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Armut
Absolute Armut · Pro-Kopf-Einkommen (PKE) < 150 US-Dollar/Jahr, · Kalorienaufnahme je nach Land < 2160–2670/Tag, · Durchschnittliche Lebenserwartung < 55 Jahren, …
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Was ist Armut?
Armut bezeichnet im materiellen Sinn (als Gegenbegriff zu Reichtum) in der Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaft primär die mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse, vor allem nach Nahrung, Trinkwasser, Kleidung, Wohnung und Gesundheit. Geldmangel ist nicht zwangsläufig mit Armut gleichzusetzen, wenn Subsistenzstrategien vorhanden sind, mit denen die Bedürfnisse anderweitig gedeckt werden. Der Begriff der Mittellosigkeit bezieht sich stärker auf den Mangel an finanziellen Mitteln. Im weiteren Sinne bezeichnet Armut jeglichen Mangel; der konkrete Inhalt variiert je nach historischem, kulturellem oder soziologischem Kontext. Prinzipiell ist Armut ein soziales Phänomen, verstanden als Zustand gravierender sozialer Benachteiligung. Typischer Maßstab ist das Haushaltseinkommen; zur Abgrenzung sollte man konkret von „wirtschaftlicher Armut“ sprechen. Als Definitionsansatz dient die Maslowsche Bedürfnispyramide: Der Mensch versucht zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen zu befriedigen. Wer lange in essentiellen Bedürfnissen („Defizitbedürfnissen“) frustriert wurde, dem prägen diese Mangelzustände die ganze Weltsicht. Das Modell wurde u. a. von Ronald Inglehart weiterentwickelt.
Absolute und relative Armut
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Festlegungen einer Armutsgrenze. Bei der absoluten Armut wird ein Grenzwert für das Pro-Kopf-Einkommen festgelegt: von der Weltbank 1,90 PPP-US-Dollar im Jahr 2015 bzw. 2,15 PPP-US-Dollar im Jahr 2022 (früher 1,25 Dollar pro Person täglich, Basisjahr 2005). Der Begriff wurde vom ehemaligen Weltbankpräsidenten Robert McNamara eingeführt; absolute Armut ist demnach „Leben am äußersten Rand der Existenz“. Sie liegt vor, wenn das Existenzminimum unterschritten wird und Grundbedürfnisse nicht mehr gesichert sind. Indikatoren der IDA: Pro-Kopf-Einkommen unter 150 US-Dollar/Jahr, Kalorienaufnahme je nach Land unter 2160–2670/Tag, Lebenserwartung unter 55 Jahren, Kindersterblichkeit über 33/1000, Geburtenrate über 25/1000. Relative Armut bedeutet Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen Umfeld: Das Einkommen liegt deutlich unter dem Durchschnitts- oder Medianeinkommen eines Landes. In den EU-Mitgliedstaaten liegt die relative Armutsgrenze bei 60 % des medianen Äquivalenzeinkommens. Relative Armut macht sich auch durch sozio-kulturelle Verarmung bemerkbar, etwa wenn der Besuch von Theater, Kino, Schwimmbad oder Klassenfahrten fehlt. Als verdeckte Armut bezeichnet man die Situation von Personen, die einen Anspruch auf Grundsicherungsleistungen hätten, diese aber nicht geltend machen (wollen oder können). Beide Armutsgrenzen sind nicht wertfrei bestimmbar: Weder die Wahl eines Prozentsatzes noch die Bestimmung eines Warenkorbes sind ohne normative Vorgaben begründbar.
