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Antirassismus
Antirassismus (mitunter abgekürzt AntiRa oder Antira) ist eine Bezeichnung für Ansätze, die auf die Beseitigung von Verhältnissen und Einstellungen abzielen …
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Begriff und Ziel
Antirassismus, auch AntiRa oder Antira, bezeichnet Ansätze, die rassistisch bestimmte Verhältnisse und Einstellungen beseitigen wollen. Er richtet sich somit nicht nur gegen einzelne Vorurteile, sondern kann auch gesellschaftliche, staatliche oder wirtschaftliche Strukturen in den Blick nehmen, wenn diese von Rassismus geprägt sind.
Es gibt keinen einheitlichen antirassistischen Ansatz. Unterschiedliche Begründungen können sich ergänzen, stehen teilweise aber auch im Widerspruch zueinander.
Wichtige Begründungsansätze
Die humanistische Argumentation beruft sich auf Gleichheit und Menschenwürde. Diese Grundsätze sind etwa in Verfassungen pluralistisch-demokratischer Gesellschaften formuliert und werden durch Rassismus verletzt.
Die christliche Argumentation verweist auf den biblischen gemeinsamen Ursprung der Menschheit und auf die Gleichwertigkeit aller Menschen als Adressaten der Botschaft Gottes. Die liberale Argumentation betont unter anderem, dass Rassismus persönliche Entfaltungsfreiheit sowie Produktion und Konsum stören und den Wirtschaftsstandort gefährden könne.
Interkulturelle Ansätze heben den Gewinn des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft hervor. Antifaschistische Ansätze wenden sich gegen faschistischen Rassismus. Anti-imperialistische Ansätze untersuchen Folgen von Imperialismus und Kolonialismus.
Autonome Ansätze kritisieren Staat und Herrschaft und greifen gesellschaftlich institutionalisierte Formen des Rassismus an. Marxistische Ansätze verstehen Rassismus als Produkt der Entstehung des globalen Kapitalismus.
Historische Entwicklung und Bewegungen
Widerspruch und Widerstand gegen Rassismus gab es beispielsweise in der Anti-Sklaverei-Bewegung, beim Schutz von Minderheiten vor Vertreibung und in der anti-antisemitischen Bewegung des späten 19. Jahrhunderts. Der Begriff „Antirassismus“ erschien erstmals nach der Befreiung Europas vom Faschismus: 1948 in Jean-Paul Sartres Vorwort „Schwarzer Orpheus“ zu einer Anthologie von Leopold Senghor.
1969 beschloss der Ökumenische Rat der Kirchen ein Antirassismus-Programm gegen die Unterdrückung von Minderheiten, besonders gegen die Apartheid in Südafrika. Spätestens 1975 zeigte sich, dass kein Konsens darüber besteht, was als Rassismus gelten muss: Die UN-Resolution 3379 verurteilte damals den Zionismus als Rassismus; 1991 wurde sie zurückgenommen. Ähnliche Konflikte gefährdeten die Anti-Rassismus-Konferenz in Durban. Vor allem afrikanische und afro-amerikanische Gruppen setzten sich dort nicht mit der Forderung durch, Kolonialismus und Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschheit zu verurteilen.
In Deutschland erhielt die antirassistische Bewegung Anfang der 1990er Jahre Zulauf, unter anderem nach rechtsextremistisch und ausländerfeindlich motivierten Pogromen in Rostock-Lichtenhagen sowie den Anschlägen in Solingen und Mölln. Daraus entstand die Initiative „kein mensch ist illegal“. Seit 1998 finden jährlich antirassistische Grenzcamps statt, die staatlichen Rassismus an der deutschen Ostgrenze, an Flughäfen und im Hamburger Hafen thematisieren. Vergleichbare No-Border-Camps gab es etwa auf Lesbos, in Siva Reka in Bulgarien und in Stockholm.
