Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Akkord-Skalen-Theorie

I. Tabelle der Septimakkorde und ihrer Akkordskalen im Ionischen Modus (Dur) ; A Dur, Amaj7, B-7 ; E Dur, Emaj7, F#-7 ; B Dur, Bmaj7, C#-7 ; F# Dur, F#maj7, G#-7 …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Zweck
  2. 2. Stufenakkorde in Dur und Moll
  3. 3. Skalenmodelle und Modi
  4. 4. Klang, Tonrollen und Anwendung

Grundidee und Zweck

Die Akkord-Skalen-Theorie (AST; englisch Chord Scale Theory) ist eine Methode zur Vermittlung von Jazzharmonik und zugehörigen Improvisationsstrategien. Richard Graf und Barrie Nettles veröffentlichten sie Ende der 1990er-Jahre. Sie beruht auf einem Ansatz, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Berklee College of Music entwickelt wurde und als Chord Scale System zu einem internationalen Standard für Jazz- und Popmusiker geworden ist.

Kernannahme ist, dass Akkorde und Skalen eine funktionale Einheit bilden: Akkordtöne können innerhalb einer Oktave horizontal als Skala angeordnet werden, während sich eine Tonleiter vertikal als Terzschichtung darstellen lässt. Die AST soll zeigen, welches tonale Potenzial in einem einzelnen Akkord oder einer Akkordfolge steckt. Sie ordnet Akkorden passende Skalentöne zu und dient damit als Grundlage für Improvisieren, Arrangieren und Komponieren.

Als Basis verwendet sie Septakkorde, also Akkorde mit vier Tönen. Fügt man drei leitereigene Töne im Terzabstand hinzu – 9, 11 und 13 –, entsteht ein siebenstimmiger Tredezimen-Akkord. Diese zusätzlichen Töne heißen Tensions, Spannungs- oder Optionstöne. Welche Tensions möglich sind, hängt von Stufe, zugeschriebener Akkordfunktion und Tonart ab. Werden die Töne 9, 11 und 13 in den unteren Oktavraum übertragen, ergibt sich aus dem vertikalen Akkord die horizontale Akkordskala.

Stufenakkorde in Dur und Moll

Auf jeder der sieben diatonischen Stufen einer Tonart lässt sich zunächst ein Vierklang und daraus ein siebentöniger Tredezimen-Akkord bilden. Deshalb können in jeder Tonart sieben Akkordskalen konstruiert werden. Diese sind mit den Stufenakkorden und meist auch mit den aus der Funktionstheorie übernommenen Funktionen verbunden.

In C-Dur lautet die Zuordnung: I: Cmaj7 – C ionisch – Tonika; II: D-7 – D dorisch – Prädominante; III: E-7 – E phrygisch – Moll-Zwischendominante zur VI; IV: Fmaj7 – F lydisch – Subdominante; V: G7 – G mixolydisch – Dominante; VI: A-7 – A – Moll-Zwischendominante zur II; VII: B-7(b5) – B lokrisch – Dominantvertreter.

Im ionischen Modus, also in Dur, ist jede Skala eindeutig. Beispielsweise ist C mixolydisch zugleich die fünfte Stufe von F-Dur. Das Muster der Septakkorde lautet in jeder Durtonart: Imaj7, II-7, III-7, IVmaj7, V7, VI-7, VII-7(b5). Für natürliche Molltonleitern wird dieselbe Systematik verwendet; dabei wird I-7 in Moll mit VI-7 in Dur gleichgesetzt.

Skalenmodelle und Modi

Die Akkordskalen werden aus vier Basistonleitern abgeleitet: Dur, melodisch Moll aufwärts, harmonisch Moll und harmonisch Dur. Die Tabelle bezeichnet die Skalen sowohl mit verbreiteten englischen Namen als auch mit systematischen Namen.

Aus Dur entstehen die sieben Modi: Major/Ionisch, Dorian/Dorisch, Phrygian/Phrygisch, Lydian/Lydisch, Mixolydian/Mixolydisch, Natural Minor/Äolisch und Locrian/Lokrisch. Ihre Stufen sind I bis VII.

Aus melodisch Moll aufwärts stammen unter anderem Altered beziehungsweise Super Locrian (Ionisch #1), Ascending Melodic Minor (Dorisch #7), Dorian b2 (Phrygisch #6), Lydian Augmented (Lydisch #5), Lydian Dominant (Mixolydisch #4), Aeolian Dominant (Äolisch #3) und Half Diminished (Lokrisch #2).

