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Altgriechische Phonologie
Soweit rekonstruiert, enthielt der attische Dialekt, der als klassische Form des Griechischen gilt, fünf kurze und sieben lange Vokale. Ihre exakte …
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Gegenstand und Aussprachemodelle
Altgriechische Phonologie beschreibt die Aussprache des Altgriechischen. „Altgriechisch“ war jedoch keine einheitliche Sprache: Es gab zahlreiche Dialekte, die sich je nach Ort und Zeit unterschieden. Der Artikel behandelt vor allem das gut überlieferte klassische Attisch; seit dem Hellenismus entstand außerdem die Koine.
Heute werden altgriechische Texte nach drei nachklassischen Systemen gelesen: nach dem ursprünglich erasmischen System, nach daran angelehnten und national geprägten Schulaussprachen oder – in griechischsprachigen Ländern – neugriechisch. Keines bildet eine an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit tatsächlich gesprochene Aussprache vollständig ab. Wegen der zeitlichen Distanz und begrenzter Schriftquellen lässt sich die Aussprache aller Dialekte nie mit hundertprozentiger Sicherheit rekonstruieren.
Vokale und Diphthonge
Im klassischen Attisch werden fünf kurze und sieben lange Vokale rekonstruiert. Kurz waren [i] ι/ῐ, [y] υ/ῠ, [e] ε, [o] ο und [a] α/ᾰ; lang waren [iː] ι/ῑ, [yː] υ/ῡ, [eː] ει, [oː ≈ uː] ου, [ɛː] η, [ɔː] ω und [aː] α/ᾱ. Länge und Kürze von α, ι und υ wurden in der antiken Schrift nicht unterschieden; die neuzeitlichen Längenzeichen dienen nur der Sprachwissenschaft. Bei ε und ο standen die Buchstaben jeweils für kurze, eher halbgeschlossene Vokale, während η/ω offene lange und ει/ου geschlossene lange Vokale bezeichneten. Die genaue Qualität einzelner Laute bleibt teilweise unsicher; [ɛː] könnte auch [æː] gewesen sein.
Die Schreibungen ει und ου gehen teils auf die Diphthonge [ei] und [ou], teils auf Ersatzdehnung nach Konsonantenschwund oder auf Synärese zurück, also das Zusammenziehen zweier Vokale zu einer Silbe. Nur im ersten Fall heißen sie „echte Diphthonge“. Υ wurde ursprünglich [u] beziehungsweise [uː] gesprochen und später zu [y]/[yː] wie deutsches ü verschoben; diese Entwicklung erfasste nicht alle Dialekte, wurde aber von der Koine übernommen.
Alle altgriechischen Diphthonge waren schließend, also mit [i̯] oder [u̯] als zweitem Bestandteil: αι, οι, υι, teilweise ει; αυ, ευ, teilweise ου; außerdem die langen ᾱι, ηι, ωι sowie ηυ und selten ωυ. Während und nach der klassischen Zeit wurden sie weitgehend zu Monophthongen. Bei ᾱι, ηι und ωι verstummte das i; es blieb später nur als Iota subscriptum oder adscriptum sichtbar. αι entwickelte sich über [ɛː] zu ε [ɛ], οι und υι über [y] zu [i]. Aus αυ, ευ und ηυ entstanden in hellenistischer Zeit die neugriechischen Folgen [av], [ev], [iv], vor stimmlosen Konsonanten und am Wortende [af], [ef], [if]. Schließlich fielen Vokallänge und -kürze weg; das neugriechische System hat fünf Vokalphoneme [a], [ɛ], [i], [ɔ], [u].
Konsonanten und Lautveränderungen
Das klassische Attisch hatte drei Reihen von Plosiven, also Verschlusslauten: stimmlose Tenues [p] π, [t] τ, [k] κ; stimmhafte Mediae [b] β, [d] δ, [ɡ] γ; sowie stimmlose aspirierte Laute [pʰ] φ, [tʰ] θ, [kʰ] χ. In der späteren Entwicklung wurden die Mediae zu [v], [ð], [ɣ] und die Aspirata zu [f], [θ], [x]. Diese Frikativierung begann wohl im 3. Jahrhundert n. Chr. mit [ɡ] und endete bei den Aspirata. Die lateinischen Umschriften ph, th und ch bewahren die ältere Analyse als aspirierte Plosive.
