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Aktienindex des Statistischen Reichsamtes

Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes war der erste amtliche Aktienindex in Deutschland. Er wurde erstmals am 17. März 1922 vom Statistischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Amtlicher Aktienindex und Berechnung
  2. 2. Krieg, Inflation und Geldentwertung
  3. 3. Schwankungen, Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise
  4. 4. Aufschwung und staatliche Kurskontrolle
  5. 5. Monatliche Reihen und Vergleich der Währungen

Amtlicher Aktienindex und Berechnung

Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes war der erste amtliche Aktienindex Deutschlands. Ein Aktienindex fasst die Kursentwicklung vieler Aktien zu einer Kennzahl zusammen und soll damit die Lage am Aktienmarkt zeigen. Er erschien erstmals am 17. März 1922 in der Zeitschrift Wirtschaft und Statistik, wurde aber bis zum 31. Dezember 1913 zurückgerechnet; dieser Stichtag erhielt den Basiswert 100. Der erste deutsche Aktienindex überhaupt war die Börsenkennziffer der Frankfurter Zeitung vom 1. September 1919. Sie umfasste 25 Aktien und 10 Anleihen; nur ihr Teil für die 25 Aktien war ein Aktienindex.

Der amtliche Index beruhte zunächst auf den Kursen von 300 Aktiengesellschaften an der Börse Berlin. Diese waren in 33 Gruppen und drei Sammelgruppen gegliedert: Bergbau und Schwerindustrie, Verarbeitende Industrie sowie Handel und Verkehr. Die Gruppen wurden gewichtet: Die Zahl der aufgenommenen Wertpapiere richtete sich nach dem Nominalkapital, das am 31. Dezember 1920 in der jeweiligen Gewerbegruppe investiert war.

Die Werte wurden aus Wochen- und Monatsdurchschnitten der Börsennotierungen berechnet. Für den gewichteten Durchschnitt wurde der Kurs jeder Gesellschaft mit ihrem Aktienkapital multipliziert. Die Summe dieser Kurswerte wurde durch die Summe des Nominalkapitals geteilt. Seit dem 31. Dezember 1913 abgegangene Bezugsrechte, also Rechte bestehender Aktionäre zum Bezug neuer Aktien, wurden den Kursen zugeschlagen. Dividendenabschläge wurden dagegen nicht herausgerechnet.

Wegen der geringen Aussagekraft von Kursen in Papiermark während der Hyperinflation gab es zusätzlich Berechnungen in Goldmark; 1924 wurde auf Reichsmark umgestellt. Ab Mitte der 1920er Jahre ersetzte das durchschnittliche Kursniveau von 1924 bis 1926 die Basis 1913. Dann umfasste der Index 329 Gesellschaften; außerdem entstanden Branchenindizes. Die Kursermittlung wurde am 30. Juni 1943 eingestellt.

Das Institut für Konjunkturforschung ordnete 1934 ältere Aktienkursdaten und bildete lange Reihen: zunächst jährliche Durchschnitte für 25 Gesellschaften von 1856 bis 1870, ab 1870 monatliche Werte für rund 80 Unternehmen. Ab 1890 wurden Kurse mit dem Kapital gewichtet und um marktfremde Einflüsse bereinigt, etwa Bezugsrechtsabschläge sowie das Hinzukommen oder Ausscheiden von Gesellschaften.

Krieg, Inflation und Geldentwertung

Im Ersten Weltkrieg war der Aktienhandel für private Anleger erschwert. Um Panikverkäufe zu verhindern, schlossen die Börsen am 30. Juli 1914. Die Reichsregierung wollte den Aktienhandel begrenzen, damit Anleger Kriegsanleihen statt Aktien kauften. Ende 1914 entstand schrittweise ein Freiverkehr; eine Verordnung vom 25. Februar 1915 verbot Preisnachrichten über Wertpapiere. Seit dem 31. Dezember 1916 gab es wieder amtliche Kursfeststellungen im außerbörslichen Handel der Großbanken, und am 2. Januar 1918 wurde der amtliche Aktienhandel wieder aufgenommen. Im Mai 1918 lag der Index im Monatsdurchschnitt bei 138 Punkten, im November 1918 bei 85 Punkten, also 38,4 % niedriger als ein halbes Jahr zuvor.

