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Alte Geschichte
Die Alte Geschichte bildet ein eigenes Fach innerhalb der Geschichtswissenschaften und kann an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum studiert …
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Gegenstand und Stellung des Fachs
Alte Geschichte ist der Teil der universitären Geschichtswissenschaft, der die „klassische“ griechisch-römische Antike untersucht. Die Fachwissenschaftler heißen Althistoriker. Ihr wesentlicher Bezugsraum ist der Mittelmeerraum mit der griechisch-römischen Kultur.
Das Fach kann an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum studiert werden und ist an fast allen deutschen Hochschulen Bestandteil historischer Studiengänge einschließlich des Lehramts. Eigene Bachelorstudiengänge gibt es nur an wenigen deutschen Universitäten, genannt werden Heidelberg und Rostock. Mit 72 Professuren an 52 Universitäten gilt Alte Geschichte in der deutschen Hochschulpolitik als Kleines Fach.
Zeitlicher und räumlicher Rahmen
Die Alte Geschichte behandelt grundsätzlich alle Regionen und Zeiten, die zur antiken griechischen oder römischen Kultur gehörten oder mit ihr unmittelbar in Kontakt standen. Die meisten Forschungen betreffen etwa die Zeit von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr.
Die praktische Untergrenze hängt von den schriftlichen Quellen ab. Frühestens beginnt das Fach mit der mykenischen Kultur um 1600–1000 v. Chr., denn damals wurde die Linearschrift B für frühes Griechisch verwendet. Da nur wenige Althistoriker diese Schrift lesen können, markiert meist die Übernahme des Alphabets durch die Griechen im frühen 8. Jahrhundert v. Chr. den Beginn. Die vorangehenden griechischen „dunklen Jahrhunderte“ und die minoisch-mykenische Zeit werden überwiegend archäologisch erforscht.
Ein einheitliches Ende der Antike gibt es nicht. Traditionell wurde 476 genannt, als Romulus Augustulus, der letzte in Italien herrschende römische Kaiser, abgesetzt wurde. Heute setzt die Forschung den Einschnitt meist später an: frühestens mit dem Tod Justinians 565, häufig mit dem Beginn der Islamischen Expansion 632 oder mit dem Tod Herakleios’ 641. Teilweise wird eine noch längere Spätantike angenommen. Der Übergang zum Mittelalter ist auch Gegenstand der Byzantinistik und Frühmittelalterforschung. Die Année philologique, die wichtigste altertumswissenschaftliche Bibliographie, erfasst Literatur vom zweiten vorchristlichen Jahrtausend bis 800 n. Chr.
Zum Kerngebiet zählen als Faustregel die Regionen des Römischen Reiches in seiner größten Ausdehnung unter Trajan 117 n. Chr. Für die hellenistische Welt kann der Blick bis Vorderindien reichen, weil diese Gebiete zum Alexanderreich und zeitweise zu makedonischen Dynastien gehörten. Im Zentrum stehen Griechenland, Rom und die Mittelmeerwelt sowie Kontakte zu Nachbarvölkern wie Karthagern, Germanen und Persern. Diese Fachgrenze beruht vor allem auf Konvention und historischer Entwicklung.
Quellen und Abgrenzung zu Nachbarfächern
Anders als Klassische Archäologie sowie Ur- und Frühgeschichte untersucht die Alte Geschichte vor allem schriftliche Hinterlassenschaften. Die Auswertung antiker Texte steht im Mittelpunkt; nicht-schriftliche Quellen werden bei Bedarf ebenfalls berücksichtigt. Wichtige ergänzende Quellen sind etwa Inschriften, Münzen und Papyri. Griechische Papyri sind besonders für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bedeutsam.
Alte Geschichte bildet zusammen mit Klassischer Philologie und Klassischer Archäologie das übergreifende Gebiet der Klassischen Altertumswissenschaft. Sie ist stärker als andere historische Disziplinen durch Methoden der Altphilologie geprägt. Im angelsächsischen Raum sind Alte Geschichte und Altphilologie häufig weniger scharf getrennt und bilden oft gemeinsam die Classics.
