Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Reims
Reims ([ʁɛ̃s], deutsch auch [ ʁaɪ̯ms]), früher auch Rheims geschrieben, ist eine Stadt in der Champagne im Nordosten Frankreichs, etwa 130 Kilometer von …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und geografische Lage
Reims ist eine Stadt in der Champagne im Nordosten Frankreichs, etwa 130 Kilometer von Paris entfernt. Sie gehört zur Région Grand Est und zum Département Marne (51). Reims ist Sitz der Unterpräfektur des Arrondissements Reims, Chef-lieu von neun Kantonen und Teil des Gemeindeverbands Grand Reims. Die Stadt ist außerdem Sitz eines Erzbischofs und seit 1971 wieder Universitätsstadt.
Reims liegt bei 49° 16′ N, 4° 2′ O in einer Höhe von 74 bis 137 Metern. Die Stadt umfasst 46,90 km² und liegt in einer Ebene am rechten Ufer der Vesle, eines Zuflusses der Aisne, sowie am Canal de l’Aisne à la Marne. Die Champagne nimmt den weiten, flach gestuften Ostteil des Pariser Beckens ein. Südlich und westlich erhebt sich die Montagne de Reims; aus den dortigen Weinbergen wird Champagner hergestellt. Ein Teil dieses Gebiets gehört zum Regionalen Naturpark Montagne de Reims.
Das Klima weist mittlere Tageshöchsttemperaturen von 5,0 °C im Januar und 23,9 °C im Juli auf. Die mittleren Tagesminima liegen zwischen −1,0 °C im Januar und 12,6 °C im Juli. Im Jahresmittel betragen die Tageshöchsttemperaturen 14,8 °C und die Tagesminima 5,6 °C. Der jährliche Niederschlag beträgt 598 mm bei insgesamt 165 Regentagen. Durchschnittlich gibt es 4,7 Sonnenstunden pro Tag.
Geschichtliche Entwicklung
Die Gegend um Reims ist seit frühester Zeit besiedelt; in der Umgebung wurden bronzezeitliche Urnenfelder gefunden. Um 80 v. Chr. gründeten die Kelten eine städtische Siedlung, ein Oppidum, das sie Durocorter („runde Burg“) nannten. Die Römer latinisierten den Namen zunächst zu Durocortorum. Nach der Eroberung Galliens wurde die Stadt in Civitas Remorum umbenannt, nach den Remern, einem romtreuen Unterstamm der Belger. Reims wurde Hauptstadt der römischen Provinz Belgica und erhielt dadurch wichtige Privilegien. Aus dieser Zeit sind unter anderem der Triumphbogen Porte de Mars und der 1900 gefundene Schatz von Reims erhalten. In der spätrömischen Zeit wurde die Region christianisiert und Reims zum Bischofssitz. 336 besiegte der Statthalter Jovinus in der Champagne eingedrungene „Barbaren“; 356 fand die Schlacht von Reims gegen ein alamannisches Heer statt.
Um 401 wurde von Bischof Nicasus eine Kirche erbaut. Nicasus kam 406 beim Sturm der Vandalen auf die Stadt ums Leben. 451 eroberten die Hunnen unter Attila Reims, zogen sich aber nach der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern wieder zurück. Zwischen 497 und 499 taufte Bischof Remigius in Reims den Frankenkönig Chlodwig I. Diese Taufe war entscheidend für den Aufbau des Frankenreiches. Reims wurde Sitz eines Erzbischofs und war bei den merowingischen Reichsteilungen Residenz eines Teilreichs.
Im 8. Jahrhundert trafen sich hier Pippin der Jüngere und Papst Stephan III. sowie später Papst Leo III. und Karl der Große. 816 wurde Ludwig der Fromme in Reims von Papst Stephan IV. zum Kaiser gekrönt. Karlmann I. († 771), Ludwig IV. († 954) und Lothar († 986) wurden in der Basilika Saint-Remi bestattet. Im 10. Jahrhundert unterstützte Erzbischof Adalberon zusammen mit Gerbert von Aurillac den Übergang der französischen Regentschaft von den Karolingern zu den Kapetingern. Die Kathedralschule machte Reims zu einem intellektuellen Zentrum des Frühmittelalters. Stadtrechte sind seit 1139 belegt. Als bedeutender Markt der Champagne besaß die Stadt auch wirtschaftliche Bedeutung. Vom 12. bis zum 19. Jahrhundert wurden hier die meisten französischen Könige gesalbt und gekrönt. 1429 gelang es Jeanne d’Arc und den Franzosen, Reims im Hundertjährigen Krieg zurückzuerobern; dort wurde Karl VII. gekrönt.
