Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Ur- und Frühgeschichte
Ur- und Frühgeschichte · Inhaltsverzeichnis · Urgeschichte oder Vorgeschichte · Erforschter Zeitrahmen · Gegenstand der Forschung · Erkenntnispotenzial · Abgrenzung …
Inhalt6 Abschnitte
Fach und Begriffe
Ur- und Frühgeschichte, Vor- und Frühgeschichte, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Prähistorische Archäologie werden häufig synonym verwendet. Das Fach ist ein Zweig der Geschichtswissenschaft und untersucht die kulturelle Entwicklung des Menschen von ihren Anfängen an. Im Mittelpunkt stehen materielle Hinterlassenschaften.
Vorgeschichte oder Prähistorik bezeichnet die Vor-, Ur- und Kulturgeschichte einer Region aus Zeiten, für die noch keine schriftlichen Aufzeichnungen vorliegen. Urgeschichte und Vorgeschichte gelten an akademischen Forschungsstätten als gleichrangige Begriffe. „Urgeschichte“ betont, dass auch schriftlose Zeiten Teil der Geschichte sind; „Vorgeschichte“ stellt diese Epoche der geschriebenen Geschichte gegenüber. An Universitäten überwiegt die Bezeichnung Urgeschichte gegenüber Vorgeschichte ungefähr im Verhältnis 2:1.
Zeitliche Einordnung
Der älteste Abschnitt ist die Altsteinzeit (Paläolithikum). Sie gliedert sich in Altpaläolithikum, Mittelpaläolithikum und Jungpaläolithikum. In Europa folgen nach dem Jungpaläolithikum die kurze Mittelsteinzeit (Mesolithikum) und die Jungsteinzeit (Neolithikum). Danach kommen regional begrenzt die Kupferzeit und durchgehend die Bronzezeit sowie die vorrömische Eisenzeit; in Mitteleuropa gehören dazu Hallstatt- und Latènezeit.
Mit den ersten Schriftzeugnissen beginnt die Frühgeschichte: in Mitteleuropa im 1. Jahrtausend v. Chr., im Orient ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. Schriftquellen werden dann ergänzend zu archäologischen Quellen genutzt. Die mitteleuropäische Frühgeschichte umfasst Römische Kaiserzeit, Völkerwanderungszeit sowie frühes Mittelalter mit Merowinger- und Karolingerzeit. Die skandinavische Frühgeschichte unterscheidet im Frühmittelalter Vendel- und Wikingerzeit. Spätere europäische Epochen gehören zur Mittelalterarchäologie und Neuzeitarchäologie.
Quellen und Arbeitsweisen
Anders als die Geschichtswissenschaft erforscht die Ur- und Frühgeschichte vor allem gegenständliche Quellen statt Schriftzeugnissen. Dazu zählen Keramik, Metalle, Holz, Knochen, Glas und Steinartefakte. Entscheidend ist ihr Kontext, also der jeweilige Fundzusammenhang.
Untersucht werden beispielsweise Bodendenkmale wie Wohnplätze, Siedlungen, Grabhügel und Burganlagen. Entdeckt werden sie durch Ausgrabungen, Prospektionen und Zufallsfunde. Für die Auswertung dienen formenkundlich-typologische Methoden, historische und sozialgeschichtliche Untersuchungen, naturwissenschaftliche Verfahren wie Dendrochronologie und Radiokarbonmethode, außerdem statistische Analysen und Geoinformationssystem-gestützte Methoden.
Bedeutung und Abgrenzung
Das besondere Erkenntnispotenzial des Fachs liegt in seiner sehr großen Zeitspanne: Sie reicht von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit. Dadurch sind epochenübergreifende Vergleiche möglich, etwa zwischen langfristigen Trends und kurzfristigen Ereignissen. Die große zeitliche Tiefe und die weiten untersuchten Räume erlauben zudem Beobachtungen an sehr vielen unterschiedlichen menschlichen Kulturen.
Das Fach unterscheidet sich unter anderem von Ägyptologie, Vorderasiatischer Archäologie, Klassischer Archäologie, Provinzialrömischer Archäologie und Christlicher Archäologie. Ein Grenzfall ist die Mittelalterarchäologie beziehungsweise Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit: Sie besteht teils als eigenes Fach und wird teils von Vertretern der Ur- und Frühgeschichte mitbehandelt. Für die Frühgeschichte sind schriftliche und bildliche Parallelquellen besonders wichtig. Auch Keltologie, Sinologie, Kriminalistik und Altamerikanistik verwenden teilweise archäologische Methoden.
Berufliche Perspektiven
Nach einem Studium der Ur- und Frühgeschichte arbeiten Prähistoriker vor allem in der archäologischen Denkmalpflege bei Landesdenkmalämtern, in Museen, Universitäten oder privaten Grabungsfirmen. Weitere Tätigkeitsfelder sind Fachjournalismus, Verlage und verschiedene Bereiche des Kultursektors.
Universitäre Standorte
In Deutschland gibt es gegenwärtig 24 Institute, Seminare oder Lehrstühle dieser Fachrichtung. 15 führen „Ur- und Frühgeschichte“ im Namen, acht „Vor- und Frühgeschichte“ oder „Vorgeschichte“ und eines „Prähistorische Archäologie“. Die Standorte verteilen sich auf zahlreiche Universitäten, darunter Bamberg, Berlin, Bonn, Erlangen-Nürnberg, Freiburg, Göttingen, Heidelberg, Kiel, Köln, Leipzig, Mainz, München, Münster, Tübingen und Würzburg.
Der Lehrstuhl an der Universität Greifswald wurde 2005 aufgelöst. 2011 wurde auch der 1902 gegründete älteste Lehrstuhl des Faches an der Humboldt-Universität zu Berlin aufgelöst. Außerhalb Deutschlands nennt der Artikel die Universität Leiden in den Niederlanden, die Universitäten Innsbruck und Wien in Österreich sowie die Universitäten Basel, Bern und Zürich in der Schweiz.