Entwicklung der Fachrichtung
Als eigene Disziplin entstand die Alte Geschichte um 1830. Im 19. Jahrhundert wuchsen Geschichtswissenschaft und Archäologie stark. Zunächst umfasste das Fach teils auch Ägypten, Mesopotamien, Iran und Anatolien. Die Geschichte der gesamten Alten Welt und die dafür erforderlichen Sprachen und Schriften überstiegen jedoch die Möglichkeiten einzelner Forscher. Der Wissenszuwachs seit 1800 führte deshalb zu zunehmender Spezialisierung.
Die Konzentration auf Griechen und Römer entstand auch, weil die schriftlichen Quellen des Alten Orients zunächst nicht entziffert waren. Als Hieroglyphen und Keilschriften später erschlossen waren, hatte sich die Begrenzung auf den griechisch-römischen Bereich bereits weitgehend durchgesetzt. Orientalistische Fächer wie Assyriologie und Iranistik sind heute eher archäologisch und philologisch als primär historisch ausgerichtet.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte die Alte Geschichte in Deutschland eine besondere Blüte. Klassische Bildung mit Griechisch und Latein war damals wichtig. Bereits vor 1914 wurde der altsprachliche Unterricht an deutschen Gymnasien zugunsten anderer Fächer reduziert; seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung klassischer Bildung deutlich ab. Dadurch verlor die Antike ihren früheren Vorbildcharakter, was zugleich einen objektiveren Zugang zur Forschung eröffnete. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren kamen neue Themen, Fragestellungen, Theorien und Methoden hinzu.
Forschung und Arbeitsweise heute
Die heutige Forschung untersucht unter anderem Demokratie, Hellenismus, römische Republik und Kaiserzeit, Wirtschaft, Religion, Verwaltungsstrukturen und Spätantike. Die Ergebnisse der Troja-Forschung sind dabei stark umstritten. Auch Ursachen und Verlauf der sogenannten Völkerwanderung sowie des Untergangs des Römischen Reiches werden intensiv neu bewertet.
Texte bleiben die zentralen Quellen, doch archäologische Quellen gewinnen an Bedeutung. Seit dem späten 20. Jahrhundert werden Texte stärker mit literaturwissenschaftlichen und textkritischen Methoden untersucht; dies wird als Linguistic turn bezeichnet. Die frühere Debatte zwischen „Modernisten“ und „Primitivisten“ über die Übertragbarkeit moderner Wirtschafts- und Sozialmodelle auf die Antike gilt als beendet. Seit den 1990er Jahren sind praxeologische Ansätze, die Handlungsweisen untersuchen, und diskursanalytische Ansätze, die Sprache und Deutungsmuster untersuchen, wichtiger geworden. Ebenso gewinnen Globalgeschichte, Geschlechtergeschichte und im 21. Jahrhundert besonders im angelsächsischen Raum postkoloniale Theorien an Einfluss.
Für eine Promotion müssen Althistoriker Latein- und Altgriechischkenntnisse, Latinum und Graecum, nachweisen. In Deutschland ist meist außerdem eine Habilitation nötig, um auf eine Professur berufen zu werden. Häufig behandelt eine Qualifikationsschrift griechische und die andere römische Geschichte, da viele Universitäten nur eine Professur für das gesamte Fach haben.
Monographien, also wissenschaftliche Einzelbücher, spielen eine große Rolle; hinzu kommen Sammelbände und Fachzeitschriften. Besonders wichtige deutsche Zeitschriften sind Historia, Chiron und Klio. Das Fach ist international eng vernetzt. Neben Englisch gelten Deutsch, Französisch und Italienisch als Sprachen, deren Fachliteratur Althistoriker zumindest passiv verstehen müssen.
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