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Andrej Holm
Andrej Holm (* 8. Oktober 1970 in Leipzig) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler mit den Themenschwerpunkten Stadterneuerung, Gentrifizierung und …
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Überblick und wissenschaftliche Arbeit
Andrej Holm (* 8. Oktober 1970 in Leipzig) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler. Seine Schwerpunkte sind Stadterneuerung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik. Gentrifizierung bezeichnet die Aufwertung eines Stadtviertels, die häufig mit steigenden Mieten und der Verdrängung bisheriger Bewohner verbunden ist. Von 2016 bis 2017 war Holm kurzzeitig Staatssekretär für Wohnen in der Berliner Landesregierung des Senats Müller II.
Von 1990 bis 1997 studierte Holm Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2004 wurde er bei Hartmut Häußermann promoviert; seine Arbeit trug den Titel „Restrukturierung des Raumes und gesellschaftliche Macht im Sanierungsgebiet“. Von 1998 bis 2001 arbeitete er dort im Forschungsprojekt „Veränderte Bedingungen der Stadterneuerung – Beispiel Ostberlin“. Nach weiteren Forschungs- und Lehrtätigkeiten, unter anderem an der Universität Frankfurt und der Universität Oldenburg, ist er seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität; seit 2013 unbefristet.
Seit 2008 betreibt Holm das Gentrification Blog. Er forschte unter anderem zu städtischen Veränderungen im neoliberalen Zeitalter, also unter Bedingungen einer Politik, die Marktmechanismen und Privatisierung stark betont. Seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit befasst sich besonders mit Mietpreisentwicklungen, Wohnungsprivatisierung und Konflikten um Aufwertung und Verdrängung in Städten.
Herkunft, Jugend und politische Aktivitäten
Holm wuchs in Leipzig und Berlin-Hohenschönhausen auf. Sein Urgroßvater Johannes Holm wurde im Nationalsozialismus wegen politischer Aktivitäten verfolgt, leistete Widerstand und war später Verleger in der DDR. Sein Vater Hans Holm war in der Abteilung XX der Bezirksverwaltung Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) tätig.
Mit vierzehn Jahren wurde Holm Mitglied eines FDJ-Bewerberkollektivs für militärische Berufe. Von 1985 bis 1989 war er Sekretär der Leitung der FDJ-Grundorganisation seiner Schule; im Januar 1989 wurde er Kandidat der SED. Nach dem Abitur begann er im September 1989 eine Ausbildung als Offiziersschüler im MfS-Wachregiment „Feliks Dzierzynski“. Nach einer sechswöchigen militärischen Grundausbildung arbeitete er bei der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Abteilung XX der MfS-Bezirksverwaltung Berlin. Er verpflichtete sich außerdem, im Auftrag des MfS Journalismus an der Universität Leipzig zu studieren. Ende September 1989 wurde er vereidigt; wegen der Auflösung des MfS endete sein Dienst Ende Januar 1990.
Während der Wende engagierte sich Holm in der oppositionellen Marxistischen Jugendvereinigung Junge Linke und im Bündnis Vereinigte Linke. Später war er in der autonomen Hausbesetzerbewegung sowie in Stadtteil- und Mieterinitiativen aktiv. Er schrieb unter anderem für Telegraph, MieterEcho, junge Welt, Blätter für deutsche und internationale Politik und analyse & kritik. Außerdem arbeitete er gegen die Privatisierung von Wohnungen im „Berliner Bündnis gegen Privatisierung“ und im „Netzwerk Privatisierung/Öffentliche Güter“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Ermittlungen wegen der militanten gruppe
Im September 2006 eröffnete die Bundesanwaltschaft gegen Holm ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nach § 129a StGB. Am 31. Juli 2007 wurde er verhaftet; Anlass war der Verdacht, Mitglied der damals von der Bundesanwaltschaft als terroristisch eingestuften militanten gruppe (mg) zu sein.
