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Geschichte der Schrift
Erst 1822 entzifferte der Ägyptologe Jean-François Champollion die Hieroglyphenschrift und machte damit die Geschichte des Alten Ägypten zugänglich.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Schriftarten
Die Geschichte der Schrift beschreibt die Entstehung und Entwicklung vieler Schriftsysteme in verschiedenen Weltregionen. Schrift ist allgemein ein Zeichensystem, mit dem ein Schreiber oder Schriftproduzent eine Nachricht über ein Medium für räumlich oder zeitlich entfernte Leser zugänglich macht. Entscheidend ist, dass der Empfänger das Zeichensystem dekodieren kann.
Schriften lassen sich grob nach ihrer Funktionsweise unterscheiden. Piktographie oder Bilderschrift nutzt Piktogramme, also einfache Abbildungen, die das Dargestellte bedeuten. Logographie oder Wortschrift verwendet meist bildhafte Grapheme für einzelne Morpheme, also Wörter, Begriffe oder Ideen. Syllabographie oder Silbenschrift bezeichnet Silben, also Lautkombinationen. Alphabetschrift oder Buchstabenschrift ordnet einzelnen Graphemen einzelne Phoneme, also Laute, zu. Viele historische Schriften sind Mischformen und lassen sich nicht eindeutig nur einer dieser Gruppen zuordnen.
Frühe Schriften im Alten Orient
Zu den frühesten bekannten Schriftsystemen gehören die Schriften Mesopotamiens. In Mesopotamien, dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris, entwickelten die Sumerer im 4. Jahrtausend v. Chr. Stadtstaaten. Um 3300 v. Chr. entstand eine Bilderschrift mit rund 900 Piktogrammen und Ideogrammen, die in Ton geritzt wurden. Um 2700 v. Chr. wurden in Uruk Tontafeln mit Keilschrift hergestellt. Anfangs dienten die Texte vor allem als landwirtschaftliche Listen, Tabellen und Buchführung für Verwaltung und Staat.
Die mesopotamische Keilschrift entwickelte sich von Bildzeichen zu komplexeren Ideogrammen und später stärker zu Lautzeichen. Um 2900 v. Chr. hatten viele Piktogramme ihren ursprünglichen Bildbezug verloren. Aus etwa 1.500 Piktogrammen wurden etwa 600 regelmäßig verwendete Zeichen. Durch das Rebus-Prinzip konnte ein Zeichen für ein ähnlich klingendes Wort stehen. Determinative halfen, Zeichen nach Objektbedeutung und Lautbedeutung zu unterscheiden. Die Schrift wurde für Sumerisch, später auch für Akkadisch verwendet und diente nicht nur der Verwaltung, sondern auch Briefen, religiösen Hymnen, Wahrsagesprüchen und Literatur wie dem Gilgamesch-Epos. Schreiber wurden zu einer privilegierten Gruppe.
Als Schriftmedien dienten in Mesopotamien zwischen 3000 v. Chr. und 500 v. Chr. vor allem weicher Ton und Stein. Anfangs kratzte man Zeichen mit einem spitzen Griffel ein, später nutzte man einen stumpfen Keil aus Schilfrohr oder Holz, was besonders für längere Texte günstiger war.
In Elam, im Südwesten des heutigen Iran, entstand seit 3050 bis 2800 v. Chr. eine eigene Bilderschrift mit etwa 1000 Zeichen in rund 5000 Varianten. Sie ist bis heute nicht entziffert. Im 23. Jahrhundert v. Chr. entwickelten die Elamer außerdem eine eigenständige Strichschrift oder Linearschrift, eine reine Silbenschrift mit 103 Zeichenformen, die vor allem aus wenigen Weihe-Inschriften bekannt ist. Parallel dazu setzte sich die sumerisch-akkadische Keilschrift durch. Seit der mittelelamischen Zeit wurde sie vereinfacht, die Zahl der Zeichen wurde reduziert, Ideogramme traten zurück, und eine fast rein phonetische Silbenschreibung entstand. Zur Zeit des altpersischen Reichs hatte die elamische Keilschrift 132 Zeichen.