Daneben gab es die Nasale [m] und [n], die Liquide [l] und [r], den Zischlaut [s] und am Wortanfang [h]. /n/ passte sich an Nachbarlaute an: Vor Labialen wurde es [m] und μ geschrieben, vor Velaren [ŋ] und γ geschrieben, etwa in ἐγγύς [eŋgýs]. Vor [m], [l] oder [r] konnte Assimilation, also Angleichung, eine Gemination erzeugen: einen gelängten Konsonanten wie [mː], [lː] oder [rː]. γγ bedeutete dagegen nicht [ɡː], sondern enthielt [ŋ]. Rho war wahrscheinlich ein alveolar gerolltes [r]; anlautendes ῥ bezeichnete vermutlich ein stimmloses oder aspiriertes Allophon.
Sigma [s] hatte wahrscheinlich vor stimmhaften Konsonanten ein [z]-Allophon. [h] war im Attischen länger erhalten, verschwand aber im Ionischen und Äolischen durch Psilose. Als das ionische Alphabet übernommen wurde, kennzeichnete der später entwickelte Spiritus asper [h] am Wortanfang, der Spiritus lenis dessen Fehlen. Digamma Ϝ/ϝ stand in einigen Dialekten für [w], das im Attischen und Ionischen schon vor der klassischen Periode verstummte. Ψ und Ξ wurden wohl [pʰs] und [kʰs] gesprochen. Ζ war metrisch ein Doppelkonsonant, doch ist zwischen [zd] und [dz] keine eindeutige Entscheidung möglich.
Doppelkonsonanten wurden tatsächlich gelängt. φ, θ und χ wurden nicht verdoppelt, sondern als πφ, τθ und κχ geschrieben. Das in vielen Dialekten übliche σσ erscheint im Attischen als ττ; die Vermutung einer Affrikate [tʃ] oder [ts] hat keine direkten Belege.
Silben und Tonakzent
Für Versmaß und Akzent war die Silbenquantität zentral. Eine lange Silbe hat zwei Moren, eine kurze eine More. Lang ist eine Silbe mit langem Vokal oder Diphthong oder eine Silbe, die auf einen Konsonanten endet. Bei einem einzelnen Konsonanten zwischen Silben gehört dieser gewöhnlich zur folgenden Silbe; bei zwei Konsonanten, einem Doppelbuchstaben ζ, ξ, ψ oder einer Geminate gehört der erste zur vorhergehenden und verlängert sie. Bei stimmlosem Plosiv plus Liquid oder Nasal, etwa τρ oder κν, kann unter Umständen beides zur zweiten Silbe gehören: correptio attica. Antike Grammatiker unterschieden „lang nach Konvention“ (θέσει μακρά) und „von Natur aus lang“ (φύσει μακρά).
Der altgriechische Wortakzent war vor allem ein Tonhöhenakzent: Die akzentuierte Silbe hatte eine höhere Tonlage, zusätzlich höhere Lautstärke; Dionysios von Halikarnassos nennt etwa eine Quinte. Der Akut markiert einen einfachen Akzent. Auf einem langen Vokal oder Diphthong konnte der Zirkumflex einen Verlauf hoch–normal markieren, etwa ῆ [ɛː˥˧]; der Akut konnte normal–hoch markieren, etwa ή [ɛː˧˥]. Daher können die kurzen ε und ο keinen Zirkumflex tragen.
Ein Akut konnte grundsätzlich auf einer der letzten drei Silben stehen, auf der drittletzten aber nur bei kurzer Endsilbe. Wird die Endsilbe lang, verschiebt sich ein solcher Akut auf die vorletzte: ὁ ἄνθρωπος, aber τοῦ ἀνθρώπου. Ein wortfinaler Akut wird ohne folgendes Satzzeichen zum Gravis; ob dieser eine Tonsenkung bezeichnete, ist unbelegt. Schönberger (2016) deutet ihn als Zeichen der Unbetontheit in phonetischen Wortgruppen. Der Zirkumflex steht nur auf langem Vokal oder Diphthong, auf der vorletzten Silbe nur bei kurzer Endsilbe; bei langer Endsilbe wird er zum Akut, etwa Δαρεῖος – Δαρείου. Endungs-αι und -οι gelten meist als kurz.
