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Alain Badiou

Alain Badiou (* 17. Januar 1937 in Rabat) ist ein französischer, marxistisch bzw. kommunistisch orientierter Philosoph, Mathematiker und Autor von Dramen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wer ist Alain Badiou?
  2. 2. Biografie
  3. 3. Philosophisches Werk: Kernbegriffe
  4. 4. Ethik und Paulus-Buch
  5. 5. Kritische Werke: „Jude“ und Liebe
  6. 6. Dramen und Schriften

Wer ist Alain Badiou?

Alain Badiou (* 17. Januar 1937 in Rabat) ist ein französischer Philosoph, Mathematiker und Autor von Dramen und Romanen. Er ist marxistisch bzw. kommunistisch orientiert und war lange einer der führenden Köpfe des französischen Maoismus. Er war von 1969 bis 1999 Professor an der Universität Paris VIII, danach Direktor des Instituts für Philosophie an der École normale supérieure (ENS) in Paris und arbeitet auch nach seiner Emeritierung am Collège international de philosophie. 1985 gründete er die Organisation politique, eine Bürgerrechtsorganisation zu Themen wie Einwanderungspolitik, Asylrecht, Arbeit und Gewerkschaften, hervorgegangen aus der Union des communistes de France marxiste-léniniste (UCFml); sie löste sich 2007 auf.

Biografie

Badious Vater Raymond Badiou (1905–1996) war Mathematiklehrer, Resistance-Kämpfer im Zweiten Weltkrieg und von 1944 bis 1958 Bürgermeister von Toulouse. Badiou nennt als väterliche Einflüsse Treue zu den Überzeugungen, Kompromisslosigkeit und das Interesse an der Mathematik; sein Interesse an Philosophie entstand durch Jean-Paul Sartre. Badiou besuchte das Lycée Louis-le-Grand und die École normale supérieure (1956–1961), unterrichtete ab 1963 in Reims, wo er mit François Regnault befreundet war, und schrieb 1964 seinen ersten Roman „Almagestes“. 1967 trat er einer Studiengruppe von Louis Althusser bei und wurde von Jacques Lacan beeinflusst; er war Redaktionsmitglied der Cahiers pour l'Analyse. Nach der Studentenrevolte 1968 engagierte er sich militanter: 1969 gründete er mit Natacha Michel, Sylvain Lazarus und anderen die maoistische UCFml. An der neuen Universität Paris VIII (Vincennes) debattierte er heftig mit Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard, deren Werke er als Abweichung von Althussers wissenschaftlichem Marxismus betrachtete. In den 1980er Jahren, als der Einfluss von Althusser und Lacan abnahm, veröffentlichte er speziellere Werke wie Théorie du sujet (1982) und sein Hauptwerk L'Être et l'Événement (1988). Seit 1999 werden seine Werke zunehmend ins Englische übersetzt; Aufsätze erschienen u. a. in Lacanian Ink, New Left Review und Radical Philosophy. Sein Werk wird ungewöhnlich stark von militanten Gruppen in Indien, der Demokratischen Republik Kongo und Südafrika rezipiert. 2010 war er im Film Film Socialisme zu sehen. Nach der Veröffentlichung von Circonstances 3: Portées du mot 'juif' (2005) wurde ihm u. a. von Jean-Claude Milner Antisemitismus vorgeworfen; die Auseinandersetzung wurde in Le Monde und Les Temps Modernes ausgetragen.

Philosophisches Werk: Kernbegriffe

Grundbegriffe: In Théorie du sujet (1982) suchte Badiou Verbindungen zwischen Politik und Philosophie; das Buch hatte keinen öffentlichen Erfolg, galt ihm aber als Übergangswerk „zwischen der philosophischen Bilanz des Maoismus der siebziger Jahre und der neuen Synthese“ von Das Sein und das Ereignis (1988). Einladungen von Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy zu einem ENS-Seminar (mit Lyotard, Derrida, Sarah Kofman; Thema: Der Rückzug des Politischen) bedeuteten für ihn den „Beginn des sehr langen Weges, der zwanzig Jahre dauern sollte, um mich aus der einsamen Anonymität herauszuführen“. Daraus entstand das Buch Ist Politik denk?. Die Philosophie hat für Badiou vier Bedingungen: Gelehrter, Künstler, Aktivist und Liebender zu sein. Er nennt Wahrheit den wirklichen Vorgang einer Treue gegenüber einem Ereignis; das Subjekt wird durch Treue zu einem selbst gewählten Ereignis geschaffen und ist nicht das psychologische Subjekt. Es gibt keine allgemeine Ethik, nur besondere Situationen und Wahrheitsprozesse; das Böse hat drei Namen: Angst (die Vorstellung, ein Ereignis stelle eine totale Situation dar), Verrat (Unfähigkeit zur Treue) und Desaster (Identifikation der Wahrheit mit einer absoluten Macht). Das radikal Böse existiert nach Badiou nicht, nicht einmal im Holocaust.