Ursachen von Armut
David Brady unterscheidet drei Erklärungsansätze: verhaltensbasierte Erklärungen (individuelles Verhalten, beeinflusst durch kulturelle Faktoren und Anreize), strukturelle Erklärungen (Demographie und Arbeitsmarkt) und politische Erklärungen (Machtverhältnisse und Institutionen). Keiner der drei Ansätze kann Armut vollständig erklären. Für die Armut von Ländern gibt es u. a. folgende Theorien: Die Geodeterminismustheorie führt Armut auf ungünstige geographische Lage zurück (Klima, fehlender Meereszugang, z. B. Tschad als „Landlocked Developing Country“, Zugang zu fruchtbarem Land und Wasser). Der Kolonialismus verschärfte dies, da Verkehrswege nur von Rohstofflagern zu Häfen gebaut wurden. Die Ressourcenfluchtheorie (Jeffrey Sachs, Andrew Warner, Richard Auty) besagt, dass die Bevölkerung armer Länder oft nicht von den eigenen Ressourcen profitiert, die von korrupten Eliten und ausländischen Firmen ausgebeutet werden – es kommt zu Umweltzerstörung und Konflikten (Begriff „Blutdiamanten“). Demographische Theorien (Thomas Malthus) sehen das Bevölkerungswachstum als Ursache; Malthus nahm exponentielles Bevölkerungswachstum bei nur linearer Nahrungsmittelproduktion an. Viele Entwicklungshilfeorganisationen sehen heute eher Verteilungsungerechtigkeit als Ursache; Kritiker wenden ein, die Industrieländer seien „überbevölkert“ hinsichtlich Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß, und Armut sei oft selbst der Grund für hohe Kinderzahlen. Stufen- und Modernisierungstheorien sehen Armut als überwindbare Entwicklungsphase; Karl Marx und Friedrich Engels proklamierten den Klassenkampf und eine klassenlose Gesellschaft, Walt Whitman Rostow beschrieb fünf Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung bis zur Massenkonsumgesellschaft. Der Teufelskreis der Armut (Robert K. Merton, Mario Rainer Lepsius) besagt, dass Arme in Fatalismus verfallen und dadurch ärmer werden; Oscar Lewis prägte den Begriff „culture of poverty“. Für Armut einzelner Gruppen in reichen Gesellschaften gibt es ebenfalls mehrere Theorien: Strukturelle Theorien sehen die Ursache in der Gesellschaftsstruktur. Nach Oscar Lewis werden Denk- und Handlungsmuster der Kultur der Armut von Generation zu Generation weitergegeben; die Armen streben nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung und investieren nicht in Ausbildung. Daniel Patrick Moynihan sah den Zerfall der Familie als Ursache. Nach Marx entstehen durch Eigentum die Klassen Bourgeoisie (Besitz der Produktionsmittel) und Proletariat (Eigentumslosigkeit; der Arbeiter verstärkt durch Arbeit seine Armut). Silvio Gesell sah Reichtum durch Zins, Zinseszins und Bodenspekulation als Ursache von Armut. Diskriminierungstheorien nennen direkte und indirekte Diskriminierung, auch nach Habitus (Pierre Bourdieu). Der wirtschaftliche Strukturwandel führt dazu, dass Jobs für Geringqualifizierte wegfallen; in Westdeutschland waren in den 1970er Jahren nur 5 % der Menschen ohne Berufsausbildung arbeitslos, heute etwa 20–25 %. Strukturfunktionalisten wie Herbert Gans meinen, Armut erfülle eine gesellschaftliche Funktion (Arme als abschreckendes Beispiel und Sündenböcke). Der Psychologe Martin Seligman stellte die Theorie der erlernten Hilflosigkeit auf: Arme betrachten Probleme als persönlich, generell und permanent und unternehmen nichts dagegen. Charles Murray erklärte Armut früher durch den „schlechten Charakter“ einer „underclass“, später durch niedrige Intelligenz.
