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Afrikaans
Afrikaans, früher auch Kapholländisch oder Kolonial-Niederländisch genannt, ist eine der elf Amtssprachen in Südafrika und eine anerkannte …
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Einordnung und Verbreitung
Afrikaans, früher auch Kapholländisch oder Kolonial-Niederländisch, ist eine westgermanische und damit indogermanische Sprache. Es entstand aus dem Neuniederländischen des 17. Jahrhunderts, hat aber im Vergleich zur heutigen niederländischen Standardsprache viele Formen vereinfacht. Es ist eine der elf Amtssprachen Südafrikas sowie eine anerkannte Minderheitensprache und Lingua franca, also Verkehrssprache, in Namibia. Ursprünglich war es die Sprache der Buren; heute sind die meisten Muttersprachler Coloureds.
Afrikaans wird vor allem in Südafrika mit 17,54 Millionen Sprechern und Namibia mit 220.000 Sprechern gebraucht. Weitere Sprecher leben unter anderem in Sambia (96.000), Eswatini (17.000) und Botswana (8000) sowie in Einwanderstaaten. In Südafrika hatten 2011 etwa 13,5 % der Bevölkerung Afrikaans als Muttersprache; damit lag die Sprache nach isiZulu und isiXhosa an dritter Stelle. Von den 6,86 Millionen Muttersprachlern waren 3,44 Millionen Coloureds, 2,71 Millionen Weiße, 0,60 Millionen Schwarze, 0,06 Millionen Inder und 0,04 Millionen Sonstige. Weltweit können sich etwa 16 bis 22 Millionen Menschen auf Afrikaans verständigen.
Entwicklung und gesellschaftliche Stellung
Nach der Gründung Kapstadts durch die Niederländische Ostindien-Kompanie 1652 und der systematischen Besiedlung um Kapstadt ab 1679 verbreitete sich das Niederländische im Gebiet. Sprachkontakte prägten die Entwicklung: Der enge Kontakt zu Nama sowie die Pockenepidemie von 1713 förderten den Abbau von Flexionen, also von veränderlichen Wortendungen. Auch das von Versklavten aus Südostasien unvollständig erlernte Niederländisch wirkte auf die Vereinfachung der Grammatik ein; diese Menschen sprachen unter anderem Malaiisch oder Kreolportugiesisch.
Die ältere Ostgrenzhypothese erklärte das Ostgrenzafrikaans als direkte Weiterentwicklung der Dialekte der Treckburen und Kap- sowie Oranjerivierafrikaans als stärker kreolisierte Formen. Neuere Forschung beschreibt die Entstehung als komplexer: Bis in das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert bestanden verschiedene niederländische und afrikaanse Sprachformen nebeneinander. Ihr Gebrauch hing auch von sozialer Klasse, Ethnizität und rassischen Zuschreibungen ab. 1875 gründete sich die Genootskap van Regte Afrikaners, um gesprochenes Afrikaans als Schriftsprache zu etablieren.
Nach dem britischen Übergang der Kapkolonie 1806 gewann Englisch hohes Prestige. Am 8. Mai 1925 wurde Afrikaans neben Niederländisch und Englisch als Amtssprache der Südafrikanischen Union anerkannt. Bis 1994 waren Afrikaans und Englisch die einzigen Amtssprachen Südafrikas. Der Versuch, Afrikaans 1976 für die gesamte schwarze Bevölkerung als Unterrichtssprache einzuführen, führte am 16. Juni 1976 zu den Schülerprotesten in Soweto. Seit 1994 verlor Afrikaans gegenüber Englisch als gemeinsamer Verkehrssprache an Bedeutung; bei vielen schwarzen Südafrikanern erinnert es an die Apartheid. Es gibt unter anderem Oranjerivier- oder Gariep-Afrikaans, Afrikaaps, Oosgrens-Afrikaans, Oorlams und Patagonisches Afrikaans.
Schreibung und Aussprache
Die afrikaanse Rechtschreibung orientiert sich stark an der Aussprache. Die niederländischen Buchstaben g und ch sind zu g zusammengefallen. Aus etymologischen Gründen bleiben y gegenüber ei sowie v gegenüber f in der Schrift unterschieden, obwohl v als [f] gesprochen wird. Die meisten Buchstaben haben nur eine Aussprache. Stimmhafte Laute werden am Silbenende verhärtet: hand wird tatsächlich [hant] ausgesprochen. Die Endung -tjie von Verkleinerungsformen wird [ki] gesprochen.
Die erste Silbe ist meist betont. Bei den Vorsilben ver-, be-, ge-, ont-, her- liegt die Betonung jedoch auf der zweiten Silbe. Für die Schreibung langer und kurzer Vokale ist wichtig, ob eine betonte Silbe offen oder geschlossen ist: In offenen betonten Silben stehen nur lange Vokale, die einfach geschrieben werden, etwa va-der. In geschlossenen Silben werden lange Vokale verdoppelt, etwa brood, kurze Vokale einfach geschrieben, etwa kat. Im Plural wird aus brood die Form bro-de; aus kat wird kat-te. Die Kombinationen oe, eu, ie, ei, ui und ou werden nicht verdoppelt.
Zu den Diphthongen, also Gleitlauten aus zwei Vokalen, gehören beispielsweise [ɛɪ̯] in vyf „fünf“ und my „mein“, [œʊ̯] in oud „alt“ und [œɪ̯] in uit „aus“. Der Buchstabe g wird zwischen l oder r und e als [g], sonst meist als [x], der ach-Laut, gesprochen. r ist ein Zungenspitzen-r; s ist stets stimmlos. w lautet nach d, k, s und t wie englisches w, sonst wie deutsches w.
