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Auslautverhärtung
Die Auslautverhärtung ist eines jener sprachlichen Merkmale, die beim Erwerb der Muttersprache im Kleinkindalter unbewusst gelernt werden und in der Folge dem …
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Was ist Auslautverhärtung?
Auslautverhärtung ist ein Fachbegriff aus der Sprachwissenschaft (Phonetik und Phonologie). Sie bezeichnet den Vorgang, dass Geräuschkonsonanten – also Plosive (Verschlusslaute), Affrikaten und Frikative (Reibelaute) – am Ende einer Silbe (im sogenannten Auslaut) ihre Stimmhaftigkeit verlieren und stimmlos ausgesprochen werden.
Das Phänomen kommt nicht in allen Sprachen vor, sondern nur in bestimmten Sprachsystemen, zum Beispiel im nördlichen Deutschen, im Niederländischen und im Türkischen – nicht aber im südlichen Deutschen oder im Englischen. Beispiel: Das deutsche Wort Rad wird (im Norden) trotz der Schreibung wie Rat [ʁaːt] ausgesprochen. Im Silbenanlaut bleibt die Stimmhaftigkeit erhalten, etwa in Räder.
Die Auslautverhärtung wird beim Erstspracherwerb im Kleinkindalter unbewusst gelernt und bleibt vielen Sprechern unbewusst. Deshalb übertragen Muttersprachler die Regel beim Sprechen von Fremdsprachen auf Sprachen, in denen sie nicht gilt – das trägt zum typischen ausländischen Akzent bei (sogenannte Interferenz).
Auslautverhärtung im Deutschen
Die standarddeutsche Auslautverhärtung ist eine Sonderentwicklung des nördlichen Deutschlands. Im südlichen Deutschland und in Teilen Mitteldeutschlands, im österreichischen Deutsch und im Schweizer Hochdeutsch tritt sie nicht auf.
Betroffen sind die Plosive /b d g/, die Frikative /v z ʒ/ und die Affrikate /dʒ/. Beispiele:
- reiben [ˈraɪ̯bən] vs. rieb [ˈʁiːp]
- Süden [ˈzyːdən] vs. Süd(ost) [zyːt]
- schweigen [ˈʃvaɪ̯gən] vs. schwieg [ˈʃviːk]
- Lose [ˈloːzə] vs. Los [ˈloːs]
- brave [ˈbʁaːvə] vs. brav [ˈbʁaːf]
- Orange [oˈʁãːʒə] vs. orange [oˈʁãːʃ]
Es handelt sich um eine kontextabhängige Neutralisation einer phonologischen Opposition: Normalerweise stehen /b, d …/ und /p, t …/ im Deutschen in Opposition, wie Minimalpaare zeigen (Bulle : Pulle, Dorf : Torf, geil : Keil, weise : weiße, Wall : Fall). Am Silbenende fällt dieser Unterschied zusammen.
Die Regel gilt im Standarddeutschen als grundlegend und produktiv: Sie wendet sich auch auf neue Wörter und Fremdwörter an, z. B. Klub, Grog, jogg!, Trend, Standard, brav, kurv!, stow! sowie auf neu integrierte Phoneme wie /ʒ/ und /dʒ/ (orange, manag(e)!, gemanagt).
Wichtig: Die Verhärtung betrifft Konsonanten in der gesamten Silbenkoda, nicht nur am Wortende. Beispiele für wortinterne Auslautverhärtung: han[d]eln – Han[t]lung, ei[g]en – Ei[k]ner. Die Regel lautet daher: Plosive, Affrikaten und Frikative (zusammengefasst als Obstruenten) sind in der Silbenkoda stimmlos.
Die heutige Rechtschreibung spiegelt die Auslautverhärtung nicht wider, weil das Stammprinzip gilt (ein Wortstamm wird möglichst immer gleich geschrieben: Rad, aber Räder). Im Mittelhochdeutschen wurde die Verhärtung dagegen oft geschrieben, z. B. <tac> vs. <tages> (Tag) oder <nît> vs. <nîdes> (Neid); im Frühneuhochdeutschen z. B. <Pferdt> vs. <Pferdes>.
Weitere germanische Sprachen: Gotisch und Niederländisch
Gotisch: Hier werden die stimmhaften Konsonanten b, d und z am Wortende oder vor auslautendem s zu den stimmlosen Konsonanten f, þ und s. Für g bleibt das Ergebnis offen, da sich graphisch nichts ändert. Beispiele: gif 'gib!' (vgl. Infinitiv gib-an), hlaifs 'Brot' (Gen. hlaib-is), goþs 'gut' (Gen. god-is), mais 'mehr'.
