Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschlechterrolle
Durch diese polarisierten Rollenerwartungen würden gesellschaftliche Positionen wie der Beruf, Wirtschaft, Politik und Familie bereits vorgegeben. Somit sei …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Grundidee
Eine Geschlechterrolle oder Geschlechtsrolle ist im engeren Sinn die Summe der Verhaltensweisen, die in einer Kultur für ein bestimmtes Geschlecht als typisch oder akzeptabel gelten und Personen zugeschrieben werden. Im weiteren Sinn umfasst sie auch individuelle Verhaltensweisen, die eine Person mit ihrer Geschlechtsidentität verbindet oder durch die sie ihre Identität ausdrücken will.
In Soziologie und Psychologie werden biologisches Geschlecht (sex; weiblich, männlich, intersexuell) und Gender zunehmend unterschieden. Gender bezeichnet dabei kulturell und gesellschaftlich geprägte Geschlechterrollen. Fachbegriffe wie Doing Gender untersuchen, wie Geschlecht im Handeln hergestellt wird; Geschlechtshabitus erklärt die psycho- und soziogenetische Entwicklung von Gender beziehungsweise Doing Gender. Umgangssprachlich ist „Geschlechterrolle“ verbreitet, obwohl der Begriff Geschlecht dann oft vereinfacht als naturhaft und unveränderlich erscheint.
Kulturelle Prägung und Wandel
Keine Kultur ohne Geschlechterrollen ist bekannt. Sie sind historisch entstanden und ständig veränderbar. Die biologischen Rollen bei der Fortpflanzung wurden bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kaum infrage gestellt; seit medizinische Möglichkeiten diese teilweise verändern können, wird auch darüber diskutiert. Die kulturelle Aufgabenteilung kann sehr unterschiedlich sein. Als bekannte Norm gilt die heteronormative oder patriarchalische Rollenordnung, die im Westen seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend kritisiert und verändert wird.
Als wichtige Faktoren des Wandels nach dem Ersten Weltkrieg nennt der Artikel unter anderem Millionen Witwen und alleinerziehende Mütter, Frauen an zuvor männlich besetzten Arbeitsplätzen, Hunger ab Herbst 1916, Inflation von 1914 bis zur Hyperinflation und Währungsreform 1923 sowie das Frauenwahlrecht in vielen Ländern. Genannt werden Österreich am 12. November 1918, Deutschland am 30. November 1918, die USA 1920, Afghanistan 1963 und die Schweiz 1971. Auch im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts änderten sich in westlichen Gesellschaften die sozial erwünschten Eigenschaften für Frauen und Männer weiter.
Rollenverhalten und Erwartungen
Rollenverhalten ist das Verhalten, das von einer Person in einer sozialen Position erwartet wird. Rollenerwartungen beziehen sich auf wiederkehrende Haltungen, Leistungen und Tätigkeiten, die der Rollenträger durch angemessenes Verhalten erfüllen soll. Neben Beruf und Alter beeinflusst auch das sozial zugeschriebene Geschlecht, welche Rollen Personen erhalten. Solche Vorstellungen unterscheiden sich zwischen Kulturen.
Für die westliche Kultur nennt der Artikel traditionelle Zuschreibungen: Frauen werden eher Abhängigkeit, Passivität, sexuelle Zurückhaltung, Einfühlung und jugendliche sexuelle Attraktivität zugeschrieben; Männern eher Aggressivität, Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz, Gefühlsunterdrückung und Unabhängigkeit. Abweichungen können von Frauen und Männern sanktioniert werden.
Parsons und Bales beschreiben die Frauenrolle als expressiv: Sie umfasst sozial ausgerichtete Tätigkeiten wie Fürsorge, Pflege, Erziehung und Dienst. Die Männerrolle wird als Gegenpol und stärker sachbezogen dargestellt. Polarisierte Erwartungen können Beruf, Wirtschaft, Politik und Familie vorstrukturieren und geschlechteratypische Berufe erschweren. Geschlechtsrollendifferenzierung zeigt sich laut Artikel unter anderem in Unterschieden bei Bildung, Beruf, Einkommen und der Doppelbelastung, wenn Frauen Erwerbsarbeit und Familie verbinden.
Geschlechterstereotype und ihre Wirkung
Geschlechterstereotype sind „kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Männern und Frauen enthalten“. Sie gehören zugleich zum individuellen Wissen und zu einem kulturell geteilten Verständnis. Deskriptive Anteile beschreiben, welches Verhalten Frauen und Männer angeblich typischerweise zeigen; sie vereinfachen Wahrnehmung und erzeugen Erwartungen. Präskriptive Anteile schreiben vor, wie Frauen und Männer sein sollen. Ihre Verletzung kann Überraschung, Ärger und soziale Sanktionen auslösen und Geschlechterhierarchien stabilisieren. Beispielsweise wird aus „Frauen gehen gerne einkaufen“ nicht abgeleitet, dass Frauen gerne einkaufen gehen sollen; dieses Stereotyp ist daher nicht präskriptiv.
Zur Erfassung wird die Prozentschätzung verwendet: Befragte geben auf einer Skala von 0 bis 100 an, wie viele Prozent der Frauen beziehungsweise Männer ein Merkmal besitzen. Stereotypisierung ist die Anwendung stereotypen Wissens auf einzelne Personen und geschieht zu Beginn einer Begegnung oft unbewusst. Sexismus umfasst geschlechterbezogene Stereotype, Affekte und Verhaltensweisen, die zu ungleichem sozialem Status von Frauen und Männern führen.
