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Architektur in Deutschland
Deutschland hat eine reiche und vielfältige Architekturgeschichte, deren Traditionslinien von der karolingischen Renaissance bis in die zeitgenössische …
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Überblick und Bedeutung
Architektur in Deutschland umfasst Bauwerke und Baustile von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart. Sie ist wichtig, weil sie politische Macht, religiöse Vorstellungen, technische Entwicklungen, regionale Identität und gesellschaftliche Veränderungen sichtbar macht. Deutschland besitzt ein sehr vielfältiges Bauerbe, da das Gebiet jahrhundertelang in viele Fürstentümer, Königreiche und andere Herrschaftsgebiete gegliedert war. Deshalb unterscheiden sich Bauformen teilweise stark von Region zu Region, Stadt zu Stadt oder Dorf zu Dorf.
Typisch für die deutsche Architektur- und Kulturlandschaft sind historische Altstädte mit Fachwerkhäusern und Schrägdächern, große Kirchen der Romanik und Gotik, Burgen und Schlösser, Villen- und Blockrandviertel aus der Zeit der industriellen Revolution, Backsteingotik und Backsteinexpressionismus im Norden, die Bauhaus-Moderne sowie spätere nüchterne und postmoderne Strömungen. Viele Städte zeigen aber auch die Folgen des Zweiten Weltkriegs: In größeren Stadtzentren sind historische Bauten oft nur noch rekonstruierte Inseln zwischen einfacher Wiederaufbauarchitektur. Von etwa 16 Millionen Wohnungen der Vorkriegszeit blieben ungefähr zwei Drittel erhalten. Kleinere und mittlere Städte besitzen dagegen häufiger gut erhaltene Altstädte.
Architektur in Deutschland ist eng mit europäischen Entwicklungen verbunden. Baustile enden nicht an Staatsgrenzen; mittelalterliche Bauhütten, barocke Baukunst und die heutige internationale Tätigkeit vieler Architekten zeigen diese Verflechtung. Zu den symbolträchtigen Bauwerken zählen das Brandenburger Tor, das Reichstagsgebäude und der Fernsehturm in Berlin, der Kölner Dom, Schloss Neuschwanstein, die Wartburg, die Frankfurter Paulskirche und das Hambacher Schloss. Deutschland hat außerdem zahlreiche geschützte Bau- und Kulturdenkmale und die weltweit drittgrößte Anzahl von Bauten auf der UNESCO-Welterbeliste.
Von Frühgeschichte bis Gotik
In der Frühgeschichte entstanden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland frühe Siedlungs- und Bauformen. Am Fundplatz Bilzingsleben wurde möglicherweise das älteste Gebäude der Welt gefunden, gebaut vom Homo heidelbergensis. Ab etwa 5000 vor Christus siedelten nacheinander und nebeneinander die linearbandkeramische, schnurkeramische und Glockenbecherkultur. Sie errichteten Langhäuser, die größten Bauwerke ihrer Zeit, und verschiedene Kreisgrabenanlagen. Die Kelten bauten die ersten Städte nördlich der Alpen, zum Beispiel die Heuneburg.
In der Antike prägten die Römer Teile des heutigen Deutschlands. Der Limes entstand etwa 100-150 n. Chr. als römische Grenzbefestigung. Neben Kastellen und Militärlagern bauten die Römer Thermen, Brücken und Amphitheater. Trier war eine bedeutende Metropole; erhalten sind unter anderem die Porta Nigra, Thermenreste, eine Römerbrücke und die wiederaufgebaute Konstantinbasilika. Mit dem Abzug der Römer gingen städtische Kultur und technische Fortschritte wie Heizung und Fensterglas weitgehend verloren.