Aus harmonisch Moll werden Major #5 beziehungsweise Major Augmented (Ionisch #5), Dorian #4, Phrygian Dominant (Phrygisch #3), Lydian #2, Altered Dominant bb7 (Mixolydisch #1), Harmonic Minor (Äolisch #7) und Locrian #6 abgeleitet. Harmonisch Dur liefert Harmonic Major (Ionisch b6), Dorian b5, Phrygian b4, Lydian b3, Mixolydian b2, Lydian Augmented #2 (Äolisch b1) und Locrian bb7 (Lokrisch b7). Vorzeichen wie b und # verändern dabei einen Skalentone gegenüber der Grundform.

Klang, Tonrollen und Anwendung

Jede Akkordskala besitzt eine eigene Klangfarbe. Entscheidend ist die Beziehung ihrer einzelnen Töne zum Grundton. Skalen gelten klanglich als eigenständig und sollen nicht einfach mit einer Stufe oder einer harmonischen Funktion gleichgesetzt werden. So kann Mixolydisch auch ohne Dominantfunktion in Dur vorkommen, etwa im Blues als Tonika auf der I. Stufe.

Die AST unterscheidet drei Gruppen von Skalentönen:

  • Akkordtöne sind die Töne des Septakkords und repräsentieren die Harmonie.
  • Tensions sind hinzugefügte Töne, die besondere Spannung und Klangfarbe erzeugen.
  • Avoid-Töne sind Töne, die in einem Akkord stark dissonant klingen.

Für die musikalische Wirkung genügt es nicht, nur den verfügbaren Tonvorrat zu kennen. Wichtig ist die jeweilige Rolle eines Tons: Er kann die Harmonie als Akkordton betonen oder als Tension Spannung erzeugen. Bei einem Akkordwechsel kann derselbe Ton eine andere Rolle erhalten. Die Gewichtung dieser Rollen prägt den Gesamteindruck eines Stücks.

Wer Akkordfolgen nur als horizontal aneinandergereihte Skalen auffasst und die vertikalen Akkordstrukturen nicht beachtet, riskiert den Eindruck ziellosen „Tonleitergedudels“. Werden Tensions zu stark betont, kann für Hörende außerdem der Bezug zum Grundklang verloren gehen.

Weiterlesen

1990er Die 1990er umfassen die Jahre von 1990 bis 1999. Sie waren geprägt von einer Neuordnung der Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs. Aus großen Teilen der … Jazzharmonik Mit Jazzharmonik oder Harmonik des Jazz wird das harmonische Konstrukt beschrieben, auf welchem die Jazzmusik aufbaut. Zwar werden auch in der Jazzmusik … Improvisation (Musik) Als Improvisation wird eine Form musikalischer Darbietung durch Einzelne (Solisten) oder Ensembles verstanden, bei der Tonmaterial und Klangfolgen in der … Akkord Im musikterminologischen Sinn wird als Akkord das simultane Zusammentreffen von unterschiedlichen Tönen bezeichnet. Der Begriff Akkord hat im Laufe der … Tonleiter Weit verbreitet sind diatonische Tonleitern in Dur und Moll oder die Kirchentonleitern. Tonleitern sind durch Tonabstände definiert. Die in der konkreten … Stufentheorie (Harmonik) Stufen · Dur–Stufen (große Terz – kleine Terz): I, IV und V · Moll–Stufen (kleine Terz – große Terz): II, III und VI · verminderte Stufe (kleine Terz – kleine Terz): … Funktionstheorie Die Funktionstheorie ist Teilgebiet der Musiktheorie und gehört zur Harmonielehre. Sie beschreibt die Verhältnisse und Spannungen zwischen den Akkorden in … C-Dur C-Dur ist eine Tonart des Tongeschlechts Dur, die auf dem Grundton c aufbaut. Die Tonart C-Dur wird in der Notenschrift ohne Vorzeichen geschrieben. Tonika Tonika oder Tonica (französisch tonique ‚tonisch' zu griechisch τόνος tonos, deutsch ‚Spannung') heißt in der dur-moll-tonalen Musik der Grundton der Tonart, … Prädominante Prädominante (von englisch pre-dominant chord) bezeichnet in der Musiktheorie einen Akkord, der in einer Kadenz der Dominante vorangeht bzw. in diese … Zwischendominante Zwischendominanten oder auch Sekundärdominanten sind Akkorde mit dominantischem Charakter, die sich in einen von der Tonika verschiedenen Klang auflösen. Subdominante Subdominante, auch Unterdominante, bezeichnet den Akkord auf der vierten Stufe einer Dur- oder Molltonleiter. Die Bezeichnung Subdominante (sous-dominante) …