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Vorderasiatische Archäologie

Die Vorderasiatische Archäologie entstand vor allem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, zunächst als Schatzsucherei im Auftrag der großen europäischen Museen. Im …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Forschungsraum und Zeitrahmen
  3. 3. Quellen und Arbeitsweisen
  4. 4. Entwicklung der Disziplin
  5. 5. Neuere Forschung und Studium

Gegenstand und Bedeutung

Die Vorderasiatische Archäologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die den Alten Orient auf Grundlage archäologischer Quellen möglichst umfassend erforscht. Sie steht methodisch der Ur- und Frühgeschichte nahe und untersucht heute Topographie, Architektur, Kunst, Siedlungen, Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag. Eng verbunden ist sie mit der Altorientalistik, die vor allem schriftliche Quellen untersucht. Im englischen Sprachraum werden beide Fächer häufig unter dem Begriff Ancient Near Eastern Studies zusammengefasst.

Das Fach ist besonders bedeutsam, weil sich im Vorderen Orient mehrere grundlegende Entwicklungsschritte der Menschheit weltweit erstmals vollzogen: der Übergang zur Sesshaftigkeit und Nahrungsproduktion, die Entstehung von Städten und Staaten sowie die Entwicklung der Schrift. Daher wird es gelegentlich auch als „Archäologie der Anfänge“ bezeichnet. Das Alte Ägypten wird trotz seiner möglichen Zuordnung zum Alten Orient grundsätzlich eigenständig von der Ägyptologie erforscht.

Forschungsraum und Zeitrahmen

Eine einheitliche Definition des Forschungsraums gibt es nicht. Das Kerngebiet ist Mesopotamien, vor allem der Irak und Teile Syriens. Zum Forschungsgebiet zählen außerdem Anatolien mit den hethitischen Zentren Troja und Ḫattuša, die östliche Mittelmeerküste, Jordanien, Iran und angrenzende Gebiete. Das von allen Fachvertretern anerkannte minimale Gebiet reicht vom Schwarzen Meer, Kaukasus und Kaspischen Meer im Norden bis zum Nordrand der Syrisch-Arabischen Wüste im Süden sowie von den Ostküsten der Ägäis und des Mittelmeeres bis zum Ostrand des iranischen Hochlandes.

Je nach Forschungstradition wird der Raum erweitert: nach Osten bis zum Verbreitungsgebiet der Indus-Kultur um Afghanistan und Westpakistan, nach Süden über die gesamte Arabische Halbinsel und die Golfanrainerstaaten, nach Norden bis Aserbaidschan und Turkmenistan sowie nach Westen bis Zypern. Als maximaler Umfang gelten die Gebiete zwischen Bosporus und Sinai-Halbinsel im Westen und dem Industal im Osten. Diese unterschiedlichen Grenzen erklären sich aus den wechselnden Beziehungen zwischen Kerngebieten, Randregionen und Nachbargebieten. Der Alte Orient wird deshalb zunehmend als bewegliches Gefüge miteinander verbundener Regionen verstanden, nicht als fest umrissener Raum.

Palästina nimmt eine Sonderstellung ein. Die dortige Erforschung als „Land der Bibel“ erfolgt in der biblischen Archäologie. Ob diese als Unterdisziplin oder als eigenständiges Fach neben der Vorderasiatischen Archäologie gilt, ist nicht endgültig geklärt.

Auch der Zeitrahmen ist umstritten. Anton Moortgat definierte 1971 die letzten drei vorchristlichen Jahrtausende als Gegenstand des Faches. Üblicherweise endete die Untersuchung mit den Kriegen Alexanders gegen das Achämenidenreich (330–323 v. Chr.). Eine wachsende Minderheit bezieht dagegen die gesamte vorislamische Zeit ein und setzt das Ende um 650 n. Chr. mit dem Untergang des Sassanidenreiches im Rahmen der islamischen Expansion an. Als untere Grenze gilt heute meist das präkeramische Neolithikum, etwa 12.000 vor heute; einzelne Archäologen beziehen auch die rund zwei Millionen Jahre umfassende Altsteinzeit ein. Insgesamt werden daher, abhängig von Region und Auffassung, etwa 12.000 vor heute bis 330–323 v. Chr. oder bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. angegeben.

