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Jacques Derrida
Besonders wichtig für Derridas Denken und ein Verständnis seiner Terminologie und Argumentation ist der Einfluss von Edmund Husserl und Martin Heidegger.
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Person und Bedeutung
Jacques Derrida (15. Juli 1930–8. Oktober 2004) war ein französischer Philosoph und gilt als Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion. Seine Arbeiten prägten besonders die Philosophie sowie die Literatur- und Kulturwissenschaften in Europa und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Hauptwerken gehören Die Stimme und das Phänomen (1967), Grammatologie (1967), Die Schrift und die Differenz (1967) und Randgänge der Philosophie (1972).
Derrida wurde als Jackie Derrida in El Biar bei Algier in Französisch-Algerien geboren. Er stammte aus einer sephardisch-jüdischen Familie. 1942 wurde ihm aufgrund einer Verordnung des Vichy-Regimes der Schulbesuch untersagt; die Quote für jüdische Schüler war von 14 auf 7 Prozent gesenkt worden. Erfahrungen mit Fremdheit und Ausgrenzung wirkten in seinem späteren Denken über „den Anderen“ und den „Ankommenden“ nach.
Seit 1949 lebte Derrida in Frankreich. Von 1952 bis 1954 studierte er an der École Normale Supérieure und beschäftigte sich unter anderem mit Edmund Husserl. 1956 bestand er die Agrégation, die Staatsprüfung für das höhere Lehramt im Fach Philosophie. Nach Tätigkeiten als Lehrer und wissenschaftlicher Assistent war er von 1965 bis 1983 Dozent für Geschichte der Philosophie an der École Normale Supérieure. Den wissenschaftlichen Durchbruch erzielte er 1967 mit drei nahezu gleichzeitig veröffentlichten Hauptwerken. 1983 wurde er directeur de recherche an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und war Gründungsdirektor des Collège international de philosophie. Er lehrte außerdem als Gastprofessor an mehreren US-amerikanischen Universitäten. Derrida starb 2004 im Alter von 74 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Dekonstruktion und Metaphysikkritik
Derridas Denken wurde besonders von Edmund Husserl und Martin Heidegger sowie vom Strukturalismus Ferdinand de Saussures und der Prager Schule beeinflusst. Weitere wichtige Einflüsse waren Maurice Blanchot, Emmanuel Levinas und Georges Bataille.
Dekonstruktion ist eine kritische Untersuchung der Bedingungen, unter denen Texte, Begriffe und Aussagen verstanden werden und Geltung beanspruchen können. Sie bedeutet nicht, Texte zu zerstören oder ihnen grundsätzlich Sinn und Berechtigung abzusprechen. Derrida knüpft an Heideggers Verbindung von Konstruktion und „Destruktion“ an: Überlieferte Begriffe werden kritisch abgebaut, um ihre Möglichkeiten, Voraussetzungen und Grenzen sichtbar zu machen.
Dekonstruktion geht nicht von unbezweifelbaren ersten Prinzipien aus. Sie arbeitet mit den bereits vorhandenen Begriffen und Strukturen und untersucht, wie diese entstanden sind, was sie voraussetzen und was sie ausschließen. Dabei zeigt sich, dass allgemeine Begriffe das einzelne, besondere Phänomen nie vollständig erfassen.
Derridas Kritik richtet sich besonders gegen metaphysische Systeme, die mit festen, sich selbst gleichen Einheiten arbeiten. Solche Systeme ordnen etwa verschiedene Individuen einem einheitlichen Gattungsbegriff unter. Dadurch können ihre Unterschiede und ihre jeweilige Einzigartigkeit verdeckt werden. Als „Präsenzdenken“ bezeichnet Derrida die Annahme, Gegenstände oder Bedeutungen könnten dem Denken unmittelbar und unabhängig von zufälligen geschichtlichen Bedingungen gegenwärtig sein.