Ab 2011 setzte sich die Bewegung zunehmend mit Critical Whiteness auseinander; dies führte teilweise zu starken Polarisierungen. Nach der Tötung von George Floyd kam es ab 2020 weltweit zu Protesten der Black-Lives-Matter-Bewegung, die Rassismus in den Vereinigten Staaten bekämpfen will.
Akademische Rassismuskritik
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trugen Anthropologen wie Franz Boas, Marcel Mauss, Bronislaw Malinowski, Pierre Clastres und Claude Lévi-Strauss zum Niedergang biologischer und biologistischer Erklärungen in den Sozialwissenschaften bei. Auch die zuvor vorherrschenden Paradigmen des kulturellen Evolutionismus und Darwinismus verloren an Bedeutung. Kulturrelativismus, also die Betrachtung von Kulturen ohne eine Rangordnung nach angeblicher Entwicklung, wurde zum dominanten Paradigma. Dies bedeutete das Ende rassistischer Theorien in den Sozial- und Humanwissenschaften.
Im akademischen Diskurs wird teilweise „Rassismuskritik“ statt „Antirassismus“ verwendet. Der Begriff soll verdeutlichen, dass es in rassistisch strukturierten Gesellschaften keine rassismusfreien Räume geben könne. Rassismuskritik wendet sich außerdem gegen eine einfache Einteilung in rassistische Täter und Opfer: Alle Mitglieder einer Gesellschaft seien von Rassismus betroffen.
Seit dem Critical-Whiteness-Diskurs der 2010er Jahre spielen identitätspolitische Fragen eine größere Rolle. Kritisiert werden Grenzen dieser Perspektive und intersektionale Ansätze, weil sie rassifizierende Kategorisierungen reproduzieren könnten und antirassistische Kämpfe vor allem anhand teils konstruierter Identitätsfragen verhandelt würden. Diese Kritik betrifft auch Bewegungen, die sich nach den Black-Lives-Matter-Protesten etablierten. Zugespitzt stehen sich kulturelle Ansätze, die besonders Repräsentation behandeln, und marxistische Ansätze mit materialistischen Fragen gegenüber; zugleich gibt es Überschneidungen.
Umgang mit dem Rassismusvorwurf
Der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung kritisiert, deutsche Staatsorgane fassten den Rassismusbegriff zu eng. Deshalb werteten Gerichte Äußerungen, die im Ausland als rassistisch beurteilt würden, häufig als straflose freie Meinungsäußerung.
Der Begriff „Rassismus“ wird oft gemieden, weil er besonders mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden wird und für gegenwärtige Zustände als unpassend oder emotional überladen erscheinen kann. Stattdessen werden „Xenophobie“, „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Ausländerfeindlichkeit“ verwendet. Der Artikel nennt daran Probleme: „Ausländerfeindlichkeit“ erfasst nicht, dass auch deutsche Staatsbürger betroffen sein können, denen aufgrund ihres Aussehens ein Migrationshintergrund zugeschrieben wird. „Fremdenfeindlichkeit“ stellt Betroffene als Fremde und als „Andere“ einem gesellschaftlichen „Wir“ gegenüber. Dadurch kann ihre angebliche Andersheit als natürliche Ursache der Feindlichkeit erscheinen und Rassismus als bloß individuelles Einstellungsproblem verharmlost werden.
John McWhorter kritisiert den von ihm so bezeichneten „ideologischen Antirassismus“. Nach seiner Darstellung gehe es dessen Anhängern nicht um Solidarität mit Außenseitern, sondern um die Zurschaustellung eigener Moral. Er nennt ihn eine Form des Rassismus, die schwarzen Menschen eher schade als nutze: Sie würden in eine passive Opferrolle gedrängt, während ihnen Initiative und Verantwortungsbereitschaft abgesprochen würden. McWhorter, selbst dunkelhäutig, bezieht sich dabei auch auf eigene Erfahrung.