Quellen und Arbeitsweisen

Für rund 6.000 Jahre des heute untersuchten Zeitraums gibt es ausschließlich schriftlose Zeugnisse. Auch nach der Erfindung der Schrift besitzt diese zunächst nur begrenzten historischen Wert und wurde nicht überall gleichzeitig verwendet. Deshalb stützt sich die Vorderasiatische Archäologie vor allem auf materielle Hinterlassenschaften, also Funde und Befunde.

Besonders wichtig sind Baustrukturen und Architekturreste, weil das Fach stark an Siedlungsforschung interessiert ist. Keramik dient vor allem zur Datierung von Befunden und eingeschränkt zur Zuordnung zu Kulturen. Bildwerke werden grob in Glyptik, Flachbild und Rundbild eingeteilt. Die Glyptik, also die Untersuchung von Siegeln und Siegelbildern, besitzt eine herausragende Bedeutung, weil Siegel in allen Zeiten und Regionen des Alten Orients häufig verwendet wurden. Mit ihrer Hilfe lassen sich Befunde Kulturen zuordnen, Stil- und Motiventwicklungen verfolgen und religionshistorische Untersuchungen durchführen.

Ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. stehen zunehmend schriftliche Quellen zur Verfügung. Mesopotamien besitzt seit den archaischen Texten aus Uruk eine durchgehende und umfangreiche Schrifttradition. Bis zur Mitte des 3. Jahrtausends handelt es sich fast ausschließlich um Aufzeichnungen wirtschaftlicher Vorgänge. Diese machen auch später noch etwa 90 % des überlieferten Textkorpus aus; ihr ursprünglicher Zusammenhang ist für die frühe Zeit heute meist nicht mehr rekonstruierbar. Daneben gibt es frühe Weiheformeln. Erst ab etwa 2.500 wurde die Schrift zur Aufzeichnung komplexerer historischer Sachverhalte verwendet, wobei die frühe Schrift nur schwer lesbar ist.

Methodisch wichtig sind stratigrafische Grabungen, bei denen die zeitliche Abfolge von Schichten untersucht wird, Surveys zur Erfassung und Datierung vieler Fundorte ohne Ausgrabung sowie naturwissenschaftliche Verfahren. Hinzu kommen Paläobotanik und Paläozoologie, die Pflanzen- und Tierreste auswerten, Bodenfernerkundung und Computersimulationen. Das analogische Deuten versucht, archäologische Befunde mithilfe ethnoarchäologischer Beobachtungen, etwa aus Westafrika, zu interpretieren.

Entwicklung der Disziplin

Vorläufer der Forschung waren Reiseberichte über die seit der Antike bekannten Ruinen des Alten Orients. Benjamin von Tudela besuchte Babylon zwischen 1160 und 1173, Benjamin Rauwolff 1574. Pietro della Valle bereiste 1614 bis 1626 Mesopotamien, Persien und Indien. Carsten Niebuhr fertigte 1761 bis 1767 Kopien von Keilinschriften in Persepolis an, die Georg Friedrich Grotefend später für die Entzifferung der Keilschrift nutzte.

Als wissenschaftliche Disziplin entstand die Vorderasiatische Archäologie ab 1842. Sir Austen Henry Layard grub besonders in Nimrud und Ninive aus; in Ninive wurden über 25.000 Tontafeln entdeckt. Paul-Émile Botta begann 1843 Grabungen in Khorsabad, und William Kennett Loftus identifizierte 1849 Ur und Uruk als wichtige Fundorte Südmesopotamiens. Die frühen Unternehmungen standen im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus und wurden vor allem von großen Museen wie dem Louvre, dem British Museum und den Berliner Museen betrieben. Sie konzentrierten sich auf spektakuläre Funde und zerstörten durch mangelhafte Grabungstechnik viele sozioökonomische Informationen. Ein berühmtes Beispiel ist Heinrich Schliemanns 1873 in Hisarlik gefundenes „Schatz des Priamos“.

Ab den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts weitete sich die Forschung aus. In Susa wurden die Elamer, in Tello und Nippur die Sumerer erforscht; 1906 wurden in Boğazköy die Hethiter identifiziert. Grabungen in Byblos, Zincirli und Tell Halaf zeigten die enge Verflechtung altorientalischer Kulturen. Robert Koldeweys Arbeiten in Babylon (1899–1917) und Walter Andraes Grabungen in Aššur (1903–1914) führten die stratigrafische Methode im Vorderen Orient ein. Dadurch konnten Befunde erstmals räumlich und zeitlich klarer eingeordnet werden.