Ethik und Paulus-Buch

Ethik (1998): Badiou kritisiert die heutige universelle Menschenrechtsethik (mit Wurzeln bei Kant) als nihilistisch: Das Gute wird nur negativ vom Bösen her bestimmt, Menschenrechte werden zu „Rechten auf das Nicht-Böse“, der Mensch wird auf einen sterblichen Organismus und möglichen Opfer reduziert. Auch Levinas' Ethik des Anderen lehnt er ab: Die Andersheit wird absolut gesetzt und zur abstrakten Kategorie (Gott), sodass Ethik zur Religion wird; Multikulturalismus sei unehrlich, da der Andere nur akzeptiert werde, wenn er uns ähnlich sei. Die heutige Konsensethik ergänze den Kapitalismus und fördere Resignation. Dagegen stellt Badiou: Der Mensch muss positiv durch affirmative Handlungen und besondere Wahrheiten definiert werden; das Böse muss vom Guten her gedacht werden; es gibt nur Situationen. Wahrheiten zeigen sich in der liebenden Begegnung, in der Erneuerung der Wissenschaft, im künstlerischen Schöpfungsakt und in der emanzipatorischen Politik. In Paulus. Die Begründung des Universalismus (1997) deutet Badiou den Apostel Paulus als atheistischer Denker als „dichterischen Denker des Ereignisses“ und Kämpfer. Paulus überwinde die Ausschließungskriterien der Griechen (Bindung an die Polis) und der Juden (Bindung an das Gesetz) und begründe so den Universalismus. Badiou unterscheidet vier Diskurse: den griechischen Diskurs der Totalität des Weisen und den jüdischen Diskurs des Propheten (beides nach Lacan „Vater-Diskurse“), den christlichen Diskurs der scheinbaren Schwäche (Sohn-Diskurs, herrschafts- und gesetzesfrei, ausgehend von der Leere des Ereignisses) und den mystischen Diskurs der unaussprechlichen Wahrheit. Das Subjekt ist für Paulus die Verflechtung zweier subjektiver Wege: Fleisch (sárx) und Geist (pneûma); die Haltungen der Diskurse sind Verlangen (Juden: Zeichen/Wunder), Fragen (Griechen: Weisheit) und Bekennen (Christen: der gekreuzigte Christus). Liebe besteht für Badiou darin, sich zur als Ereignis erlebten Wahrheit zu bekennen.

Kritische Werke: „Jude“ und Liebe

In Circonstances 3: Portées du mot „juif“ (2005) kritisiert Badiou die Sakralisierung des Wortes „Jude“ im politischen Gebrauch und die Opfer-Ideologie: Der Holocaust als einzigartiges Ereignis begründe eine Ausnahmestellung. Er lehnt ab, dass der Holocaust ein vererbbares Sonderstellungsprädikat rechtfertige; der rassistische „Juden“-Begriff der Nazis könne nicht Grundlage des jüdischen Selbstverständnisses sein. Mitleid sei universell und gelte jedem Menschen; die Zuschreibung besonderer Eigenschaften führe gerade zu den schlimmsten Katastrophen. Einen privilegierten jüdischen Staat hält er für archaisch und dem modernen demokratischen Staat, in dem alle Bürger gleichwertig sind, widersprechend; den Nahostkonflikt sehe er nur durch einen säkularen demokratischen Staat mit gleichwertigen Gruppenidentitäten als lösbar. In Lob der Liebe (2008, Gespräch mit Nicolas Truong, uraufgeführt beim Theaterfestival Avignon) verlangt Badiou gegen Sicherheitsdenken und Komfort das Risiko und Abenteuer der Liebe wieder einzuführen (mit Rimbaud). Liebe beginne mit einer Begegnung, der er „den metaphysischen Status eines Ereignisses“ verleiht, und sei „ein hartnäckiges Abenteuer“ – ein „Wahrheitsverfahren“, in dem die Welt vom Unterschied aus erfahren wird. Er folgt Lacan darin, dass es keine sexuelle Beziehung gebe, da jeder narzisstisch an seinem eigenen Genuss denke; in der Liebe hingegen versucht das Subjekt, das Sein des anderen zu erreichen. Eifersucht ist „ein künstlicher Parasit der Liebe“. Die politische Frage sei dagegen die Kontrolle des Hasses; Liebe sei keine politische oder religiöse Kategorie, und das christliche „Liebe deine Feinde“ ist für ihn ein Trick zur Ausnutzung der Macht der Liebe durch die Kirche.