1461 schlug Ludwig XI. eine Bürgerrebellion gegen die Salzsteuer nieder. In den Hugenottenkriegen stand Reims ab 1585 auf der Seite der Katholischen Liga und unterwarf sich 1590 Heinrich IV. Der Wohlstand beruhte besonders auf der Wollindustrie und zeigte sich im Bau repräsentativer Stadtpalais. Nach der Französischen Revolution wurde die Provinz Champagne aufgelöst und Reims dem Département Marne zugeordnet. 1854 erreichte die Eisenbahn die Stadt, und die mittelalterliche Wehrmauer wurde Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen. 1870/71 machten die Preußen Reims zum Sitz eines Generalgouverneurs; die Stadt musste hohe Kontributionen leisten. Vom 22. bis 29. August 1909 fand in Reims die erste internationale Flugwoche statt.
Weltkriege und Wiederaufbau
Im Ersten Weltkrieg lag Reims mit etwa 120.000 Einwohnern im Jahr 1914 fast unmittelbar hinter der Frontlinie. Deutsche und französische Artillerie sowie Luftangriffe zerstörten ungefähr 60 % der Stadt. Im März 1918 wurde die Zivilbevölkerung größtenteils evakuiert. Am 17. Januar 1919 gründete die Comtesse de Mun die Hilfsaktion „Zurück nach Reims“ (Retour à Reims). Rückkehrende Bedürftige erhielten kostenlos Matratzen, Möbel und Wäsche; Vermögende konnten Möbel drei Monate lang mieten. Außerdem wurden vier öffentliche Kantinen eingerichtet. Im Juli 1919 wurde Reims beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré zur „Märtyrerstadt“ (ville martyre) erklärt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich erst 25.000 Einwohner in der Ruinenstadt wieder eingerichtet.
Bereits ab 1915 plante die Stadt den Wiederaufbau. Im April 1920 verabschiedete die 1919 neu gewählte Regierung unter Bürgermeister Charles Roche den Plan des US-amerikanischen Armeemajors Georges B. Ford. Die Innenstadt wurde in den 1920er Jahren im Stil des Art Déco wiederaufgebaut. Zunächst entstanden öffentliche Gebäude und Handelshäuser, anschließend wurden erhaltene Häuser instand gesetzt und ganze Straßenzüge neu gebaut. Die Wohnbauten waren im Wesentlichen um 1930 fertig, die Kathedrale 1938, die Basilika Saint-Remi 1958 und der Glockenturm der Kirche Saint-Jacques 1994. Ab 1919 entstand außerdem die Gartenstadt Cité-jardin du Chemin-Vert für Arbeiter. Bis 1922 wurden 36 Häuser mit 617 Wohnungen gebaut; für die Kirche Saint-Nicaise entwarf René Lalique die Fenster. Die Anlage steht unter Denkmalschutz.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das von Deutschland besetzte Reims am 30. August 1944 befreit. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im heutigen Lycée Franklin Roosevelt die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Das Gebäude war damals Hauptquartier von General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber des SHAEF. Im Januar 1947 sank die Temperatur in Reims auf −19 °C, einen der tiefsten Werte in Frankreich. 1962 trafen sich Präsident Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in Reims zu einem Versöhnungstreffen.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Zu den wichtigsten Plätzen gehören die Place Royale mit einer Statue Ludwigs XV. und die Place du Parvis mit einer Statue Jeanne d’Arcs. Die Hauptstraße Rue de Vesle durchquert die Stadt von Südwesten nach Nordosten und kreuzt die Place Royale. Das älteste Monument ist die Porte de Mars, ein römischer Triumphbogen mit drei Bögen, 33 Meter lang und 13 Meter hoch.
