Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Absolutheitsanspruch

Als Absolutheitsanspruch wird der Anspruch auf die Geltung eines einzigen Prinzips als allein richtige und vollständige Lehre, als das Absolute verstanden.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Absolutheitsanspruch im Extremismus
  3. 3. Judentum und Christentum
  4. 4. Islam und Mission

Begriff und Bedeutung

Ein Absolutheitsanspruch ist der Anspruch, dass ein einziges Prinzip, eine Ideologie oder Lehre allein richtig, vollständig und letztgültig sei – also als das Absolute gelte. Er kann Teil religiöser, politischer, philosophischer und kultureller Denkmuster sein. Religiöser Glaube ist nach dem zitierten theologischen Verständnis grundsätzlich mit der Überzeugung verbunden, an der letztgültigen Wahrheit über Gott, Welt und Mensch teilzuhaben. Im Christentum wird diese Wahrheit in Jesu Wort, Werk und Person gesehen; im Islam wird der Koran als zeitlich letztes und abschließendes heiliges Buch verstanden.

Absolutheitsanspruch im Extremismus

Neben dem Alleinvertretungsanspruch gilt der Absolutheitsanspruch als Hauptkriterium zur Definition von politischem Extremismus. Tanja Wolf bezeichnet ihn 2018 als möglicherweise zentralstes Merkmal des Extremismus.

Extremistische Ideologien beanspruchen universelle und absolute Gültigkeit. Weder ihre Grundsätze noch einzelne Auslegungen dürften infrage gestellt werden; sie gelten als apodiktisch, also keinen Widerspruch duldend, und als gegen Kritik immun. Häufig wird angenommen, Geschichte verlaufe linear auf ein festes Ziel zu. Dadurch erscheinen Zukunft, politische Fragen und gesellschaftliche Lösungen als eindeutig vorherbestimmt.

Daraus kann ein elitärer Führungsanspruch entstehen: Eine kleine, angeblich „erleuchtete“ Gruppe beansprucht, allein die Ideologie richtig deuten und Staat oder Gesellschaft alternativlos führen zu können. Die übrige Bevölkerung soll ihr bedingungslos folgen. Armin Pfahl-Traughber beschreibt das damit verbundene Weltbild als „dualistischen Rigorismus“: Die Welt wird stark vereinfacht in Gut und Böse geteilt; andere Meinungen gelten als falsch oder gefährlich.

Astrid Bötticher und Miroslav Mareš heben weitere Folgen hervor: Ein Absolutheitsanspruch widerspreche der grundsätzlichen Fehlbarkeit von Vernunft und Wissenschaft, fördere Intoleranz und Fanatismus und stütze die Vorstellung eines „höheren Wissens“. Die Elite kann bestimmen, was als unveränderlicher Grundsatz oder nur als praktische Aussage gilt. So können Personen als „Abweichler“ oder „Revisionisten“ ausgegrenzt werden; im schlimmsten Fall drohe ihnen laut dem zitierten Modell Vernichtung.

Judentum und Christentum

Im Judentum wird Gottes Einzigkeit besonders im ersten Gebot betont: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (Schəmot 20,2–3; christlich Exodus 20,2–3). Historisch wird dies als Abgrenzung des einen, unsichtbaren und allmächtigen Gottes Israels von Gottheiten anderer Kulturen erklärt. Das Schma Israel lautet: „Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!“ (Dəvarim 6,4; Deuteronomium 6,4). Aussagen wie „außer mir gibt es keinen Gott“ (Jesaja 44,6) werden im Zusammenhang von Jesaja 40–46 als Ablehnung von Götzenverehrung relativiert.

Der Artikel beschreibt den jüdischen Absolutheitsanspruch als begrenzt: Der Tanach gelte nicht als einzige heilige Schrift, denn auch andere Völker könnten Propheten und heilige Schriften haben. Deren Wahrheiten würden akzeptiert, sofern sie dem Judentum nicht widersprechen. Nichtjuden werden in allen jüdischen Richtungen akzeptiert, wenn sie die sieben noachidischen Gebote einhalten; Mission unter Nichtjuden sei deshalb nicht erforderlich.

Das Christentum teilt mit dem Judentum die Schriften des Alten Testaments. Nach jüdischem Verständnis ist der Messias noch nicht erschienen; nach christlichem Verständnis kam er bereits als Jesus Christus, in dem Gott Mensch wurde, sich offenbarte und sich zur Sündenvergebung opferte. Daraus ergibt sich ein gegenseitiger Konflikt von Wahrheitsansprüchen.

