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Ungarischer Volksaufstand
Das Mahnmal bei der Brücke von Andau auf ungarischer Seite befindet sich in einem desolaten Zustand. Siehe auch. Aufstand vom 17. Juni 1953 · Massaker von …
Inhalt5 Abschnitte
Charakter und Vorgeschichte
Der Ungarische Volksaufstand bezeichnet die bürgerlich-demokratische Revolution und den Freiheitskampf von 1956 in der Volksrepublik Ungarn. Breite gesellschaftliche Kräfte erhoben sich gegen die kommunistische Einparteidiktatur und die sowjetische Besatzungsmacht. Der Aufstand dauerte vom 23. Oktober bis zum 4. November 1956; der bewaffnete Widerstand hielt an einzelnen Orten jedoch mehrere Wochen, im Gebirge sogar bis Anfang 1957 an.
Nach der Besetzung Ungarns durch die Rote Armee 1945 geriet das Land zunehmend in den sowjetischen Machtbereich. Die Kommunisten waren zunächst nur eine von mehreren politischen Kräften. Bei der Parlamentswahl vom 4. November 1945 erhielt die Partei der kleinen Landwirte 57 % der Stimmen, die Kommunisten nur 17 %. Auf sowjetischen Druck blieben die Kommunisten dennoch an der Regierung beteiligt. Mit der „Salamitaktik“, also dem schrittweisen Abbau des demokratischen Systems, übernahmen sie immer mehr Macht. Politische Gegner wurden durch die politische Polizei eingeschüchtert, ausgeschaltet oder in Säuberungen verfolgt.
Am 31. August 1947 erhielt der kommunistisch dominierte Linksblock 61 % der Stimmen. Banken, Bergwerke, die Schwerindustrie und alle Industriebetriebe mit mehr als 100 Mitarbeitern wurden verstaatlicht. Am 12. Juni 1948 vereinigte sich die Kommunistische Partei mit der Sozialdemokratischen Partei zur Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP). Die Oppositionsparteien verschwanden.
Unter Mátyás Rákosi wurde die stalinistische Herrschaft ausgebaut. Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Mai 1949 erhielt die Einheitsliste 95,6 % Ja-Stimmen. Die am 20. August 1949 in Kraft getretene Verfassung war der sowjetischen Verfassung von 1936 nachempfunden; die Gewaltenteilung wurde aufgehoben. Ein ausgeprägter Personenkult um Rákosi, Schauprozesse und der Terror der Staatssicherheitsbehörde prägten das politische Leben. Gegen mehr als eine Million Menschen, rund zehn Prozent der Bevölkerung, wurden Verfahren eingeleitet. Viele wurden ohne Anklage in Lager gebracht und mussten Zwangsarbeit leisten.
Die Wirtschaft folgte sowjetischen Vorgaben. Investitionen flossen vor allem in die Schwerindustrie, während Landwirtschaft und Lebensstandard vernachlässigt wurden. Die Zwangskollektivierung verringerte die landwirtschaftlichen Erträge; Ungarn musste als früheres Agrar-Exportland sogar Lebensmittel importieren.
Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurde Imre Nagy am 4. Juli 1953 Ministerpräsident. Er förderte Landwirtschaft und Konsumgüterindustrie, erlaubte Bauern den Austritt aus Produktionsgenossenschaften, hob Gulaglisten und ungarische Arbeitslager auf und sprach damit 750.000 Menschen von ihrer Schuld frei. Die Reformen wurden von Rákosis Gruppe bekämpft; Nagy wurde im April 1955 abgesetzt und später aus der Partei ausgeschlossen. Nach Chruschtschows Geheimrede vom Februar 1956 über Stalins Verbrechen wuchs die innerparteiliche Opposition. Diskussionsforen nach dem Vorbild des Petőfi-Kreises, die Neubestattung László Rajks am 6. Oktober 1956 und die Neugründung des unabhängigen Hochschulverbands MEFESZ am 16. Oktober stärkten die Protestbewegung. Der Posener Aufstand und Gomułkas Aufstieg in Polen ermutigten die ungarische Opposition zusätzlich.
Beginn und Verlauf
Am 22. Oktober 1956 formulierten Studenten der Technischen Universität Budapest eine Erklärung mit Forderungen nach bürgerlichen Freiheitsrechten, Parlamentarismus und nationaler Unabhängigkeit. Der Ungarische Rundfunk weigerte sich, den Forderungskatalog bekanntzumachen. Deshalb riefen die Studenten für den 23. Oktober zu einer Demonstration auf.
