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Androzentrismus

Es wird häufig ohne Überprüfung angenommen, dass heutige gesellschaftliche Rollenbilder für die Geschlechter auf die Gesellschaft des alten Ägypten übertragbar …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Wissenschaft als männlich geprägte Norm
  3. 3. Medizin und Psychologie
  4. 4. Forschung, Geschichte und Produkte
  5. 5. Gesellschaft, Öffentlichkeit und Religion
  6. 6. Sprache und Medien

Begriff und Bedeutung

Androzentrismus bezeichnet eine Sichtweise, in der der Mann als Zentrum gilt und männliche Lebensmuster sowie Denksysteme als allgemeine Norm behandelt werden. Dadurch wird von „Mann“ unterschiedslos auf „Mensch“ verallgemeinert; andere Geschlechter, besonders das „Weibliche“, erscheinen als Abweichung vom Allgemein-Menschlichen. Dies ist mit einem Gender Bias verbunden, also einer systematischen geschlechtsbezogenen Voreingenommenheit.

Als Ursache werden nicht unbedingt ausdrücklich negative Überzeugungen über Frauen vermutet. Entscheidend können gesellschaftlich geteilte Denkstrukturen sein, die Männer als typischere Mitglieder der Kategorie „Mensch“ einordnen. Wegen seiner Folgen wird Androzentrismus als Form von Sexismus angesehen, auch wenn beide Begriffe unterscheidbar sind; er steht auf demselben Spektrum wie Misogynie. Die Auseinandersetzung damit ist ein zentraler Teil des Feminismus.

Androzentrismus betrifft die Denkweise aller Menschen, auch wenn Studien zufolge Männer häufiger androzentrisch denken. In einer Studie von 2022 wurden im Mittel 90 % der „illusorischen Gesichter“ in Gegenständen als männlich eingeschätzt. Die Norm des cisgeschlechtlichen Mannes kann Frauen und Menschen mit anderen geschlechtlichen Identitäten benachteiligen. Sie beeinflusst sich wechselseitig mit Ethnozentrismus, Heteronormativität und Cisnormativität. Eine Studie von 2024 weist außerdem auf einen durchschnittlichen Bias hin, weiße Personen als „Norm-Person“ zu sehen.

Androzentrismus bevorzugt oft nur bestimmte Formen traditioneller Männlichkeit. Davon abweichende Verhaltensweisen und Selbstverständnisse können auch bei Männern ausgeblendet oder abgewertet werden. Kritische Männlichkeit untersucht und hinterfragt solche Rollenbilder sowie Hierarchien zwischen Männern.

Wissenschaft als männlich geprägte Norm

Die feministische Wissenschaftskritik beschreibt einen Androzentrismus im Wissenschaftsbetrieb. Frauen hatten lange nur eingeschränkten Zugang zu Menschenrechten, Bildung, Studium und Erwerbstätigkeit. In Deutschland errangen sie diese Rechte erst Anfang des 20. Jahrhunderts; der Frauenanteil unter Studierenden stieg danach nahezu stetig und erreichte 2020 erstmals 50 %.

Nach dieser Kritik waren Frauen wegen ihres späten Zugangs zu Universitäten und Forschung besonders in der Grundlagenforschung weniger beteiligt. Grundlegende Prinzipien und Fragestellungen etwa in Psychologie oder Medizin seien deshalb überwiegend durch männliche Sichtweisen geprägt. Probleme würden einseitig ausgewählt und definiert. Wissenschaft erfülle daher ihren Anspruch auf Universalität, Objektivität und Rationalität nicht automatisch, sondern könne einen Bias enthalten.

In den 1980er Jahren entwickelte sich die feministische Wissenschaftstheorie. Sie verlangte nicht nur eigene Forschungsbereiche zu Frauen, sondern eine Veränderung aller Disziplinen: Patriarchales Denken sollte aus Methoden und Theorien entfernt werden. Daraus ging die feministische Erkenntnistheorie hervor.

Medizin und Psychologie

In der Medizin wird ein Gender-Data-Gap beschrieben: Daten und Wissen über Gesundheit fehlen häufig, meist zu Ungunsten von Frauen; auch für transgeschlechtliche Personen bestehen Wissenslücken. Dies kann Diagnosen sowie die Auswahl und Dosierung von Medikamenten beeinflussen. Medizinische Forschung wurde anfangs fast ausschließlich an männlichen Leichen betrieben. Die männliche Anatomie wurde zum Standard, während Frauen als „kleiner Mann“ galten und kaum erforscht wurden.

