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Außenwirtschaftstheorie
Die Quintessenz der Außenhandelstheorie ist es, dass Spezialisierung und Außenhandel die Wohlfahrt aller Länder erhöhen. Dies gilt zumindest dann, wenn sich …
Inhalt6 Abschnitte
- 1. Was ist die Außenwirtschaftstheorie?
- 2. Außenhandelstheorien und komparativer Kostenvorteil
- 3. Komparativer Kostenvorteil: Ricardo und Heckscher-Ohlin
- 4. Handelspolitik und Protektionismus
- 5. Monetäre Außenwirtschaftstheorie und Wechselkurse
- 6. Wirtschaftliche Integration, Welthandelsordnung und betriebliche Aspekte
Was ist die Außenwirtschaftstheorie?
Die Außenwirtschaftstheorie (oder Außenwirtschaftslehre) ist ein Teilgebiet der Volkswirtschaftslehre. Sie befasst sich mit allen Fragen rund um den grenzüberschreitenden Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital und wendet dabei die Erkenntnisse der Mikro- und Makroökonomie an.
Sie gliedert sich in drei Stränge:
- Reale (güterwirtschaftliche) Theorie: das traditionelle Kernstück (früher „reine Außenwirtschaft“ genannt); sie untersucht den Außenhandelsmarkt mit Export und Import.
- Monetäre Theorie: seit den 1960er-Jahren, stark gewachsen besonders nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems; sie untersucht den Devisenmarkt, insbesondere den Wechselkurs.
- Theorie der wirtschaftlichen Integration: jüngerer Strang (besonders ab den 1990er Jahren), verknüpft reale und monetäre Außenwirtschaft und findet in der Öffentlichkeit die größte Beachtung.
Daneben gibt es betriebswirtschaftliche Aspekte, z. B. Anbahnung und Abwicklung von Exportgeschäften sowie Absicherung gegen Wechselkurs-, wirtschaftliche und politische Risiken.
Außenhandelstheorien und komparativer Kostenvorteil
Die reale Außenwirtschaftstheorie fragt nach den Ursachen des Außenhandels. Handel kommt zustande, wenn Güter in einem Land nicht verfügbar sind (z. B. importiert Deutschland Bananen) oder wenn Länder unterschiedliche Kostenvorteile haben – auch dann, wenn ein Land zwar insgesamt billiger produziert, aber komparative Kostennachteile hat. Beispiel: Kann ein Land Stoff viel billiger und Wein nur etwas billiger herstellen als ein anderes, lohnt es sich bei begrenzten Produktionskapazitäten, sich auf Stoff zu konzentrieren und ihn teilweise gegen ausländischen Wein zu tauschen.
Kernaussage der Außenhandelstheorie: Spezialisierung und Außenhandel erhöhen die Wohlfahrt aller Länder – zumindest wenn sich auf den Weltmärkten ein Austauschverhältnis (Terms of Trade) bildet, bei dem beide Seiten profitieren.
Komparativer Kostenvorteil: Ricardo und Heckscher-Ohlin
Ricardo-Modell: David Ricardo zeigte, dass auch ein Land, das bei allen Gütern absolute Kostenvorteile hat, Nutzen aus Außenhandel ziehen kann, wenn es seine auf Technologieunterschieden beruhenden komparativen Kostenvorteile nutzt. Annahmen: nur ein Produktionsfaktor, zwei Güter, zwei Länder, konstante Skalenerträge (keine Größenvorteile), Vollbeschäftigung. Grenzen des Modells: Transportkosten und nicht handelbare Güter werden ignoriert; Produktionsfaktoren werden als flexibel einsetzbar angenommen; Spezialisierung kann zu Monokulturen führen – viele Entwicklungsländer leiden unter ungünstigen Terms of Trade.
Heckscher-Ohlin-Theorem: geht von zwei Produktionsfaktoren (Kapital und Arbeit) mit einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion (positive, aber abnehmende Grenzproduktivität) und international homogenen Präferenzen aus. Es kommt zu keiner vollständigen Spezialisierung; Produktionsfaktoren wandern je nach Terms of Trade zwischen arbeits- und kapitalintensiven Sektoren. Jedes Land nutzt den Faktor intensiver, mit dem es im Vergleich zum Ausland reichlich ausgestattet ist. Das Modell erklärt den Nord-Süd-Handel besser als den Nord-Nord-Handel.