Die Vorromanik ist mit der karolingischen Renaissance verbunden. Wichtige Bauten sind die um 800 unter Karl dem Großen errichtete Pfalzkapelle in Aachen, die Klosterkirchen der Insel Reichenau und die Torhalle des Klosters Lorsch aus dem frühen 9. Jahrhundert. Die Romanik setzte in Deutschland etwa um 1030 ein. Der Dom zu Speyer, ab etwa 1030 erbaut, war im 11. Jahrhundert das größte Bauwerk der christlichen Welt und ein Machtsymbol der Salier. Weitere wichtige Beispiele sind der Wormser Dom, der Mainzer Dom, der Dom zu Limburg, die Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg, der Lübecker Dom, der Braunschweiger Dom, der Hildesheimer Dom, der Trierer Dom und der Bamberger Dom. Auch Burgen wie die Nürnberger Burg und die Wartburg begannen im 11. Jahrhundert und wurden später gotisch erweitert.
Die Gotik kam aus Frankreich. Der Magdeburger Dom wurde ab 1209 als erstes gotisches Bauwerk in Deutschland errichtet. Es folgten unter anderem die Liebfrauenkirche in Trier, die Elisabethkirche in Marburg und das Freiburger Münster, dessen gotischer Turmhelm um 1340 vollendet wurde. Wegen langer Bauzeiten wurden manche berühmte gotische Kirchen erst im 19. Jahrhundert abgeschlossen, etwa der Kölner Dom, 1880 vollendet, und das Ulmer Münster mit seinem 161,55 Meter hohen Turm, der bis 2025 der höchste Kirchturm der Welt war. An der Ostseeküste entwickelte sich die Backsteingotik, weil Naturstein knapp war; prägende Städte sind Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund und Greifswald. Neben Kirchen entstanden in der Gotik auch Rathäuser, Zunfthäuser und Fachwerkbauten.
Renaissance bis Historismus
In der Renaissance wurden Formen der italienischen Antike und Renaissance in Deutschland aufgenommen, aber zunächst oft über Musterbücher und als Fassadendekor verstanden. Der Manierismus entwickelte parallel eine bewusst antiklassische Architektur mit Beschlag-, Roll-, Knorpel- und Ohrmuschelwerk, Obelisken, Voluten und Schweifwerk. Die Fugger ließen 1509 ihre Familienkapelle in der Augsburger Kirche St. Anna im „italienischen Stil“ gestalten. Bedeutende Renaissancebauten sind St. Michael in München, das Augsburger Rathaus von Elias Holl, die Landshuter Stadtresidenz, Schloss Hartenfels in Torgau, Schloss Johannisburg in Aschaffenburg und das Heidelberger Schloss. In Halle entstand unter Kardinal Albrecht von Brandenburg von 1514 bis 1541 ein großes Renaissanceensemble mit Moritzburg, Neuer Residenz, Dom und Marktkirche.
Der Barock setzte in Deutschland wegen des Dreißigjährigen Kriegs verzögert ab etwa 1650 ein. Die Herrschaftsarchitektur orientierte sich stark am französischen Vorbild Versailles und stellte den Herrscher in den Mittelpunkt. Wichtige Merkmale sind das Zusammenspiel von Architektur, Malerei und Plastik, prächtige Treppenhäuser, reiche Wand- und Deckenmalerei und repräsentative Raumfolgen. Beispiele sind der Dresdner Zwinger von Matthäus Daniel Pöppelmann, 1709-1728, und die Würzburger Residenz, deren Bau 1720 unter Johann Balthasar Neumann begann. Ihre Fresken im Treppenhaus schuf Giovanni Battista Tiepolo 1751-1753. Rokoko ist die Spätphase des Barock mit noch üppigerem Dekor und helleren Farben. Beispiele sind Schloss Sanssouci, 1745-1747, die Wieskirche bei Steingaden, die Benediktinerkirche in Ottobeuren, Kloster Weltenburg, Kloster Ettal und die Asamkirche in München.
Der Klassizismus kam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf. Er orientierte sich an der klassischen Baukunst der Antike und war eine Gegenbewegung zum Barock und zur Architektur des Absolutismus. Das Wörlitzer Schloss und die Wörlitzer Anlagen entstanden ab 1764 als Landschaftsgarten, der Freiheit der Natur und aufklärerisches Denken ausdrücken sollte. Das Brandenburger Tor wurde 1791 von Carl Gotthard Langhans vollendet. Karl Friedrich Schinkel prägte Berlin mit Neuer Wache, Schloss Charlottenhof und Altem Museum. Leo von Klenze gestaltete in München den Königsplatz mit Glyptothek, Propyläen und Antikensammlung.