Die zunächst genehmigte Solidaritätsdemonstration für die polnischen Reformer wuchs zu einer Massenbewegung an. Am Josef-Bem-Platz wurden die Forderungen verlesen. Ein Teil der Demonstranten zog zum Parlament, ein anderer zum Rundfunkgebäude, um die Forderungen über den Sender zu verbreiten. Aus dem Gebäude wurde auf die Menge geschossen. Mit Hilfe ungarischer Soldaten gelangten Demonstranten an Waffen und stürmten das Rundfunkgebäude.
Am Abend versammelten sich etwa 200.000 Menschen vor dem Parlament. Sie verlangten Meinungs- und Pressefreiheit, freie Wahlen, größere Unabhängigkeit von der Sowjetunion und Imre Nagy als Regierungschef. Nagy wurde noch in derselben Nacht zum Ministerpräsidenten berufen. Gleichzeitig ließ Parteichef Ernő Gerő auf die „waffenlose Masse“ schießen. Die Sowjetunion hatte bereits militärisch eingegriffen. Demonstranten stürzten das Stalin-Denkmal; später wurde es zerschlagen.
Am 24. Oktober breitete sich der Aufstand auf andere Städte aus. Arbeiter-, Revolutions- und Nationalräte entstanden, ein landesweiter Generalstreik begann, und die ersten unabhängigen Zeitungen erschienen. Am 25. Oktober wurde Gerő durch János Kádár ersetzt. Vor dem Parlament wurden mehr als 100 Menschen erschossen; bis heute konnte nicht vollständig geklärt werden, ob die Schützen dem Staatssicherheitsdienst ÁVH, der Roten Armee oder anderen Einheiten angehörten.
Am 27. Oktober stellte Nagy eine neue Regierung vor und kündigte die Auflösung des ÁVH an. Am folgenden Tag erkannte er die Revolution an. Am 30. Oktober erklärte er das Ende der Einparteienherrschaft und bildete eine Mehrparteienregierung. Der Kardinal József Mindszenty wurde aus der Haft befreit. Zugleich kam es zu Lynchjustiz an Geheimdienstlern und Parteifunktionären.
Die Sowjetunion zog ihre Truppen am 30. und 31. Oktober zunächst zurück, entschied sich aber nach Nagys Ankündigung des Mehrparteiensystems für eine massive Intervention. Am 1. November erklärte Nagy die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Daraufhin begann die sowjetische Armee mit der Niederschlagung des Aufstands und besetzte unter anderem das Parlamentsgebäude. Am 4. November wurde in Szolnok die von János Kádár geführte „Ungarische Revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung“ gebildet.
Internationale Rahmenbedingungen
Die sowjetische Führung war 1956 durch die Entstalinisierung verunsichert. Chruschtschows Geheimrede vom 25. Februar 1956 kritisierte Stalins Personenkult und Verbrechen. Die anschließende Tauwetter-Periode brachte eine gewisse innen- und außenpolitische Entspannung, die Schließung zahlreicher Straflager und die Freilassung unschuldig Inhaftierter. Konservative Kräfte in der sowjetischen Führung befürchteten jedoch, dass die Liberalisierung in den Staaten des Warschauer Pakts außer Kontrolle geraten könnte.
Zeitgleich bestimmte die Suezkrise die internationale Politik. Großbritannien und Frankreich bereiteten gemeinsam mit Israel die Besetzung des Suezkanals vor. Am 24. Oktober unterzeichneten sie ein geheimes Abkommen; am 29. Oktober begann Israel den Vormarsch, am 31. Oktober bombardierten Großbritannien und Frankreich ägyptische Flughäfen. Die USA strebten mit der Sowjetunion eine „Uniting-for-peace“-Resolution an. Die UNO forderte am 2. November zunächst nur Israel zum Rückzug auf und beschloss am 4. November die Aufstellung einer Friedenstruppe.
Die Suezkrise band die Aufmerksamkeit der UNO, der Öffentlichkeit und der Medien. Am 5. November, einen Tag nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn, drohte die Sowjetunion Großbritannien und Frankreich mit Gewalt. Am folgenden Tag stellten diese Staaten und Israel die Kampfhandlungen ein. Der zeitliche Zusammenhang führte dazu, dass die Niederschlagung des ungarischen Aufstands und die westliche Aggression gegen Ägypten in der öffentlichen Wahrnehmung miteinander verbunden wurden.
Der Westen unterstützte die Aufständischen politisch und verbal, die NATO vermied jedoch eine militärische Konfrontation mit den Staaten des Warschauer Pakts. Versprechen militärischer Unterstützung durch Radio Free Europe wurden von den Aufständischen offenbar als Ermutigung verstanden; nach US-amerikanischen Regierungsdokumenten war eine solche Unterstützung von der US-Regierung zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt. Die Suezkrise und die Spannungen zwischen Frankreich, Großbritannien und den USA erschwerten zusätzlich eine einheitliche westliche Reaktion.
