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Grundbedürfnis
Maslowsche Bedürfnispyramide) und geht von vier Säulen (Grundwerten) aus, die zum Wohlbefinden in einem dynamischen Gleichgewicht sein sollen: Sicherheit …
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Begriff und Einordnung
Grundbedürfnisse sind menschliche Bedürfnisse von hoher Wichtigkeit, die im alltäglichen Subsistenzprozess, also bei der Sicherung des Lebensunterhalts und der Lebensgrundlagen, vorrangig befriedigt werden. Es gibt jedoch weder eine allgemeingültige Definition noch Einigkeit darüber, welche Bedürfnisse dazugehören. Der Begriff wird unter anderem in Anthropologie, Medizin, Psychologie, Volkswirtschaftslehre, Theologie und Rechtswissenschaft sowie in politischen Diskussionen verwendet.
In den Wirtschaftswissenschaften werden Bedürfnisse nach ihrer Dringlichkeit unterschieden:
- Existenzbedürfnisse sind biologisch überlebensnotwendig. Dazu zählen Atemluft, Nahrung und Wasser, Wärme beziehungsweise Kälteschutz sowie Schlaf.
- Grundbedürfnisse schließen die Existenzbedürfnisse ein, umfassen aber zusätzlich Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens, etwa medizinische Versorgung, Unterkunft, Kleidung, Geborgenheit und soziale Beziehungen.
- Kulturbedürfnisse betreffen beispielsweise Ästhetik, kreativen Ausdruck und Bildung.
- Luxusbedürfnisse richten sich auf luxuriöse Güter und Dienstleistungen wie Schmuck oder Autos. Eine eindeutige Grenze zur Begierde besteht nicht.
Hierarchische Modelle
Ein bekanntes hierarchisches Modell ist die Maslowsche Bedürfnispyramide. Grundbedürfnisse befinden sich darin auf den unteren Stufen:
- Körperliche oder biologische Grundbedürfnisse: Atmung beziehungsweise saubere Luft, Wärme beziehungsweise Kleidung, sauberes Trinkwasser, gesunde Nahrung sowie Schlaf, Ruhe und Entspannung.
- Sicherheit: Unterkunft oder Wohnung, Gesundheit, Schutz vor Gefahren und Ordnung durch beispielsweise Gesetze oder Rituale.
- Soziale Beziehungen: Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Nächstenliebe, Sexualität, Fürsorge und Kommunikation.
Das Modell gibt allerdings keine genaue Abgrenzung oder Definition aller Grundbedürfnisse. Seine unterste Stufe beschreibt ausdrücklich die körperlichen Grundbedürfnisse.
Bedeutung in der Politik
In der politischen Diskussion spielt der Begriff besonders in der Sozial-, Steuer- und Entwicklungshilfepolitik eine Rolle.
In der deutschen Sozialpolitik sollen alle Menschen über das sozio-ökonomische Existenzminimum verfügen. Um dessen Umfang zu bestimmen, müssen die zugrunde liegenden Grundbedürfnisse festgelegt werden. Dies geschieht über einen Warenkorb. Seine Zusammensetzung und seine Kosten werden durch eine repräsentative „Einkommens- und Verbrauchsstichprobe“ (EVS) bei den 20 % der ärmsten Haushalte ermittelt. Die berechneten Kosten bilden den Regelsatz der Sozialhilfe.
In der Steuerpolitik verlangt die Verfassung, das sozio-ökonomische Existenzminimum steuerfrei zu halten. Außerdem gelten in den meisten Ländern unterschiedliche Mehrwertsteuersätze: Waren und Dienstleistungen zur Deckung von Grundbedürfnissen werden niedriger besteuert als andere. In Deutschland kann deshalb der in Anlage 2 zum Umsatzsteuergesetz enthaltene Katalog der ermäßigt besteuerten Waren und Dienstleistungen als eine mögliche Definition von Grundbedürfnissen betrachtet werden.
In der Entwicklungshilfe beruht die Grundbedürfnisstrategie ebenfalls auf einer inhaltlichen Festlegung. Nach der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) gehören „ausreichende Ernährung, Wohnung und Bekleidung“ sowie „bestimmte Haushaltsgeräte und Möbel“ zu den Mindesterfordernissen. Hinzu kommen lebenswichtige Dienstleistungen und Einrichtungen: Gesundheitsversorgung, Bildung, sanitäre Anlagen und sauberes Trinkwasser.
Psychische Grundbedürfnisse
Nach psychologischer Betrachtung werden psychische Grundbedürfnisse und die daraus abgeleiteten Gefühle von allen Menschen geteilt. Das ermöglicht gegenseitige Verständigung auf emotionaler Ebene. Unterschiede bestehen bei kognitiven Bewertungsmechanismen, also bei der gedanklichen Bewertung von Situationen. Diese wird durch Erfahrungen geprägt und kann durch den bewussten freien Willen beeinflusst werden. Fehlerhafte Bewertungsmechanismen können mithilfe der Psychotherapie verändert werden, beispielsweise durch mentales Training in der kognitiven Verhaltenstherapie.