Der christliche Absolutheitsanspruch besteht in der Überzeugung, dass Gott sich endgültig und verbindlich in Jesus von Nazareth mitgeteilt habe. Wichtige Belege sind Johannes 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“, sowie Apostelgeschichte 4,11–12: „Und in keinem anderen ist das Heil zu finden.“ Weitere Texte stellen Jesus als an der Schöpfung beteiligt und über alle erhöht dar (Kolosser 1,15–17; Philipper 2,9–11). Nach einer im Artikel genannten verbreiteten christlichen Auffassung tritt jeder Mensch nach dem Tod vor den Richterstuhl Christi (2 Kor 5,10). Der Katholizismus verbindet die Gegenwart Christi zudem mit der Anerkennung der geistlichen Autorität der sakramental verfassten Kirche; Dignitatis humanae (1965) entschärfte frühere Konflikte um kirchliche Ansprüche. Protestanten und Anglikaner hätten keinen kirchlichen Absolutheitsanspruch.

Islam und Mission

Ob koranische Texte verschiedene Glaubensvorstellungen akzeptieren, ist laut Artikel umstritten, weil Suren unterschiedliche Positionen erkennen lassen. Sure 5,48 enthält zugleich den Gedanken, Menschen verschiedener Bekenntnisse sollten „nach den guten Dingen“ wetteifern und würden zu Allah zurückkehren.

Der islamische Absolutheitsanspruch beruht auf der Annahme, der Islam führe Judentum und Christentum fort, vollende sie und sei die reine ursprüngliche Religion Abrahams. Mohammed gilt als „Siegel der Propheten“ (Sure 33,40), also als letzter Prophet; der Islam wird als „einzig wahre“ Religion bezeichnet (Sure 3,19). Der Koran nennt die Gläubigen die „beste Gemeinschaft“ (Sure 3,110). Sure 9,29 wird im Artikel als ein Vers angeführt, der einen Herrschaftsanspruch untermauere.

Ein islamrechtlicher Grundsatz, der als Hadith auf das erste muslimische Jahrhundert, das 7. Jahrhundert n. Chr., datiert wird, lautet: „Der Islam ist überlegen, nichts ist ihm übergeordnet“ (al-islāmu yaʿlū wa-lā yuʿlā ʿalayhi). Er beeinflusste in Teilen der islamischen Welt das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, interreligiöse Ehen und den interreligiösen Dialog. Die Studie von 'Abid ibn Muhammad al-Sufyani begründet damit unter anderem die Auflösung einer Ehe, wenn eine Christin oder Jüdin zum Islam übertritt, Regeln zur Gebäudehöhe von Dhimmis sowie die Ablehnung eines Dialogs der Religionen. Manche Sufis, etwa Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273), bilden eine Ausnahme, indem sie auch andere Religionen als wahr anerkannten.

Christentum und Islam werden als missionierende Religionen dargestellt, die weltweite Aktivitäten mit ihrem Absolutheitsanspruch begründen. Für die christliche Mission wird Matthäus 28,19 angeführt: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Weiterlesen

Extremismus Extremismus ist ein in der Extremismusforschung umstrittener Begriff, mit dem Behörden und Gerichte in Deutschland seit etwa 1973 politische Einstellungen … Judentum Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und … Christentum Das Christentum ist eine Weltreligion, die aus dem Judentum hervorging und sich ab dem 4. Jahrzehnt n. Chr. über Judäa hinaus ausbreitete. Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Gott Im Verständnis von Mythologien, Religionen und Glaubensüberzeugungen wird einem Gott oder mehreren Göttern besondere Verehrung zuteil und es werden ihnen unter … Jesus Christus Der Glaube an Jesu Auferstehung beruht nach dem NT auf Erscheinungen des auferstandenen Jesus gegenüber einigen seiner ersten Nachfolger, aber auch … Armin Pfahl-Traughber Er war Referatsleiter in der Abteilung Rechtsextremismus im Bundesamt für Verfassungsschutz. Seit 2004 ist er hauptamtlicher Professor an der Hochschule des … Tora Die 5. Ordnung der Mischna (Kodaschim, „Heiliges“) ist weithin ein Kommentar zu den kultischen Vorschriften der Tora, aber mit Ausnahme der Traktate Tamid und … Mose Nach der Stillzeit habe die Tochter des Pharao das Kind als Sohn angenommen und ihm den Namen Mose gegeben. Die Tochter des Pharao trägt in der Bibel keinen … Zehn Gebote Sie besitzen im Judentum und Christentum zentralen Rang für die theologische Ethik und haben die Kirchen- und Kulturgeschichte Europas und des außereuropäischen … JHWH Mit dem Auszug aus Ägypten beginnt für die Bibel JHWHs eigentliche Geschichte mit dem Volk Israel. ... Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus.