Chruschtschow setzte sich durch; 1955 wurde der Warschauer Vertrag geschlossen. In Polen und Jugoslawien wurde der Aufstand als wichtiges politisches Signal wahrgenommen – Kardelj sprach von einer „echten revolutionären Massenaktion der Arbeiterklasse“.
Folgen in der DDR: Die SED baute den Überwachungsapparat massiv aus: Die Stasi wurde enger an die Partei gebunden, die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ gegründet, Einsatzleitungen und verstärkte Polizeikräfte geschaffen. Die DDR-Sozialpolitik begünstigte nun Arbeiter der Schwer- und Bauindustrie. Die Abwanderung stoppte Ulbricht erst mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961.
Gedenken: Am 22. Juni 1953 benannte der Berliner Senat die Straße zwischen Brandenburger Tor und Ernst-Reuter-Platz in „Straße des 17. Juni“ um; durch Gesetz vom 4. August 1953 wurde der 17. Juni „Tag der deutschen Einheit“, seit 1990 nur noch Gedenktag. Thüringen erklärte ihn 2016 zum Gedenktag für die Opfer des SED-Unrechts.