Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Angevinisches Reich

Das angevinische Reich (englisch Angevin Empire, französisch Empire angevin oder Empire Plantagenêt) ist eine moderne Bezeichnung für den umfangreichen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Aufbau
  2. 2. Entstehung und Besitz
  3. 3. Höhepunkt unter Heinrich II.
  4. 4. Kriege und Zusammenbruch
  5. 5. Friedensschluss und Folgen

Begriff und Aufbau

Das angevinische Reich ist die moderne Bezeichnung für den umfangreichen Besitz des Hauses Plantagenet von etwa 1150 bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Es umfasste hauptsächlich die westliche Hälfte Frankreichs und das Königreich England. „Angevinisch“ verweist auf Anjou, das Stammland der Plantagenets um Angers. Der Ausdruck Angevin Empire wurde 1887 von der britischen Historikerin Kate Norgate verwendet.

Der Begriff „Reich“ ist umstritten. Die Plantagenets besaßen keinen Kaisertitel; ihr höchster Titel war König von England, der nur dort Herrschaftsrechte begründete. Auf dem französischen Festland regierten sie jeweils aufgrund einzelner Titel, etwa als Herzöge oder Grafen. Es handelte sich daher nicht um englisches Hoheitsgebiet auf dem Kontinent, sondern um eine Verbindung verschiedener Herrschaftsrechte innerhalb einer Familie. In Frankreich heißt der Länderkomplex auch Empire Plantagenêt.

Es gab keinen einheitlichen Staat, keine gemeinsame Reichsverwaltung, kein einheitliches Recht und kein allgemeines Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Territorien waren in Personalunion verbunden: Derselbe Herrscher regierte mehrere rechtlich getrennte Länder. England und die Normandie besaßen eine stark zentralisierte Verwaltung; in Aquitanien und der Bretagne hing die Herrschaft viel stärker von der Treue mächtiger Vasallen ab. Entscheidend war zudem, dass die festländischen Besitzungen Lehen des französischen Königs waren. Die Plantagenets waren dort also Vasallen der Kapetinger, obwohl sie oft mächtiger als der französische König selbst waren.

Entstehung und Besitz

Die Grundlage entstand durch zwei Ehen. 1128 heiratete Graf Gottfried V. von Anjou, genannt Plantagenêt „Ginster“, Mathilde „die Kaiserin“, die Erbin des anglo-normannischen Reichs. Dadurch erhielt das Haus Plantagenet Ansprüche auf die Normandie, die 1144 verwirklicht wurden, und auf England. Ihr Sohn Heinrich II. Kurzmantel heiratete 1152 Eleonore von Aquitanien. Mit ihr kam ihr großer Besitz im Süden Frankreichs an die Familie. Nach dem Tod Stephans von Blois bestieg Heinrich 1154 den englischen Thron.

Zum Kernbesitz gehörten Anjou, Tours, Maine und die Normandie, außerdem Aquitanien mit Poitou, Saintonge, Angoulême, Périgord, La Marche, Auvergne und zahlreichen Vizegrafschaften. Hinzu kamen die Gascogne mit dem Bordelais und Agenais sowie weitere Vasallen. Unter angevinischer Oberherrschaft standen zeitweise auch die Grafschaft Toulouse (seit 1173 als Lehen Aquitaniens), das Königreich Schottland (seit 1157), walisische Fürstentümer (seit 1163), die Bretagne (1166) und Ostirland (1171).

Höhepunkt unter Heinrich II.

Heinrich II. erreichte die größte territoriale Ausdehnung. 1156 huldigte er Ludwig VII. im Vexin für alle Festlandsbesitzungen. Seine Oberherrschaft auf den britischen Inseln baute er durch die Huldigung Schottlands 1157, der walisischen Fürsten im Juli 1163 und durch den Irlandzug von Oktober 1171 aus.

