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Muttersprache
Als Muttersprache bezeichnet man eine vom Sprecher in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache. Das Wort wird oft im Sinne der …
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Begriff und Grundverständnis
Als Muttersprache gilt eine Sprache, die ein Sprecher in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernt. Häufig wird das Wort gleichbedeutend mit Erstsprache verwendet. Meist vermittelt eine enge Bezugsperson die Sprache; das kann die Mutter sein, aber auch der Vater, Großeltern oder eine andere Betreuungsperson. Entscheidend ist daher nicht zwingend, wer die Sprache spricht, sondern dass sie im frühen häuslichen Umfeld erworben wird.
Der Begriff wird umgangssprachlich, amtlich und in Fachbüchern verwendet, jedoch nicht immer völlig gleich verstanden. Der Duden definiert ihn als „Sprache, die ein Mensch als Kind (von den Eltern) erlernt [und primär im Sprachgebrauch] hat.“ Suzanne Romaine weist darauf hin, dass die Bezeichnung fälschlich nahelegen kann, die Sprache müsse immer von der Mutter stammen. Dies trifft besonders in mehrsprachigen Gesellschaften und gemischtsprachigen Familien nicht zwingend zu.
Auch Institutionen wie die Vereinten Nationen verwenden den Ausdruck teilweise weiter gefasst: Gemeint ist dann eine Sprache, die im Heim eines Individuums in früher Kindheit gesprochen wurde, aber nicht unbedingt eine Sprache, die die Person heute noch spricht.
Erwerb und Sprachbeherrschung
In der Sprachaneignung wird die Erstsprache eines Kindes oft als L1 bezeichnet. Sie kann Muttersprache heißen, obwohl neben oder statt der Mutter andere Bezugspersonen am Erwerb beteiligt sind.
In Familien, die eine Minderheitensprache sprechen, während im Staat eine starke dominierende Amtssprache gilt, kann ein oder können beide Elternteile die Minderheitensprache besser beherrschen und sie im Alltag verwenden. Dennoch werden die Kinder häufig angehalten, die als angesehener und vermutlich nützlicher geltende offizielle Sprache des Landes zu sprechen. Dahinter steht meist die Erwartung, ihnen damit später ein erfolgreiches Leben zu ermöglichen. Die sogenannte Muttersprache wird in solchen Fällen oft nur unzureichend erworben.
Muttersprache bedeutet nicht automatisch die Sprache, die jemand am besten beherrscht. Durch Migration können Menschen weitere Sprachen lernen und später ausschließlich verwenden. Dann kann ihre Kompetenz in der Erstsprache abnehmen oder ganz verloren gehen.
Mehrsprachigkeit und Bilingualismus
Bilingualismus bezeichnet die Fähigkeit, zwei oder mehr Sprachen zu beherrschen. Ein Kind kann bilingual werden, wenn es früh zwei Sprachen ausgesetzt ist, etwa der Sprache des einen und des anderen Elternteils oder einer weiteren engen Bezugsperson. In vielen Familien wird dabei das Prinzip „eine Person – eine Sprache“ angewendet: Jedes Elternteil spricht mit dem Kind in seiner jeweiligen Muttersprache.
Im engeren Sinn ist eine Person bilingual, wenn sie die Zweitsprache mit ebenso hoher Kompetenz wie die Muttersprache spricht. In den USA und anderen Weltregionen werden jedoch teilweise bereits Personen mit einigermaßen brauchbaren Fremdsprachenkenntnissen als bilingual oder multilingual bezeichnet. Sprachpolitisch kann dies als Aufwertung der tatsächlichen Mehrsprachigkeit von Bevölkerungsgruppen verstanden werden, die neben der Majoritätssprache eine andere Muttersprache sprechen. Die Angaben in diesem Teil des Artikels sind laut Wikipedia nicht hinreichend belegt.
Muttersprache in Volkszählungen
Bei der Entstehung von Nationen, in territorialen Konflikten und auch in Kolonien gewann Sprache zunehmend an Bedeutung. Der Internationale statistische Kongress in Sankt Petersburg von 1860 betrachtete Sprache als den einzigen Aspekt der Nationalität, der sich zumindest objektiv zahlenmäßig erfassen und tabellarisch darstellen lasse. Eine Frage nach der Muttersprache wurde aber nicht verpflichtend vorgeschrieben; die einzelnen Regierungen sollten entscheiden, ob sie eine solche Frage für national bedeutsam hielten. Der statistische Kongress von 1873 empfahl dagegen, sie künftig in alle Volkszählungen aufzunehmen.
Besonders umstritten war die Frage in der österreichisch-ungarischen Monarchie, einem Vielvölkerstaat. Man befürchtete, sie könne Nationalismus fördern, weshalb sie erst ab 1880 eingeführt wurde. Danach wurde jede Volkszählung zu einem Kampfplatz zwischen den Nationalitäten; Schlichtungsversuche der Behörden blieben erfolglos.
Im Habsburgerreich fragte man nicht nach der Sprache des öffentlichen Lebens, weil diese der Bevölkerung durch Regierung oder Partei aufgezwungen worden sein konnte. Der österreichische Statistiker Adolf Ficker setzte sich stattdessen für die „Familiensprache“ ein: die Sprache, die ein Individuum gewöhnlich im Familienkreis benutzt. Damit sollten sprachlicher Wandel und sprachliche Assimilierung berücksichtigt werden. Die Volkszählungen zwangen Menschen dadurch erstmals dazu, nicht nur eine Nationalität, sondern eine sprachliche Nationalität zu wählen.
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