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Kreolsprache
Im Gegensatz zu Pidgins haben Kreolsprachen einen weit umfangreicheren Wortschatz, eine regelbasierte Aussprache und eine ausgebaute Grammatik. ... Französisch …
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Begriff und zentrale Merkmale
Eine Kreolsprache, kurz Kreol oder Kreolisch, entsteht beim Kontakt von zwei oder mehr Sprachen und wird von einer Sprachgemeinschaft als Muttersprache gesprochen. Häufig stammt ein großer Teil ihres Wortschatzes aus der Sprache der gesellschaftlich dominanten Gruppe. Diese wird Superstratsprache oder Lexifier genannt. Grammatik und oft auch Lautsystem unterscheiden sich nach der Kreolisierung jedoch deutlich von den beteiligten Ausgangssprachen. Durch weiteren Sprachausbau kann sich eine Kreolsprache zur Standardsprache entwickeln.
Viele Kreolsprachen entstanden im Zusammenhang mit der europäischen Kolonialisierung und dem Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts. Durch Verschleppung verloren zahlreiche Menschen ihre geografischen und sozialen Bindungen zu ihren ursprünglichen Sprachen und mussten neue gemeinsame Verständigungsmittel entwickeln. Die sprecherreichste Kreolsprache ist Haitianisch-Kreolisch mit mehr als zehn Millionen Sprechern.
Typische sprachliche Merkmale sind eine feste Subjekt-Verb-Objekt-Wortfolge (SVO), die Markierung von Negation, Tempus und Modus vor dem Verb sowie Serialverbkonstruktionen, bei denen mehrere Verben ohne verbindende Elemente aufeinanderfolgen. Kreolsprachen besitzen gewöhnlich eine regelbasierte Aussprache, eine ausgebaute Grammatik und einen umfangreichen Wortschatz. Häufig vermeiden sie schwierige Lautverbindungen und bevorzugen zweisilbige Formen. Nicht jedes Merkmal tritt jedoch in jeder Kreolsprache gleich auf.
Eine rein strukturelle Definition ist umstritten. Ein Teil der Sprachwissenschaft hält zusätzlich soziolinguistische Kriterien, also gesellschaftliche Entstehungs- und Gebrauchsbedingungen, für notwendig.
Abgrenzung von Pidgin-Sprachen
Ein Pidgin ist eine reduzierte Sprachform, die der Verständigung zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Sprachen dient, etwa beim Handel oder zwischen Sklaven und Sklavenhaltern. Es besitzt normalerweise einen kleinen Wortschatz und eine eingeschränkte, teilweise uneinheitliche Grammatik und wird zunächst als Fremdsprache verwendet.
Wird ein Pidgin von einer heranwachsenden Generation als Muttersprache erworben, gilt es nach einer verbreiteten Definition als Kreolsprache. Diese verfügt gegenüber dem Pidgin über einen erheblich größeren Wortschatz, eine kompliziertere und stärker ausgebaute Grammatik sowie einen einheitlicheren Sprachgebrauch. Kreolsprachen sind daher keine bloß fehlerhaften Varianten ihrer europäischen Ausgangssprachen, sondern eigenständige, regelhafte Sprachen.
Theorien zur Entstehung
Die Entstehung von Kreolsprachen wird durch mehrere kontrovers diskutierte Theorien erklärt. Weitgehend besteht Konsens, dass keine einzelne Theorie alle Fälle zufriedenstellend erfasst; teilweise werden einander ergänzende Ansätze kombiniert.
Nach der Substrattheorie liefert der Lexifier oder das Superstrat, meist die Sprache der dominanten Kolonialmacht, vor allem den Wortschatz. Grundlegende grammatische Strukturen stammen dagegen aus dem Substrat, gewöhnlich einer Sprache der unterdrückten Gruppe.
Die Vereinfachungstheorie nimmt an, dass Angehörige dominanter Gruppen ihre Sprache ähnlich wie im Baby-Talk oder foreigner talk vereinfachten, etwa durch den Abbau von Flexion. Zugleich konnten die anderen Gruppen das vollständige Erlernen ablehnen, um ihre sprachliche und kulturelle Identität zu bewahren. Aus der Vereinfachung konnten neue Regeln entstehen. Als Beispiel wird Nouchi genannt, das sich aus wenig standardisiertem ivorischem Französisch entwickelte. Derek Bickerton wandte ein, Pidgins hätten nicht durchgehend eine systematisch vereinfachte Verbflexion, sondern häufig eher chaotische grammatische Muster.
Bickertons Bioprogramm-Theorie von 1981 erklärt Gemeinsamkeiten vieler Kreolsprachen, etwa doppelte Negation und Besonderheiten bei Artikeln, Fragewörtern und Passivkonstruktionen, mit einer angeborenen Universalgrammatik im Sinne Noam Chomskys. Kinder verarbeiten demnach den lückenhaften Pidgin-Input ihrer Eltern und bilden daraus eine vollständige Erstsprache. Erwachsene erwerben neue Sprachen dagegen weniger vollständig, was die eingeschränkteren Strukturen von Pidgins erklären soll. Die Annahme einer gemeinsamen Kreolsyntax oder eines Kreolprototyps ist umstritten; konkurrierende Erklärungen wie Substrateinflüsse oder sprachliche Diffusion bleiben bedeutsam.