Ein Eroberungsversuch gegen Toulouse scheiterte 1159, weil Ludwig VII. die belagerte Stadt persönlich aufsuchte. Heinrich wollte seinen Lehnsherrn nicht gefährden. 1173 huldigte Graf Raimund V. von Toulouse den Plantagenets und hielt Toulouse fortan als Lehen Aquitaniens.

Die Macht blieb jedoch instabil. Besonders in Aquitanien und der Bretagne widersetzten sich Vasallen einer stärkeren herzoglichen Herrschaft. Heinrich ordnete 1169 in Montmirail eine formelle Herrschaftsteilung an: Heinrich der Jüngere erhielt Anjou, Normandie und Bretagne, Richard Aquitanien; Gottfried sollte später die Bretagne übernehmen. Johann erhielt zunächst kein Land und wurde deshalb „Ohneland“ genannt; 1177 wurde er Herr von Irland. Tatsächlich behielt Heinrich II. die politische Macht. Die Rebellion seiner Söhne schlug er bis September 1184 mit Söldnern, den Brabanzonen, nieder.

Nach dem Tod Heinrichs des Jüngeren 1183 verschärfte sich der Konflikt um die Nachfolge. Richard verbündete sich 1187 mit Philipp II. August gegen seinen Vater und huldigte ihm am 18. November 1188 auch für Anjou und Normandie. Im Vertrag von Azay-le-Rideau vom 4. Juli 1189 musste Heinrich II. die Eroberungen Richards und Philipps II. anerkennen; zwei Tage später starb er in Chinon.

Kriege und Zusammenbruch

Richard Löwenherz wurde 1189 Alleinherrscher, geriet aber rasch mit Philipp II. in Konflikt, unter anderem wegen seiner verweigerten Ehe mit Alice (Alix) von Frankreich und des normannischen Vexin. Während des Dritten Kreuzzugs zerbrach ihr Verhältnis endgültig. Richard heiratete auf Zypern Berengaria von Navarra; Philipp kehrte 1191 nach Frankreich zurück und verbündete sich mit Richards Bruder Johann. Als Richard im Dezember 1192 gefangen genommen wurde, eroberte Philipp Teile der Normandie, darunter Gisors. Nach Richards Freilassung Anfang 1194 gewann dieser militärisch wieder an Boden, unter anderem bei Fréteval 1194 und Gisors 1198. Er starb jedoch im April 1199 auf einem Feldzug in Aquitanien.

Johann wurde 1199 trotz unsicherer Erbansprüche Arthurs von Bretagne weitgehend anerkannt. Im Vertrag von Le Goulet vom 22. Mai 1200 akzeptierte er aber erhebliche Verluste in Normandie und Berry. Seine Heirat mit Isabella von Angoulême im August 1200, die zuvor einem Lusignan versprochen war, löste einen Lehnsprozess aus. Weil Johann nicht vor dem französischen Gericht erschien, wurde er 1202 seiner französischen Lehen für verlustig erklärt. Nach dem Gerücht, Johann habe den gefangenen Arthur ermordet, fielen viele Vasallen ab. Bis 1204 brachte Philipp II. Normandie, Anjou, Maine und Touraine unter seine Herrschaft; in Aquitanien und Gascogne brach die Plantagenetherrschaft nach dem Tod Eleonores ebenfalls weitgehend zusammen.

Johann festigte danach vor allem seine Macht in England, Schottland, Irland und Wales. Seine Kirchenpolitik und hohe Steuern zur Rückeroberung der Festlandsgebiete führten jedoch zum Widerstand der englischen Barone. Ein Rückeroberungsversuch scheiterte 1214: Johann wurde am 2. Juli bei Roche-aux-Moines geschlagen, Kaiser Otto IV. am 27. Juli bei Bouvines. In der Magna Carta vom 12. Juni 1215 musste Johann den Baronen weitreichende rechtliche Zugeständnisse und Beteiligung an der Macht gewähren. Nach seinem Tod am 26. Oktober 1216 blieb sein Sohn Heinrich III. mit päpstlicher Unterstützung König.