Folgen der Armut
Folgen absoluter Armut in Entwicklungsländern: Etwa 852 Millionen Menschen weltweit hungern, davon 815 Millionen in Entwicklungsländern. Dort sterben rund 11 Millionen Kinder unter fünf Jahren pro Jahr (30.000 pro Tag); etwa die Hälfte der Kindersterblichkeit geht auf Unterernährung zurück. Die Lebenserwartung ist kürzer als in entwickelten Ländern (Sambia 62 Jahre gegenüber Norwegen 78,9 Jahre, Berechnung 2020); AIDS spielt dabei eine Rolle (HIV-Infektionsrate in Sambia 16,5 %, in Simbabwe 25 %) und verstärkt zugleich die Armut. 219 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind durch Armut kognitiv eingeschränkt (39 % dieser Altersgruppe in Entwicklungsländern, in Afrika 61 %). In armen Ländern brechen häufiger Bürgerkriege aus: Ein Einbruch des Wirtschaftswachstums um fünf Prozent erhöht die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts um 50 Prozent. Armut ist auch eine wichtige Ursache für Naturzerstörung; Klaus Töpfer (UNEP) nannte Armut „das größte Gift für die Umwelt“. Zudem führt Armut zu Bildungsbenachteiligung, wenn Schulgebühren oder Lernmittel nicht bezahlt werden können – und fehlende Bildung verhindert wiederum den Ausbruch aus der Armut. Folgen relativer Armut in entwickelten Ländern: Eine Analyse von 25 europäischen Ländern zeigt, dass die Einstellungen einkommensschwacher Gruppen politisch unterrepräsentiert sind; ein deutscher Forschungsbericht von 2016 (Daten 1998–2015) zeigte einen deutlichen Zusammenhang politischer Entscheidungen mit den Einstellungen höherer Einkommen, aber keinen oder negativen für Einkommensschwache. Bezüglich psychischer Gesundheit gibt es zwei Hypothesen: soziale Selektion (psychische Probleme führen zum Verlust an sozioökonomischem Status) und soziale Kausalität (Entbehrung verursacht psychische Probleme); eine Übersichtsstudie stützte sechs Studien die soziale Kausalität, zwei die soziale Selektion.
Armutskritik, freiwillige Armut und Geographie
Kritik am Armutsbegriff: Die unterschiedlichen Lebensverhaltnisse in einer Gesellschaft bleiben unberücksichtigt; Armutsstatistiken bestimmen, wer Zugang zu Wohlfahrtsleistungen erhält, und die Verläufe von Armutsgrenzen seien auch politische Fragen. Pro-Kopf-Zahlen bilden nicht ab, dass es z. B. unterschiedliche Verteilung von Nahrung in Familien gibt. Nach dem Konzept des globalisierten Eurozentrismus dürfen Naturvölker vor dem Kontakt mit der westlichen Welt nicht pauschal als arm bezeichnet werden; die Wissenschaftlerin Vandana Shiva argumentiert, Subsistenz als „kulturell definierte Armut“ bedeute nicht geringe Lebensqualität. Freiwillig gewählte Armut: Armut kann als Tugend aufgefasst werden, etwa in der Askese. Religionen wie Hinduismus, Christentum, Buddhismus und Islam kennen den freiwilligen Verzicht auf irdische Güter; Jesus Christus lebte in freiwilliger Armut (Gleichnis vom Nadelöhr, Mk 10,23-25). Franziskus von Assisi gelobte ein Leben in evangelischer Armut; Armut ist einer der drei evangelischen Räte. Im Sufismus ist Faqr (Armut) ein Zentralbegriff. Auch philosophische Richtungen wie der Kynismus (Antisthenes, 5. Jahrhundert v. Chr.; Bedürfnislosigkeit) und die Stoa (Zenon von Kition, um 300 v. Chr.) lehnen materiellen Besitz ab. Geographie der Armut: Im Jahr 2001 hatten nach Weltbank-Angaben 21 % der Weltbevölkerung weniger als ein US-Dollar, 50 % weniger als zwei US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Die UN-Mitglieder einigten sich 2000 (Millenniumsgipfel) auf das Ziel, die Zahl derer, die weniger als 1 US-Dollar am Tag haben, bis 2015 zu halbieren. Die größte Zahl armer Menschen lebt in Asien; in Afrika ist der Anteil überdurchschnittlich hoch (in Afrika südlich der Sahara von 1981 bis 2001 fast verdoppelt, während der Anteil in Ostasien von 58 auf 16 Prozent sank). Laut einem UNO-Bericht (ORF, Juli 2023) sind 165 Millionen Menschen weltweit zusätzlich unter die Armutsgrenze gerutscht.
