Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
An mein Volk und an die deutsche Nation
„An mein Volk und an die deutsche Nation“ ist eine Proklamation vom 21. März 1848, die im Zusammenhang mit der Berliner Märzrevolution entstand.
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Ausgangslage
„An mein Volk und an die deutsche Nation“ ist eine Proklamation des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. vom 21. März 1848. Sie entstand während der Berliner Märzrevolution und richtete sich an die nationalliberale Freiheitsbewegung. Ihr Entwurf stammte hauptsächlich vom neu ernannten Außenminister Heinrich Alexander von Arnim-Suckow; veröffentlicht wurde sie mit Billigung des Königs und des Staatsministeriums.
Die Erklärung beanspruchte für Preußen eine führende Rolle bei der deutschen Einigung. Das war bedeutsam, weil Deutschland bis 1871 kein einheitlicher Staat war. Der 1815 geschaffene Deutsche Bund war nur ein lockerer Zusammenschluss einzelner Staaten ohne gemeinsame Rechtsprechung, Verwaltung, Gesetzgebung und Heerorganisation. Preußen galt als möglicher Wegbereiter einer Einigung, während Österreich wegen seines Vielvölkerstaates und seiner Ausrichtung nach Osteuropa andere Interessen hatte.
Friedrich Wilhelm IV. unterstützte jedoch keine nationalliberale Einigung nach modernen Verfassungsgrundsätzen. Er stellte sich vielmehr eine Wiederherstellung des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches als christlichen und ständischen Idealstaat vor. Die Rechte der deutschen Dynastien sollten erhalten bleiben; die deutschen Fürsten sollten einen „König der Deutschen“ wählen. Deshalb standen seine Vorstellungen teilweise im Gegensatz zu den liberalen und demokratischen Forderungen nach nationaler Einheit und Volksvertretung.
Entstehung im März 1848
Nach dem Sturz des französischen Königs Louis-Philippe I. im Februar 1848 und des österreichischen Staatskanzlers Metternich im März 1848 demonstrierten am 18. März auch Menschen in Berlin. Der König kündigte um 14 Uhr an, der bevorstehende Preußische Vereinigte Landtag solle über die Umwandlung des Staatenbundes in einen Bundesstaat beraten. Trotzdem kam es zu Kämpfen zwischen königlichen Truppen und Zivilisten. Als Friedrich Wilhelm IV. am 19. März den Rückzug der Truppen befahl, geriet er unter starken Einfluss der Berliner Opposition.
Arnim-Suckow wollte die Initiative durch eine preußische Führung der deutschen Einigung zurückgewinnen. Am Morgen des 21. März ließ er ohne vorherige Absprache Plakate verbreiten, die den Ritt des Königs mit Schwarz-Rot-Gold, den „alten ehrwürdigen Farben deutscher Nation“, ankündigten. Er legte dem König und dem Staatsministerium zugleich seinen bereits am 17. März formulierten Entwurf vor.
Beim Umritt durch Berlin betonte der König dagegen, es handle sich um „keine Usurpation“: Er wolle keine Fürsten vom Thron stürzen, sondern die Einheit Deutschlands wiederherstellen. Einen Hochruf als „Kaiser von Deutschland“ lehnte er ab. Nach seiner Auffassung durfte eine Kaiserkrone nur von den deutschen Fürsten, nicht von der Öffentlichkeit oder Volksvertretern verliehen werden.
Anspruch auf deutsche Führung
Die Proklamation knüpfte bewusst an den Aufruf „An mein Volk“ von 1813 an. Darin hatte Friedrich Wilhelm III. zum Widerstand gegen Napoleon aufgerufen. Die neue Erklärung stellte Preußen als Retter Preußens und Deutschlands dar und erklärte: „Ich übernehme heute diese Leitung für die Tage der Gefahr.“ Gemeint waren sowohl die äußere Gefahr eines möglichen Krieges mit Frankreich als auch die revolutionäre „innere Gährung“ in Deutschland.
Damit sollte eine „Vereinigung der deutschen Fürsten und Völker“ unter Leitung Friedrich Wilhelms IV. erreicht werden. Arnim wollte die Nationalbewegung dadurch unter preußische Kontrolle bringen. Auch der König wollte den Nationalismus nicht allein liberalen und demokratischen Gegnern überlassen, sondern ihn mit monarchisch-konservativen Kräften verbinden. Die Aussage zielte zudem darauf, dass Österreich nach Metternichs Sturz im Deutschen Bund vorübergehend handlungsunfähig war.