Friedensschluss und Folgen

1224 ergaben sich im Poitou die letzten Anhänger der Plantagenets; nur die Gascogne blieb zunächst erhalten. Heinrich III. versuchte 1242 nochmals, verlor aber am 21. Juli bei Taillebourg gegen Ludwig IX. den Heiligen. Der Vertrag von Paris wurde am 28. Mai 1258 unterzeichnet, von den englischen Baronen ratifiziert und trat am 5. Dezember 1259 mit Heinrichs III. Huldigung für seine französischen Besitzungen in Kraft. Heinrich erkannte die früheren Verluste an Frankreich an, wurde aber in der Gascogne (Guyenne) bestätigt und erhielt Saintonge sowie Teile von Angoumois und Périgord zurück.

Das Ende des angevinischen Reichs stärkte die französische Königsgewalt. Die Kapetinger nutzten ihre Stellung an der Spitze der Lehnspyramide und entwickelten eine auf ihre Dynastie bezogene Herrschaftsideologie. Philipp II. nannte sich als erster Kapetinger rex Franciae („König von Frankreich“) statt rex Francorum („König der Franken“).

Für England war die Entwicklung ebenfalls bedeutsam: Die Belastung durch die Festlandspolitik stärkte das politische Selbstbewusstsein der Barone; die Magna Carta wurde zu einer wichtigen Weichenstellung der englischen Verfassungsgeschichte. Der Verlust der meisten Festlandsgebiete begünstigte zudem eine englische Nationalidentität. Die Plantagenets blieben wegen der Guyenne Vasallen Frankreichs. Dieses Lehnsverhältnis und der Streit um das Agenais trugen später maßgeblich zu Konflikten bei, die Ursachen des Hundertjährigen Krieges im 14. Jahrhundert waren.

Weiterlesen

Königreich England Das Königreich England bestand vom Zusammenbruch der Heptarchie im Frühmittelalter bis zum Jahr 1707. Sein Nachfolger wurde das durch den formalen … Antike Die Antike (von lateinisch antiquus ‚alt, altertümlich, altehrwürdig') war eine Epoche im Mittelmeerraum, die etwa von 800 v. Chr. bis 600 n. Heiliges Römisches Reich Das Reich bildete sich im 10. Jahrhundert unter der Dynastie der Ottonen aus dem ehemals karolingischen Ostfrankenreich heraus. ... Mit seiner Kaiserkrönung am 2. Byzantinisches Reich Die Geschichte des Reiches war vom Abwehrkampf gegen äußere Feinde geprägt, der seine Kräfte erheblich beanspruchte und seine Ressourcen in der Spätzeit … Römisches Reich Die altrömische Überlieferung datiert die Gründung Roms zwischen 814 und 728 v. Chr., meist jedoch um das Jahr 750 v. · Der letzte römische bzw. etruskische … Römisch-deutscher Kaiser Das römisch-deutsche Reich im späten Mittelalter (1308-1437). In: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806. Von Otto dem Großen bis zum … Lehnswesen Das Lehnswesen war kennzeichnend für den Feudalismus und das politisch-ökonomische System des europäischen Mittelalters. Aber auch in anderen Kulturen … Paris Paris (deutsch: [paˈʁiːs]; französisch: [paʁi]) ist die Hauptstadt der Französischen Republik und Hauptort der Region Île-de-France. Jerusalem Die Mauern der Altstadt umschließen einige bedeutende Orte der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam: die Klagemauer, die … Dritter Kreuzzug Der Kreuzzug begann 1189 unter der Führung von Friedrich Barbarossa, dem Kaiser des römisch-deutschen Reiches, der vor Erreichen des Heiligen Landes ums Leben … Saladin Unter dem Namen „Sultan Saladin“ wurde er zu einem Mythos der muslimischen Welt und vorbildhaften islamischen Herrscher. Er eroberte im Jahr 1187 Jerusalem. Als … Magna Carta Die Magna Carta verbriefte grundlegende politische Freiheiten des Adels gegenüber dem englischen König, dessen Land seinerzeit Lehen des Papstes Innozenz III.