Dramen und Schriften

Dramen: Badiou ist auch ein erfolgreicher Dramatiker; eines seiner bekanntesten Stücke ist Ahmed le Subtil. Der Vorfall bei Antiochien (Tragödie in drei Akten, 1982) über die Bekehrung des Paulus war sein erstes ins Englische und danach ins Deutsche übersetztes Drama. Es ist ein politisches Drama, das die politische Situation Frankreichs in den 80er Jahren mit Resignation und Abkehr von revolutionären Idealen reflektiert; es entlehnt literarische Elemente von Paul Claudels Drama Die Stadt und zeigt Badious Auseinandersetzung mit der Mengenlehre von Paul Cohen. Die drei Akte heißen nach den Orten des Frühchristentums: Damaskus, Antiochien und Nicea. Wichtige Schriften (Auswahl, deutsche Übersetzungen): Das Sein und das Ereignis (2005) und Logiken der Welten (2010) als erster bzw. zweiter Teil des systematischen Hauptwerks (ein dritter Teil, Die Immanenz der Wahrheiten, ist skizziert); Ethik: Versuch über das Bewusstsein des Bösen (2003); Manifest für die Philosophie (1997) und Zweites Manifest für die Philosophie (2010); Paulus. Die Begründung des Universalismus (2002); Über Metapolitik (2003); Das Jahrhundert (2006); Wittgensteins Antiphilosophie (2008); Wofür steht der Name Sarkozy? (2008); Die kommunistische Hypothese (2011); Lob der Liebe (2011); Versuch, die Jugend zu verderben (2016); Lob der Mathematik (2017).

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Kommunismus Kommunismus (lateinisch communis ‚gemeinsam') ist ein um 1840 in Frankreich entstandener politisch-ideologischer Begriff mit mehreren Bedeutungen:. École normale supérieure (Paris) Sie ist eine der angesehensten Grandes écoles in Frankreich und zählt zu den besten Universitäten Europas; wird das Augenmerk in internationalen Rankings auf … Paris Paris (deutsch: [paˈʁiːs]; französisch: [paʁi]) ist die Hauptstadt der Französischen Republik und Hauptort der Region Île-de-France. Einwanderung Pendler, Touristen und andere Kurzzeitaufenthalte fallen nicht unter die Definition von Migration, saisonale Arbeitsmigration wird manchmal mit einbezogen. Arbeit (Philosophie) Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die … Gewerkschaft Eine Gewerkschaft ist eine Vereinigung der Interessenvertretung von abhängig beschäftigten Arbeitnehmern zur Vertretung ihrer wirtschaftlichen, sozialen und … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Algerienkrieg Dieser Artikel behandelt den Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Für den Krieg der algerischen Regierung gegen islamistische Gruppen ab 1991 … Reims Reims ([ʁɛ̃s], deutsch auch [ ʁaɪ̯ms]), früher auch Rheims geschrieben, ist eine Stadt in der Champagne im Nordosten Frankreichs, etwa 130 Kilometer von … Indien Indien ; Amtssprache · Hindi und Englisch (Amtssprachen der Union) 21 weitere, offiziell anerkannte Sprachen dienen auf regionaler Ebene teils als Amtssprachen. Demokratische Republik Kongo Demographie · Bevölkerungsentwicklung, Fertilitäts- und Nettoreproduktionsraten von 1950 bis 2021; Schätzung der Vereinten Nationen 2022 · Bevölkerungspyramide … Jacques Derrida Besonders wichtig für Derridas Denken und ein Verständnis seiner Terminologie und Argumentation ist der Einfluss von Edmund Husserl und Martin Heidegger.