Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Antijudaismus im Neuen Testament
Unter Antijudaismus im Neuen Testament (NT) versteht man eine judenfeindliche Einstellung, die hinter manchen neutestamentlichen Aussagen vermutet wird (zum …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Einordnung
Antijudaismus im Neuen Testament (NT) bezeichnet die Vermutung, dass hinter einzelnen neutestamentlichen Aussagen eine judenfeindliche Haltung steht, etwa in Mt 27,25, Joh 8,44 und 1 Thess 2,15. Weil die meisten NT-Schriften von Juden verfasst wurden, geht es dabei um innerjüdische beziehungsweise judenchristliche Judenfeindschaft.
Die Bewertung ist umstritten: Es wird gefragt, ob negative Aussagen das Judentum insgesamt ablehnen oder ob sie aus konkreten Konflikten stammen. Zu berücksichtigen ist, dass viele Autoren sich selbst als Teil Israels verstanden und das NT auch positive Aussagen über Israel enthält: „das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22) und „Gott hat sein Volk nicht verstoßen“ (Röm 11,2).
Zur Entstehungszeit des NT trennten sich Judenchristen unter Zwang vom rabbinischen Judentum. Auseinandersetzungen im Umfeld von Synagogen konnten heftig sein: Saulus verfolgte zunächst Christen (1 Kor 15,9), später berichtet Paulus von fünf Auspeitschungen durch Juden (2 Kor 11,24). Solche Konflikte bilden einen wichtigen Hintergrund, erklären aber nicht automatisch jede spätere antijüdische Auslegung.
Kritik als innerjüdische Mahnrede
Pauschal klingende Schuldvorwürfe sind auch aus den Mahnreden der Propheten im Tanach bekannt. Jes 1,3f richtet scharfe Kritik gegen Israel als „sündige Nation“ und „schuldbeladenes Volk“. Prophetische Kritik konnte anderen Völkern gelten, aber ebenso dem eigenen Volk. Dies ist ein wichtiger Rahmen für harte Aussagen im NT.
Auch Jesus kritisiert laut Evangelien nicht nur Juden. Einer Samariterin sagt er: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen“ (Joh 4,22); zugleich stellt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter einen Samariter vorbildlich dar (Lk 10,30–37). Seinen Anhänger Petrus nennt Jesus sogar „Satan“ (Mt 16,23), nachdem er ihn kurz zuvor als „Petrus“, den Fels, angesprochen hatte (Mt 16,17f).
Der Vergleich zeigt: Harte Aussagen richten sich im NT gegen verschiedene Gruppen und können Judenkritik relativieren. Dennoch besteht die Gefahr, einzelne Aussagen aus ihrem Zusammenhang zu lösen und für Judenfeindschaft zu missbrauchen; dies geschah in der Kirchengeschichte.
Befunde in den neutestamentlichen Schriften
Paulus verbindet einen Vorrang Israels mit der Gleichstellung von Juden und Griechen: Das Evangelium sei Rettung „zuerst für den Juden, aber ebenso für den Griechen“ (Röm 1,16). Er betet für die Rettung der Juden und bescheinigt ihnen Eifer für Gott, aber „ohne Erkenntnis“ (Röm 10,1f). Zugleich bleibt Israels Erwählung bestehen (Röm 11,2). Seine scharfe Aussage in 1 Thess 2,15f über Juden, die Jesus und Propheten getötet und Christen verfolgt hätten, steht im Zusammenhang eigener Missionskonflikte. In 1 Kor 2,7f werden dagegen die „Herrscher dieser Welt“ für Jesu Tod verantwortlich gemacht.
Das Lukasevangelium bietet auch ein positives Bild: „Älteste der Juden“ bitten Jesus für den Knecht eines Hauptmanns (Lk 7,3f). Sie schätzen dessen Liebe zum jüdischen Volk und seinen Synagogenbau; Jesus geht mit und heilt den Knecht. Damit erscheinen jüdische religiöse Repräsentanten als kooperativ gegenüber Jesus und einem Heiden.
Das Gleichnis von den Weingärtnern (Mt 21,33–46; Mk 12,1–12; Lk 20,9–19) enthält den Prophetenmord und die Tötung des Erben. Seine Schlussworte über den Weinberg, der anderen gegeben werde, wurden als Gericht über Israel sowie als Übergang der Verheißung an ein neues Gottesvolk gedeutet. Exegeten deuten dies teilweise als Aussage gegen die ganze jüdische Volksgemeinde, nicht nur gegen deren Führer. René Girard versteht die Verwerfung dagegen als Offenlegung des blutigen Opfermechanismus und nicht als Verwünschung eines Volkes.
Mt 27,25 lässt die Volksmenge sagen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Der Satz wurde später als Blutfluch auf alle Nachkommen Israels bezogen und wirkte in der Adversus-Iudaeos-Literatur, der Volksfrömmigkeit sowie bei Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Gemeinden nach. Die Deutungen unterscheiden sich: Manche Exegeten sehen eine Anklage gegen Pilatus und die Hohenpriester, die Verantwortung auf das Volk abwälzten; andere betonen Jesu Unschuld oder eine heilsgeschichtliche Wende. Klaus Haacker und Klaus Berger deuten den Ruf nicht als Fluch, sondern als Überzeugung der Menge, Jesus sei zu Recht verurteilt worden; Berger verbindet die Warnung mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70.
