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Infinitiv

Infinitiv (lateinisch [modus] infinitivus zu lat. infinitum, wörtl. „das Unbegrenzte“, gemeint: „das Unbestimmte“) ist der Name für eine Verbform, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Funktion
  2. 2. Formen des deutschen Infinitivs
  3. 3. Infinitivphrasen im Deutschen
  4. 4. Rechtschreibung von Infinitiven
  5. 5. Infinitive in indogermanischen Sprachen
  6. 6. Infinitive in weiteren Sprachgruppen

Grundbegriff und Funktion

Der Infinitiv ist eine Verbform, in der normalerweise Person, Numerus (Singular oder Plural) und Modus nicht ausgedrückt werden. Diese Merkmale bleiben also „unbestimmt“. Infinitive dienen im Deutschen und in vielen anderen Sprachen als Nennform oder Zitierform eines Verbs; das gilt jedoch nicht für alle Sprachen. Manche Sprachen besitzen überhaupt keinen Infinitiv, andere haben zwar einen Infinitiv, verwenden ihn aber nicht als Zitierform.

Infinitive tragen meist keine absoluten Tempusformen. Im Deutschen gibt es jedoch zusammengesetzte Formen, die Zeitverhältnisse ausdrücken, etwa „gesehen zu haben“. Im Lateinischen geben Infinitive an, ob ein Vorgang im Verhältnis zum Hauptverb gleichzeitig, vorzeitig oder nachzeitig ist. Altgriechische Infinitive drücken dagegen wie die Partizipien nur den Aspekt aus. Aktiv und Passiv sowie andere Diathesen (unterschiedliche Handlungsrichtungen) können regulär auch beim Infinitiv vorkommen, zum Beispiel „gesehen zu werden“.

Nicht jede infinite Verbform wird als Infinitiv bezeichnet. Dazu gehören vor allem der Inflektiv und teilweise auch Partizipien. Partizipien in deutschen Hilfsverbkonstruktionen wie „ich habe geschlafen“ werden teilweise als „dritter Status des Infinitivs“ bezeichnet. Nicht als Infinitive gelten dabei Partizipien, die adjektivisch gebraucht werden.

Formen des deutschen Infinitivs

Der deutsche Infinitiv ist meist an der Endung -en erkennbar, seltener an -n. Die Endung -n findet sich unter anderem bei Verben wie ruder-n oder segel-n, die ursprünglich auf -elen oder -eren endeten, sowie bei tun, ursprünglich tuen, und sein.

Es gibt folgende Grundformen:

  • Infinitiv Präsens Aktiv: „Der Zeuge will aussagen“.
  • Infinitiv Perfekt Aktiv: „Der Zeuge will die Tat beobachtet haben“.
  • Infinitiv Präsens Passiv: „Der Täter möchte bei der Tat nicht entdeckt werden“.
  • Infinitiv Perfekt Passiv: „Der Zeuge könnte zur Aussage genötigt worden sein“.

Der Infinitiv Perfekt bezeichnet dabei eine abgeschlossene oder vorzeitig eingeordnete Handlung im Verhältnis zum übergeordneten Verb. Der Infinitiv kann sowohl im Aktiv als auch im Passiv stehen.

Infinitivphrasen im Deutschen

Infinitive erscheinen im Deutschen in Verbindung mit infinitivregierenden Verben, in nebensatzwertigen Infinitivphrasen und in hauptsatzwertigen Infinitivphrasen. Infinitivregierende Verben verlangen oder ermöglichen einen weiteren Infinitiv, zum Beispiel in „Sie muss bleiben“ oder „Er scheint zu schlafen“.

Nebensatzwertige Infinitivphrasen können mit zu gebildet werden. Gehören außer zu und dem Infinitiv weitere Wörter zur Gruppe, spricht man traditionell von einem „erweiterten Infinitiv“. Ein nachgestellter Infinitiv mit zu hat immer den Status eines eigenen Nebensatzes; das gilt für andere Konstruktionstypen mit Infinitiven nicht unbedingt. Beispiele sind:

  • „Der Zeuge wünscht auszusagen“: Präsens Aktiv.
  • „Er kommt, um auszusagen“: Präsens Aktiv.
  • „Der Zeuge behauptet, die Tat beobachtet zu haben“: Perfekt Aktiv.
  • „Der Täter hofft, bei der Tat nicht entdeckt zu werden“: Präsens Passiv.
  • „Der Zeuge bestätigt, zur Aussage genötigt worden zu sein“: Perfekt Passiv.

Der freie Infinitiv steht unabhängig von einem anderen Verb und wird vor allem bei Aufschriften und Anweisungen verwendet, etwa: „Packungsbeilage beachten!“

Rechtschreibung von Infinitiven

Infinitive werden als Verben normalerweise kleingeschrieben. Werden sie substantivisch gebraucht, schreibt man sie groß, zum Beispiel in „das Aussterben der Dinosaurier“, „zum Lachen sein“, „meines Erachtens“, „ohne Ansehen“ und „viel Redens machen“.