Die monogenetische Theorie nimmt einen gemeinsamen Ursprung aller Pidgin- und Kreolsprachen an, möglicherweise ein portugiesisches Proto-Pidgin, das einer mediterranen Handelssprache wie Sabir ähnelte. Unterschiedlicher Wortschatz wird durch Relexifizierung erklärt, also den Austausch großer Teile des Wortschatzes infolge wechselnder Kolonialherrschaft. Papiamentu mit spanisch-portugiesischem Wortschatz gilt als mögliches Beispiel.
Die polygenetische Theorie geht dagegen von unabhängigen Entstehungen aus. Nach Hugo Schuchardt wirkten jeweils alle örtlich gesprochenen Sprachen mit. Robert A. Halls Begriff der „unabhängigen parallelen Entwicklung“ bezeichnet den Gedanken, dass gleiche Prozesse trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte zu ähnlichen Ergebnissen führen können.
Variation und Sprachwandel
Nach dem Modell des kreolischen Kontinuums existieren zwischen einer Kreolsprache und ihrer Superstratsprache mehrere fließend ineinander übergehende Varianten. Der Akrolekt steht der Standardsprache am nächsten, der Mesolekt nimmt eine Zwischenstellung ein und der Basilekt ist am weitesten von ihr entfernt. Beim Jamaikanischen Kreolisch unterscheiden sich diese Varianten besonders in der Grammatik. Basilekte werden typischerweise eher in ländlichen Gebieten und von Menschen mit geringer Bildung verwendet, Akrolekte eher von höher gebildeten und sozial höheren Gruppen. Dieser Ansatz betrachtet Kreolsprachen nicht als Nachfolger eines Pidgins, sondern als besonders weit von der Standardsprache entfernte Varianten ihrer Ursprungssprache.
Dekreolisierung oder Entkreolisierung bezeichnet die erneute grammatische Annäherung einer Kreolsprache an die Sprache, aus der ein großer Teil ihres Wortschatzes stammt. Sie kann durch dauernden Kontakt, wachsende Schulbildung und das höhere Prestige der Standard- oder Bildungssprache entstehen. Beispiele sind Krio und Englisch in Sierra Leone sowie louisianisches Kreolisch und Französisch.
Als Gegenreaktion können Sprecher die Kreolsprache bewusst stärker von der Standardsprache abgrenzen, um ihre ethnische Identität zu betonen und sich gegen ein Symbol des Kolonialismus zu wenden. Dies heißt Rekreolisierung oder Hyperkreolisierung. Das African American English in den USA durchlief laut Artikel Kreolisierung während der Versklavung, anpassende Dekreolisierung nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und eine selbstbewusste Hyperkreolisierung in den letzten Jahrzehnten.
Einige Linguisten vertraten außerdem die umstrittene These, romanische Sprachen seien ebenfalls Kreol- oder Mischsprachen. Schuchardt nahm keine einzelne dominierende Ausgangssprache an, sondern betonte Sprachmischung und die Neubildung grammatischer Strukturen bei starken Unterschieden zwischen den beteiligten Sprachen.
Anerkennung und gesellschaftliche Bedeutung
Pidgins und Kreolsprachen galten lange lediglich als „schlechte“ Formen europäischer Sprachen, erkennbar an Bezeichnungen wie broken English oder bastard Portuguese. Erst im 19. Jahrhundert erkannte die Sprachwissenschaft sie als eigenständige Sprachen an. Mit der Kreolistik entstand ein Forschungsgebiet, das diese Sprachen systematisch beschreibt und ihre Entstehung untersucht.
Ihr gesellschaftliches und politisches Prestige blieb dennoch häufig gering. Besonders seit den Umbrüchen in ehemaligen Kolonien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Kreolsprachen zunehmend in Schulen, Universitäten, Zeitungen, Filmen, Verwaltung und Medien verwendet. Tok Pisin dient in Papua-Neuguinea beispielsweise als Sprache des Parlaments und des nationalen Fernsehens. Standardisierte Rechtschreibungen, Grammatiken und Wörterbücher ermöglichen den Einsatz als Unterrichts- und Bildungssprachen.
In Haiti sprechen 90 % der Bevölkerung ausschließlich Haitianisch-Kreolisch. Die Sprache besitzt seit dem 19. Jahrhundert eine Literaturtradition und wird zunehmend in politischen und religiösen Veröffentlichungen genutzt. 1979 wurde ihre Rechtschreibung normiert, damit sie in den ersten vier Schuljahren als Unterrichtssprache verwendet und Lesen und Schreiben darin gelehrt werden konnte. Damit sollte der massive Analphabetismus bekämpft werden, der 1984 bei 20 % lag. Haitianisch-Kreolisch ist inzwischen Amtssprache Haitis.
Auf den Seychellen trugen eine 1977 veröffentlichte Grammatik und ein 1982 erschienenes Wörterbuch dazu bei, Kreol als vollwertige Sprache anzuerkennen. Ebenfalls 1982 wurde es dort als Medium der Alphabetisierung in den Schulen eingeführt. Das Beispiel zeigt, wie sprachwissenschaftliche Beschreibung und Standardisierung die öffentliche Anerkennung und Sprachpolitik beeinflussen können.