Zwischen den Weltkriegen entstanden verlässliche Periodenabfolgen für Mesopotamien. Tiefschnitte in Uruk und Tappa Gaura führten bis in die Obed-Zeit; Funde aus Uruk, Fāra und Dschemdet Nasr datierten die Entwicklung der Schrift in das 4. Jahrtausend zurück. Grabungen in Nuzi, im Diyala-Gebiet, im Iran, in Syrien und in der Türkei erschlossen weitere Regionen und Schriftprovinzen. Surveys, die Wheeler-Kenyon-Methode sowie die Untersuchung von Keramik, Pflanzen- und Tierresten erweiterten die Forschungsarbeit.

Seit der Zeit zwischen den Weltkriegen etablierte sich das Fach an Universitäten. Zugleich verschärfte sich zwischen 1920 und 1950 die Trennung von Archäologie und Philologie. Die Geschichtsschreibung blieb vielfach textorientiert und eurozentrisch. Seit den 1950er und 1960er Jahren wurden jedoch sozioökonomische Modelle, anthropologische Ansätze, regionale Untersuchungen und naturwissenschaftliche Methoden stärker berücksichtigt. Grabungen in Jarmo und Çayönü untersuchten den Übergang zur Nahrungsproduktion; Surveys in Mesopotamien befassten sich mit Urbanisierung und Bewässerung.

Neuere Forschung und Studium

Seit Mitte der 1970er Jahre prägt der Multipolarismus die Forschung. Er betont die Vielfalt möglicher Entwicklungen und die Wechselwirkungen zwischen mehreren Zentren und Peripherien. Vorstellungen von einer einzigen Urbanen Revolution oder einem einzigen Ursprung werden durch verschiedene, teilweise eigenständige Entwicklungsprozesse ersetzt. Auch die Neolithische Revolution wird zunehmend als längerfristiger Prozess verstanden. Modelle des Weltsystems, der Frontier Studies und des Zentrum-Peripherie-Modells untersuchen ungleichen Austausch und Beziehungen zwischen Regionen. Die Forschung richtet sich nicht mehr nur auf Städte und Monumentalbauten, sondern auch auf einfache Häuser und Dörfer.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verloren ideologische Erklärungen an Einfluss. Einige Fachvertreter griffen auf die New Archaeology zurück und überprüften Modelle mit Computersimulationen, ohne damit unmittelbar eine historische Rekonstruktion zu beanspruchen. Weitere Forschungen befassen sich mit Geographie, Komplexität und dem Zusammenbruch gesellschaftlicher Systeme.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Fach zunehmend zur Rettungsarchäologie. Dammbauten, Ölförderung, Städtewachstum, Straßenbau, motorisierte Landwirtschaft und militärische Aktivitäten bedrohen die historische Landschaft. Bodenfernerkundung und andere High-Tech-Methoden ermöglichen die schnelle Sicherung grundlegender Daten. Seit der Jahrtausendwende finden wegen der weltpolitischen Lage kaum noch Ausgrabungen im Irak, dem Kerngebiet des Faches, statt; deshalb erhalten periphere Regionen größere Aufmerksamkeit.

In Deutschland ist die Vorderasiatische Archäologie seit 1948 fest im Fächerkanon verankert und heute an zehn Universitäten studierbar. Zentrale Einrichtungen sind die Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Deutsche Orient-Gesellschaft. In Österreich ist das Fach an der Universität Innsbruck vertreten, in der Schweiz seit 1982 beziehungsweise aktuell an der Universität Bern. In den Niederlanden kann man es unter anderem in Amsterdam und Leiden auf Englisch studieren. In den USA fördern seit 1900 entsprechende Projekte die American Society of Overseas Research; wichtige Forschungszentren befinden sich an der University of Chicago sowie an Universitäten der Ivy League. In Großbritannien bieten insbesondere Oxford, Cambridge und das University College London einschlägige Abschlüsse an. Ergänzende Fächer wie Altorientalistik, Assyriologie, Archäologie, Arabistik, Iranistik, Semitistik und Turkologie unterstützen den Erwerb von Sprachkenntnissen, die etwa zum Entziffern von Keilschriften erforderlich sind.

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