Die Kathedrale Notre-Dame de Reims gilt als eine der architektonisch bedeutendsten gotischen Kirchen Frankreichs. Vom 12. bis zum 19. Jahrhundert wurden dort die französischen Könige gekrönt. Seit 1991 gehört sie zusammen mit dem Palais du Tau und der Basilika Saint-Remi zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Basilika Saint-Remi war Teil einer bedeutenden Abtei und ist fast so groß wie die Kathedrale. Ihre wichtigen Bauphasen liegen im 11. Jahrhundert (Krypta), im 12. Jahrhundert (Chor), im 13. Jahrhundert (Apsis) und im 15. Jahrhundert (südliches Querschiff). Während der Französischen Revolution wurde sie geplündert; farbige Fenster aus dem 12. Jahrhundert sind jedoch erhalten. Weitere Kirchen sind Saint-Jacques, Saint-Maurice, Saint-André und Saint-Thomas; von Saint-Nicaise stehen nur noch einige Ruinen.
Der Palast von Tau war der Erzbischofspalast und wurde zwischen 1498 und 1509 erbaut. Er beherbergte die französischen Könige während ihrer Krönungsfeiern. Besonders bemerkenswert sind der mächtige Kamin des 15. Jahrhunderts im Hauptsalon Salle du Tau sowie Wandteppiche des 17. Jahrhunderts in Kapelle und Hauptsalon. Der Grundriss ähnelt dem griechischen Buchstaben Tau. Der Cours Langlet führt als Prachtboulevard zur Kathedrale; seine Fassaden zeigen verschiedene architektonische Lösungen des Wiederaufbaus nach dem Ersten Weltkrieg. Das Grand Théâtre ist ein überregional bedeutender Art-déco-Bau von 1931. Die 1928 eröffnete Bibliothèque Andrew Carnegie wirkt außen wie ein kleiner griechischer Tempel und besitzt ein Art-déco-Vestibül, eine für Frankreich ungewöhnliche halbzylindrische Form sowie Mosaiken und Gläserbecken. Dort werden etwa 400.000 Dokumente aufbewahrt.
Das 1794 gegründete Musée des Beaux-Arts de Reims befindet sich seit 1908 in der alten Abtei Saint-Denis und besitzt vor allem flämische, holländische und französische Gemälde. Außerdem sind Reste eines römischen Amphitheaters erhalten. Das Fort de la Pompelle wurde um 1880 südöstlich der Stadt in der Gemeinde Puisieulx zur Verteidigung errichtet. Das Musée de la Reddition im Lycée Franklin Roosevelt zeigt unter anderem den Raum mit Eisenhowers Generalstabskarten, in dem am 7. Mai 1945 die Kapitulation unterzeichnet wurde. Im Norden liegt die 1966 geweihte Kapelle Notre-Dame de la Paix des japanisch-französischen Künstlers Tsuguharu-Leonard Foujita. Sie enthält Fresken zum Leben Jesu und Fenster von Charles Marq; Foujita ist dort begraben. Seit 2003 findet in Reims alle zwei Jahre das Clin d’oeil statt, das größte gebärdensprachige Kulturfestival in Europa.
Bevölkerung, Politik und internationale Beziehungen
Reims hatte am 1. Januar 2023 177.674 Einwohner; die Bevölkerungsdichte betrug 3.788 Einwohner je km². Im Gemeindeverband Reims Métropole leben ungefähr 220.000 Menschen, im Großraum mit 175 Gemeinden etwa 290.000. Die Einwohnerzahl entwickelte sich von 133.914 im Jahr 1962 über 178.391 im Jahr 1975 und 187.206 im Jahr 1999 zu 182.211 im Jahr 2018. Bürgermeister ist Arnaud Robinet (Horizons). Das Stadtwappen zeigt auf silbernem Grund zwei grüne, an beiden Enden gekreuzte und kranzweise gelegte Lorbeerzweige; im blauen Schildhaupt liegen goldene Lilien.
Reims unterhält Städtepartnerschaften mit Florenz (1954), Brazzaville (1961), Canterbury (1962), Salzburg (1964), Aachen (1967), Arlington County (2004) und Kutná Hora (2008).