Substantive und Satzbeziehungen
Die Grammatik ist durch den weitgehenden Abbau von Flexionen einfach. Substantive haben kein grammatisches Geschlecht. Der bestimmte Artikel lautet im Singular und Plural immer die, zum Beispiel die man, die vrou und die kind. Der unbestimmte Artikel im Singular ist ’n und wird [ə] gesprochen.
Die häufigste Pluralendung ist -e, etwa voet – voete, bus – busse und man – manne. Endet ein Wort auf langen Vokal plus d oder g, fällt dieser Konsonant im Plural meist weg: oog – oë, tyd – tye, vraag – vrae. Die Endung -s erscheint vor allem bei mehrsilbigen Wörtern, Diminutiven und Wörtern auf -el, -ël oder -er, etwa moeder – moeders. Eine weitere Endung ist -te, etwa nag – nagte.
Kasusflexion gibt es nicht. Herkunft wird mit van ausgedrückt, etwa die boeke van Gordimer. Besitz wird durch nachgestelltes se ausgedrückt, etwa die man se hond. Objekte können zur Verdeutlichung mit vir eingeleitet werden, müssen es aber nicht: Ek sien die man und Ek sien vir die man bedeuten beide „Ich sehe den Mann“. Bei Verben mit zwei Objekten darf vir nur das indirekte Objekt markieren.
Subjektpronomen sind unter anderem ek „ich“, jy „du“, hy „er“, sy „sie“, ons „wir“, julle „ihr“, hulle „sie“ und u als Höflichkeitsform. Possessivformen werden nicht nach Zahl oder syntaktischer Funktion flektiert: Dis my huis(e) bedeutet sowohl „Es ist mein Haus“ als auch „Es sind meine Häuser“.
Verben, Adjektive und Verneinung
Der Infinitiv kommt als om te + Verb vor, etwa om te sing, in festen Verbindungen als te + Verb und nach Hilfsverben ohne te, etwa Ek kan praat. Im Präsens sind Infinitiv und Verbform gleich; die Formen ändern sich weder nach Person noch nach Zahl. Ausnahmen sind wees „sein“ mit is und hê „haben“ mit het.
Als reguläre Vergangenheit gibt es nur das Perfekt. Es wird mit hê und ge- vor dem Infinitiv gebildet: Ek het die man gesien bedeutet „Ich habe den Mann gesehen“. Eine Ausnahme ist hê – gehad. Acht Verben haben zusätzlich eine Präteritumsform, darunter wees – was, kan – kon, moet – moes, wil – wou und sal – sou. Die Zukunft wird mit gaan bei Absichten und sal bei nicht beeinflussbaren Ereignissen gebildet. Der Konjunktiv II verwendet allgemein sou und drückt vor allem Nichtwirklichkeit aus: Ek sou die motor koop heißt „Ich würde das Auto kaufen“.
Adjektive stehen prädikativ oder attributiv. Viele erhalten vor einem Substantiv die Endung -e, etwa smaaklik – smaaklike. Farbadjektive wie rooi, wit und swart werden nicht flektiert. Auch viele einsilbige Adjektive bleiben ungebeugt, beispielsweise mooi und bitter; bei übertragener Bedeutung können sie jedoch eine Endung erhalten, etwa die arme pasiënt. Adverbien haben meist dieselbe Form wie Adjektive; zur Bildung kann ein Wortstamm verdoppelt werden, etwa plek-plek „hier und da“.
Die Verneinung verlangt am Ende der Sinneinheit nie. Dadurch entsteht oft eine doppelte Verneinung: Ek sien niks nie „Ich sehe nichts“ und Ek wil nie werk nie „Ich will nicht arbeiten“.
Wortschatz und Nähe zum Niederländischen
Etwa 95 % des afrikaanse Wortschatzes stammen aus dem Niederländischen. Darunter sind Wörter aus holländischen Dialekten und der Seemannssprache, zum Beispiel kombuis „Küche“, sowie im heutigen Niederländisch altertümliche Wörter wie navorsing „Nachforschung“. Manche Wörter änderten ihre Bedeutung: pad entwickelte sich von „Trampelpfad“ zu „Weg, Straße, Autobahn“. Seit 1917 gibt die Sprachkommission der Akademie für Wissenschaft und Kunst die Afrikaanse woordelys en spelreëls (AWS) mit Wortlisten und Schreibregeln heraus.
Rund 5 % des Wortschatzes sind Entlehnungen, besonders aus Englisch, Französisch, Deutsch, Malaiisch, Kreolportugiesisch, Khoisansprachen und Bantusprachen. Baie „viel, sehr“ stammt aus dem Malaiischen banja(k). Aus dem Xhosa kommen etwa kaya „Haus“ und aikona „nein“, aus dem Khoikhoi eina „au!“. Der englische Einfluss zeigt sich besonders in Lehnübersetzungen wie sypaadjie nach side-walk.
Afrikaanssprecher und Niederländer können die jeweils andere Sprache mit wenig Mühe lesen und verstehen. Das Sprachbeispiel zeigt diese Nähe etwa bei Nuwe navorsing toon dat aardverwarming ’n impak op sandduine in Suid-Afrika kan hê, entsprechend niederländisch Nieuw onderzoek toont dat opwarming van de aarde invloed op zandduinen in Zuid-Afrika kan hebben.