Die Weherufe gegen Schriftgelehrte und Pharisäer („Weh euch … ihr Heuchler“) greifen prophetische Kritik an religiösem Blutvergießen und Opferkult auf. Die Pharisäer werden zwar oft als Gegner Jesu dargestellt, doch das NT bewahrt auch Nähe: Ein Schriftgelehrter stimmt Jesu Toraauslegung zu (Mk 12,28–34), und Rabban Gamaliel tritt in Apg 5,34–39 für Urchristen ein. In der Forschung wird erwogen, ob diese Texte stärker Konflikte der späteren christlichen Gemeinden als wörtliche Reden Jesu widerspiegeln.
Im Johannesevangelium kann „die Juden“ neutral gemeint sein, etwa beim „Passa der Juden“ (Joh 2,13), oder religiöse Repräsentanten wie den Hohenpriester und sein Umfeld bezeichnen. In Konflikten meint die Bezeichnung jeweils die Jesus widersprechende Gruppe, nicht das gesamte Volk oder Jesu Jünger. Joh 8,44 („Ihr habt den Teufel zum Vater“) bezieht sich nach dem Text nicht auf körperliche Abstammung; die Gegner bleiben „Nachkommen Abrahams“ (Joh 8,37). Peter Schäfer beurteilt das Johannesevangelium insgesamt als antisemitisch. Demgegenüber weist der Artikel darauf hin, dass „Finsternis“ im NT auch Heiden betrifft, etwa Eph 5,8.
Die Apostelgeschichte weist Synedrium und Jerusalemer Einwohnern teils kollektiv Verantwortung am Tod Jesu zu. Solche Aussagen können an die innerjüdische Tradition der Bußpredigt und des Prophetenmords anknüpfen. Die „Synagoge des Satans“ in Offb 2,9 und 3,9 wird unterschiedlich verstanden: „Synagoge“ konnte allgemein eine Versammlung meinen. Der Kommentar Das NT jüdisch erklärt bezieht die dort genannten angeblichen Juden auf zum Judentum sympathisierende Heiden, sogenannte Gottesfürchtige; nach dieser Deutung richtet sich die Stelle nicht gegen Juden.
Wirkungsgeschichte und Dialog
Seit 1945 untersucht die neutestamentliche Exegese verstärkt auch die möglichen Folgen judenfeindlich auslegbarer Texte. Dies trug zur Erneuerung des christlich-jüdischen Dialogs bei. Der Historiker Jules Isaac analysierte in Jésus et Israël Evangelientexte. In der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde der Dialog seit den Kirchentagen der 1960er Jahre intensiver; christliche Forschende erklärten das NT stärker aus dem Alten beziehungsweise Ersten Testament, während auf jüdischer Seite Jesus als Rabbi und Tora-Lehrer stärker ins Judentum eingeordnet wurde.
Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 begründete eine katholische Neuorientierung gegenüber Israel und die Auseinandersetzung mit christlicher Mitverantwortung am Holocaust. Der Rheinische Synodalbeschluss von 1980 wurde zu einem Meilenstein für die Revision evangelischer Lehraussagen. Weitere evangelische Landeskirchen und die EKD griffen diesen Prozess auf.
Die Wirkungsgeschichte wird jedoch nicht einheitlich erklärt. Seit dem Ersten Kreuzzug ab 1096 kam es in Europa zu zuvor unbekannten Gewaltexzessen gegen Juden. Der Artikel verweist zugleich darauf, dass Juden im christianisierten Europa bis etwa 1100 trotz Einschränkungen relativ friedlich leben konnten; daraus lasse sich eher nicht folgern, dass die bloße Lektüre des NT zwangsläufig eine Gefahr für Juden erzeugte. Ob christlicher Antijudaismus den neuzeitlichen Antisemitismus vorbereitete, wird intensiv diskutiert.
Erwählung Israels und gegenwärtige Deutungen
In evangelischen Beschlüssen steht das Bekenntnis zum „ungekündigten Bund“ im Mittelpunkt: Israel bleibe das erwählte Volk Gottes und die Wurzel der Kirche; deshalb sei Judenmission abzulehnen. Daraus folgt eine besondere Stellung Israels.
Joachim Krause widerspricht der Annahme eines bedingungslosen Bundes. In Die Bedingungen des Bundes unterscheidet er: Das ganze Volk sei in den Bund aufgenommen worden, für das Bleiben im Bund habe es aber Bedingungen gegeben. Dies gelte nach seiner Auffassung sowohl im deuteronomistischen Denken als auch in der Priesterschrift.
Als Alternative zur bleibenden Vorzugsstellung Israels wird die Gleichstellung aller Völker vertreten: Juden wie Nichtjuden sollten auf Jesus als den von Gott gesandten Retter vertrauen. René Girard erklärt die Mordanschuldigungen der Bibel mit dem Sündenbockmechanismus, also der gemeinschaftlichen Zuschreibung von Schuld an ein Opfer. Für ihn haben die Evangelien deshalb eine universelle Aussage über menschliches Gewaltverhalten und sind nicht judenfeindlich.