Nach Derrida liegt jeder Identität bereits Differenz zugrunde. Auch eine Wiederholung ist niemals vollkommen identisch mit dem Wiederholten, weil sie an einer anderen Stelle und zu einer anderen Zeit erfolgt. Bedeutung entsteht daher in einem dynamischen Netz von Unterschieden und Verweisen. Dekonstruktion untersucht dieses Netz und die Praktiken, durch die Begriffe und Ordnungen hergestellt werden.
Zeichen, Schrift und différance
Derrida unterscheidet wie die Zeichentheorie zwischen dem Signifikanten, dem materiellen Träger eines Zeichens, etwa einem Laut- oder Schriftbild, und dem Signifikat, seiner Bedeutung. Er kritisiert jedoch die Vorstellung, hinter den Zeichen liege eine endgültige, unmittelbar erreichbare Bedeutung. Jedes Signifikat befinde sich „immer schon in der Position des Signifikanten“: Eine Bedeutung verweist erneut auf weitere Zeichen und Beziehungen. Ein schriftlicher Text ist deshalb „Zeichen von Zeichen, Signifikant von Signifikanten“.
Der Sinn existiert nach Derrida nicht zuerst vollständig und wird anschließend nur noch sprachlich ausgedrückt. Vielmehr entsteht er erst im Vorgang der Bezeichnung. Auch gesprochene Sprache vermittelt Bedeutung nicht unmittelbarer oder sicherer als Schrift. Die gegenteilige Annahme nennt Derrida „Logozentrismus“: Sie behauptet eine direkte, durch das sprechende Subjekt kontrollierbare Verbindung zwischen einer Äußerung und dem gleichzeitig gedachten Sinn.
Mit den Begriffen „Schrift“ und „Spur“ betont Derrida dagegen, dass Verstehen stets verzögert und unsicher ist. Weder der Kontext noch alle Voraussetzungen einer Äußerung lassen sich vollständig festlegen. Deshalb kann auch keine letzte Sinnschicht eines Textes endgültig freigelegt werden. Derridas weiter Textbegriff umfasst nicht nur geschriebene Werke, sondern grundsätzlich alle Medien, die möglicherweise Sinn vermitteln.
Ein Schlüsselbegriff ist die différance. Das Kunstwort verbindet das französische différer in seinen Bedeutungen „aufschieben“ und „nicht identisch sein“. Es bezeichnet sowohl den Unterschied, der jeder scheinbaren Einheit vorausliegt, als auch den zeitlichen Aufschub jeder Sinnvermittlung. Der Unterschied zwischen différence und différance ist im Französischen nicht hörbar und wird erst in der Schrift sichtbar. Damit veranschaulicht Derrida, dass Bedeutungen nicht eindeutig und unmittelbar voneinander getrennt werden können. Die différance ist weder ein fester Name noch ein gewöhnlicher Begriff und besitzt kein Zentrum und keine Ursache; sie zeigt sich als ein Bündel von Verweisen, Texten, Kontexten sowie Sinn- und Kraftlinien.
Ethik, Politik und der Andere
In Derridas praktischer Philosophie steht die Verpflichtung gegenüber „dem Anderen“ im Mittelpunkt. Dabei folgt er besonders Emmanuel Levinas, für den Ethik der traditionellen Frage nach dem Sein vorausgeht. Der Andere kann nicht vollständig in allgemeine Begriffe eingeordnet oder vom Ich aus erfasst werden. Seine Einzigartigkeit und Würde bleiben uneinholbar.
Derrida verwirft den Begriff des Subjekts nicht. Er untersucht vielmehr, unter welchen Bedingungen ein Subjekt entsteht, und betont, dass es nicht eindeutig von seinen sprachlichen, materiellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen getrennt werden kann. Er kritisiert die Vorstellung eines selbstursprünglichen Subjekts, das seine Äußerungen und deren Deutung vollständig kontrolliert.