Globalstereotype beziehen sich allgemein auf „Frau“ und „Mann“, Substereotype auf spezifischere Gruppen. Frauen werden häufiger mit Wärme oder Expressivität, Männer häufiger mit Kompetenz oder Instrumentalität verbunden. Bei Substereotypen werden vier Kombinationen von Wärme und Kompetenz unterschieden: paternalistisch (niedrige Kompetenz, hohe Wärme, etwa Hausfrau), bewundernd (beides hoch), verachtend (beides niedrig) und neidvoll (hohe Kompetenz, niedrige Wärme, etwa Karrierefrau). Paternalistische und neidvolle Frauenstereotype können traditionelle Rollen und berufliche Beschränkungen aufrechterhalten.
Stereotype dienen unter anderem der Ökonomie, Identifikation, Inferenz, Evaluation, Kommunikation und der Legitimation von Statusunterschieden. Sie prägen Interaktionen: Unausgesprochene Erwartungen können selbsterfüllende Prophezeiungen erzeugen. In einem Mathematiktest fielen die Leistungen von Schülerinnen niedriger aus, wenn zuvor stereotypkonform Geschlechtsunterschiede in diesem Leistungsbereich betont worden waren; bei Schülern trat dieser Effekt nicht ein. Im Berufsleben können widersprüchliche Anforderungen eine No-Win-Situation schaffen: Im Urteil Price Waterhouse gegen Ann Hopkins von 1990 wurde dies für Frauen beschrieben, von denen Durchsetzungsfähigkeit verlangt, Maskulinität aber zugleich missbilligt wird.
Entwicklung von Geschlechterverhalten
Geschlechtstypisierung bezeichnet das Zusammenwirken biologischer, sozialer und psychischer Prozesse bei der Geschlechterdifferenzierung. Sie ist nie abgeschlossen und verändert sich über das ganze Leben durch sozialen Einfluss und innere Entwicklung. Bereits sechs Monate alte Kinder können männliche und weibliche Stimmen unterscheiden, neunmonatige Babys weibliche und männliche Gesichter. Mit drei Jahren bestimmen die meisten Kinder das eigene und andere Geschlechter richtig. Bis zum Grundschulbeginn entstehen starre Stereotype; gegen Ende der Grundschulzeit werden sie weniger rigide. Bei Jugendlichen relativieren häufigere Begegnungen mit dem anderen Geschlecht anfangs negative Stereotype, die ambivalenter werden.
Erklärungsansätze sind interdisziplinär und beziehen Biologie, Ethnologie, Psychiatrie, Psychologie, Sozialpsychologie und Soziologie ein. Die psychoanalytische Auffassung betont die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Die Theorie des sozialen Lernens erklärt Rollenverhalten durch Verstärkung passender und Bestrafung abweichender Verhaltensweisen. Beobachtungs- oder Nachahmungslernen betont Vorbilder und die Reaktionen der Eltern, berücksichtigt aber kognitive und affektive Faktoren nur begrenzt. Die Theorie der kognitiven Entwicklung knüpft an Piaget an: Ab etwa drei Jahren ist Selbstkategorisierung als Junge oder Mädchen möglich; ungefähr mit sechs Jahren verstehen Kinder die Beständigkeit ihres Geschlechts auch bei veränderter Kleidung oder Haarlänge.
Erklärungen, Belastungen und rechtliche Bezüge
Die Theorie der sozialen Rollen von Alice H. Eagly erklärt stereotype Eigenschaften aus typischen Berufs- und Familienrollen. Menschen schließen dabei vom beobachteten Rollenverhalten auf Eigenschaften der Rolleninhaber und übersehen, dass Verhalten oft durch Erwartungen verursacht wird; dies heißt Korrespondenzverzerrung. Das Stereotypinhaltsmodell von Susan Fiske verbindet Status und Stereotype: Ein hoher Status und Konkurrenz im Berufsleben werden mit dem traditionellen Männerstereotyp, ein niedrigerer Status und kooperative Abhängigkeit im partnerschaftlichen und familiären Bereich mit dem traditionellen Frauenstereotyp verknüpft.
Frauenbewegung, Industrialisierung und die Weltkriege veränderten Geschlechterrollen stark; die weibliche Rolle wurde stärker liberalisiert als die männliche. Forschung stellte Grundlagen herkömmlicher Rollenverteilungen infrage. Der Artikel verweist außerdem auf Transgender-Bewegung sowie die stärkere Wahrnehmung von Intergeschlechtlichkeit und nichtbinären Geschlechtsidentitäten.
Geschlechtsrollenstress ist Stress durch Abweichung von gesellschaftlichen oder kulturellen Geschlechternormen. Die systematische Erforschung begann 1987 in den USA mit einer Erhebung zu männlichem Geschlechtsrollenstress; 1992 folgte eine Systematik zum weiblichen Geschlechtsrollenstress. Gesetzliche Regelungen können weiterhin an Rollenverteilungen anknüpfen: Mit wenigen Ausnahmen, etwa Israel, Norwegen, Schweden und teilweise China, betrifft Wehrpflicht nur Männer. In einigen europäischen Staaten gilt für Männer wegen der historisch gewachsenen Ernährerrolle ein höheres gesetzliches Renteneintrittsalter, beispielsweise in Griechenland, Österreich, der Schweiz und Italien.