Der Krieg, Reparationen und die Finanzierung von Staatsschulden bei der Reichsbank führten zur Umstellung auf nicht goldgedecktes Geld und zur Hyperinflation der Weimarer Republik. Im Herbst 1919 begannen die Aktienkurse zu steigen. Der Index erreichte im November 1921 936 Punkte. Die ab Juli 1922 einsetzende „Katastrophenhausse“ (Crack-up-Boom) ließ ihn im Dezember 1922 auf das Neunzigfache des Vorkriegsstands steigen. In Papiermark folgten extreme Werte: rund 1,4 Millionen Punkte im Juli 1923, etwa 171,3 Milliarden im Oktober und 26,89 Billionen im Dezember 1923. Im Dezember erreichten Bergbau und Schwerindustrie 39,54 Billionen, die Verarbeitende Industrie 31,73 Billionen und Handel und Verkehr 10,07 Billionen Punkte.

Diese riesigen Papiermarkwerte zeigen vor allem den Wertverlust der Währung. In Goldmark, einer Währungseinheit von 0,35842 Gramm Feingold, lag der Höchstwert im Mai 1918 bei 112,61 Punkten und der Tiefstwert im Oktober 1922 bei 2,72 Punkten; das war ein Rückgang von 97,6 %. Real bedeutet inflationsbereinigt: In den Jahren 1918, 1919 und 1922 stiegen Aktien langsamer als die Lebenshaltungskosten. Nur 1920, 1921 und 1923 ergaben sich in der Hochphase der Inflation reale Gewinne.

Verzinsliche Wertpapiere, Spareinlagen und Lebensversicherungen verloren dagegen massiv an Wert; Kriegsanleihen wurden 1923 wertlos. Aktien ermöglichten zum Höhepunkt der Inflation reale Gewinne in Papiermark, eigneten sich laut Artikel aber nur zur kurz- und mittelfristigen Wertaufbewahrung. Gold oder Goldmark bewahrten zwischen 1913 und 1923 im Vergleich mit Konsumgüterpreisen besser den Wert.

Schwankungen, Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise

Nach dem Ende der Hyperinflation schwankte der Markt stark. Auf der Basis 1924/1926 = 100 lag der erste wöchentliche Durchschnitt am 5. Januar 1924 bei 154,60 Punkten. Bis zum 14. Juni 1924 fiel er um 65,5 % auf 53,30 Punkte, stieg bis zum 31. Januar 1925 auf 121,10 Punkte und sank bis zum 26. Dezember 1925 wieder um 45,7 % auf 65,70 Punkte.

Mitte der 1920er Jahre finanzierten viele Anleger spekulative Wertpapierkäufe mit Bankkrediten. Der Index stieg bis zum 7. Mai 1927 auf 185,80 Punkte, 182,8 % über dem Stand von 16 Monaten zuvor. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht verlangte anschließend von den Banken, Börsenkredite zu vermindern. Das Kommuniqué der Berliner Banken und Bankiers vom 12. Mai 1927 kündigte zunächst eine Kürzung der Report- und Termingelder um 25 % bis zur Medio-Juni-Liquidation an. Die Ankündigung löste am 13. Mai 1927, dem „Schwarzen Freitag“, einen Einbruch des Durchschnittskurses von 204 auf 139 Punkte aus, also um 31,9 %. Die Einschränkung von Auslandskrediten leitete eine lang dauernde Baisse ein.

In der Weltwirtschaftskrise brach am 13. Juli 1931 die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) zusammen. Der daraus folgende Vertrauensverlust löste einen Bank Run aus, also den massenhaften Versuch von Kunden, ihre Guthaben abzuheben. Die Börse Berlin blieb vom 13. Juli bis 2. September 1931 geschlossen; im September lag der Index bei 56,96 Punkten. Nach der Aufgabe der Goldeinlösungspflicht für das Pfund Sterling durch die Bank of England schloss die Börse vom 18. September 1931 bis 11. April 1932 erneut.

Im April 1932 betrug der Monatsdurchschnitt 49,64 Punkte. Das waren nominal, also ohne Berücksichtigung der Preisentwicklung, 72,1 % weniger als im April 1927; real und deflationsbereinigt betrug der Rückgang rund 50 %. Verarbeitende Industrie verlor nominal 75,6 %, Bergbau und Schwerindustrie 73,6 %, Handel und Verkehr 65,1 %. Der Einbruch dauerte fünf Jahre; im Sommer 1932 stiegen die Kurse wieder.