Die Berufung auf 1813 war jedoch nur teilweise zutreffend. Der Aufruf von 1813 hatte keinen „deutschen Volkskrieg“ begründet: Mit „Deutschen“ waren dort die Bewohner der vier verbliebenen preußischen Provinzen gemeint, also Brandenburger, Preußen, Schlesier und Litauer. Auch Freiwilligenverbände spielten in den Befreiungskriegen kaum eine Rolle; entscheidend war hauptsächlich die reguläre preußische Armee.
Friedrich Wilhelm IV. erklärte außerdem, er habe die „alten deutschen Farben“ angenommen und sich unter das „ehrwürdige Banner des deutschen Reiches“ gestellt. Die Annahme, Schwarz-Rot-Gold seien schon die Farben des Alten Reiches gewesen, war irrtümlich: Die Fahne der römisch-deutschen Kaiser zeigte einen schwarzen Doppelkopfadler auf goldenem Grund. Der zentrale Satz „Preußen fortan in Deutschland aufgehe“ blieb absichtlich unbestimmt. In Regierung und Öffentlichkeit bestanden unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Preußen und ein künftiges Deutschland zueinander stehen sollten.
Landtag, Verfassungsversprechen und Widerstand
Die Proklamation schlug vor, die Fürsten und Stände Deutschlands sollten mit Organen des für den 2. April einberufenen Zweiten Vereinigten Landtags in Berlin zu einer gemeinsamen Versammlung zusammentreten. Diese Erweiterung eines preußischen Landtags zu einer deutschen Nationalvertretung war kaum durchsetzbar. Der Vereinigte Landtag beruhte auf einer ständischen Grundlage, repräsentierte nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und ging nicht aus Wahlen hervor.
Liberale und demokratische Kräfte in den Mittel- und Kleinstaaten lehnten eine preußische Vorherrschaft ab, solange Preußen kein echter Verfassungsstaat war. Es kam zu Protesten, etwa in Stuttgart und besonders in Schlesien. Zugleich versprach die Erklärung „wahre constitutionelle Verfassungen“, Ministerverantwortlichkeit, Geschworenengerichte und eine „wahrhaft volksthümliche Verwaltung“. Diese Zugeständnisse gingen über die Reformpatente vom 18. März 1848 hinaus, blieben aber ungenau und doppeldeutig.
Friedrich Wilhelm IV. erklärte später, er habe mit dem „unreinen Wasser“ des Konstitutionalismus die revolutionären Unruhen löschen wollen. Hochkonservative Kreise werteten die Politik dagegen als Annäherung an die Revolution und als Abkehr von Preußen. Insgesamt stieß der Führungsanspruch auch bei europäischen Großmächten, deutschen Fürsten, der Aristokratie und Parlamenten des „Dritten Deutschlands“ auf Widerstand.
Politische Folgen und Scheitern
Der Anspruch, Deutschland militärisch zu verteidigen, wurde in der Schleswig-Holsteinischen Erhebung erprobt. Nachdem Dänemark Schleswig am 21. März 1848 annektiert hatte, entstand in Kiel eine provisorische Regierung. Am 4. April beauftragte der Bundestag Preußen mit einem „Vermittlungsgeschäft“ gegenüber Dänemark. Nach der Mobilmachung überschritt am 23. April ein unter preußischem Oberbefehl stehendes Bundesheer die Grenze zu Schleswig und drang bis nach Jütland vor.
Unter dem Druck Russlands, Großbritanniens, Frankreichs und Schwedens musste Preußen am 26. August 1848 dem Waffenstillstand von Malmö zustimmen. Dies zeigte, dass die deutsche Frage zugleich eine europäische Frage war und Preußen sie nicht allein lösen konnte. Die Frankfurter Nationalversammlung hatte die schleswig-holsteinische Angelegenheit zur „Ehrensache der deutschen Nation“ erklärt, während Dänemark nach der Darstellung im Artikel Territorium verteidigte, das es besaß.
Auch die deutsche Staatsform blieb umstritten. Bei der großdeutschen Lösung hätte Österreich dazugehören sollen, bei der kleindeutschen Lösung wäre es ausgeschlossen worden. Da Österreich seine nichtdeutschsprachigen Gebiete wie Böhmen und Slowenien nicht in einen deutschen Nationalstaat eingliedern konnte, blieb praktisch die kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung. Am 28. März 1849 wählte die Frankfurter Nationalversammlung Friedrich Wilhelm IV. mit 290 von 538 möglichen Stimmen zum Kaiser der Deutschen. Er lehnte die ihm am 3. April 1849 angebotene Krone ab: Er wollte kein Herrscher von Volkes Gnaden sein und eine militärische Konfrontation mit Österreich vermeiden. Seine widersprüchliche nationale Politik trug damit zum Scheitern der Proklamation bei.