Klinische Studien haben laut mehreren Forschenden weiterhin überproportional viele männliche und cisgeschlechtliche Probanden. Das ist problematisch, weil dieselbe Erkrankung je nach biologischem Geschlecht unterschiedliche Symptome hervorrufen kann und Medikamente bei Patientinnen anders wirken oder andere Nebenwirkungen haben können. Beim Herzinfarkt treten bei Frauen oft Oberbauchschmerzen oder Übelkeit, bei Männern eher Schmerzen in Brust und Schulter auf. Werden weibliche Symptome nicht erkannt, kann ein Herzinfarkt bei Frauen später oder gar nicht diagnostiziert werden; dies wird „Yentl-Syndrom“ genannt. Frauen haben deshalb eine deutlich höhere Sterberate bei Herzinfarkten. Auch Erkrankungen, die mehrheitlich Frauen betreffen, etwa Lupus oder Endometriose, seien rückwirkend häufig zu wenig erforscht und finanziert worden.

Androzentrische Medizin kann jedoch auch Männer benachteiligen. Bei Depression oder Osteoporose, die überwiegend Frauen zugeschrieben werden, können Männer fehldiagnostiziert werden, wenn sich die als klassisch geltenden Symptome an Frauen orientieren. Anatomielehrbücher zeigen etwa zweimal häufiger Männer als Frauen; erst 2022 enthielten einige Schulbiologiebücher erstmals eine detailgetreue Abbildung der Klitoris. Laut einer Umfrage des deutschen Ärztinnenbundes von 2016 war geschlechterspezifische Medizin an Fakultäten oft nicht ausreichend als Lehrstoff gesichert. Ein Gutachten von 2020 stellte Fortschritte in Kardiologie und klinischer Pharmakologie, aber weiterhin Defizite fest.

Auch die Psychologie wurde kritisch betrachtet, weil viele frühe Theorien vom Mann als Modell und von Frauen als Abweichung ausgingen. Seit den 1960er Jahren wurde dieser Bias systematisch untersucht. Seit den 1970er Jahren ist die zentrale Auffassung, dass er das Verständnis des Menschen beeinträchtigt und bis heute nachwirkt. Biologischer Determinismus, der Frauen etwa geringere Rationalität als angeboren zuschrieb, wird rückblickend als Rechtfertigung und Naturalisierung einer patriarchal-sexistischen Kultur eingeordnet. Cordelia Fine prägte für die starke Forschung, Förderung und Medienbeachtung angeblicher Gehirnunterschiede gegenüber Ähnlichkeiten und Mehrdeutigkeiten den Begriff „Neurosexismus“.

Hegarty und Buechel fanden 2006 für APA-Journals von 1965 bis 2004, dass Erklärungen von Geschlechtsunterschieden häufiger Eigenschaften von Frauen betreffen und Tabellen meist Männer vor Frauen nennen. Frühe Autismus- und ADHS-Forschung untersuchte fast nur Jungen. Einige heutige Studien gehen deshalb von einem Genderbias in der Diagnostik aus: Mädchen und Frauen könnten unter- oder fehldiagnostiziert werden und benötigte Hilfe nicht erhalten.

Forschung, Geschichte und Produkte

In der Geschichtswissenschaft sind Frauen unterrepräsentiert. In den USA waren zwischen 2010 und 2021 68–69 % der Geschichtsprofessuren mit Männern besetzt. Von 614 populären Geschichtsbüchern des Jahres 2015 stammten etwa 76 % von männlichen Autoren; rund 72 % ihrer Bibliographien behandelten einen Mann. Nicht-männliche Personen werden zudem in Erinnerungskulturen oft vergessen: Fast jeder siebte Widerständler im NS-Regime war eine Frau, dennoch richtet sich das Gedenken häufig auf Männer. In Deutschland sind rund sechsmal so viele Straßen nach Männern wie nach Frauen benannt. Als Gegenbewegung entstand in den 1970er Jahren die Frauengeschichte, auch „Herstory“ genannt.

In der Anthropologie beruht die Vorstellung, die meisten Jäger der vorzivilisatorischen Arbeitsteilung seien Männer gewesen, teilweise auf unbegründeten Annahmen. Solange Skelettreste geschlechtlich nicht bestimmt werden konnten, wurden Gräber mit Waffen Männern zugeschrieben. Dadurch wurde der Frauenanteil bei Jägern systematisch und substanziell unterschätzt; möglicherweise waren bis zu 50 % der Jäger Frauen.

In der Produktentwicklung können angeblich geschlechtsneutrale Produkte an männlichen Durchschnittswerten ausgerichtet sein. Als Beispiele werden Siri in der Anfangsphase, die Apple-Health-App von 2014 und Geräte wie Smartwatches, VR-Headsets und haptische Jacken genannt. Siri konnte Prostituierte und Viagra-Anbieter finden, aber keine Abtreibungskliniken; bei „Ich wurde vergewaltigt“ half sie nicht. Die Health-App erfasste viele Gesundheitsmarker, jedoch nicht den Menstruationszyklus. VR-Headsets können Frauen wegen unpassender Größen möglicherweise stärker dem Risiko einer Kinetose aussetzen.