Diese Haltung prägt auch Derridas Verständnis von Gerechtigkeit, Recht und Politik. Allgemeine Regeln können einen einzelnen Fall nie völlig angemessen erfassen. Trotzdem verabschiedet Derrida Begriffe wie „Gerechtigkeit“ nicht, sondern hält an ihrem Anspruch fest. Er macht zugleich deutlich, dass Normen und Urteile von geschichtlichen und kontingenten, also nicht notwendigen, Bedingungen abhängen. Für diese Bedingungen muss ebenfalls Verantwortung übernommen werden.
In den 1990er Jahren behandelte Derrida verstärkt Globalisierung, US-amerikanische Außenpolitik, die Ökonomisierung universitärer Bildung und die Zukunft der Demokratie. Die „Gabe“ beschreibt bei ihm eine zwischenmenschliche Beziehung, die nicht nach der wechselseitigen Logik eines Tausches funktioniert. „Vergebung“ enthält eine ähnliche Spannung: Wirkliche Vergebung müsste gerade das vergeben, was eigentlich nicht vergebbar ist. Auch Gastfreundschaft und Entscheidungen besitzen solche widersprüchlichen Strukturen. Jede Entscheidung ist für Derrida eine „passive Entscheidung des Anderen in mir“. Dekonstruktion soll eine Beziehung zum Anderen ermöglichen; dieser ist bei Derrida nicht auf Menschen beschränkt.
Tierphilosophie und Kritik
In seinem Spätwerk untersuchte Derrida die „Frage nach dem Tier“. Er kritisierte die feste Grenzziehung zwischen menschlichen Subjekten und nichtmenschlichen Wesen. Heidegger hatte Tiere als „weltarm“ bezeichnet: Sie nähmen zwar Dinge wahr, könnten sie aber angeblich nicht „als solche“ innerhalb eines Zusammenhangs verstehen. Derrida sieht darin eine binäre und hierarchische Gegenüberstellung von weltbildendem Menschen und weltarmem Tier. Ähnliche Gegensätze seien Gott und Schöpfung, Geist und Körper sowie Natur und Kultur.
Bereits der Sammelbegriff „Tier“ ist für Derrida problematisch, weil er eine „Mannigfaltigkeit von Wesen“ zu einer einheitlichen Gruppe zusammenfasst. Als Alternative prägte er das Wort Animot, das auf eine nicht reduzierbare lebendige Vielfalt von Sterblichen verweist. Seine Katze spielte für diese Überlegungen eine besondere Rolle. Derrida beschreibt, wie er sich unter ihrem Blick schämte, als er nackt im Badezimmer stand. Die konkrete Begegnung ließ ihn den Blick des Tieres und das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu bedenken: „Das Tier schaut uns an und wir stehen nackt vor ihm. Und vielleicht fängt das Denken an genau dieser Stelle an.“
Gary Steiner kritisierte, Derrida ziehe aus seiner erweiterten Betrachtung von Personen und Tieren keine eindeutigen praktischen Folgerungen wie Veganismus oder feste Tierrechte. Derrida bezeichnete sich zwar als „Vegetarier in der Seele“, lehnte aber die Propagierung einer vegetarischen Kultur ab, weil auch sie nach seiner Auffassung die Herrschaft des Subjekts reproduzieren könne.
Derridas Werk wurde weit über die Philosophie hinaus in Literaturwissenschaft, Kunst, Architektur, Queer Theory, feministischen Theorien, Kulturwissenschaften und Theologie aufgenommen. Zugleich wurde es besonders von Vertretern der analytischen Philosophie scharf kritisiert. Achtzehn Professoren protestierten gegen seine Ehrenpromotion in Cambridge und warfen seinen Texten mangelnde Klarheit und Strenge vor. Noam Chomsky sprach von einer absichtlich verunklarenden Rhetorik; John Searle und W. V. Quine bezeichneten Derrida als Pseudophilosophen und Sophisten. Richard Wolin sah in seinem Denken Nihilismus. Diese Einwände stehen dem großen Einfluss gegenüber, den die Dekonstruktion auf zahlreiche wissenschaftliche und kulturelle Bereiche ausübte.