Wichtige Ergänzungen: Das Stolper-Samuelson-Theorem besagt, dass Zölle den Handel einschränken, den reichlich vorhandenen Faktor weniger genutzt wird und eine ineffizientere Allokation zu einem Wohlfahrtsverlust gegenüber Freihandel führt. Das Leontief-Paradoxon (1950er Jahre) zeigte, dass reale Handelsströme oft nicht den Modellvorhersagen entsprachen – Faktorausstattungen sind nicht die einzige Handelsgrundlage.
Handelspolitik und Protektionismus
Obwohl Freihandel laut Theorie den Wohlstand aller begünstigt, ergreifen Länder protektionistische Maßnahmen. Für große Länder kann ein Optimalzoll existieren, mit dem sie die nationale Wohlfahrt auf Kosten der übrigen Welt maximieren (Beggar-thy-Neighbor-Politik). Das funktioniert aber nur kurzfristig, da betroffene Länder langfristig mit eigenen Handelsbarrieren reagieren. Vorteile des Freihandels werden vom Einzelnen oft nicht bewusst wahrgenommen, während Nachteile kleine Gruppen hart treffen, die laut ihre Interessen vertreten (in Deutschland z. B. Bergarbeiter).
Traditionelle Instrumente strategischer Handelspolitik sind Zölle, Kontingente und Exportsubventionen (tarifäre Handelshemmnisse). Daneben bestehen nicht-tarifäre Maßnahmen wie Selbstbeschränkungsabkommen, ausländerdiskriminierende Vorschriften und Normen, bürokratische Regelungen, Grenzzuschläge, Konsular- und Hafengebühren, Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen, Subventionen und importentmutigende Gesetze.
Monetäre Außenwirtschaftstheorie und Wechselkurse
Die monetäre Außenwirtschaftstheorie betrachtet die Geldströme – teils aus der Zahlungsabwicklung des Handels, zu einem viel größeren Teil aus dem internationalen Kapitalverkehr (Kauf und Verkauf ausländischer Aktien, Staatsanleihen, Devisen). Sie untersucht Transmissionsmechanismen (z. B. Wirkung auf Wettbewerbsfähigkeit, Handelsbilanz, Wachstum), den internationalen Kapitalverkehr, das außenwirtschaftliche Gleichgewicht, die Wirksamkeit von Stabilitätspolitik unter verschiedenen Wechselkurssystemen, die Wechselkurstheorie, Vor- und Nachteile von Wechselkurssystemen sowie Währungskrisen.
Zahlungsbilanz: definitorischer Rahmen für grenzüberschreitende Geld- und Kapitalströme. Sie ist insgesamt stets ausgeglichen, da die Zentralbank Ungleichgewichte über ihre Devisenreserven ausgleicht. Ausgeglichen heißt: Die Devisenbilanz ist ausgeglichen, die Reserven ändern sich. Instrumente zum Zahlungsbilanzausgleich sind Wechselkurs und Zins.
Wechselkurs: Der Preis einer Währung bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage. Devisenangebot entsteht aus Habenbuchungen (z. B. Güterexporte, Kapitalimporte), Devisennachfrage aus Sollbuchungen (z. B. Güterimporte, Kapitalexporte). Übersteigt die Nachfrage das Angebot, wertet die Währung auf. Beispiel: Ein PKW im Wert von 20.000 $ kostet bei 0,80 €/$ 16.000 €, bei 0,90 €/$ 18.000 €. Nach der klassischen Annahme stammt das Devisenangebot nur aus Exporten und die Nachfrage nur aus Importen. Bei flexiblen Wechselkursen führt ein Zahlungsbilanzüberschuss zu einer Aufwertung der eigenen Währung; das verteuert die Ausfuhren und verbilligt Importe, sodass sich der Überschuss verringert. Diese Argumentation führte Ende der 1960er Jahre, beim Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, zur Forderung nach flexiblen Wechselkursen – allerdings wird die Zahlungsbilanz stark durch Kapitalströme beeinflusst, die auch auf Zinsdifferenzen und Wachstumserwartungen reagieren. Bei festen Wechselkursen erfolgt die Anpassung über die Inflationsraten.