Niederländisch: Das Niederländische gehört zu den frühesten westgermanischen Sprachen mit vollständig grammatikalisierten und stabiler Auslautverhärtung. Im Modernen Niederländisch ist sie obligatorisch, wird aber orthographisch nicht markiert – die Schreibung zeigt die zugrunde liegende Stimmhaftigkeit. Im Altniederländischen war der Gegensatz stimmhaft/stimmlos im Auslaut noch nicht vollständig neutralisiert; im Mittelniederländischen wurde die Regel systematisch. Beispiele: altniederländisch web [ˈwɛb] vs. neuniederländisch web [ˈwɛp]; hebt [ˈhɛpt]; hond ('Hund') [ˈɦɔnt] vs. honden [ˈɦɔndən]; lief ('lieb') [ˈlif] vs. lieve [ˈlivə]. Ein vergleichbares Phänomen zeigt sich auch im Afrikaans, nicht aber im Englischen.
Slawische Sprachen
In fast allen slawischen Sprachen tritt die Auslautverhärtung auf – ausgenommen sind Serbokroatisch (Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch, Serbisch) und Ukrainisch.
Tschechisch: Stimmhafte Konsonanten werden im Auslaut stimmlos gesprochen, die Schreibung bleibt unverändert. Es gibt acht Paare stimmhafter und stimmloser Konsonanten (auch relevant für die Assimilation). Beispiele: Václav → Václaf; zub → zup (Zahn); had → hat (Schlange); smog → smok (Smog); sníh → sních (Schnee); obraz → obras (Bild); teď → teť (jetzt); muž → muš (Mann).
Polnisch: Am Wortende sind alle Plosive, Frikative und Affrikaten stimmlos, sofern sie nicht in einem wortübergreifenden Konsonanten-Cluster stehen. Beispiele: pociągu [pot̠͡ɕɔŋgu] 'des Zuges' vs. pociąg [pot̠͡ɕɔŋk] 'Zug'; męża [mɛ̃:ʐa] 'des Mannes' vs. mąż [mɔ̃:ʂ] 'Mann'; kadzi [kadʑi] 'Wannen' vs. kadź [kat̠͡ɕ] 'Wanne'; objazdy [ɔbjazdɨ] 'Rundfahrten' vs. objazd [ɔbjast] 'Rundfahrt'.
Bulgarisch und Russisch: Auch hier verlieren Konsonanten im Auslaut ihre Stimmhaftigkeit, und auch hier spiegelt die Schrift dies nicht wider. In der Slavistik bezeichnet man das Phänomen als Auslautentstimmlichung, weil die Begriffe hart/weich dort schon für die Palatalisierung verwendet werden. Beispiele: нож gesprochen 'нош' (Messer); город gesprochen 'горат' (Stadt).
Altfranzösisch und Türkisch
Altfranzösisch: Im Altfranzösischen existierte eine Auslautverhärtung, die teilweise bis heute sichtbar ist: neuf [nœf] 'neu (m.)' vs. neuve [nœv] 'neu (f.)'; bœuf 'Rind; Ochse' und nef 'Kirchenschiff' aus lateinisch bovem bzw. navem. Bei anderen Wörtern auf -f ist die Verhärtung nur noch in der Schreibung erkennbar (clef 'Schlüssel', cerf 'Hirsch', nerf 'Nerv' aus lateinisch clavem, cervum, nervum). grand 'groß' (aus lat. grandem) wurde im Altfranzösischen <grant> geschrieben und später zu <grand> relatinisiert; die stimmlose Aussprache bleibt in Zusammensetzungen erhalten: un grand homme [œ̃ gʀãtɔm], grand-oncle [gʀãtõkl].
Türkisch: Die Auslautverhärtung betrifft Plosive und die Affrikate /dʒ/, nicht aber Frikative. Historische Beispiele: arabisch Ahmad → türkisch Ahmet, arabisch Muhammad → türkisch Muhammet. Synchron wird die Verhärtung orthographisch wiedergegeben, z. B. Dativ kebaba – Nominativ kebap; kulübe – kulüp (Klub); gidecek (er wird gehen) – git (geh'); Genitiv birliğin – Nominativ birlik (Einheit). Ohne Verhärtung bleiben v und z: eve (nach Hause) – ev (Haus).