Ziele und Forderungen
Der Aufstand hatte einen nationalen und einen anti-totalitären Charakter. Die Studenten forderten den Abzug der sowjetischen Truppen, die Wiederherstellung ungarischer Nationalfeiertage und Staatssymbole sowie die Entfernung der Stalin-Statue. Sie verlangten außerdem die Wiedereinführung des Kossuth-Wappens, des Emblems der Revolution von 1848 und des Staatswappens von 1946, sowie des 15. März als Nationalfeiertag. Nach Beginn des Aufstands kam die Forderung hinzu, den 23. Oktober zum Nationalfeiertag zu erklären.
Die Forderungen richteten sich auch gegen die politische, militärische und wirtschaftliche Abhängigkeit von der Sowjetunion. Internationale Vereinbarungen und Außenhandelsverträge sollten überprüft werden. Nach der sowjetischen Intervention wurde der Kampf gegen die stalinistische Diktatur zu einem nationalen Freiheitskampf. Der vollständige Abzug der sowjetischen Truppen galt als wichtigste Voraussetzung für eine demokratische Umgestaltung.
Die Studenten verlangten ein Mehrparteiensystem, freie Wahlen und bürgerliche Freiheitsrechte. Dazu gehörten die Bestrafung der Verantwortlichen des Rákosi-Regimes, die Abschaffung der Ablieferungsquoten in der Landwirtschaft, das Streikrecht sowie Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Arbeiterräte, die etwa anderthalb Millionen Menschen vertraten, forderten Beteiligung an der Macht und ausnahmslos das Streikrecht. Der Arbeiterrat im Industrierevier Csepel verlangte am 24. Oktober ausdrücklich Religionsfreiheit.
Um den 29. Oktober gingen die Forderungen über die Absetzung Ernő Gerős und András Hegedüs sowie die Auflösung des Staatssicherheitsdienstes hinaus. Bewaffnete Aufständische, politische Gruppen, Arbeiterräte und Revolutionskomitees verlangten nun den vollständigen sowjetischen Abzug, den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Erklärung der Neutralität Ungarns.
Niederschlagung, Folgen und Erinnerung
Vom 4. bis zum 15. November kämpften Aufständische besonders in Budapest gegen die einmarschierte Sowjetarmee. Die Zivilbevölkerung war an Munition knapp und den sowjetischen Streitkräften bei Personal und Material hoffnungslos unterlegen. Auf ungarischer Seite starben etwa 2500 Menschen; die sowjetischen Truppen gaben nach eigener Darstellung 720 Tote an. Andere Schätzungen gehen von höheren Zahlen aus. Die Kämpfe in Budapest dauerten eine Woche, an einzelnen Orten mehrere Wochen.
Nach dem 16. November leisteten einzelne Gruppen weiter Widerstand. Gleichzeitig flohen über 200.000 Ungarn über Österreich in westliche Staaten; mehr als 70.000 von ihnen nutzten die Brücke von Andau. Etwa 70.000 blieben dauerhaft in Österreich, viele andere wurden auf westliche Staaten verteilt. Die Holzbrücke von Andau wurde am 21. November 1956 gesprengt und am 14. September 1996 wiedereröffnet. Geflüchtete Ungarn gründeten 1957 in Baden das Orchester Philharmonia Hungarica. Außerdem konnten 66 ungarische Jugendliche von 1958 bis 1961 an der Rheingauschule in Geisenheim das deutsche Abitur ablegen.
Imre Nagy wurde am 22. November verhaftet, obwohl ihm Straffreiheit zugesichert worden war. Im Juni 1958 wurde er nach einem streng geheimen Prozess mit Pál Maléter und anderen Anführern hingerichtet. Insgesamt wurden 350 weitere Personen hingerichtet, darunter nach seinem 18. Geburtstag auch Péter Mansfeld. Es folgten Säuberungswellen, Einkerkerungen und Internierungen. Das Kádár-Regime bezeichnete den Aufstand als „Konterrevolution“; die öffentliche Bezeichnung als Revolution wurde bestraft. Seit 1989 ist der 23. Oktober ein Nationalfeiertag in Ungarn.
1991 stiftete das ungarische Parlament eine Erinnerungsmedaille und hob die Verjährung der Verbrechen rund um den Volksaufstand auf. An den Aufstand erinnern unter anderem Gedenktafeln an der ETH Zürich und an der Universität Basel, ein Denkmal für die kämpfenden Jugendlichen der Pesti srácok, eine Gedenkstätte für die Opfer an der Sankt-Franziskus-von-Assisi-Kirche in Budapest sowie ein Gedenkstein mit Flamme vor dem Parlament.