In Kleinasien und Nordsyrien wurde Luwisch sowohl in Keilschrift als auch in einer eigenständigen luwischen Hieroglyphenschrift geschrieben. Diese lässt sich bis mindestens 2000 v. Chr. auf Beamtensiegeln zurückverfolgen, wurde nach dem Zusammenbruch des Hethiterreichs wichtiger und blieb bis ca. 600 v. Chr. in Gebrauch. Sie umfasste rund 350 Zeichen, darunter Logogramme und Silbenzeichen. Die altpersische Keilschrift ist die jüngste und einfachste Form der Keilschrift. Sie ist vor allem durch die dreisprachige Behistun-Inschrift des Königs Darius I. bekannt und bestand aus 41 Zeichen: 36 Phonogrammen, 5 häufig gebrauchten Logogrammen und 1 Trennungszeichen.
Ägyptische und kuschitische Schriften
Die ältesten Funde ägyptischer Hieroglyphen stammen aus der Zeit um 3200 v. Chr. Die Schrift blieb bis etwa 390 n. Chr. im Wesentlichen erhalten, wobei die Zahl der Zeichen von etwa 700 auf 5000 anstieg. Ursprünglich war sie eine Bilderschrift, später konnten Zeichen auch Laute wiedergeben. Dadurch ließen sich konkrete und abstrakte Inhalte schreiben, darunter landwirtschaftliche, medizinische, religiöse, rechtliche und literarische Texte.
Die Hieroglyphenschrift bestand aus Ideogrammen, Phonogrammen und Determinativen. Ideogramme sind stilisierte Bildzeichen für Wörter oder Begriffe. Phonogramme bezeichnen Laute. Determinative helfen, die Bedeutung oder Lesung einzugrenzen. Die Schrift galt den Ägyptern als heilig und wurde auf Grab- und Tempelwänden, in Königslisten, Verträgen, religiösen Texten und wissenschaftlichen Dokumenten verwendet. Die Schreiber bildeten eine privilegierte Schicht; ihre Ausbildung war wegen der Vielzahl der Zeichen schwierig.
Neben den Hieroglyphen entstand ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. die hieratische Schrift, eine schnellere Kursivschrift. Sie wurde mit Binse und Rußtusche auf Papyrus, Ostraka, Leinen, Leder, Holztafeln, Stelen und Wänden geschrieben und lief immer von rechts nach links. Aus ihr entwickelte sich die demotische Schrift, auch Volksschrift genannt. Sie wurde etwa von 650 v. Chr. bis 450 n. Chr. als Gebrauchsschrift genutzt, ebenfalls von rechts nach links geschrieben und enthält viele ähnliche Zeichen und Ligaturen. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. wurden ägyptische Texte auch in griechischer Buchstabenschrift mit demotischen Zusatzbuchstaben geschrieben. Nach der Christianisierung Ägyptens im 3./4. Jahrhundert setzte sich die koptische Schrift durch; heute dient sie vor allem liturgischen Zwecken in der Koptisch-orthodoxen Kirche. Die Entzifferung der altägyptischen Schriften wurde durch den Stein von Rosette möglich, der denselben Text in Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch enthält. Jean-François Champollion entzifferte 1822 die Hieroglyphenschrift.
Im Reich von Kusch im heutigen Sudan wurden zunächst ägyptische Hieroglyphen und die ägyptische Sprache für Herrscherinschriften genutzt. Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. entstand zur Wiedergabe der meroitischen Sprache die meroitische Schrift. Ihre Texte können heute transliteriert werden, bleiben aber oft unverstanden, weil die Sprache nicht entschlüsselt ist. Es gab eine bildhafte Hieroglyphenschrift und eine kursive Alltagsschrift. Die meroitische Schrift ist eine Abugida: Jedes Konsonantenzeichen ist mit einem inhärenten Vokal, im Meroitischen „a“, verbunden; andere Vokale werden durch diakritische Zeichen angezeigt. Sie besaß 23 Alphabetzeichen, einen Worttrenner und in der Kursivschrift Zahlzeichen.