Bekämpfung der Armut
Unternehmerische Armutsbekämpfung: Das Konzept Base (Bottom) of the Pyramid (BoP) beschreibt Geschäftsmodelle, die die Ärmsten als Kunden, Lieferanten oder Distributeure in unternehmerische Wertschöpfungsketten einbinden. Muhammad Yunus schlägt zusätzlich soziale Unternehmen vor, die keinen Profit erwirtschaften, sondern die Welt positiv verändern sollen; Investoren erhalten ihr Geld zurück, aber ohne Dividende. Selbsthilfe der Betroffenen: Dazu zählen Nachbarschaftsgruppen (neighbourhood groups, z. B. von Armen betriebene Jugendclubs oder Kreditinstitute, Projekt HIPPY), die Suche nach zusätzlichem Einkommen, äußerste Sparsamkeit (Discounter, Secondhand, Tauschringe), Beratungsangebote wie Schuldnerberatung und die Erweiterung der eigenen Kompetenz durch Bildung. Die Hilfe zur Selbsthilfe ist in § 1 Absatz 1 des Ersten Buches Sozialgesetzbuch verankert. Politische Strategien: (1) Finanzielle Zuwendungen – Sozialversicherungen, Sozialhilfe, diskutierte bedingungslose Grundeinkommen (in Namibia erprobt); Kritik: nur die finanzielle Dimension wird berücksichtigt. Wissenschaftler wie Klaus Hurrelmann plädieren daher für zusätzliche Anreize für Bildung und aktive Lebensgestaltung. In Frankreich wurde 2018 ein „Aktivitätseinkommen“ (revenu universel d’activité) geplant; dort leben rund 8,8 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. (2) Kompensatorische Maßnahmen – kompensatorische Erziehung will kognitive Fähigkeiten und schulische Leistungen von Kindern aus armen Familien fördern; Kritiker werfen vor, das Mittelschichtkind werde als Vorbild genommen. Gefordert wird oft eine Ganztagsschule; das bekannte US-Programm der 21st Century Community Learning Centers verbesserte die schulischen Leistungen aber kaum. (3) Zwangsmaßnahmen – seit der Renaissance wird Armut in Europa zunehmend als Last aufgefasst; Friedrich der Große ordnete am 24. März 1756 den Kartoffelanbau an; im 17. und 18. Jahrhundert stand das Arbeitshaus im Zentrum der Armutsbekämpfung (in Deutschland 1969 abgeschafft). Im Islam gilt die Zakāt als Mittel zur Linderung von Armut. (4) Politische Organisation – Antonio Gramsci sprach von „Subalternen“, die sich durch Zusammenschluss gegen vorherrschende Meinung wenden; Genossenschaften, Gewerkschaften und Arbeiterparteien entstanden. Der Streit zwischen reformorientierter Sozialdemokratie und revolutionärem Marxismus spaltete die Arbeiterbewegung. Nach Karl Polanyi stellen diese Maßnahmen eine „Einbettung“ des Marktes in die Gesellschaft dar. Zum Wertewandel: Ronald Inglehart stellte die These auf, dass bei steigendem Wohlstand der Materialismus abnimmt und der Postmaterialismus zunimmt (Inglehart-Index, methodologisch umstritten). Materialisten erlebten geringe „formative Sicherheit“ (Armut) in der Jugend, wenden sich materieller Sicherheit, Religion und Patriotismus zu; Postmaterialisten streben nach sozialen Beziehungen, Anerkennung und Selbstverwirklichung und engagieren sich in neuen politischen Bewegungen. Helmut Klages unterschied ähnlich Pflicht- und Akzeptanzwerte armer Generationen von Selbstverwirklichungswerten reicher Generationen. Mit dem Industriekapitalismus entstand das Massenelend und die „soziale Frage“; die Hilfe durch Kirchen und Almosen reichte nicht mehr aus.