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Antipalästinensischer Rassismus

Antipalästinensischer Rassismus (APR) ist eine Form von Rassismus, der sich gegen Palästinenser richtet. Antipalästinensischer Rassismus umfasst das …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Merkmale
  2. 2. Internationale Ausprägungen
  3. 3. Israel: Wurzeln und spätere Entwicklung
  4. 4. Bildung, Einstellungen und digitale Hassrede in Israel
  5. 5. USA und Deutschland
  6. 6. Kontroverse Einordnung und Großbritannien

Begriff und Merkmale

Antipalästinensischer Rassismus (APR) bezeichnet eine Form von Rassismus gegen Palästinenser. Dazu gehören das Negieren einer palästinensischen Ethnie oder Gemeinschaft sowie die pauschale Herabwertung von Palästinensern.

APR wird von antimuslimischem und antiarabischem Rassismus sowie von orientalistischen Stereotypen unterschieden: Er richtet sich gegen Menschen gerade aufgrund ihrer palästinensischen Zuschreibung. Teilweise werden auch Repressalien gegen Gruppen und Personen, die sich mit Palästinensern solidarisieren, darunter gefasst.

In der Forschung genannte Muster sind Darstellungen von Palästinensern als geschichtslose Primitive, später als wesensmäßig Terroristen und Antisemiten. Dazu zählen außerdem die Leugnung oder Relativierung der palästinensischen Geschichte, besonders der Nakba, und die Auslöschung ihrer Spuren. In westlichen Ländern wird als mögliche Form der Ausschluss palästinensischer Perspektiven aus dem öffentlichen Diskurs beschrieben, etwa durch Kriminalisierung von Rede, Versammlungsverbote, Deplatforming oder Schmutzkampagnen. Zugleich gilt APR manchen Forschenden als noch entstehendes Konzept, das genauer erforscht werden müsse, insbesondere im Verhältnis zu Antisemitismus und Islamophobie.

Internationale Ausprägungen

Als besonders betroffene Länder nennen Forschende neben Israel die USA, Kanada, Deutschland und England; Steven Salaita nennt auch Frankreich. Die jeweiligen Entwicklungen sind noch nicht umfassend erforscht.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 werden als wichtiger Einschnitt genannt, nach dem sich APR in mehreren Ländern veränderte. Nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel 2023 berichtete UN-Sonderberichterstatter Ashwini K. P. von einer inakzeptablen Zunahme antipalästinensischen Hasses in den USA. Der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung kritisierte eine starke Zunahme rassistischer Hassrede und Entmenschlichung von Palästinensern in Israel nach dem 7. Oktober. Auch für Deutschland und Großbritannien wurden zunehmende antipalästinensische Vorfälle beschrieben.

Israel: Wurzeln und spätere Entwicklung

Der Soziologe Martin Shaw datiert den spezifisch antipalästinensischen Rassismus vor allem auf die Zeit nach 1948. Nach der Nakba flohen oder wurden rund 750.000 Palästinenser vertrieben; ihnen wurde die Rückkehr verweigert. Die in Israel verbliebenen Palästinenser lebten fast zwei Jahrzehnte unter einem diskriminierenden Militärregime.

Als Rechtfertigung dieser Politik wurden laut Fae Chubin und Manuel A. Ramirez zwei Deutungsmuster verwendet: Palästina sei vor zionistischer Erschließung ein leeres, karges und geschichtsloses Land gewesen; zugleich seien Palästinenser als primitiv und unzivilisiert dargestellt worden. Als verwandte Praxis wird die Beseitigung palästinensischer Vergangenheit genannt, etwa durch Neubesiedlung, Wälder über zerstörten Dörfern und die Unterdrückung der Erinnerung an die Nakba. David Theo Goldberg bezeichnete die Darstellung von Palästinensern als Nachfahren der Philister als „Philistinisierung“. Zahi Zalloua beschrieb für das 21. Jahrhundert eine Verdinglichung, häufig durch die Bezeichnung als „menschliche Tiere“.

Über die Jahre 1948 bis in die 1970er besteht kein einheitliches Forschungsbild. Ab den 1970ern wird jedoch weitgehend eine Zunahme von Rassismus angenommen. Als Faktoren gelten Kahanismus und ein Terrorismus-Diskurs. Die rechtsextreme Partei Kach wurde 1971 gegründet; nach Eva Illouz und Pauline Kollontai wurde Rassismus damit zu einer deutlich politischen Agenda. Derek Penslar zufolge enttabuisierten die Zweite Intifada ab 2000 und Raketenangriffe aus Gaza antiarabischen Hass weiter. Als Umfragewerte werden unter anderem genannt: 1975 berichteten 32 % der High-School-Schüler starken Hass auf „Araber“, um 1988 und 1994 jeweils 39 % und 2024 51 % jüdischer Jugendlicher. In derselben Studie gaben 33 % arabischer Jugendlicher vergleichbare Hassgefühle gegenüber Juden an.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 und terroristischen Anschlägen in den besetzten Gebieten seien Palästinenser laut Heike Schotten durch eine internationale israelische Propagandakampagne zunehmend auf Terrorismus reduziert worden. Forschende sehen eine weitere Verstärkung dieses Bildes im Krieg gegen den Terror und während der Zweiten Intifada. Shaw verband eine starke Zunahme rassistischer Einstellungen mit der Operation Protective Edge um 2014.