Semitische und europäische Alphabete
Ein Alphabet ist die Gesamtheit der kleinsten Schriftzeichen oder Buchstaben einer Sprache in festgelegter Reihenfolge. Semitische Alphabete waren meist Konsonantenschriften: Ihre Buchstaben standen nur oder überwiegend für Konsonanten. Das passte besonders zu semitischen Sprachen, deren Struktur oft ohne vollständige Vokalnotation verständlich blieb. Solche Schriften wurden gewöhnlich von rechts nach links geschrieben.
Die protosinaitische oder proto-kanaanäische Schrift gilt als Vorläufer der phönizischen Schrift. Wahrscheinlich entstand sie im 19. Jahrhundert v. Chr. als Vereinfachung ägyptischer Hieroglyphen zu Lautzeichen für kanaanäische Konsonanten; sichere Belege gibt es aber erst für das 10. Jahrhundert v. Chr. Die ugaritische Schrift wurde vom späten 14. oder frühen 13. Jahrhundert v. Chr. bis zum frühen 12. Jahrhundert v. Chr. im Stadtstaat Ugarit verwendet. Sie sieht formal wie Keilschrift aus, hat aber die Struktur eines Konsonantenalphabets und umfasst in der Langform 30 Lautzeichen.
Die phönizische Schrift wurde spätestens im 11. Jahrhundert v. Chr. verwendet und bestand aus 22 Konsonantenzeichen. Von ihr leiten sich mehrere wichtige Schriften ab, darunter die althebräische und die aramäische Schrift. Die aramäische Schrift entstand im 8. Jahrhundert v. Chr. im heutigen Syrien aus der phönizischen Schrift. Im 5./4. Jahrhundert v. Chr. wurde Reichsaramäisch Verwaltungssprache des Perserreichs, und das aramäische Alphabet verbreitete sich weit. Aus dem jüdisch-aramäischen Duktus entwickelte sich die hebräische Quadratschrift, die bis heute im Hebräischen üblich ist.
Im ägäischen Raum gab es vor den klassischen Alphabeten Silbenschriften wie Linear A, Linear B und die kyprische Schrift. Linear A auf Kreta ist nur teilweise entziffert; Linear B wurde 1952 entziffert und gibt Mykenisches Griechisch wieder. Die Griechen übernahmen vermutlich im 10. Jahrhundert v. Chr. die phönizische Schrift, passten sie aber an ihre Sprache an, indem sie auch Vokale mit Buchstaben schrieben. Die Schreibrichtung wechselte zunächst: von rechts nach links, dann furchenwendig, später von links nach rechts. 403 v. Chr. wurde in Athen das ionische Alphabet amtlich eingeführt, das zum Standard wurde. Bis ins 9. Jahrhundert n. Chr. gab es nur Großbuchstaben und scriptio continua, also Schreiben ohne Wortzwischenräume und Satzzeichen.
Die lateinische Schrift stammt vom etruskischen Alphabet ab, das aus einem westgriechischen Alphabet hervorgegangen war. Die Römer übernahmen zunächst 21 Buchstaben; in klassischer und spätantiker Zeit bestand das Alphabet aus 23 Buchstaben, die Zahl 26 wurde erst in der Renaissance erreicht. Wortzwischenräume und Satzzeichen verbreiteten sich besonders durch irische und angelsächsische Schreiber. Die Karolingische Minuskel wurde unter Karl dem Großen gefördert; aus ihr entwickelten Humanisten später Renaissance-Antiqua und humanistische Kursive. Weitere europäische Schriften sind die Runen, die etwa im 2. Jahrhundert n. Chr. in Nordeuropa entstanden, die Ogham-Schrift Irlands und Britanniens, die glagolitische Schrift für slawische Kirchenbücher um 863 sowie die altungarische Schrift, die vor Einführung der lateinischen Schrift für Ungarisch verwendet wurde.