Ein Ansatz zur Beschreibung subjektiver Zufriedenheit nennt vier Grundwerte, die für Wohlbefinden in einem dynamischen Gleichgewicht stehen sollen: Sicherheit, Veränderung oder Wechsel, Freiheit und Verbundenheit.
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan nimmt drei psychische Grundbedürfnisse an:
- Kompetenz: sich als fähig und wirksam erleben.
- Autonomie oder Selbstbestimmung: das eigene Handeln selbst bestimmen können.
- Soziale Eingebundenheit: sich mit anderen Menschen verbunden fühlen.
Diese Grundbedürfnisse gelten als Anpassungsmechanismen des Individuums an seine physikalische und sozio-kulturelle Umwelt. Ihre Befriedigung beeinflusst die Qualität des Verhaltens und das dabei empfundene Wohlbefinden.
Klaus Grawe nennt in seiner Konsistenztheorie vier Grundbedürfnisse: Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung. Konsistenz bedeutet dabei, dass Vorstellung und Wirklichkeit übereinstimmen, etwa wenn ein Mensch nach seinen eigenen Werten leben kann.
Erich Fromm betonte in „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ das „Streben nach Spannung und Erregung“. Dieser Antrieb kann sich abhängig von den Möglichkeiten eines Menschen konstruktiv äußern, etwa in Kreativität, sozialem Engagement oder Karrierestreben, aber auch destruktiv, beispielsweise in Vandalismus, asozialem Verhalten oder Grausamkeit. Dies wird heute als Selbstwirksamkeit bezeichnet: das Bedürfnis, das eigene Leben aktiv beeinflussen zu können.
Weitere genannte Bedürfnisse sind Liebe, politische und wirtschaftliche Sicherheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit, Anerkennung und Erfolg, Freiheit, Kreativität, Selbstwertgefühl, Erholung und Zerstreuung sowie dauerhafte menschliche Begegnungen und Erlebnisse mit Erinnerungswert. Schulz von Thun fasst solche Grundbedürfnisse in vier Aussagen zusammen: wertvoll sein, geliebt sein, frei sein und verbunden sein.
Befriedigung, Schutz und Wandel
Die Motivation, psychische Grundbedürfnisse zu befriedigen oder zu schützen, wird durch das neuronale Belohnungssystem gesteuert. Es erzeugt einen subtilen Drang, der bewusst als Verlangen wahrgenommen wird. Grawe unterscheidet zwei Verhaltensschemata:
- Annäherungsschemata („hin zu“) zielen auf die Befriedigung eines Grundbedürfnisses. Bei erfolgreichem Verhalten schüttet das Gehirn Dopamin aus; die Erfahrung wird als Erfolgs-, Glücks- oder Flow-Erlebnis gespeichert.
- Vermeidungsschemata („weg von“) dienen dazu, eine Verletzung der Grundbedürfnisse zu verhindern.
Welche Bedürfnisse gesellschaftlich als grundlegend gelten, verändert sich mit den Werten einer Gesellschaft. Besonders seelisch-geistige Bedürfnisse und die damit verbundenen Erwartungen sind kulturell und gesellschaftlich geprägt. In existenziellen Krisen wie Kriegen oder Hungersnöten treten sie häufig hinter die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse zurück oder scheinen zu verschwinden. Sie können sich dennoch beispielsweise im Interesse an religiösen Angeboten zeigen. Sind die existenziellen Grundlagen gesichert, können abgeleitete oder „höhere“ Bedürfnisse in den Vordergrund treten und eine ebenso große Dringlichkeit erreichen.
Medizin, Pflege und weitere Fachgebiete
Die Medizin untersucht die Erfüllung körperlicher Funktionen unter mindestens drei Gesichtspunkten. Die Physiologie beschreibt das normale Funktionieren der Organe zur Erhaltung des Lebens; dafür bestehen meist Normwerte mit einer bestimmten Bandbreite. Die Rehabilitation soll Patienten befähigen, wieder selbstständig am Berufsleben und am Alltag teilzunehmen. Wichtige Mittel sind Ergotherapie, Krankengymnastik und die Versorgung mit Hilfsmitteln. Die Medizinethik behandelt Grundbedürfnisse im Zusammenhang mit Gesundheit und Lebensqualität.
Die Pflegewissenschaft konkretisiert Bedürfnisse durch die Aktivitäten des täglichen Lebens, das sogenannte ATL-Konzept, oder durch Lebensaktivitäten. Das ATL-Konzept ist stark von der amerikanischen Psychologie beeinflusst.
Andere Fachgebiete setzen eigene Schwerpunkte. In der Rechtswissenschaft geht es unter anderem um Menschenrechte, das Recht auf Leben, Euthanasie, Todesstrafe, Eigentumsrechte, Mundraub, Unpfändbarkeit und Steuergerechtigkeit. In der Theologie gilt Erlösung als das im Grunde wichtigste Bedürfnis. Volkswirtschaftslehre und Soziologie orientieren sich unter anderem am Modell von Maslow.