Der Historismus verbreitete sich etwa ab 1810 und griff frühere Stile wieder auf: Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance, Neobarock und Neoklassizismus. Der erste Bau des Historismus auf dem europäischen Festland war das neogotische Nauener Tor in Potsdam von 1755. Viele Rathäuser entstanden neogotisch, Opern und Musentempel oft neobarock, Justizbauten und Museen häufig neoklassizistisch. Gottfried Semper baute die Gemäldegalerie am Dresdner Zwinger und die Semperoper. Schloss Neuschwanstein entstand ab 1869 für Ludwig II. In der Spätphase steht das Reichstagsgebäude von Paul Wallot, 1894, für den Stilmix dieser Zeit.
Moderne, Nationalsozialismus und Teilung
Der Jugendstil begann um 1890 im Kunsthandwerk und dauerte etwa bis 1910. Er suchte eine neue Formensprache. Ein wichtiges Zentrum war die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, wo Joseph Maria Olbrich zwischen 1901 und 1908 zahlreiche Bauten errichtete, darunter den Hochzeitsturm. Henry van de Velde prägte die deutsche Jugendstilbewegung und baute in Weimar eine Kunstgewerbeschule, 1906, und eine Kunstschule, 1911, das heutige Hauptgebäude der Bauhaus-Universität Weimar.
Die Moderne erhielt in Deutschland wichtige Impulse aus dem Industriebau. Beispiele sind die AEG-Turbinenhalle in Berlin von Peter Behrens, 1908-1909, und das Fagus-Werk von Walter Gropius in Alfeld, 1911-1914. Die Klassische Moderne ist eng mit dem Neuen Bauen und dem Funktionalismus verbunden, also einer Architektur, die Zweckmäßigkeit, neue Materialien und einfache Formen betont. Walter Gropius gründete 1919 das Bauhaus, das zur einflussreichsten Kunst- und Architekturschule des 20. Jahrhunderts wurde. Berühmte moderne Bauten sind der Einsteinturm von Erich Mendelsohn, 1921, das Chilehaus von Fritz Höger, 1924, das Musterhaus Am Horn, 1923, und das Bauhaus Dessau, 1926. In der Weimarer Republik war Wohnungsbau zentral, zum Beispiel die Hufeisensiedlung Britz, die Siemensstadt und die Siedlung Dammerstock.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete die Architekturmoderne in Deutschland vorläufig. Bevorzugt wurde ein strenger, monumentaler und stark vereinfachter Neoklassizismus. Architektur sollte Größe, Ewigkeit und Macht ausdrücken. Beispiele sind das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, ab 1934 von Albert Speer geplant, mit Kongresshalle und Zeppelintribüne, sowie das Reichssportfeld mit Olympiastadion in Berlin für die Olympischen Spiele 1936. Auch das Haus der Kunst in München und Pläne für die „Welthauptstadt Germania“ gehören zu dieser Herrschaftsarchitektur.
Nach 1945 stand in beiden deutschen Staaten der Wiederaufbau im Mittelpunkt. In der DDR prägte Walter Ulbricht zunächst eine monumentale sozialistisch-klassizistische Architektur, etwa an der Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee, deren erster Bauabschnitt 1951-1958 entstand. Ab 1955 setzte sich die industrialisierte Bauweise mit Plattenbauten durch, um schneller und kostengünstiger Wohnungen zu schaffen. Bekannte DDR-Bauten sind der Palast der Republik, das Staatsratsgebäude, Ulrich Müthers Schalenbauten wie der Teepott in Warnemünde und der Berliner Fernsehturm. Die Berliner Mauer wurde ab 13. August 1961 errichtet.
In der Bundesrepublik stritten Stadtplaner nach 1945 zwischen Rekonstruktion historischer Stadtbilder und modernem Neubeginn mit autogerechter Stadt. Viele Architekten knüpften an die Vorkriegsmoderne an. Die Frankfurter Paulskirche wurde 1948 als demokratisches Symbol wiederaufgebaut. Egon Eiermanns Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 1963, wurde zum Sinnbild des Wiederaufbaus. Weitere wichtige Bauten sind die Interbau im Berliner Hansaviertel, die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, 1968, die Philharmonie von Hans Scharoun, das Olympiastadion München für die Olympischen Sommerspiele 1972 und das Bundeshaus in Bonn, 1988-1992.