Bildung, Einstellungen und digitale Hassrede in Israel

Untersuchungen israelischer Schulbücher bilden einen wichtigen Forschungsbereich. Nurit Peled-Elhanan untersuchte vor allem Bücher für Geschichte, Geographie und Staatsbürgerkunde. Sie beschreibt eine Einteilung in Israelis beziehungsweise Juden und „Araber“, wobei sehr unterschiedliche Gruppen pauschal als Araber zusammengefasst werden. Schulbücher stellten jüdische Siedlungen differenziert dar, arabische Orte dagegen oft nur als „arabisch“; israelische Deutungen historischer Ereignisse erschienen als Fakten, arabische als bloße Versionen.

In wichtigen Schulbüchern von 1996 bis 2010 seien Palästinenser stereotyp dargestellt oder dort nicht vorhanden gewesen, wo sie hätten vorkommen müssen. In Büchern für die Klassen 1 bis 4 seien sie nicht präsent. Beschrieben werden Darstellungen als primitiv, unterwürfig, kriminell, böse, Flüchtlinge oder Terroristen. Die Schulbücher vermittelten außerdem eine zionistische Sichtweise, in der die Bibel als historische Quelle und das jüdische Leben in Israel als Fortsetzung des biblischen Königreichs Judäa behandelt werde; bedeutsames palästinensisches Leben während der vorausgegangenen 2000 Jahre werde dabei geleugnet.

Eine Studie der Universität Tel Aviv von 2010 ergab, dass 50 % israelisch-jüdischer High-School-Schüler palästinensischen Bürgern nicht die gleichen Rechte zugestehen wollten, und 56 % ihnen eine Wahl in die Knesset verwehren wollten. Bei religiösen Schülern lagen die Werte bei 82 % beziehungsweise 82 %, bei säkularen bei 39 % beziehungsweise 47 %. Die Forschenden führten dies auf eine in Bildung und elitären Diskursen reproduzierte rassistische Prägung zurück. Nach Angaben von 7amleh, auf die sich The Intercept bezog, stiegen antipalästinensische Hasskommentare in sozialen Medien 2022 um 10 %; nach dem 7. Oktober 2023 nahm der Trend weiter zu.

USA und Deutschland

In den USA wurde der palästinensische Araber nach dem Sechstagekrieg 1967 in Politik und Medien zunehmend als archetypischer „Terrorist“ dargestellt. Dieses Stereotyp wurde auch auf arabische Einwanderer übertragen, wenn sie palästinensische Anliegen unterstützten. Pro-israelische Gruppen wie AIPAC und ADL beobachteten und kritisierten nach dieser Darstellung palästinasolidarische Studierende und Lehrende und bezichtigten sie öffentlich des Antisemitismus oder der Terrorsympathie. Die Nixon-Regierung begann 1972 mit „Operation Boulder“, einem Programm zur Überwachung und Belästigung gewaltfreier arabisch-amerikanischer Aktivisten. Nach 2001 berichtete der Ausschuss für akademische Freiheit der AAUP über Eingriffe in die akademische Freiheit, die überwiegend auf Kampagnen pro-israelischer Gruppen wie Campus Watch und David Project zurückgeführt worden seien.

In Deutschland lebten 2024 nach Einschätzung von Migrationsforschenden rund 200.000 Menschen palästinensischer Herkunft, ungefähr ein Fünftel davon in Berlin. Zugleich fanden sich in staatlichen Archiven nur wenige Dokumente zu palästinensischer Migration. Die Sozialwissenschaftlerin Sarah al-Bulbeisi beschrieb, dass Geschichte, Gewalterfahrungen und Anliegen der palästinensischen Diaspora negiert oder ausgeblendet würden; diese Unsichtbarkeit sei auch symbolische Gewalt.

Die Studie „Erasing Palestine in Germany’s Educational System“ vom 10. August 2024 beschreibt im Zusammenhang mit der 2009 ausgerufenen Deutschen Staatsräson die Streichung palästinabezogener Inhalte aus Curricula, einen engeren Meinungskorridor und die Kriminalisierung palästinensischer Stimmen. Amnesty International kritisierte am 10. Juni 2024 pauschale Versammlungsverbote in Berlin. Die Organisation betonte, Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden; eine pauschale Kriminalisierung von Protesten verstärke antimuslimischen und antipalästinensischen Rassismus und verenge Diskursräume.

Kontroverse Einordnung und Großbritannien

Martin Shaw schlägt vor, Antisemitismus und antipalästinensischen Rassismus als miteinander verbundene, aber unterschiedliche Varianten eines dynamischen Rassismusbegriffs zu untersuchen. Damit wendet er sich gegen eine strenge Gleichsetzung von Opposition zu Israel mit Antisemitismus. Sein Ansatz verbindet Veränderungen jüdischer beziehungsweise israelischer und palästinensischer Identitäten mit der Gründung, Expansion und Sicherung Israels sowie den daraus entstehenden Konflikten.

Kenneth S. Stern warnte 2024 vor dem US-Senat, eine rechtliche Definition von antipalästinensischem Rassismus könne ähnlich wie die rechtliche Integration der IHRA-Definition von Antisemitismus die akademische Freiheit beschränken. Floris Biskamp beschreibt einen Konflikt zwischen Antisemitismus- und Rassismuskritik: Erstere kann scharfe Israelkritik als israelbezogenen Antisemitismus deuten, letztere die Verurteilung palästinensischer Nationalbewegungen als Versuch, Antirassismus und Antikolonialismus zum Schweigen zu bringen.

Im Vereinigten Königreich warfen im Juli 2025 mehr als 100 BBC-Journalisten dem Management strukturellen antipalästinensischen Rassismus und eine einseitig proisraelische Berichterstattung vor. Auslöser war die Entscheidung, den redaktionell freigegebenen Film „Gaza: Medics Under Fire“ nicht auszustrahlen; Channel 4 zeigte ihn stattdessen. Die BBC wies die Vorwürfe zurück, räumte aber eine angespannte Stimmung im Haus ein.

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