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Abhängigkeit (Medizin)
Abhängigkeit, auch Sucht, bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes …
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Grundidee der Abhängigkeit
Abhängigkeit, auch Sucht, bezeichnet ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Dem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Dadurch können die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die sozialen Chancen eines Menschen beeinträchtigt werden.
Im fachlichen Sprachgebrauch wird Abhängigkeit als Krankheit verstanden. Der Begriff „Sucht“ umfasst dabei sowohl stoffliche als auch nichtstoffliche Abhängigkeiten; für substanzgebundene Abhängigkeiten wird genauer von einem Abhängigkeitssyndrom gesprochen.
Formen der Abhängigkeit
Man unterscheidet substanzgebundene (stoffliche) und substanzungebundene (nichtstoffliche) Abhängigkeit.
Zur substanzgebundenen Abhängigkeit gehören schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen, Schmerzmitteln und Psychostimulanzien sowie von sonstigen Rauschmitteln wie Alkohol und illegalen Drogen. Dabei kann sich eine starke körperliche Toleranz entwickeln: Für die frühere Wirkung werden zunehmend höhere Dosen benötigt.
Substanzungebundene Abhängigkeit betrifft Verhaltensweisen, etwa Computerspielstörung, Glücksspielstörung, Kaufsucht, Pornographiesucht oder Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Co-Abhängigkeit liegt vor, wenn Bezugspersonen durch ihr Tun oder Unterlassen die substanzgebundene Abhängigkeit eines Menschen verstärken.
Kriterien und Substanzverlangen
Nach der WHO ist psychische Abhängigkeit das Bedürfnis bis hin zum zwanghaften Drang, eine Droge periodisch oder dauerhaft zu konsumieren beziehungsweise ein Suchtverhalten auszuführen. Ziel ist, Lust zu erzeugen oder Unlust zu vermeiden. Dieser innere Zwang ist das wesentliche Kriterium einer Abhängigkeitserkrankung.
Physische Abhängigkeit ist die körperliche Reaktion bei dauerhaftem Konsum. Sie führt zu Toleranz gegenüber der Wirkung einer Droge und beim Absetzen zu Entzugssymptomen.
Die ICD-10-Kriterien der WHO nennen: starken Wunsch oder Zwang zum Konsum; verminderte Kontrolle über Beginn, Ende und Menge; Konsum zur Milderung von Entzugssymptomen; körperliches Entzugssyndrom; Toleranz; ein eingeengtes Verhaltensmuster; Vernachlässigung anderer Interessen; sowie fortgesetzten Konsum trotz nachgewiesener körperlicher, sozialer oder psychischer Schäden. Die ersten zwei Kriterien beschreiben psychische, die Kriterien 3 bis 5 körperliche Abhängigkeit.
Substanzverlangen, auch Craving, ist das kontinuierliche und nahezu unbezwingbare Verlangen eines suchtkranken Menschen nach seinem Suchtmittel, etwa Alkohol, Tabak oder anderen Drogen. Es gilt als zentrales Moment des Abhängigkeits- und Entzugssyndroms und wird mit einer Sensitivierung des Belohnungssystems im Gehirn, des mesolimbischen Systems, erklärt.
Suchtmedizin und Versorgung
Suchtmedizin ist ein Fachbereich der Psychiatrie. Sie befasst sich mit Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Rehabilitation bei schädlichem Gebrauch psychotroper Substanzen und bei substanzungebundener Abhängigkeit.
Die Forschung untersucht neurobiologische und psychosoziale Faktoren bei Entstehung und Bewältigung von Abhängigkeitserkrankungen, Möglichkeiten zur Rückfallvorbeugung durch Medikamente und/oder Psychotherapie sowie die Verbreitung und Häufigkeit von Abhängigkeiten.
In Deutschland erkannte das Bundessozialgericht mit seinem Grundsatzurteil vom 18. Juni 1968 die Alkoholabhängigkeit erstmals als Krankheit im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung an. Krankenkassen und andere Kostenträger übernehmen seither Kosten für die Behandlung von Begleiterkrankungen sowie für Rehabilitation und Maßnahmen zur Erhaltung, Besserung und Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit. Der erste deutsche Lehrstuhl für Abhängigkeitserkrankungen wurde 1999 am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim eingerichtet.
Fachliche Einordnung und Kritik
Die WHO verwendete den Begriff „Sucht“ offiziell von 1957 bis 1963. Nach 1969 ersetzte sie das Missbrauchskonzept durch vier Klassen des Gebrauchs: unerlaubter, gefährlicher, dysfunktionaler und schädlicher Gebrauch. Schädlicher Gebrauch hat bereits Folgen wie Zellschäden oder psychische Störungen hervorgerufen. Diese Begriffe gingen in die ICD-10 ein. Der vorliegende Artikel weist jedoch darauf hin, dass Teile seiner Begriffsdarstellung seit 2013 nicht aktualisiert erscheinen und ICD-11 sowie DSM-5 nicht berücksichtigen.
Neurowissenschaften trennen psychische und physische Abhängigkeit nicht: Jede Abhängigkeit wird auf Veränderungen im Gehirn auf zellulärer und funktioneller Ebene zurückgeführt, die als Sensitivierung bezeichnet werden. Eine WHO-Fachgruppe empfahl 1992, die Unterscheidung nicht länger zu verwenden, weil sie in der Praxis schwierig oder verwirrend sei und alle Drogeneffekte potentiell biologisch verstanden werden könnten.
Kritisiert wird, dass „Abhängigkeit“ medizinisch betreute Schmerzpatienten mit vorwiegend körperlicher Abhängigkeit, etwa bei Morphiumbehandlung, sprachlich mit stark psychisch Abhängigen wie heroinabhängigen oder alkoholabhängigen Menschen gleichsetzen kann. Dies könne bei Schmerzpatienten Angst vor einem Vollbild körperlicher und psychischer Abhängigkeit auslösen. Umgangssprachliche Wendungen wie „süchtig nach Ruhm“ oder „süchtig nach Schokolade“ sind von medizinischen WHO-Kriterien zu unterscheiden.
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