Postmoderne bis Gegenwart
Die Postmoderne setzte etwa Mitte der 1970er Jahre in den USA ein und dauerte bis Ende der 1980er Jahre. In Deutschland blieb sie wegen der Zeitlage vor allem auf Westdeutschland beschränkt. Sie war eine Gegenbewegung zum Internationalen Stil. Typisch sind Zitate aus der Architekturgeschichte, die manchmal spielerisch oder karikierend überhöht werden; Architektur soll nicht nur funktionieren, sondern auch erzählen. Beispiele sind das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main von Oswald Mathias Ungers, eröffnet 1984, die Neue Staatsgalerie Stuttgart von James Stirling, ebenfalls 1984 fertiggestellt, und das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main von Hans Hollein, 1991. Der Messeturm in Frankfurt, 256 Meter hoch, war 1991 der bis dahin höchste Wolkenkratzer Europas; 1997 wurde er vom Commerzbank Tower von Norman Foster abgelöst, dem bis heute höchsten Hochhaus Deutschlands.
Der Dekonstruktivismus begann Ende der 1980er Jahre und wurde ebenfalls von zeitgenössischer Philosophie beeinflusst. Er arbeitet mit gebrochenen, schrägen oder dynamischen Formen und grenzt sich von klarer Ordnung und klassischer Monumentalität ab. Als Vorläufer gilt Gottfried Böhm, bekannt für Betonbauten wie den Nevigeser Wallfahrtsdom und 1986 mit dem Pritzker-Architektur-Preis ausgezeichnet. Wichtige Beispiele sind das Vitra Design Museum von Frank O. Gehry, 1989, die Feuerwache von Zaha Hadid, 1993, beide in Weil am Rhein, sowie Günther Domenigs Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 2001.
Zeitgenössische Architektur in Deutschland ist stark international vernetzt. Deutsche Büros arbeiten weltweit, ausländische Büros bauen in Deutschland. Beispiele sind die Allianz Arena in München und die Elbphilharmonie in Hamburg von Herzog & de Meuron sowie das Wissenschaftsmuseum „phæno“ in Wolfsburg von Zaha Hadid, 2005. Aus dem Dekonstruktivismus entwickelte sich durch Computereinsatz im Entwurf eine Art Neo-Expressionismus mit individuell geformten, skulpturalen Baukörpern, etwa bei Daniel Libeskinds Erweiterungsbau des Jüdischen Museums Berlin oder Frank O. Gehrys Bauten am Düsseldorfer Medienhafen.
Daneben gibt es Minimalismus, neuen Funktionalismus, ökologisches und nachhaltiges Bauen. Norman Foster steht für technikorientierten Funktionalismus, sichtbar an der Reichstagskuppel in Berlin und am Commerzbank Tower. Deutschland gilt wegen hoher technischer Standards als Vorreiter ökologischer Architektur; Passivhäuser, Solarhäuser und regionale Baustoffe wie Sandstein, Ton, Backstein, Schiefer, Reet und Holz gewinnen Bedeutung.
Ein weiterer Trend ist die Rekonstruktion zerstörter oder abgerissener Bauten und die Stadtreparatur. Beispiele sind das Knochenhaueramtshaus in Hildesheim, 1989, die Dresdner Frauenkirche, 2005, das Potsdamer Stadtschloss, das Berliner Stadtschloss und Teile der Frankfurter Altstadt im Dom-Römer-Projekt. Zugleich wächst das Interesse an klassischen Maßstäben, Proportionen und Details sowie am Neuen Urbanismus, der Blockrandbebauung und kleinteilige Stadtstrukturen fördert. 2007 wurde die Bundesstiftung Baukultur gegründet, um die Qualität der gebauten Umwelt und die Wahrnehmung deutscher Planungs- und Bauleistungen zu fördern.