Ist die Substantivierung nicht eindeutig, erlaubt der Duden sowohl Klein- als auch Großschreibung. Seit der 25. Auflage empfiehlt er jedoch die Großschreibung, etwa in „Irren ist menschlich“. Bei Infinitiven mit Reflexivpronomen liegt keine Substantivierung vor; deshalb ist die Kleinschreibung notwendig: „sich regen bringt Segen“. Bei der Substantivierung entfällt das Reflexivpronomen: „sich regen“ wird zu „das Regen“.

Übersichtliche zweiteilige Infinitivkomposita werden zusammengeschrieben, zum Beispiel „das Autofahren“ und „das Anderssein“. Eine Durchkopplung mit Bindestrichen ist bei unübersichtlichen Komposita wie „das Püree-Essen“ sowie bei Komposita mit mehr als zwei Bestandteilen wie „das In-den-Tag-hinein-Leben“ erforderlich.

Infinitive in indogermanischen Sprachen

Die meisten Infinitive haben keine Merkmale für Person und Numerus. Eine Ausnahme ist das Portugiesische mit dem „persönlichen Infinitiv“ (infinitivo pessoal). In den indogermanischen Sprachen unterscheiden sich die Endungen je nach Sprache und Sprachgruppe.

Im Lateinischen gibt es unter anderem folgende Formen: Präsens Aktiv clamare, vidēre, audire, agĕre, venire; Präsens Passiv clamari, videri, audiri, agi; Perfekt Aktiv clamavisse, vidisse, adivisse, egisse; Perfekt Passiv clamatum esse, visum esse, auditum esse, actum esse. Das Perfekt Passiv enthält ein deklinierbares Partizip Perfekt Passiv. Der lateinische Futurinfinitiv lautet im Aktiv clamaturum esse, visurum esse, auditurum esse, acturum esse und im Passiv clamatum iri, visum iri, auditum iri, actum iri; diese Formen enthalten ein nicht deklinierbares Supinum.

Weitere typische Bildungen sind:

  • Spanisch: -ar, -er, -ir, etwa cantar, beber, vivir.
  • Portugiesisch: -ar, -er, -ir, etwa falar, vender, partir; Ausnahme: pôr.
  • Französisch: -er, -dre, -oir, -ir, -re, etwa donner, prendre, savoir, finir, vivre; Ausnahme: boire.
  • Englisch: meist mit dem Infinitivmarker „to“, etwa to go, to sleep, to sing; beim bare infinitive fehlt „to“.
  • Italienisch: -are, -ere, -ire, etwa cantare, vedere, partire.
  • Hindi: immer -ना /naˑ/, etwa होना /ɦoːnaˑ/ und बेचना /beːt͡ɕ(ə)naˑ/.
  • Rumänisch: mit dem Infinitivmarker „a“, etwa a auzi, a face, a vrea.
  • Russisch: -ть, -ти oder -чь, etwa жить, писать, идти, печь.
  • Lettisch: -t oder -ties, etwa būt, nākt, mācīties; -ties steht bei reflexiven Verben.
  • Armenisch: -ալ oder -ել, etwa կարդալ und գրել.
  • Sanskrit: -tum, etwa dātum und bhávitum. Diese Endung ist der Akkusativ von -tu und entspricht dem Supinum im Lateinischen sowie in baltischen und slawischen Sprachen.

Im älteren Vedischen kamen außerdem die Endungen -e, -ase, -mane, -vane, -taye, -tave und -sani vor. Die Endungen mit Dativ waren am häufigsten.

Infinitive in weiteren Sprachgruppen

In finnougrischen Sprachen können Infinitive besonders vielfältige Formen haben. Im Finnischen bildet jedes Verb fünf Infinitive, die nur in bestimmten Kontexten, Kasusformen oder Konstruktionen auftreten; teilweise kennzeichnen Possessivsuffixe die handelnde Person. Sie heißen Infinitiv I oder A-Infinitiv (laulaa, laulaakseni), Infinitiv II oder E-Infinitiv (laulaessa, laulettaessa, laulaen), Infinitiv III oder MA-Infinitiv (laulamassa, laulamasta, laulamaan, laulamalla, laulamatta, laulaman, laulettaman), Infinitiv IV oder MINEN-Infinitiv (laulaminen, laulamista) und Infinitiv V oder MAISILLA-Infinitiv (laulamaisillani). Im Estnischen bildet jedes Verb zwei Infinitive: auf -da, selten -ta oder -a, beziehungsweise auf -ma. Beide unterscheiden sich in ihrer Verwendung im Satz, etwa lugema – lugeda und ostma – osta. Im Ungarischen endet der Infinitiv immer auf -ni, zum Beispiel menni und futni.

Im Türkischen endet der Infinitiv immer auf -mak oder -mek, etwa gülmek, gelmek, bakmak und oynamak.

Auch Plansprachen haben regelmäßige Infinitivendungen. Im Esperanto endet der Infinitiv immer auf -i, zum Beispiel iri, labori, vidi und kompreni. Im Volapük endet er immer auf -ön, etwa stopön, klotön und dolön.

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