Die Verhaftung wurde kritisiert, weil der Verdacht nicht auf konkreten Handlungen beruhte. Als Indizien galten unter anderem gentrifizierungskritische Äußerungen und die Wortwahl in Holms wissenschaftlichen Veröffentlichungen. 43 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland sowie Richard Sennett und Saskia Sassen forderten in offenen Briefen seine Freilassung.
Der Bundesgerichtshof hob den Haftbefehl am 24. Oktober 2007 endgültig auf. Die Ermittlungen hätten keine hinreichenden Indizien für einen dringenden Tatverdacht ergeben; außerdem sei die mg keine terroristische Vereinigung. Gegen Holm wurde keine Anklage erhoben. Am 5. Juli 2010 stellte die Bundesanwaltschaft das Verfahren mangels hinreichenden Tatverdachts ein. Holm beantragte anschließend eine Entschädigung für die aus seiner Sicht unschuldige Haft und die vorherige mehrmonatige Überwachung. Seine Partnerin Anne Roth dokumentierte begleitende Überwachungsmaßnahmen gegen beide in ihrem Blog.
Staatssekretär und Stasi-Affäre
Anfang Dezember 2016 berief der Berliner Senat Holm auf Vorschlag der Senatorin Katrin Lompscher (Die Linke) zum Staatssekretär für Wohnen. Die Ernennung führte zu breiter Kritik. Im Mittelpunkt standen seine etwa fünf Monate lange Tätigkeit als hauptamtlicher Mitarbeiter einer Wach- und Sicherungseinheit des MfS sowie frühere Angaben darüber gegenüber der Humboldt-Universität.
Am 14. Januar 2017 kündigte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller an, Holm wegen falscher Angaben und seines Umgangs damit zu entlassen. Holm trat am 16. Januar 2017 zurück. Die Humboldt-Universität kündigte ihm danach zunächst ordentlich, weil sie Falschangaben in einem Personalfragebogen von 2005 und mehreren Lebensläufen als arglistige Täuschung bewertete. Nach Studierendenprotesten und einer Institutsbesetzung wandelte die Universität die Kündigung in eine Abmahnung um. Nach Darstellung der Universität räumte Holm am 9. Februar 2017 erstmals die Falschangaben ein und bedauerte sie. Präsidentin Sabine Kunst erklärte, bei offener Darstellung seiner Biografie wäre eine Einstellung nach den vorliegenden Informationen möglich gewesen. Nach einer Beurlaubung bis Ende 2018 kehrte Holm an den Arbeitsbereich Stadt- und Regionalsoziologie zurück.
In seiner Stasi-Akte wurden „Standhaftigkeit, Mut und Klassenstandpunkt“ des 18-jährigen Offiziersschülers gelobt. Der Historiker Hubertus Knabe erklärte, Holm habe nicht nur in einer Schreibstube gesessen, sondern als Mitarbeiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe gearbeitet. Holm begründete seine damalige Tätigkeit mit jugendlicher Unerfahrenheit und fehlendem Mut, seine Verpflichtung zurückzuziehen. Ilko-Sascha Kowalczuk sah eine Instrumentalisierung des Falls von allen Seiten. Ab Februar 2017 beriet Holm die Senatsverwaltung im „Begleitkreis zum Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030“. Im Juni 2024 forderte er mit mehreren tausend weiteren Dozenten den Rücktritt von Bildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger.
Privates und Veröffentlichungen
Holm ist mit der Netzaktivistin und Journalistin Anne Roth liiert, hat mit ihr zwei Kinder und lebt in Berlin.
Zu seinen Büchern gehören „Die Restrukturierung des Raumes. Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin. Interessen und Machtverhältnisse“ (2006), „Wir bleiben alle! Gentrifizierung – Städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung“ (2010), „Mietenwahnsinn. Warum Wohnen immer teurer wird und wer davon profitiert“ (2014), „Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft. Ein sozialwissenschaftliches Handbuch“ (2021) und „Objekt der Rendite. Zur Wohnungsfrage und was Engels noch nicht wissen konnte“ (2021; zweite, aktualisierte Auflage 2023).