Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Harold James (Historiker)
Schockmomente – Eine Weltgeschichte von Inflation und Globalisierung 1850 bis heute. Herder Verlag, Freiburg 2022, ISBN 978-3-451-39325-9. Seven Crashes …
Inhalt5 Abschnitte
Profil und Bedeutung
Harold James (* 19. Januar 1956 in Bedford) ist ein britischer Historiker und einer der bedeutenden zeitgenössischen Wirtschaftshistoriker. Er ist auf die neuere deutsche Geschichte, die europäische Wirtschafts- und Finanzgeschichte sowie die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung spezialisiert. Seine Forschung verbindet historische Einzelstudien, etwa über Banken und Währungen, mit der Untersuchung langfristiger internationaler Entwicklungen.
James ist Professor für Geschichte an der Princeton University und Professor für Internationale Politik an der dortigen Woodrow Wilson School of Public and International Affairs. Seine Arbeiten sind besonders wichtig, weil sie zeigen, wie Finanzinstitutionen, Wirtschaftskrisen, politische Ordnungen und gesellschaftliche Identitäten miteinander zusammenhängen. Ein wiederkehrendes Verfahren seiner Forschung ist der Vergleich gegenwärtiger Probleme mit früheren Krisen und Globalisierungsphasen.
Akademischer Werdegang
James wurde in Großbritannien geboren, besuchte die Perse School in Cambridge und studierte am Gonville and Caius College der Universität Cambridge. 1982 promovierte er am Peterhouse. In Cambridge erhielt er den Ellen MacArthur Prize für Wirtschaftsgeschichte. Seit 1986 lehrt er an der Princeton University.
1998/1999 arbeitete James als Forschungsstipendiat am Historischen Kolleg in München. 2004 erhielt er vom Deutschen Historischen Institut Washington den Helmut-Schmidt-Preis für Wirtschaftsgeschichte; 2013 verlieh ihm die Universität Luzern die Ehrendoktorwürde. Er ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift „World Politics“ und Vorsitzender des Academic Council der European Association for Banking and Financial History.
James spricht fließend Deutsch; seine Mutter stammt aus Norddeutschland. Er ist mit der Politikwissenschaftlerin Marzenna Kowalik (* 1964) verheiratet, die sowjetisch-polnische Wirtschaftsbeziehungen untersucht und als Lecturer am Department of Politics der Princeton University tätig ist. Das Paar hat drei Kinder.
Forschung zur deutschen Geschichte
Zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn beschäftigte sich James vor allem mit der neueren deutschen Geschichte. Ein Schwerpunkt war die Wirtschafts- und Finanzgeschichte der Zwischenkriegszeit, also der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Er untersuchte unter anderem die Reichsbank und die öffentlichen Finanzen Deutschlands von 1924 bis 1933 sowie die deutsche Wirtschaftskrise im internationalen Zusammenhang.
Zu seinen bedeutenden Beiträgen gehören außerdem Forschungen zur Deutschen Bank und zur Rolle der Reichsbank bei der Enteignung jüdischer Vermögen während des Nationalsozialismus. Mit „Arisierung“ wird dabei die Verdrängung und Enteignung jüdischer Eigentümer aus dem Wirtschaftsleben bezeichnet. James untersuchte damit nicht nur wirtschaftliche Abläufe, sondern auch die Beteiligung wichtiger Finanzinstitutionen an der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die deutsche Identität. James betont die Rolle einer „wirtschaftlichen Identität“ bei der Entstehung einer gemeinsamen deutschen Identität im 19. Jahrhundert. Gemeinsame wirtschaftliche Strukturen, Währungs- und Finanzordnungen werden damit als Faktoren verstanden, die den politischen und gesellschaftlichen Zusammenhalt Deutschlands mitprägten.
Globalisierung, Krisen und Familienunternehmen
In seinen neueren Arbeiten untersucht James ausführlich die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung. Globalisierung bezeichnet hier die zunehmende internationale Verflechtung von Wirtschaft, Finanzsystemen und Märkten. James vergleicht heutige Entwicklungen mit früheren Globalisierungsversuchen, die schließlich in die seit 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise mündeten.
Obwohl diese Krise ihren Ausgang in den Vereinigten Staaten nahm, hebt James ihren „globalen“ Charakter hervor. Er betrachtet aktuelle Globalisierungsprobleme im Zusammenhang mit langfristigen wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise erscheinen dabei als große Unterbrechungen einer länger andauernden internationalen Verflechtung.
Eine besondere Bedeutung schreibt James den Familienunternehmen zu. In Phasen des Marktversagens, also wenn Märkte ihre wirtschaftliche Koordinationsfunktion nicht ausreichend erfüllen, und beim Verlust der staatlichen Ordnungsfunktion könnten sie stabilisierend wirken. Diese Rolle sei in Europa stärker ausgeprägt als in den Vereinigten Staaten, weil Europa besonders von Kriegen, Revolutionen und Inflation betroffen gewesen sei. An Unternehmen wie Wendels, Haniels, Falcks und Krupp untersuchte James das kontinentaleuropäische Modell des Familienkapitalismus.
Zentrale Veröffentlichungen
Die Veröffentlichungen von James spiegeln seine Forschungsschwerpunkte wider. Zur deutschen Wirtschafts- und Finanzgeschichte gehören „Reichsbank and Public Finance in Germany, 1924–1933“ (1985), „The German Slump“ (1986), „Deutschland in der Weltwirtschaftskrise“ (1988) und „Monetary and Fiscal Unification in Nineteenth Century Germany“ (1997). Mit deutscher Identität und Nationalstaat befasste er sich unter anderem in „A German Identity“ (1989), „Deutsche Identität 1770–1990“ (1991) und „Vom Historikerstreit zum Historikerschweigen“ (1993).
Die Rolle von Banken im Nationalsozialismus behandelte er beispielsweise in „Die Deutsche Bank und die ‚Arisierung‘“ (2001), „Die Deutsche Bank im Dritten Reich“ (2003) und „Nazi Dictatorship and the Deutsche Bank“ (2004). Seine europäische Perspektive zeigt sich in „Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg 1914–2001“ (2004).
Zur internationalen Finanzordnung, zu Europa und zur Globalisierung veröffentlichte James unter anderem „International Monetary Cooperation Since Bretton Woods“ (1996), „The End of Globalization“ (2001), „Making the European Monetary Union“ (2012) und gemeinsam mit Markus Brunnermeier und Jean-Pierre Landau „Euro. Der Kampf der Wirtschaftskulturen“ (2018). Neuere Arbeiten sind „The War of Words. A Glossary of Globalization“ (2021), „Schockmomente – Eine Weltgeschichte von Inflation und Globalisierung 1850 bis heute“ (2022), „Seven Crashes: The Economic Crises That Shaped Globalization“ (2023) und „Der Krieg der Worte. 16 Schlüsselbegriffe im Kampf um die Weltordnung“ (2024). Als Herausgeber betreute James außerdem Sammelbände zur Zwischenkriegszeit, zum Faschismus, zur Rolle der Banken und zur internationalen Finanzgeschichte des 20. Jahrhunderts.