Aufschwung und staatliche Kurskontrolle

Die Börsenhausse begann im Juni 1932 unter Reichskanzler Franz von Papen bei 49,70 Punkten und damit vor der Machtergreifung der NSDAP. In der Zeit des Nationalsozialismus wuchsen die kreditfinanzierte Wirtschaft und der Index stark. Im Juni 1941 stand er bei 150,58 Punkten, nominal 203,0 % über Juni 1932. Die Verarbeitende Industrie stieg um 245,7 %, Bergbau und Schwerindustrie um 201,6 % und Handel und Verkehr um 152,3 %. Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungskosten nahm im selben Zeitraum nur um 11,3 % zu; deshalb lagen die realen Gewinne laut Artikel in ähnlicher Höhe.

Die Kreditausweitung wurde unter den Nachfolgern Heinrich Brünings eingeleitet und von Hjalmar Schacht stark betrieben. Sie war vor allem durch Mefo-Wechsel möglich und beruhte im Wesentlichen auf der Rüstungskonjunktur zur Vorbereitung eines Eroberungskrieges.

Die Dividendenabgabeverordnung vom 12. Juni 1941 führte zunächst zu weiteren Kurssteigerungen, weil Kapitalberichtigungen bei börsengängigen Werten in der Regel durch Zusatzaktien erfolgen sollten. Der Index stieg bis 12. September 1941 auf 162,47 Punkte, fiel nach staatlichen Eingriffen bis 21. Oktober auf 148,09 Punkte. Die Kursstoppverordnung vom 25. Januar 1943 setzte die Kurse dieses Tages als Höchstkurse fest; nur monatliche Zuschläge für Dividendenzuwächse waren möglich. Weitere Verordnungen ermöglichten Reichswirtschaftsminister Walther Funk die Festsetzung von Preisen auch für nicht börsengehandelte Wertpapiere.

Damit wurde der Aktienmarkt weitgehend in die Zwangsbewirtschaftung eingegliedert und der Börsenhandel kam fast zum Stillstand. Nach 158,60 Punkten am 25. Januar 1943 lagen die Schwankungen des Index unter 1 %; die größten Ausschläge bis zum Ende der Berechnung überstiegen kaum 3 % und waren teils technisch durch Dividendenzuschläge oder -abschläge bedingt. Die Kursstoppverordnung wirkte in Westdeutschland bis zur Währungsreform 1948 handelshemmend. Die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften eröffneten in D-Mark mehr als 90 % unter ihren Reichsmarknotierungen; erst 1954 erreichten die Kurse wieder das Niveau von 1943.

Monatliche Reihen und Vergleich der Währungen

Die monatlichen Reihen machen die unterschiedlichen Aussagen von Papiermark, Goldmark und Reichsmark sichtbar. In Papiermark lag der Monatsdurchschnitt im Dezember 1918 bei 88 Punkten, im Dezember 1922 bei 8.981 Punkten, im September 1923 bei etwa 531,3 Millionen und im Dezember 1923 bei rund 26,89 Billionen Punkten. Zwischen dem 30. Juli 1914 und dem 1. Januar 1918 gab es keinen amtlichen Börsenhandel.

Die Goldmarkreihe reicht von 1914 bis 1928 und rechnet Berliner Kurse über die Dollarmessziffer um. Sie zeigt während der Inflation einen starken realen Rückgang, etwa von 112,61 Punkten im Mai 1918 auf 2,72 Punkte im Oktober 1922, und anschließend eine Erholung. Die Reichsmarkreihe verwendet ab 1924 die Basis 1924/1926 = 100. Wegen Börsenschließungen wurden für Juli 1931 nur die Tage 1 bis 11, für September 1931 die Tage 3 bis 18 und für April 1932 die Tage 12 bis 30 in den Monatsdurchschnitt einbezogen.

Die späteren Monatswerte verdeutlichen den Aufschwung bis 1941 und die anschließende staatliche Fixierung der Kurse. Das Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941/42 veröffentlichte den Index letztmals für Juni 1941; spätere Daten erschienen in Wirtschaft und Statistik. Für 1942 weist die Reihe noch Werte von 151,57 Punkten im Januar bis 153,76 Punkten im März aus.

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