Asiatische Schriftsysteme
Die indischen Schriften gehen auf phönizisch-aramäische Alphabete zurück. Aus der Brahmi-Schrift, die um 250 v. Chr. entwickelt wurde, entstand in der Region ein Typ von Buchstabenschriften, die als Abugidas funktionieren. Bei einer Abugida ist jedes Konsonantenzeichen mit einem inhärenten Vokal, meist „a“, verbunden; andere Vokale werden durch diakritische Zeichen über, unter oder neben der Silbe angezeigt. Deshalb wirken diese Schriften manchmal wie Silbenschriften, obwohl sie keine reinen Silbenschriften sind. Zu ihnen gehören Devanagari, bengalische Schrift, Gurmukhi, Gujarati, Tamil, Malayalam, Telugu und Kannada. Die Formen wurden auch durch das Schreibmaterial beeinflusst: In Nordindien führten geritzte Birkenrinden eher zu geraden Linien, in Südindien führten Palmblätter zu runderen Formen. Südostasiatische Schriften wie die birmanische Schrift sind aus südindischen Schriften abgeleitet.
Die chinesische Schrift entstand im 2. Jahrtausend v. Chr. Die ältesten bekannten chinesischen Schriftzeichen sind Orakelknochen aus der Zeit um 1400 v. Chr. Zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. wurde die Schrift in ein klassisches Ordnungssystem gebracht; diese klassischen Zeichen sind im Wesentlichen bis heute gebräuchlich. Die ersten Zeichen waren Piktogramme, und in manchen heutigen Zeichen sind ursprüngliche Bildzeichen noch erkennbar. Im 20. Jahrhundert wurden in der Volksrepublik China vereinfachte Kurzzeichen zusammengefasst und normiert. Geschrieben wurde mit Pinsel sowie schwarzer und roter Tusche auf Papier und Seide.
Die chinesische Schrift verbreitete sich nach Korea und Japan. Dort passte sie nur begrenzt zu den Sprachen, weil Chinesisch isolierend ist, während Koreanisch und Japanisch agglutinierende Sprachen sind, also stark mit Endungen und Partikeln arbeiten. In Japan entstanden zwei Silbenalphabete, Katakana für Fremdwörter und Hiragana für japanische Partikeln. In Korea führte König Sejong 1446 Hangeul ein, eine besondere Buchstabenschrift, die die quadratische Form chinesischer Zeichen nachahmt, aber die Laute der koreanischen Sprache wiedergibt. In beiden Ländern wurden häufig sowohl ursprüngliche einheimische Lesungen als auch chinesische Aussprachen übernommen.
Schriften Amerikas und unabhängige Entwicklungen
Ein wichtiger Hinweis auf unabhängige Schrifterfindung ist die mittelamerikanische Maya-Schrift. Sie entstand außerhalb der eurasischen Schrifttraditionen und wird im Artikel ausdrücklich als möglicher Beweis einer unabhängigen Erfindung genannt. Die Schriftsysteme der Azteken und die Quipus oder Khipu der Inkas waren dagegen keine Vollschriften.
Die Rongorongoschrift der Osterinsel, Rapanui, konnte bis heute nicht entziffert werden. Jüngeren Datums sind die Schriften der Cherokees und der Cree. Sequoyah entwickelte für den Stamm der Cherokee eine Silbenschrift, die sich rasch durchsetzte. Die Schrift der Cree wurde von dem Missionar James Evans entworfen. Auch sie ist eine Silbenschrift, verwendet aber keine lateinischen Buchstaben; durch Drehung einzelner Elemente können verschiedene Silben dargestellt werden. Diese Schrift wird heute auch von kanadischen Inuit für Inuktitut verwendet.