Auto-Crashtest-Dummys orientierten sich seit den 1950er Jahren jahrzehntelang am Durchschnittsmann. Der häufigste Dummy ist 1,77 Meter groß und 76 Kilogramm schwer. In den USA wurde erst 2011 erstmals ein weiblicher Dummy eingesetzt; häufig ist er nur ein kleinerer, leichterer männlicher Dummy und wird oft lediglich auf dem Beifahrersitz getestet. Frauen werden bei einem Unfall mit 71 % höherer Wahrscheinlichkeit mittelschwer und mit 47 % höherer Wahrscheinlichkeit schwer verletzt als Männer, auch nach Berücksichtigung von Größe, Gewicht, Gurtbenutzung und Aufprallintensität. Laut NHTSA ist ihre Wahrscheinlichkeit, bei einem Autounfall zu sterben, um 17 % höher.

Gesellschaft, Öffentlichkeit und Religion

Androzentrische Vorstellungen prägten nach dem Artikel schon das späte römische und byzantinische Zeitalter: Menschliches Idealverhalten und Männlichkeit wurden kaum unterschieden. In der Aufklärung wurden „allgemeine Menschenrechte“ meist auf weiße Männer, nicht aber auf Frauen bezogen. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 galt trotz des Anspruchs „für alle Menschen“ nur für Männer. Olympe de Gouges forderte deshalb 1791 mit der Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin rechtliche Gleichheit; ihre Forderung wurde zunächst ignoriert, sie wurde 1793 hingerichtet.

Feministische Politikwissenschaft bewertet die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit als androzentrisch. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurde Frauen der Ausschluss aus Politik mit einer angeblich „natürlichen“ Geschlechterdifferenz begründet. Die öffentliche Sphäre wurde maskulinisiert, die private feminisiert. Nach Gundula Ludwig legitimierte dies patriarchale Machtverhältnisse und erlaubte dem Staat, Sorgearbeit der Privatsphäre und damit mehrheitlich Frauen zuzuweisen. Birgit Sauer sieht auch in der neoliberalen Konzentration auf Erwerbsarbeit eine androzentristische Komponente: Mehr Frauen arbeiten erwerbstätig, Haus- und Sorgearbeit wird aber nicht entsprechend aufgewertet oder stärker von Männern übernommen.

In Religionen werden Frauen laut Artikel vielfach als besondere, erklärungsbedürftige Kategorie behandelt. Feministische Theologie kritisiert, dass Gott im Christentum als „Vater“ oder „Herr“ männlich markiert wird. Androzentrismus wird außerdem teilweise im Judentum, Konfuzianismus, Islam und Hinduismus gesehen. Solche Sichtweisen können religiöse Aussagen prägen und sich dadurch selbst legitimieren sowie gegen Kritik immunisieren.

Sprache und Medien

Forschende bewerten Sprachphänomene im Englischen, Spanischen, Französischen und Deutschen teilweise als androzentristisch oder sexistisch. Dazu gehören generisch maskuline Ausdrücke und der „male-first-bias“: Bei einem gemischtgeschlechtlichen Paar wird meist der Mann zuerst genannt. Eine Studie von 2005 zeigte, dass Menschen in von links nach rechts gelesenen Sprachen „Mann“ oft links von „Frau“ platzieren.

Im Englischen können „man/he/him/his“ alle Menschen bezeichnen, etwa in „man is mortal“ oder „mankind“; dies heißt „generic male language“ oder „masculine generics“. Die American Psychological Association definierte masculine generics 1977 als sexistisch. Psychologische Forschung zeigt, dass solche Formen eher an Männer denken lassen, Männer als beruflich geeigneter erscheinen lassen und Frauen ausgrenzen können. Im Deutschen gelten Personen beim generischen Maskulinum grammatisch zwar unabhängig vom Sexus als eingeschlossen. Psychologische, psycholinguistische und neurologische Studien kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass es kognitiv oft eher mit Männern verbunden wird.

In Medien sind Frauen in Filmen, Serien, Büchern, Zeitungsberichten und Musik unterrepräsentiert und werden häufig aus einer männlichen Perspektive für ein männliches Publikum dargestellt. In Top-Filmen sank der Männeranteil sprechender Rollen von 70,1 % im Jahr 2007 auf 68,6 % im Jahr 2016. 2021 hatten 85 % der US-Filme mehr männliche als weibliche Figuren, nur 7 % mehr weibliche; 65 % der Hauptfiguren waren männlich. Der Bechdel-Test fragt, ob mindestens zwei Frauenrollen vorkommen, miteinander sprechen und über etwas anderes als einen Mann reden. Bei 40 % der beliebtesten Filme von 2010 wird mindestens eine Frage verneint; auf Männer angewandt bestehen dagegen nur 5 % der Filme den Test nicht.

Eine KI-Studie von 2022 fand in 2426 zufällig ausgewählten gemeinfreien Büchern von 1800 bis 1950 74 bis 78 % männliche Figuren. In 1000 zufällig ausgewählten populären Liedern von 2012 bis 2021 waren nur 21,8 % der auftretenden, 12,7 % der Songs schreibenden und 2,8 % der produzierenden Menschen Frauen.

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