Wie die Aussprache rekonstruiert wird
Die Rekonstruktion verbindet Belege innerhalb und außerhalb des Griechischen. Die ursprüngliche Zuordnung von Buchstaben und Lauten, spätere Rechtschreibreformen und besonders wiederkehrende Schreibfehler zeigen Lautwandel und Lautzusammenfälle. Verwechslungen von ι/ει, später υ/οι, ο/ω, ε/αι und noch später η/ι/ει belegen solche Entwicklungen. Auslassungen oder Hyperkorrekturen können Lautverlust zeigen, etwa bei anlautendem [h]. Diese Fehler beweisen jedoch nur Entwicklungen in der Sprache eines Schriftstücks, nicht ihre allgemeine Geltung.
Lautmalerische Wörter liefern zusätzliche Hinweise: βῆ, βῆ für Schafblöken stützt β [b] und η [ɛː]; μυκάομαι, βρυχάομαι und κόκκυξ sprechen für ein ursprüngliches langes Υ [uː]. Regelmäßige morphophonologische Wechsel, etwa π/τ/κ zu φ/θ/χ vor anlautendem [h], belegen die ursprüngliche Aspiration. Synäresen im Attischen stützen η als [ɛː] sowie ει und ου als [eː] und [oː]. Das quantitierende Versmaß belegt lange und kurze Silben; seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. verwendete Poesie Betonungsmetren, was auf den Verlust der Vokallänge und den Übergang zum dynamischen Akzent weist.
Weitere Quellen sind antike Lautbeschreibungen, Dialektvergleiche, Lehnwörter, ältere und abgeleitete Alphabete, das Neugriechische und die vergleichende Rekonstruktion des Proto-Indogermanischen. So parodieren attische Autoren am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. spartanisches θ mit σ, was für einen dorischen Frikativ spricht. Lateinisches Filippus im 2. Jahrhundert n. Chr. weist auf φ als Frikativ, und kyrillisches В [v] gegenüber dem neu geschaffenen Б [b] auf die spätere Aussprache von β. Gotisches, von Beta abgeleitetes [b] zeigt dagegen einen Plosiv noch im 4. Jahrhundert.
Geschichte und heutiger Forschungsstand
Bis zum 15. Jahrhundert las man antike Texte wie zeitgenössisches Griechisch. Um 1486 kritisierten Antonio de Nebrija, Hieronymus Aleander und Aldus Manutius diese Praxis. Johannes Reuchlin (1455–1522) hielt an ihr fest; Erasmus von Rotterdam (um 1467–1556) entwickelte 1528 in De recta Latini Graecique sermonis pronuntiatione dialogus ein anderes System. Seine Rekonstruktion berücksichtigte Buchstabenunterschiede, Vokallänge, Tonakzent, Dialekte und Vergleiche mit anderen Sprachen, enthielt aber auch Fehler. Er deutete β, γ, δ richtig als [b], [g], [d], hielt φ, θ, χ jedoch noch für Frikative. Die Debatte zwischen reuchlinischem und erasmischem Modell blieb bis ins 17. Jahrhundert offen.
Im 19. Jahrhundert bestätigte die vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft wesentliche Teile der erasmischen Rekonstruktion und stellte die ursprünglichen Plosive [pʰ], [tʰ], [kʰ] sowie [b], [d], [g] heraus. Inschriften und Papyri mit nichtstandardlichen Schreibungen zeigten zugleich, dass manche Vokalzusammenfälle schon früher eingesetzt hatten. Ein internationaler Konsens des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts ist unter anderem durch Sturtevant (1940) und Allen (1968) belegt.
Seit den 1970er- und 1980er-Jahren werden Inschriften und Papyri erneut systematisch ausgewertet. Viele Vokalveränderungen werden nun zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. datiert, Konsonantenveränderungen etwa bis zum 4. Jahrhundert n. Chr.; genaue Daten und das Nebeneinander verschiedener Aussprachen bleiben umstritten. Als konsensfähig gilt, dass das ungefähr erasmisch rekonstruierte System für die klassische attische Literatur wahrscheinlich zutrifft, während postklassische Koine in wichtigen Punkten bereits neugriechisch klang. Caragounis (1995, 2004) datiert Veränderungen wesentlich früher und bezweifelt Vokallänge und Akzentunterschiede, steht damit aber isoliert. Karvounis folgert, dass viele neugriechische Merkmale schon in der Antike vorhanden waren oder entstanden und die Vielfalt bereits klassisch größer gewesen sein könnte.