Zu den in Reims geborenen Persönlichkeiten gehören unter anderem Jean-Baptiste Colbert, Jean-Baptiste de La Salle, die Champagnerunternehmerin Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, die Philosophen und Soziologen Jean Baudrillard und Maurice Halbwachs, der Fußballspieler Robert Pires, die Radsportlerin Pauline Ferrand-Prévot, die Politikerin Catherine Vautrin sowie der Musiker und Regisseur Woodkid. In Reims lebten und starben unter anderem Remigius von Reims, der Chlodwig I. taufte, der Chronist Flodoard von Reims, der Komponist und Dichter Guillaume de Machaut, der Maler Tsuguharu-Léonard Foujita und mehrere Erzbischöfe.
Wirtschaft, Verkehr, Wissenschaft und Sport
Reims ist neben Épernay das wichtigste Zentrum der Champagnerherstellung. Der Champagner lagert teilweise in Kellern und Tunneln, die bereits zur Römerzeit in den Kalkfelsen gegraben wurden. Außerdem werden in der Stadt Textilien, Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände für die Raumfahrt hergestellt. Reims ist Sitz des Flugzeugherstellers Reims Aviation. Die Universitätskliniken (Centres Hospitaliers Universitaires de Reims) sind der größte Arbeitgeber der Stadt. Der große Flugplatz in Bétheny war bis 2011 die Luftwaffenbasis Base aérienne 112 Reims-Champagne und nach der Universitätsklinik und städtischen Einrichtungen der drittgrößte Arbeitgeber. Weitere Kasernen sind unter anderem die Caserne Jeanne-d’Arc und die Caserne Colbert.
Der zentrale Bahnhof am Nordwestrand des Stadtzentrums ist seit 1854 in Betrieb und wird vor allem von regionalen TER-Bahnlinien genutzt. Der Fernverkehr hält überwiegend im Bahnhof Champagne-Ardenne TGV, der 4½ km südlich des Stadtzentrums in Bezannes liegt. Pendelzüge verbinden beide Bahnhöfe. Die Autoroute de l’Est verlief ursprünglich weniger als einen Kilometer von der Kathedrale entfernt entlang des seit 1866 bestehenden Canal de l’Aisne à la Marne. Seit 2010 ist eine großräumige Umfahrung in Betrieb; die frühere A4 wurde auf diesem Abschnitt in A344 umbenannt. Im April 2011 nahm die Straßenbahn Reims den Betrieb auf. Ihr elf Kilometer langes Netz wird von zwei Linien befahren; zusätzlich verkehren Busse.
Die Université de Reims Champagne-Ardenne (URCA) entstand 1971 aus mehreren Hochschuleinrichtungen, die in den 1960er Jahren gegründet worden waren. Sie steht in der Tradition einer 1548 zur Universität erhobenen Domschule, die 1793 aufgelöst wurde. Die naturwissenschaftliche Faculté des Sciences liegt im Südosten, die geisteswissenschaftliche Faculté des Lettres im Südwesten. Außenstellen befinden sich in Troyes, Charleville-Mézières und Châlons-en-Champagne. Außerdem gibt es im ehemaligen Jesuitenkloster einen Campus der Sciences Po Paris.
Der 1854 gegründete Ruderclub Régates rémoises gehört zu den ältesten Sportvereinen der Stadt. Der Fußballverein Stade de Reims gewann bei den Männern sechs Meistertitel und zwei Pokalsiege sowie später bei den Frauen fünf Landesmeisterschaften; in der Saison 2021/22 spielte die Männer-Mannschaft in der Ligue 1. Heimstadion ist das 2008 fertiggestellte Stade Auguste-Delaune. Die Motorsportstrecke Circuit de Reims-Gueux wurde 1926 eröffnet, sieben Kilometer westlich der Stadt gelegen und 1972 geschlossen. 1928 fand in Reims die erste offizielle Dreiband-Weltmeisterschaft statt. Die Stadt war besonders in den 1950er Jahren ein Zentrum des französischen Bahnradsports und 2010 zum elften Mal seit 1936 Etappenort der Tour de France. Seit 1984 findet im Oktober der Marathon Reims à toutes jambes statt, inzwischen zusammen mit einem Halbmarathon und einem 10-km-Lauf.