Wechselkurssysteme: Man unterscheidet feste und flexible Wechselkurse, beide mit eigenen Vor- und Nachteilen. Im Zweiten Weltkrieg wurde auf der Konferenz von Bretton Woods die internationale Währungsordnung neu geordnet: Gründung des IWF sowie der Weltbank bzw. IBRD. Das Bretton-Woods-System war ein System fester Wechselkurse mit 1 %-Bandbreite um die Dollar-Parität; der Dollar war partiell goldunterlegt. Nach seinem Zusammenbruch Anfang der 1970er Jahre bildete sich in Europa das europäische Währungssystem mit festen Wechselkursen zwischen den eng verflochtenen EU-Ländern. Der IWF überwacht heute die Währungsstabilität (Surveillance) und gewährt Überbrückungskredite zur Vermeidung von Währungskrisen; zeitweise verfolgten Mitglieder informelle Wechselkursziele, z. B. stoppten sie 1985 die sehr starke Dollar-Aufwertung und 1987 den Dollar-Verfall.
Wirtschaftliche Integration, Welthandelsordnung und betriebliche Aspekte
Integrationstheorie: Sie führt reale und monetäre Außenwirtschaft zusammen und ist eine dritte Säule der Außenwirtschaftslehre. Zu unterscheiden sind De-facto-Wirtschaftsintegration durch Markt und Wettbewerb und die institutionalisierte Wirtschaftsintegration durch völkerrechtliche Verträge und internationale Organisationen (z. B. Freihandelszonen). Beispiele: Europäische Union, Deutscher Zoll- und Handelsverein (1834–1871), NAFTA, ASEAN. Global begleitet wird die Integration von der WTO mit den Pfeilern GATT und GATS. Die Integrationstheorie ist noch wenig entwickelt; zur Währungsintegration existiert die Theorie optimaler Währungsräume. Ein ungelöstes Problem ist die Frage, wann Integrationen in eine einzige Volkswirtschaft übergehen, besonders bei Rechtsvereinheitlichung und Binnenmarkt. In der Globalisierungsdebatte der 1990er Jahre streiten Befürworter und Kritiker; Globalisierungskritikern messen den klassischen Außenhandelstheorien ihre übergreifende Aussagekraft ab.
Ordnung des Welthandels: 1947 Gründung des GATT mit acht Verhandlungsrunden zur weltweiten Zollsenkung; die achte Runde (Uruguay-Runde) endete 1995 mit der Gründung der WTO; 2001 startete die Doha-Runde.
Europäische Integration: Die EU (seit 1957) gilt als erfolgreichstes Integrationsprojekt; durch supranationales EU-Einheitsrecht verschmolzen die Außenwirtschaften der Mitgliedstaaten zu einer einzigen Binnenwirtschaft ohne Binnengrenzen (vollendet 1992), von der Zollunion über den Gemeinsamen Markt zum Binnenmarkt. Sie ist heute eine Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) mit tiefer Rechtseinheit, teilweise mit Zügen einer politischen Union. Die Außenwirtschaftslehre sieht mehrheitlich einen stark positiven Nutzen; Länder wie Irland, Spanien, Portugal und die MOEL erzielten beachtliches Wachstum.
Andere Integrationsräume: In Europa bestand parallel die EFTA, deren Mitglieder überwiegend zur EU wechselten; in Osteuropa der RGW (COMECON) als Gegenpol zum Marshallplan, aufgelöst 1991. 1994 wurde durch Mexikos Beitritt zur US-kanadischen Freihandelszone die NAFTA; in Südamerika der Mercosur (Argentinien, Uruguay, Brasilien, Paraguay); geplant ist eine panamerikanische Freihandelszone FTAA. In Asien steht die Integration am Anfang; die seit 1967 bestehende ASEAN unternimmt erst erste Schritte Richtung Freihandelszone.
Betriebswirtschaftliche Aspekte: Grenzüberschreitende Geschäfte bergen besondere Risiken – ausländisches Außenwirtschaftsrecht, Fremdwährungen (Absicherung durch Hedging), längere Transportwege. Verträge verwenden international definierte Handelsklauseln, um zu regeln, wann Risiken übergehen und wer welche Kosten trägt. In Deutschland sichern Hermes-Bürgschaften politische und Länderrisiken staatlich ab; außerdem ist eine Absicherung durch Dokumentenakkreditiv möglich. Schwierig kann die Durchsetzung von Forderungen gegen Vertragspartner mit ausländischem Rechtssitz sein.
Politik des Welthandels: Auch politische Motive prägen Handelspolitik – Handelsvergünstigungen und Freihandelsabkommen als Belohnung, Handelsbarrieren und Embargos als Druckmittel ohne militärische Gewalt. Zudem können Lobbys die Außenhandelspolitik beeinflussen, etwa wenn ihnen durch Marktöffnungen Nachteile drohen. Die WTO versucht, durch international verbindliche Regeln ein größtmögliches Maß an Gerechtigkeit zwischen den Mitgliedern herzustellen.